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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Alle Artikel zu Architektur und Städtebau

Laura J. Padgett: somehow real

2017, Juli 27.

Eine Kooperation der Marielies-Hess-Stiftung mit dem Museum Giersch der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Hier die Laudatio von Brigitta Amalia Gonser

Preisverleihung im Museum Giersch – v.l.n.r.: Manfred Großkinsky, Direktor des Museum Giersch der Goethe-Universität, Saxofonist Ralf Frohnhöfer, Professor Michael Crone, Marielies Hess-Stiftung; Fotos: Erhard Metz

Als Marielies-Hess-Kunstpreisträgerin 2017 präsentiert die herausragende Frankfurter Fotografie- und Film-Künstlerin Laura J. Padgett unter dem Motto „somehow real“ in der für ihr Werk repräsentativen retrospektiven Ausstellung ihr spezifisches Thema der sensiblen Rolle der Wahrnehmung in der ästhetischen Realitätsspiegelung  des öffentlichen und privaten Lebensraumes.

Ihre Fotografien und Filme sind vielschichtige Beobachtungen unserer Alltagswelt. Als Meisterin der Linse integriert sie Architektur und Kunstgeschichte in ihre eigenständigen zeitgenössischen Kunstwerke, die zwischen Nüchternheit und Traum oszillieren.

Zu sehen sind Farbfotografien aus fünf formal unterschiedlichen aber stets malerisch narrativen Zyklen der letzten fünfzehn Jahre: vom Entréebild „What does it mean when you say you have been there?“ über die ambivalenten „Diptychen“ und die atmosphärischen Libanonfotografien in „Confined Space“ zur fotografischen Interpretation des Universums Peter Zumthors in „Architektur denken“ und zu ihren fotografischen Betrachtungen über Vergänglichkeit, Beständigkeit und abstrakte Schönheit der spektakulären baulichen Erweiterung des Städels in „Raum über Zeit“. Sie alle erzählen vielschichtige und simultane Geschichten, die vom Betrachter dechiffriert werden müssen.

Dabei fotografierte Laura J. Padgett bis 2012 weitgehend analog und erst danach digital.

Laura J. Padgetts breit angelegtes Œuvre umfasst seit den 1990er Jahren so unterschiedliche Genres wie Architekturfotografie, Stillleben und Urban Street Photography. Die Grenzen sind aber fließend. Sie arbeitet in Zyklen und liebt die Narration. Begleiten Sie mich also auf einem virtuellen Rundgang zu den einzelnen repräsentativen Stationen dieser Ausstellung im Museum Giersch der Goethe-Universität.

Werkzentral ist der Zyklus ihrer ambivalenten Diptychen, in denen Laura J. Padgett stets zwei analoge Fotografien mit sehr unterschiedlichen Sujets zu Doppelbildern verschränkt, so dass jeweils Außen- und Innenräume divergierender Provenienz miteinander konfrontiert werden. Somit steht der Betrachter vor einem beunruhigenden Geheimnis, das er entschlüsseln möchte. Wobei Wahrnehmungsprozesse aktiviert werden, bei denen Identität und Diversität, Raum und Zeit, Licht und Reflexion, Illusion und Realität eine Rolle spielen. Darin liegt die Qualität dieser poetischen Bildpaare. Sie erzählen zugleich von An- und Abwesenheit der Dinge oder Personen, von der Wahrnehmung und der Erinnerung.

„Wolke“, 2005, C-Prints, Diasec, 2-tlg., 50 x33 cm, 50 x 74 cm, aus: „Diptychen“.

© Laura J. Padgett

 Manchmal setzt Laura J. Padgett unter ihre Fotografien gezielt kurze Phrasen oder Slogans, die in kompakter Form eine dialektisch ergänzende Aussage zur Bildgeschichte vermitteln. Diese Textelemente evozieren zusätzliche visuelle Vorstellungen und sind nicht als Bilduntertitel gedacht. Dabei versucht der Betrachter Bild und Text in Einklang zu bringen.

Architektur und Spurensuche spielen auch im Zyklus „Confined Space” eine Rolle, mit dem Laura J. Padgett 2011 begonnen und den sie 2013 und 2015 weitergeführt hat. In diese Zeit fallen drei Aufenthalte in den Libanon, vor allem in Beirut, die es ihr ermöglichten, nach und nach tiefer in die libanesische Gesellschaft einzutauchen und mit ihren Fotografien auf die Umgebung und auf die Spannungen, die auf dem Land lasteten, zu reagieren.

 

Another kind of vacuum, 2013/2015, Lichtechter Pigmentdruck, Photo Rag, Ultra Smooth, 80 x 60 x 3 cm, aus: “Confined Space”. © Laura J. Padgett

Diese atmosphärischen Libanonfotografien sind keine Momentaufnahmen, sondern Aufnahmen von Zuständen und Sachlagen. Sie zeigen die Verletzungen und die Gefährdung einer ehemals als „Paris des Ostens“ genannten Kulturmetropole, die nachhaltigen Folgen von Bürgerkrieg, von Aufbau und Wiederaufbau, das Leben in Provisorien und fügen sich zu einer komplexen Geschichte, die einen spezifischen Eindruck vom Ort und seinen Menschen vermittelt.

Besondere Aufmerksamkeit widmet Laura J. Padgett der Architektur des 21. Jahrhunderts mit der ihr innewohnenden vermeintlichen Trennung zwischen privatem und öffentlichem Raum. So faszinierte sie im Zyklus „Architektur denken“ die besondere bauliche Situation von Peter Zumthors neuem Wohn- und Atelierhaus, in dem sich Erinnerungen, Stimmungen und Sehnsüchte verdichten.

Blüten, 10. Juli 2005/2017, Dye Transfer Print, semi-glossy Barytkarton, 54,5 x 36,5 cm, aus: „Architektur denken“. © Laura J. Padgett

Das auf ihn selbst zugeschnittene Haus verkörpert nicht nur Peter Zumthors Entwurfsstrategien und Raumkonzepte; es drücken sich darin ebenso unmittelbar bewusste oder unbewusste Wünsche, Sehnsüchte und Gefühle aus.

Sieben der dazu kongenialen Fotografien von Laura J. Padgett werden hier zum ersten Mal in einer Ausstellung gezeigt. Dabei werden Relationen zwischen dem Außen und dem Innen, Spiegelungen, Transparenz und Schatten taktil wahrnehmbar. Scheinbar befestigte Betonmauern aber auch Fenster, in denen sich die Umwelt spiegelt, hindern den Betrachter am Eindringen. Doch dann öffnen sich dezent schmale Einblicke ins Private.

Der im Juli 2005 dazu entstandene Zyklus von analogen Fotografien wurde zwischen 2006 und 2010 bisher nur in Peter Zumthors Essaysammlung „Architektur denken“ sowie in seiner Monografie 2014 veröffentlicht.

Das Städel Museum in Frankfurt am Main diente Laura J. Padgett als Muse für ihre fotografischen Betrachtungen über Vergänglichkeit, Beständigkeit und abstrakte Schönheit in ihrem Zyklus „Raum über Zeit“. Zwei Jahre lang, von Januar 2010 bis Januar 2012, fotografierte sie die spektakuläre bauliche Erweiterung des Museums und Renovierung des Altbaus durch das Frankfurter Architekturbüro schneider+schumacher.

 

„Oberlicht im II. OG Städel Mainflügel“, Februar 2011, aus: „Raum über Zeit“ © Laura J. Padgett

Dabei ging es der Künstlerin als Malerin und Filmemacherin primär nicht um Dokumentation, sondern um das Sammeln von Momenten, die wie scheinbare Fragmente zu etwas neuem zusammengefügt werden: sensible Beobachtungen von Flüchtigkeit, von greifbarer Materialität und Licht. Der Wechsel zwischen Innen und Außen, die Wahl des Unscheinbaren, aber auch die Wahl einer seltenen Perspektive, einer ungewöhnlichen Sichtweise auf das Objekt macht ihre Arbeiten interessant und faszinierend.

 

„Deckenbewehrungsmatten“, August 2010, aus: „Raum über Zeit“. © Laura J. Padgett

Die in dieser Zeit entstandenen analogen Fotografien gewähren daher Einblick in Raum und Zeit und in die Poesie der Wahrnehmung, ohne jemals die konkrete Realität des untersuchten Objekts aus dem Blick zu verlieren.

Im Frühjahr 2012 wurden achtzig davon als Buch mit dem Titel „Raum über Zeit“ im Kehrer-Verlag veröffentlicht. Außerdem erwarb die Kunstsammlung der DZ BANK eine erlesene Auswahl dieser Fotografien. Exemplarisch werden mit dem Plakatmotiv sieben der Arbeiten in dieser Ausstellung so zum ersten Mal gezeigt.

Als Pendant zu ihren Fotografien werden in der Ausstellung „somehow real“ auch zwei repräsentative Digitalvideos der talentierten Film-Künstlerin Laura J. Padgett als Endlosschleifen gezeigt: „ambient noise“, von 2004, eine indirekte Hommage an den Film „Wavelength“ von Michael Snow, an das Erlebnis Kino und unsere Beziehung zur Innen- und Außenwelt sowie der speziell für diese Ausstellung produzierte Found-Footage-Film „Solitaire“, von 2017. Dieser beleuchtet zwischen privatem und öffentlichem Raum angesiedelte, sich auflösende soziale und kulturelle Grenzbereiche der sechziger Jahre, die sich durch die filmische Umsetzung als fundamental erweisen. Ausgehend von gezielter Recherche im Archiv des Hessischen Rundfunks besteht er hauptsächlich aus Dokumentarfilm-Material der Zeit.

„Dem Prozess des Fotografierens geht immer das tiefe Verständnis meiner Erfahrungen voraus“, sagt Laura J. Padgett und fügt hinzu: “Was mich immer interessiert, ist die Art und Weise, wie sich das Humane im Alltäglichen offenbart. Es ist diese vermeintlich beiläufige oder anonyme Geschichte, die tatsächlich unsere Welt ausmacht.“

Dabei konzentriert sie sich auf Überlagerung und Dichte. Sie schaut lange hin und fotografiert oft Dinge, die es nicht ewig geben kann: Spuren.

Folgen Sie diesen Spuren in der Ausstellung „somehow real“ und beglückwünschen Sie mit mir die Künstlerin Laura J. Padgett dafür.

Laura J. Padgett; Bildnachweis: die Künstlerin

Laura J. Padgett, 1958 in Cambridge, Massachussetts, USA geboren, weist ein außergewöhnliches künstlerisches Profil auf.

Sie studierte von 1976 bis 1980 zuerst Malerei und Film am Pratt Institute in New York, dann nach ihrer Umsiedlung 1981 nach Europa ab 1983 bis 1985 Film und Fotografie an der Frankfurter Städelschule bei Peter Kubelka und Herbert Schwöbel sowie von 1991 bis 1994 Kunstgeschichte und Ästhetik an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Als Dozentin lehrt sie seit 1990 an mehreren Hochschulen Fotografie, Film, Kunstgeschichte und Kunsttheorie. Seit 2010 unterrichtet sie an der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden.

Sie ist in öffentlichen Sammlungen vertreten und hat seit den neunziger Jahren in Deutschland, Frankreich, Schweiz, Österreich, Italien, Türkei und Zypern in Museen und Galerien einzeln ausgestellt. Außerdem war sie als Artist in Residence in England, der Schweiz, in Libanon aber auch auf Schloss Balmoral in Bad Ems.

Laura J. Padgett lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

Ein Künstlergespräch zwischen Laura J. Padgett, der Kuratorin und den geladenen Gästen, wird am So. den 13. August 2017 um 11 Uhr in der Ausstellung „somehow real“ im Museum Giersch der Goethe-Universität stattfinden. Ebenda hält am 27. August 2017 um 15 Uhr Laura J. Padgett einen Workshop zur Fotografie als Prozess. Außerdem gibt es auch zwei Führungen der Kuratorin am 26. August um 15 Uhr und am 27. August 2017 um 11 Uhr.

→ Laura J. Padgett erhält den Kunstpreis 2017 der Marielies Hess-Stiftung

Das Musée d’Arts de Nantes und eine filgrane Installation von Susanne Fritscher

2017, Juli 17.

Das ehemalige Musée des Beaux Arts von Nantes wurde als Musée d’Arts de Nantes  zum Sommeranfang 2017 nach 6-jähriger Renovierung wieder eröffnet. 

Eindrücke und Fotos von Petra Kammann

 

Die frisch renovierte Fassade des Musée d’Arts de Nantes

Nantes ist seit einigen Jahren eine dynamische Stadt, die auf Innovation und Kreativindustrie gesetzt hat. „Le voyage à Nantes“ – so der stadteigene Slogan – ist immer eine Reise wert, besonders aber auch der Kunst wegen. Dabei hat die einstige Hafenstadt an der Loiremündung ihre Geschichte nicht vernachlässigt, so auch nicht das Musée des Beaux Arts, das bislang in einem mächtigen Palais des ausgehenden 19. Jahrhunderts seine kostbare Kunstsammlung vom 13. bis zum 20. Jahrhundert beherbergte.

Doch war das Museum in die Jahre gekommen und mehr als renovierungsbedürftig, u.a. weil die Fassade angegriffen, die Oberlichter, von denen das Licht auf die Kunstwerke fiel, nicht mehr dicht waren und weil sich die Verbindung von alter und neuer Kunst heute anders erschließt. Nach sechs Jahren Museumsschließung, Überarbeitung und einem zusätzlichen Neubau hat das Museum, das inzwischen Musée d’Arts de Nantes heißt, in diesem Sommer seine Tore wieder für das Publikum geöffnet.

Das ursprüngliche Gebäude, das 1900 in der Rue Clemenceau eröffnet worden war, war inzwischen für die Sammlung mit 12.000 Werken, die sich in den letzten Jahren durch bedeutende zeitgenössische Werke vergrößert hat, zu klein geworden. Nun können zusätzlich weitere 900 Werke gezeigt werden, von der alten Malerei aus dem 13. Jahrhundert bis zur zeitgenössischen Videoinstallation. Dabei macht die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts inzwischen 55% der Sammlung aus. Da mussten neue Verbindungswege gefunden werden.

Die bisherige Ausstellungsfläche wurde vom britischen Architekturbüro Stanton Williams um 30% erweitert, auf dessen Konto auch das Royal National Theater, der Tower of London oder das Theater in Belgrad geht. Nun flutet ein 3 500 m2 große Glasfläche das Licht ins Innere des Museums. Ursprünglich gab es keine Verbindung zwischen den früheren und den heutigen Werken. Das hat sich nun gründlich geändert.

Da die Architekten das Palais auf geschickte Weise mit der dahinterliegenden Gebetskapelle, die früher nur über den Museumsgarten zugänglich war, verbunden haben, wirkt das Ensemble schon zur Straße hin heute sehr einladend, zumal sie einen minimalistischen vom lokalen Tuffstein inspirierten Kubus aus hellem Marmor wie einen Bindestrich in den Gebäudekomplex eingeschoben haben. Das gelungene neue 2 000 m2 große Gebäude, der „Cube“ ist dabei ausschließlich der zeitgenössischen Kunst gewidmet.

Verbindungsgang zum White Cube

 „Die Transformation des alten Palais mit seinem neuen Vorplatz ebenso wie die neue Erweiterung, welche das Museum mit der Kapelle miteinander verbindet, ergeben ein museales Ensemble, das sich zur Straße hin öffnet, zum Viertel wie auch zur Stadt und ihren Bewohnern hin. Durch dieses Projekt wollten wir das wunderbare Licht des Atlantik sichtbar machen, in das die verschiedenen Galerien getaucht sind“, erläutert Patrick Richard, einer der beiden Architekten. Das ist den Baumeistern wirklich geglückt.

Blick in das Souterrain des Museums, wo vor allem pädagogische Räume, Restaurierungsateliers, ein Konferenzsaal, eine Salle blanche und das Depot untergebracht sind

Außerdem wurde sowohl ein Museumscafé wie auch eine Buchhandlung in den Eingangsbereich integriert. Die Kosten der aufwändigen Renovierung betrugen insgesamt erstaunlicherweise „nur“ 88,5 Millionen Euro inklusive der Fassadenrenovierung und der Restaurierung einiger historisch bedeutender Kunstwerke.

Patio im Musée d’arts de Nantes mit der Installation „De l’air, de la lumière et du temps“ von Susanne Fritscher

Beim Betreten des Gebäudes gibt es auch gleich eine weitere Überraschung, wenn der Blick auf den minimalistisch in Weiß gehaltenen 15 Meter hohen und Patio mit den übereinandergestaffelten Rundbögen fällt. Er lädt unmittelbar zum Besuch ein. Von weitem hat man den Eindruck, als rieselten unaufhörlich feine Wassertropfen von der Decke herab. Da öffnet und verwandelt sich ganz diskret ein Raum aus nichts als Licht, Luft und Atem. Und das durch eine höchst subtile Installation mit schwingenden Tönen der österreichischen Künstlerin Susanna Fritscher, die den Dialog mit dem hohen Raum des Patios aufgenommen hat: „Nur mit Luft, mit Licht und mit Zeit“.

Susanna Fritscher, Objekt „Souffle“ (Atem) im Musée d’Arts de Nantes

Begibt man sich in diesen 500 Quadratmeter großen Raum, so nimmt man ganz feine von der Decke herabrieselnde, so leicht bewegliche wie durchsichtige Silokonfäden wahr, welche einen in eine Art schleierhaftes Labyrinth führen. Sie strukturieren den Raum, den sich der Besuche  sinnesgeschärft erobert und in dem er die anderen Besucher zu Schemen verschwinden lässt. Da wird der Betrachter zum Akteur, indem er neue Räume innerhalb des Raumes schafft. Und er ist für die verschiedensten Weißschattierungen geradezu äolischen Klänge sensibilisiert. Durch die  mundgeblasenen Glasskulpturen an den Rändern erlebt man so etwas wie den Hauch eines Atems.

Die fragile und ganz leicht wirkende Installation ist ein sowohl zeitgenössisch architektonisches Entreeerlebnis als auch ein poetischer Eingang in die Welt der Kunst des Museums, das durch die Blicke von oben aus der ersten und zweiten Etage auf die Installation noch gesteigert wird. Vergangenheit und Gegenwart werden hier auf höchst raffinierte Weise miteinander verknüpft.

 

Susanna Fritscher Installation „De l’air, de la lumière et du temps“

Musée d‘Art de Nantes
10, Rue Georges Clemenceau
44000 Nantes

→ Die Passage Pommeraye: Ein magisch-nostalgischer Ort in Nantes
→ Tolle Tage – „La folle Journée 2016“ in Nantes

→ Nantes – Reise in die innovative Stadt“>Voyage à Nantes – Reise in die innovative Stadt

→ Nantes und die „Küste der Liebe“ – ein Familienziel

Neubau für die Kronberg Academy

2017, Juli 8.

Endlich – Kronberg erhält ein Kammermusik-Juwel

Ein Beitrag von

Uwe Kammann

Foto: © Staab Architekten / Kronberg Academy

Endlich, werden viele Gäste im Kronberger Rathaus gedacht haben, endlich geht es nicht mehr nur um Wünsche und Visionen, um Pläne und Konzepte, um Ratespiele und Streitereien. Nein, jetzt gibt es ein festes Datum, auf das man sich freuen kann. Denn am 1. Oktober soll der berühmte symbolische Spaten zum ersten Mal in den Baugrund am Kronberger Bahnnhof stechen, als Auftakt zur Errichtung eines Kronjuwels: nämlich eines neuen Konzertsaals als Herzstück eines musikalischen Forums, das nach dem großen Cellisten Pablo Casals benannt ist. Voraussichtlich ab der Saison 2020/21 wird dann die Kronberg Academy hier ihr neues Zuhause finden, nach zweieinhalb Jahrzehnten, in denen sie eine weltweit gerühmte Institution geworden ist.

„Kein Zurück mehr, sondern nur noch ein Blick in die Zukunft“: Sichtlich glücklich zeigte sich Akademie-Leiter Raimund Trenkler zur Eröffnung der Ausstellung im Rathaus, die in großformatigen Fahnen Planungsstadien und den Hintergrund dieses Vorhabens zeigen. Und die schon ziemlich genau ahnen lassen, was dieser Konzertsaal bedeuten wird, und zwar weit über Kronberg hinaus.

Denn bislang gibt es in der Rhein-Main-Region keinen Saal, der speziell für Kammermusik ausgelegt ist. Zwar findet Kammermusikalisches in der Alten Oper in Frankfurt statt, doch niemand würde behaupten, dass der Mozart-Saal eine Schönheit ist und jenes Ambiente bietet, dass musikalische Kostbarkeiten funkeln lässt. Kein Wunder, wissen Kenner der Baugeschichte. Ursprünglich nämlich war der Saal als Kino konzipiert, als Bestandteil der Kongressaktivitäten, welche ja ebenfalls zur umfassenden Funktion der Alten Oper gehören.

Diese Situation wird sich nun in voraussichtlich drei Jahren gründlich ändern. Denn schon jetzt lassen die Pläne des beim Kronberger Projekt siegreichen Architekten Volker Staab durchblicken, welch’ ein attraktiver Saal das Kennerpublikum von Kammermusik erwarten wird. Staab selbst nennt es eine „hölzerne Schatzkiste“, die es mit ihrer freien Form des Saales den Zuhörern erlaube, ganz nah am Geschehen und „mitten im Klang“ zu sein. Die mittlere Saalgröße, ausgelegt für 550 Zuhörer, in Kombination mit einer flexiblen Bühne, verspreche eine konzeptionelle Offenheit und zugleich eine familiäre Atmosphäre. In dieser Form und Größe werde das Casals Forum in Europa einzigartig sein.

Simulation des Kammermusiksaals; © Staab Architekten / Kronberg Academy

Zu den Besonderheiten gehört auch, dass auch das zum Ensemble gehörende Studienzentrum in die Aufführungen mit einbezogen werden kann. Auch hier gibt es komplexe Funktionen, mit Räumen für Unterricht und für die Übungseinheiten, mit einem 160 Plätze bietendem Saal für Vorträge und Prüfungen, weiter mit einem so genannten Kabinettssaal, der für 50 Plätze ausgelegt ist. Die Offenheit wird wiederum auch ganz alltäglich betont durch eine Cafetéria im Panorama-Foyer.

Wer die Ausstellungsfahnen, die noch bis zum 15. Juli im Rathaus zu sehen sind, im Detail anschaut, bekommt schon jetzt einen Vorgeschmack auf die herausragende architektonische Konzeption, die besonders beim schwebend-transparenten Konzertsaal – der etwas von einem leichten Pavillon hat – hervortritt. Die Jury des hochkarätig besetzten Architekturwettbewerbs hat also zweifellos einen guten Griff getan. Wobei Volker Staab mit seinem Büro ohnehin gerade bei Kulturbauten einen hervorragenden Ruf genießt. In Frankfurt entsteht gerade nach seinen Plänen der Ergänzungsbau des Jüdischen Museums, und zu seine hohe Einfühlsamkeit beweist der Umbau des Albertinums in Dresden, einem Museum, zu dem Architekturadepten in Scharen pilgern.

Wer gerade die Fast-Milliarden-Schocksumme zu verdauen hat, die für die Sanierung der Frankfurter Doppel-Bühne aufgerufen worden ist, der wird sich bei der Kronberger Planung die Augen reiben. Denn dort kalkuliert man mit Kosten von 36 Millionen Euro, was angesichts des Bauvolumens und der entstehenden Qualität des Gesamtrahmens mehr als bescheiden anmutet.

Bürgermeister Klaus Temmen kann mit Recht stolz auf dieses Vorhaben sein, das, wie er sagte, der Kronberg Academy „eine langfristige Heimat und Perspektive“ gebe und somit auch ein „ganz wichtiger Meilenstein“ in der jüngeren Stadtgeschichte sei, als „zeitgemäße Spielstätte für Konzerte auf allerhöchstem Niveau“.

Was er in seiner Ansprache nicht weiter erwähnte, war die mehr als holprige, teilweise sogar sehr ruppige Vorgeschichte: bei der es um die Bebauungspläne für das Terrain zwischen S-Bahn-Station und Victoriapark vor dem endgültigen Stadtratsbeschluss sehr heftige Querelen gegeben hatte, nicht zuletzt, weil eine Reihe von Einwohnern gegen bestimmte Formen der Bebauung zu Felde gezogen waren.

Womöglich wird er im Inneren gelächelt und gedacht haben: Ende gut, alles gut – wenn erst die Kronberger zum ersten Mal den Solisten und Academy-Absolventen aus aller Welt im neuen Saal gelauscht haben, wenn sie auch sehen, wie gut sich die Gebäude-Trias aus Saal, Studienzentrum und Hotel in die Umgebung einfügen, werden sie wahrscheinlich versöhnt, besser noch: unglaublich stolz sein auf dieses musikalische Juwel.

Insofern: Auch darin könnte ein wenig der Elbphilharmonie-Effekt stecken, der sich dann einstellt, wenn etwas fertig ist. Manchmal, so gehört es zur Erfahrung auch von Kommunalpolitikern und Kulturmanagern, will gut Ding eben wirklich Weile haben, auch wenn die Ungeduld natürlich groß war, wie hier, nachdem der Architekturwettbewerb schon drei Jahre zurück liegt.

Nicht gewagt ist die Vorhersage, dass das Casals Forum in dieser Form eine Bereicherung für das musikalische Leben in ganz Deutschland sein wird. Nachdem der gerade in Berlin eingeweihte Pierre-Boulez-Saal sofort als kammermusikalisches Kleinod in den höchsten Tönen gelobt wurde und wird, steht nun Kronberg an, in dieser Reihe genannt zu werden. Wer hätte vor drei Jahren zu hoffen gewagt, dass die schönen Pläne wirklich realisiert werden?

Info: Die Pläne für den Neubau der Kronberg Academy sind noch bis Samstag, 15.Juli, im Rathaus ausgestellt und können dort montags bis freitags von 8 bis 12Uhr angesehen werden.

 

Max Hollein in San Francisco

2017, Juli 4.

Museale Blaupause für die neue Welt

Seit Sommer 2016 ist Max Hollein Direktor der Fine Arts Museums of San Francisco, den nach seiner Auskunft „beliebtesten und größten Museen an der gesamten Westküste“. Das Legion of Honor ist ein eurozentrisches Museum mit klassischer Gemäldegalerie, während das de Young aus der Idee des Weltausstellungspavillons entstanden ist. Mehr als 1,5 Millionen Menschen besuchen die Museen jährlich, doch Max Hollein will sein Publikum auch jenseits der Häuser im digitalen Raum erreichen. Denn für ihn ist ein Museum mehr als ein Ort, den man besuchen kann. Durch Modernisierung will der Leiter des Fine Arts Museum of San Francisco und frühere Direktor des Frankfurter Städel, des Liebieghauses und der Schirn den Museen eine Stimme in der gesellschaftlichen Diskussion sichern. An einer der beiden neuen Wirkungsstätten, in der Legion of Honor, wird vom 28. Oktober 2017 bis zum 7. Januar 2018 das Frankfurter Forschungsprojekt und die erfolgreiche Schau „Bunte Götter“ aus dem Frankfurter Liebieghaus zu sehen sein.

Tatjana Kimmel hat sich in San Francisco umgesehen. Sie sprach mit Max Hollein. 

↑ Der frühere Städeldirektor Max Hollein an seinem neuen Wirkungsort in Kalifornien
↓ Er leitet dort das Fine Arts Museum of San Francisco;
 Fotos: Courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco

 ↑ Beide Museen sind in die Stadt und gleichzeitig in die Landschaft eingebettet: Das klassizistische Legion of Honor steht im Lincoln Park mit Blick auf die Pazifikküste und der Skulpturengarten des von Herzog & de Meuron entworfenen de Young geht direkt in den Golden Gate Park über. 

↓Vorderfront des Legion of honor ; beide Fotos: Courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco

Tatjana Kimmel: San Francisco gilt als die Stadt der Pioniere und liegt keine Autostunde vom Silicon Valley entfernt. Welche digitalen Strategien haben Sie in den Fine Arts Museums of San Francisco vorgefunden?

Max Hollein: Es war per se keine eindeutige digitale Strategie der Museen vorhanden, deshalb habe ich sie justiert und klarer definiert. Denn es ist wichtig, dass wir taktisch und zielorientiert vorgehen, da es im Moment keinen Bereich gibt, der sich so schnell verändert und so rasch immer neue Möglichkeiten bietet. Wir wollen digitale Mittel für Distributions- und Skalierungsplattformen einsetzen und mit dem Publikum auch außerhalb des Museums kommunizieren. Es geht darum, einen großen Museumskomplex innerhalb eines kulturellem Raumes zu gestalten, der sich rasant verändert und dessen Aktivitäten aktuell große globale Auswirkungen haben. Andere Regionen der Welt entwickeln sich ähnlich und ich sehe daher unsere Strategie als eine Case Study dafür, wie sich ein Museum in einem solchen Kontext behaupten kann, wie es davon profitieren kann und welche Stimme es in der gesellschaftlichen Diskussion hat. Das ist es, was mich an dieser Aufgabe besonders reizt.

Was kennzeichnet das Umfeld der Fine Arts Museums of San Francisco?

In San Francisco und im Silicon Valley findet eine neue Form der Industrialisierung statt, die den urbanen Raum grundlegend prägt. Es akkumuliert sich hier ein Wohlstand, der stetig wächst. Das ist per se ein gutes Umfeld für die Fortentwicklung einer kulturellen Einrichtung, insbesondere hier in den USA, wo sie auf private Finanzierung angewiesen sind. Auf der anderen Seite erzeugt dieser extreme Wohlstand aber Probleme, die wir auch in Europa kennen, in akzelerierter Form. Beim Thema Gentrifizierung passiert hier im Halbjahrestakt, was in Berlin innerhalb von fünf Jahren geschieht. Das hat wiederum Auswirkungen auf die Künstlerszene und auf die Möglichkeit überhaupt in der Nähe eines Museums zu leben. Es geht also nicht nur darum, zu klären, welche technischen Möglichkeiten uns das Silicon Valley bietet, sondern vor allem um die Frage, was es bedeutet, im Zentrum einer ökonomischen und industriellen Revolution zu agieren.

 Das de Young: Zeitgenössische Architektur von Herzog und de Meuron; Foto: Courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco

Als Museumdirektor in Frankfurt waren Sie bekannt für kreative Sponsoring-Ideen sowie für einen engen Draht zur Bürgerschaft und zu den Unternehmen. Welche Erfahrungen machen Sie in San Francisco?

Das amerikanische Museumsprinzip ist extrem abhängig vom privaten Engagement. Dabei spielt weniger das Unternehmer-Sponsoring eine Rolle als das Mäzenatentum vieler Privatspender. Das zeigt sich schon in der Struktur unseres Förderkreises: Wir haben über 100.000 Mitglieder, deren Mitgliedsbeiträge zwischen 150 und 25.000 Dollar im Jahr rangieren. Die großen Ausstellungen werden also von privaten Mäzenen finanziert und nicht so stark von Firmen. Wir wollen aber das Unternehmens-Sponsoring ausbauen, auch in Form von Kooperationen.

Wie groß ist das Interesse der digitalen Industrie an den Museen?

Wir sind per se sicher nicht der wichtigste User-Case, da fokussiert sich die Industrie auf ganz andere Nutzerkreise. Wir sind aber insofern interessant, weil wir gewohnt sind, Wissen in der Öffentlichkeit attraktiv darzustellen und Objekte zum Sprechen zu bringen. Zurzeit gibt es in rascher Folge neue Ideen zu den Themen VR (Vertial Reality) und Artificial Intelligence und gerade in diesen Bereichen sind Firmen wie Google sehr an der musealen Nutzung interessiert. Denn das Museum bietet ihnen die Möglichkeit, ihre Ideen und Anwendungen in einem kontrollierten und doch öffentlichen Raum auszuprobieren.

Wie können sie von den Ideen profitieren?

Wir werden die Möglichkeiten der digitalen Instrumente insbesondere zur Distribution unseres Wissens im Hinblick auf exakt bestimmte Zielgruppen nutzen, zum Beispiel durch Online-Angebote und Kurse. Mit VR und Artificial Intelligence werden wir für das Museum neue Formen der Narration entwickeln, die unsere gewohnte Art etwas darzustellen in und außerhalb des Museumsraums grundlegend verändern werden. So bieten wir zum Beispiel Digital Stories, die frei verfügbar sind, überall abgerufen werden können und so den kulturellen Kontext auch außerhalb des Museums präsentieren.

↑ Klassisch das Innere des Legion of honor wie im Shornstein Court;  Foto: Courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco

Müssen die Leute also gar nicht mehr ins Museum kommen, weil sie die Kunst auch in den digitalen Räumen erleben können?

Selbstverständlich machen Digital Stories und Virtual Reality einen Museumsbesuch nicht obsolet. Die digitale Strategie hat damit und mit der Orientierung am Original nichts zu tun, denn es geht um eine ganz andere Form, Kontext zu vermitteln, Geschichten zu erzählen und Verbindungen herzustellen. Für mich ist eine Ausstellung ein langjähriges Forschungsprojekt, das dann in der Ausstellung eine physische Präsenz entwickelt. Es stecken viel Wissen und spezifische Perspektiven darin. Wenn Sie sich bislang zum Beispiel zuhause die Abbildungen der Sixtinische Kapelle in einem Bildband anschauen, erhalten sie einen speziellen Eindruck jenseits eines Besuches in Rom. Wenn Sie die Sixtinische Kapelle mit VR-Technik betrachten, wird Ihnen die ursprüngliche Kraft und die Idee des Kunstwerkes viel stärker vermittelt. Denkbar ist auch, dass mit Hilfe von VR Kunstwerke oder Settings virtuell wieder rekonstruiert werden, die real gar nicht mehr existieren.

Sehen Sie die Vermittlung von Wissen und Bildung als vorrangige Aufgabe der Museen?

Ja, und wir sollten die digitalen Publikationen oder auch edukativen Computerspiele für Kinder nicht nur den kommerziellen Anbietern überlassen. Denn es hat einen großen Einfluss auf Inhalte und Qualität. ob ein Museum als kulturelles Non-Profit-Unternehmen oder ein kommerzieller Anbieter eine Publikation verantwortet, Wenn die gesamten Kunstbuchpublikationen nur von kommerziellen Anbietern geprägt wären, würden unsere Kunstbücher vollkommen anders aussehen. Die zu 90 bis 95 Prozent subventionierten Publikationen der Museen gewährleisten ein breites wissenschaftliches Angebot. Das werden wir noch breiter ausbauen.

Welche Impulse haben sie bereits von den Start-ups vor Ort gewonnen?

Wir entwickeln aktuell ein Pilotprojekt mit VCSO, einer sehr interessanten Social-Media-Plattform im Bereich Fotografie mit bereits 30 Millionen Nutzern. Die Kooperation entstand zufällig aus einer lokalen Verbundenheit, denn einer der VSCO-Gründer ist selbst Fotograf und arbeitete früher im Legion of Honor als Hochzeitsfotograf. VSCO bringt professionelle und semi-professionelle Fotografen der Welt zusammen, die mit ihren Fotografien zu unterschiedlichen Themen in einen Dialog treten. Wir nutzen VSCO aktuell zur Recherche und als Mittel der kuratorischen Arbeit für eine Ausstellung zum Thema „Fashion of Islam“, die wir im Herbst 2018 im de Young zeigen werden. Wir stellen der gesamten VSCO-Community das Thema und erhalten ganz unterschiedliche Interpretationen und Impulse. Mit Hilfe der Fotografen-Crowd beschaffen wir uns so einen Überblick über die gesamte Szene in den muslimischen Ländern und gewinnen Aspekte, die wir sonst nie bekommen hätten. Außerdem nutzen wir die spezifischen Algorithmen von VSCO, um neue narrative Zusammenhänge zu entwickeln, die Teil der Ausstellung im Museum werden.

↑ Diller Court im de Young; Foto: Courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco

Und welche neuen Wege gehen Sie beim Thema Ausstellungsmarketing?

Wir nutzen nach wie vor Plakate im Stadtraum, verteilen Flyer und schalten Anzeigen. Aber darüber hinaus entwickeln wir zum Beispiel eine Kooperation mit Airbnb. Auch hier gibt es einen persönlichen Kontakt, weil Joe Gebbia, einer der Gründer von Airbnb, aus der Design-Szene kommt, in San Francisco lebt und sich den Museen verbunden fühlt. Airbnb ist für uns ein hochinteressanter Partner mit großer Reichweite. Früher haben vielleicht die Concierges der führenden Hotels die Informationen über aktuelle Ausstellungen an die Gäste weitergegeben. Jetzt ist es viel effizienter mit Airbnb einen digitalen Concierge-Service zu entwickeln.

 Arbeiten Sie bei solchen Projekten mit anderen Museen in San Francisco zusammen?

Nein, wir treiben das voran und wenn es gut ist, werden weitere Institutionen einsteigen. Andere Häuser arbeiten zeitgleich an ihren Ideen, so kooperiert das SF MOMA zum Beispiel mit Bloomberg. Wir tauschen uns aus, aber wir müssen auch immer darauf achten, dass wir die Komplexität reduzieren, um eine rasche Umsetzung zu gewährleisten. Denn viele Partner verkomplizieren und verlangsamen die Prozesse. Wer eine Abstimmungsphase von über einem Jahr benötigt, hat ohnehin schon verloren, denn die Techniken ändern und verbessern sich innerhalb von wenigen Monaten. Die Geschwindigkeit ist hier also eine absolute Notwendigkeit. Ich bin ein großer Freund davon, erst im eigenen Haus zu schauen, ein nutzbares Resultat zu genieren und es erst dann zu skalieren. Das ist der Weg, den ich wir auch in Frankfurt gegangen sind. Wir haben auch dort Verfahren implementiert, die andere Häuser mittlerweile auf ihre Weise nutzen.

Sie pflegten von Frankfurt aus einen engen Kontakt zu Wissenschaftlern unterschiedlicher Fakultäten. Wie nutzen Sie die Nähe zur Stanford University?

Wir arbeiten mit dem Kunsthistorischen Institut der Stanford University an einem Online-Kurs mit dem Titel „Understanding America“, der die amerikanische Kunst des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die damit verbundenen kulturellen Themen und das Selbstverständnis der USA, etwa rund um die Doktrin des Manifest Destiny, darstellt. Mit einem solchen digitalen Kurs lösen wir unseren Bildungsauftrag auch ein, wenn die Leute nicht persönlich zu uns in die Museen kommen. Wir werden das weiter ausbauen, auch vor dem Hintergrund, dass das Wissen um die gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhänge anderswo nicht in dieser Form vermittelt wird.

Soll ein Museum politisch Stellung beziehen?

Ja, denn das Museum ist mehr als ein Ort mit klarem Bezug zum Objekt, es ist eine Institution mit einer Stimme innerhalb einer kulturellen Diskussion und es hat die Aufgabe, durch Kunst und Kultur das Verständnis für gesellschaftliche Prozesse zu schärfen. Dabei geben uns die digitalen Techniken ganz neue Möglichkeiten, auch Menschen zu erreichen, die vielleicht nie in die Museen kommen würden. Damit wird der Kreis erweitert und die Informationen erhalten eine andere Tiefe.

* Eine längere Version des Interviews erscheint in der Sommerausgabe der Museumskunde, dem Magazin des Deutschen Museumbundes.

 

Das „Bunte Götter“-Themen-Digitorial, Foto: Liebieghaus Skulpturensammlung, Bogenschütze „Paris“ aus dem Westgiebel des Aphaiatempel auf Aegina, Farbrekonstruktion Variante B, 2005 Liebieghaus Skulpturensammlung, Forschungsprojekt Polychromie, Leihgabe der Universität Heidelberg, Foto: Liebieghaus Skulpturensammlung, Liebieghaus

Zusatzinfo:

„Bunte Götter“ – ein Frankfurter Erfolgsprojekt erobert die USA und das Netz. Die weltweite Begeisterung für das Frankfurter Forschungsprojekt zur farbigen Antike und die daraus resultierende Ausstellung „Bunte Götter“ reißt nicht ab. Die Präsentation ist seit mittlerweile bald 15 Jahren international auf Tour und beweist dabei immer wieder eindrücklich, dass die anschauliche Vermittlung von Polychromieforschung Menschen in den verschiedensten Ländern fasziniert. Die Zwischenbilanz von bisher rund 30 internationalen Stationen sowie weit über zwei Millionen Besuchern spricht für sich. Vom 28. Oktober 2017 bis zum 7. Januar 2018 wird die Schau in der Legion of Honor in San Francisco zu sehen sein und damit an einer der beiden neuen Wirkungsstätten des ehemaligen Liebieghaus Direktors Max Hollein.
Während die Ausstellung ab Herbst dieses Jahres an der Westküste der USA gastiert, läuft an der Ostküste bereits zum jetzigen Zeitpunkt ein Forschungsprojekt in Kooperation mit dem Metropolitan Museum of Art (New York). Es nimmt den sogenannten „New Yorker Kuros“ (ca. 580 v. Chr.) in den Blick, auf dem sich noch zahlreiche Farbreste finden. In Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern vor Ort führt das Polychromieprojekt des Liebieghauses unter der Leitung von Prof. Dr. Vinzenz Brinkmann naturwissenschaftliche Untersuchungen am Objekt durch. Dieser Forschungsprozess soll in eine farbige Rekonstruktion des Kuros’ münden.
Die Ausstellung mit ihren farbenprächtigen Rekonstruktionen ist bereits vor ihrer Station in San Francisco, und zwar ab sofort, für jeden im Internet dank des multimedialen „Bunte Götter“-Digitorials zugänglich. Das vom Liebieghaus entwickelte digitale Vermittlungsangebot lässt die Nutzer völlig kostenfrei und unabhängig von der physischen Ausstellung in die beeindruckende Welt der „Bunten Götter“ eintauchen. Informative Texte, spannende Audioelemente und zahlreiche Bilder mit anschaulichen Effekten geben einen facettenreichen Einblick in die Polychromieforschung und die Farbrekonstruktion. Das Themen-Digitorial ist sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch unter buntegoetter.liebieghaus.de abrufbar.

→ Max Hollein geht nach San Francisco

 

Kunst privat – Die Kunst der EZB

2017, Juni 29.

„Vielfalt in der Einheit“

Bereits seit ihrer Gründung präsentiert die Europäische Zentralbank in einer Ausstellungsreihe zeitgenössische Kunst aus den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, in der einmal jährlich die aktuelle Kunstszene eines EU-Landes vorgestellt wird. Die meisten der in der Sammlung vertretenen Arbeiten wurden im Rahmen der Ausstellungsreihe zu zeitgenössischer Kunst aus den einzelnen EU-Mitgliedsstaaten angekauft, welche die EZB seit 1997 organisiert. Durch die Werke von Künstlern, die in diesen Ausstellungen präsentiert werden, erhält der Besucher eine Vorstellung von der künstlerischen Vielfalt Europas. Einen kleinen Einblick in die so entstandene Sammlung konnte man am vergangenen Wochenende erhalten. 

Von Petra Kammann

Giuseppe Penone, Gravity and Growth”, 2015 © ECB and the artist, Ausschnitt; Foto: Petra Kammann Weiterlesen