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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Oliver Reese geht – Anselm Weber kommt

2017, Juni 23.

Reese: „Es waren acht glückliche Theaterjahre. Wir hatten eine tolle Zeit.“
Publikumslieblinge gehen

Von Renate Feyerbacher

Am 24. Juni 2017, verabschiedet sich Oliver Reese mit „One Song for the Road – ein musikalischer Rückblick auf acht Jahre Intendanz“ vom Frankfurter Publikum. Zwei Monate zuvor hatte er Bilanz gezogen: 1.375.000 Besucher haben in den Jahren von 2009 bis heute die Sprechtheater besucht. Das ist ein Zuwachs von 61 Prozent. Auch die Einnahmen konnten um 150 Prozent gesteigert werden. 255 Premieren – ohne die „Box“ – mit 5.250 Vorstellungen in Frankfurt und 150 Gastspielen ausserhalb der Stadt gab es.

So manche hatten ihn anfangs bedauert. Frankfurt sei schwierig, das Publikum verstockt, die finanzielle Situation angespannt und Querelen alltäglich. Reese, der seinen Intendantenposten am Deutschen Theater in Berlin aufgegeben hatte, verhehlt nicht, dass der Anfang schwierig war. Für jede Anschaffung habe angefragt werden müssen. Das wurde jedoch geändert und habe ihn mit Opernintendant Bernd Loebe gleichgestellt.

Foto: Oliver Reese am 6. Juni 2017. In Reeses Ära wurden ein Schauspiel-, ein Regie- und ein Autorenstudio gegründet; Foto: Renate Feyerbacher

Reese ist überzeugt, dass alle Regisseure hier glücklich wurden, ebenso die Schauspielerinnen und Schauspieler, die wesentlich zum Erfolg und guten Ruf des Theaters beitrugen. Sie stehen für ihn im Mittelpunkt. Er habe die Fähigkeit zu begeistern, Feuer und Liebe zu diesem Beruf zu entfachen, schwärmt Schauspielerin Josefin Platt. Wichtig war für den Intendanten das feste Ensemble, das wie eine Familie zusammenwuchs. Eine seiner letzten Inszenierungen im Januar war das Stück „Eine Familie“.

Eine Familie. Regie Oliver Reese; Ensemble, Foto © Birgit Hupfeld

Die Bühnen-Familie, die ist allerdings total zerstritten. Einige der zehn Ensemblemitglieder, die bei der letzten Reese-Premiere dabei waren, gehen nun mit ihm zum Berliner Ensemble (BE), dessen neuer Intendant er ab September wird. Abschiedsstimmung lag schon über den Aufführungen.

Frankfurt verlassen werden mit ihm Constanze Becker („Ödipus/Antigone“, „Medea“, „Penthesilea“), Corinna Kirchhoff („Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“), Josefin Platt („Königin Lear“), Carina Zichner („Der zerbrochene Krug“, „Eine Familie“), Oliver Kraushaar („Wir lieben und wissen nichts“, „Totentanz“), Nico Holonics („Kleiner Mann, was nun?“, „Die Blechtrommel“), Martin Rentzsch („Kunst“), Wolfgang Michael („Kunst“), Sascha Nathan („Die Physiker“, „Kunst“) und Felix Rech („Penthesilea“, „Prinz Friedrich von Homburg“). Bettina Hoppe („Die Frau, die gegen die Türen rannte“, „Nora“, „Antigone“) und Stephanie Eidt („Phädra“, „Maria Stuart“), die das Frankfurter Ensemble bereits vor Jahren verlassen hatten, werden ebenso zum Berliner Ensemble gehören wie Judith Engel, wie auch Constanze Becker, Trägerin des Gertrud-Eysoldt-Rings. 28 Darstellerinnen und Darsteller hat Oliver Reese in Berlin fest verpflichtet. Ein festes Ensemble ist ihm eben auch am Berliner Ensemble wichtig.

Oliver Reese war nicht nur Theaterintendant und Geschäftsführer, sondern auch ein innovativer, ideenreicher, textorientierter Regisseur. Und er setzte immer wieder politische Akzente. Einige seiner hier erfolgreichen Inszenierungen wie zum Beispiel „Die Blechtrommel“, „Eine Familie“, „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ und „Die Frau, die gegen die Türen rannte“ wird er mit auf die Berliner Bühne nehmen ebenso Michael Thalheimers „Medea“ und „Pentesilea“ sowie „Macbeth“ von Dave St-Pierre.

Unter den Gast-Regisseuren sind Frank Casdorf, der scheidende Intendant der Volksbühne Berlin, und Claus Peymann, der mit 80 Jahren das Berliner Ensemble verlassen musste und der gegen Reese eine unwürdige Pressekampagne initiierte. Michel Friedman, nun ebenfalls im BE, werden wir hier vermissen.

Reese war in Frankfurt ein Sucher neuer Theaterstücke, er wird es auch in Berlin wieder sein, zusammen mit dem Schriftsteller Moritz Rinke, dessen Theaterstück „Wir lieben und wissen nichts“ schon am Frankfurter Schauspiel ein Renner wurde. Die Schauspielerehepaare Constanze Becker – Oliver Kraushaar und Marc Oliver Schulze – Claude de Demo führten authentisch alltägliches Eheleben vor.

Plakat zu „Ödipus – vor der Stadt“, Foto: Renate Feyerbacher

In der Ära Reese gab es großartige Theaterabende mit unvergesslichen Momenten. Einen davon gleich zu Beginn 2009 mit „Ödipus“ / „Antigone“ in der Inszenierung von Michael Thalheimer, der in Berlin Hausregisseur wird. Mit „Ödipus – vor der Stadt“ – „open air an der Weseler Werft“ – wird die Reese-Intendanz im Juni ihren Abschluss finden – in Originalbesetzung von 2009 mit Constanze Becker und Marc Oliver Schulze.

Oliver Reese hat das Frankfurter Publikum fürs Schauspiel begeistert. „Ausverkauft“ stand auf den Plakaten der meisten Vorstellungen. Publikumslieblinge gehen, andere Publikumslieblinge werden kommen.

„WIR“ – Themen der Spielzeit in vielen Sprachen
Weber: „Der Schauspieler ist das Gesicht des Theaters – das Ensemble das Theater“

Anselm Weber, bisher Chef im Schauspielhaus Bochum, wird ab September das Zepter am Schauspiel Frankfurt führen. Er ist kein Unbekannter hier. In der Oper Frankfurt verantwortete er zuletzt die Regie von „Die Passagierin“ des Komponisten Mieczyslaw Weinberg im März 2015.

Beeindruckend so respektvoll wie souverän und einfallsreich setzte Weber den Holocaust-Stoff um. Auch schon viel früher, von 1991 bis 1993 , war er in Frankfurt aktiv, als  Hausregisseur unter Intendant Peter Eschberg, von 2001 bis 2003 als Oberspielleiter unter der Intendantin Elisabeth Schweeger. Kein Wunder also, dass er bei der Pressekonferenz einen Frankfurt-Joker nach dem andern ziehen konnte.

Gemeinsam mit Marion Tiedtke, der stellvertretenden Intendantin, Chefdramaturgin und bisher Professorin an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt (HfMDK), stellte er daher souverän den Spielplan 2017/2018 vor. Augenscheinlich haben die beiden schon längere Zeit nach Kontakten zu anderen Institutionen gesucht: zum Literaturhaus, zum Künstlerhaus Mousonturm, zur HfMDK. Sie wollen zum Wertekanon dieser Stadt beitragen, sich den Institutionen, den Stadtteilen öffnen, „um dort die Menschen zu treffen, die wir einladen.“

Anselm Weber am 25. April 2017 in den Städtischen Bühnen Frankfurt, Foto: Renate Feyerbacher

Marion Tiedtke ist begeistert von der Großstadt der kurzen Wege, die für sie zweifellos Vielfalt und Globalität unserer Welt abbildet und sich dennoch dörflich bei „Äppelwoi und Handkäs“ gibt.

31 Premieren wird es im Großen Haus, in den Kammerspielen / „Box & Klassenzimmer“, im Bockenheimer Depot, in der Panorama Bar, im Museum für Moderne Kunst (MMK) und im Mousonturm geben.

Zunächst werden Schauspiel und Oper Frankfurt am 17. September gemeinsam feiern. Elf Tage später folgt dann die erste Premiere im Großen Haus: „Richard III.“ von William Shakespeare unter der Regie von Jan Bosse. Den Richard wird der in Frankfurt wohnende Wolfram Koch spielen, der hier an der HfMDK studierte, schon auf der Frankfurter Bühne stand und der Millionen Fernsehzuschauern als Tatort-Kommissar des Hessischen Rundfunks bekannt ist. Er verkörperte zahlreiche Rollen auf den bedeutenden deutschsprachigen Bühnen. In Berlin erhielt er mit anderen Darstellern den Berliner Theaterpreis und zusammen mit Samuel Finzi 2015 für seine Rolle in „Warten auf Godot“ den Gertrud-Eysoldt-Ring in Bensheim.

Kochs schauspielerische Klaviatur ist breit: er kann sowohl komödiantisch, sanft, verführerisch sein, aber auch tragisch, schuldbeladen, depressiv wie in dem ARD-Film „Dead Man Walking“ (November 2016), in dem er einen Investment-Banker auf dem Höhepunkt seiner Karriere darstellt, der sich in den Tod stürzt. Er kann aus der Haut fahren. Seine Darstellung als Richard III. könnte eine Wucht werden.

Es fällt auf, dass die meisten Stücke auf der Hauptbühne zum klassischen Werke-Repertoire gehören. Will die neue Leitung auf Nummer sicher gehen oder war die Zeit der Vorbereitung doch zu knapp, um Neues auszugraben? Auf dem Spielplan stehen zum Beispiel „Woyzeck“ von Georg Büchner und „Rose Bernd“ von Gerhart Hauptmann, die im September Premiere haben. Beide werden vom jungen preisgekrönten Schweizer Regisseur Roger Vontobel realisiert. Er könnte so etwas wie ein Hausregisseur werden. „Rose Bernd“ hat er bereits am Schauspiel Bochum produziert in der Titelrolle mit Jana Schulz, die dafür mit dem Gertrud- Eysoldt-Ring 2016 ausgezeichnet wurde. Sie wird auch den Woyzeck spielen.

Das neue Schauspiellogo in Farbe, Foto: Renate Feyerbacher

Das Ensemble ist für Weber und Tiedtke das Herzstück des Theaters. Vier Ensemblemitglieder aus der Reese-Ära bleiben in Frankfurt: Peter Schröder, Christoph Pütthoff, Isaak Dentler, Heidi Ecks, und zwei Schauspielerinnen kehren zurück: Katharina Bach und Claude de Demo, die zeitweilig wegen ihrer kleinen Kinder die Frankfurter Bretter verlassen hatte. Ihr Slogan für die kommende Saison: „Für die Kinder gegen den Hass.“

Geplant sind Uraufführungen in den Kammerspielen / Box, zum Beispiel „Stimmen einer Stadt – 3 Monodramen“ vom Frankfurter Büchner-Preisträger Wilhelm Genanzino, eine weitere von der russisch-jüdischen Autorin Olga Grjasnowa (Chamisso-Preisträgerin) und von der aus Wien kommenden bildenden Künstlerin und Autorin Teresa Präauer (Regie Anselm Weber), von Marius von Mayenburg, der auch Regie führen wird, von Laura Naumann und von Duo Nele Stuhler und Jan Koslowski. Péter Kárpáti und Forced Entertainment werden das Bockenheimer Depot bespielen.

Anselm Weber hat sich den bearbeiteten Roman „Das Siebte Kreuz“ von Anna Seghers vorgenommen sowie „Alle meine Söhne“ von Arthur Miller. Andreas Kriegenburg, Regisseur von „Der Sturm“ 2016, und David Bösch, Regisseur von „Der fliegende Holländer“ 2015 in der Oper Frankfurt, sowie Rüdiger Pape, der das Jugendstück „Tintenherz“ von Cornelia Funke gestaltet, werden wir im künftigen Programm begrüßen können.

Theaterpädagogin Martina Droste, seit sieben Jahren hier und Leiterin des Jungen Schauspiels, wird zusammen mit Dramaturg Alexander Leiffheidt das Frankfurter Stadtteil-Projekt „All Our Futures“ über drei Jahre lang mit 220 Jugendlichen an drei verschiedenen Orten entwickeln. Dieses Mammutvorhaben beginnt im September.

Anselm Weber hält es für wichtig, die Mitte der Gesellschaft zu stärken, damit sie sich dem Populismus entgegenstellen kann.

Termine:

„Ödipus – vor der Stadt“, bis 23. Juni – an der Weseler Werft; am 24. Juni die Abschiedsvorstellung Oliver Reeses „One Song for the Road“ im Großen Haus, anschließend Party. Der Eintritt ist frei.

Die neue Saison beginnt mit einem gemeinsamen Fest von Schauspiel und Oper Frankfurt am 17. September 2017.

 

„Vom Licht gestreift: Himmelskörper und Erdenstele“: Aloys Rump und Gisela Weber im KunstRaum Bernusstrasse

2017, Juni 21.

Von Erhard Metz

Gemeinschaftsausstellungen haben ihren spezifischen Reiz. Noch dazu, wenn sie verschiedene Werkgattungen wie „Bilder und Skulpturen“ – so lautet der Untertitel der sehenswerten Schau im Frankfurter KunstRaum Bernusstrasse – in einen Dialog miteinander bringen. Im konkreten Fall könnte man jedoch bereits wieder ins Grübeln geraten: Während Gisela Webers spindeldünne, abenteuerlich in die Höhe strebende Marmorstelen zweifelsohne der Skulptur zuzurechnen sind, fragen wir uns bei den Rumpschen „Bildern“ doch nach deren Kanonisierbarkeit unter einen bestimmten Zweig der bildenden Künste – handelt es sich bei ihnen zwar um Arbeiten auf Leinen, Papier oder Holz, doch in aller Regel um ebenfalls dreidimensionale Objekte.

↑ Ausstellungsansicht, im Vordergrund: Gisela Weber, Im Kreis, Gruppe 2004-Ia
↓ Gisela Weber, Stelenköpfe (aus der obigen Gruppe)

Leserinnen und Leser von FeuilletonFrankfurt konnten einen Ausschnitt aus dem bemerkenswerten wie eigenwilligen Œuvre von Aloys Rump – seinerzeit präsentiert in einer Doppelausstellung in den „KunstRäumen“ Riedberg und ebenfalls Bernusstrasse – bereits kennenlernen: Von Schiefermehl und Marmorstaub als Werkstoffen war die Rede, schwarzes Oxid (Rump schreibt absichtsvoll Oxyd), Phosphor, Pigmente und Spachtel kommen hinzu. Den Werkgrund bildet weiterhin das Leinen, ergänzt um Bütten und Holz.

Aloys Rump, Himmelskörper XXI, 2016, Schwarzes Oxyd, Marmorstaub auf Holz, 150 x 130 cm

Rump scheint in seinen Arbeiten der Reihe „Himmelskörper“ nach den Sternen zu greifen – je länger man ein solches Objekt betrachtet, umso mehr stellt sich der Eindruck eines kugelförmigen Raumkörpers ein, eines fernen Gestirns, seine geheimvolle Bahn ziehend, von Gebirgszügen und Kratern – wie von Meteoriteneinschlägen verursacht – durchsetzt. Doch ebenso erscheinen immer wieder amphitheatrische oder landebahnähnliche Strukturen auf diesen Himmelskörpern, die von außerirdischer Intelligenz erschaffen sein könnten – Erich von Däniken lässt grüßen.

Eine Arbeit (unten bei Nacht phosphorisierend) aus der Serie Himmelskörper, 2017, Schwarzes Oxyd, Marmorstaub, Phosphor auf Bütten, 60 x 60 cm

In seinen neuesten Arbeiten fügt Rump dem schwarzen Oxyd und Marmorstaub auch Phosphor hinzu – in hinreichender bis völliger Dunkelheit fangen sie an zu leuchten und lassen geheimnisvoll fluoreszierende Bildwelten entstehen.

Auch die Werke der Serie Noctis Labyrinthus sind von reliefartiger Struktur, kleine Aufwerfungen oder Krater im schmalen Streiflicht lassen an Gebirgszüge oder einsame Landschaften ferner Welten denken. Man kann sich in sie hineinträumen und ist beim Erwachen dann doch dankbar, auf unserer heimischen Erdkugel zu stehen.

Noctis Labyrinthus XI, 2017, Schwarzes Oxyd, Marmorstaub auf Leinen, 120 x 160 cm (unten Ansicht vom Bildrand aus)

Rumps Fragmente-Wandstücke schließlich könnten an Verfallenes lange vergangener Kulturen erinnern, ihrer Morbidität eignet eine ruhige – ja durchaus – Schönheit.

Aloys Rump, Fragmente-Wandstück 18, 2017, Pigmente, Spachtel auf Holz, 73 x 54 cm

Marmor und Schiefer sind die Werkstoffe auch für Gisela Webers filigrane Stelen, die sie selbst als „Zeichen“ versteht und die so verführerisch-leichtfüßig im Raum nach oben streben, dass es dem Betrachter ob der statischen Stabilität dieser Skulptur gewordenen bildhauerischen Zauberkünste die Sorgenfalten auf die Stirn schreiben kann. Manche dieser Stelen erscheinen, auf Sockeln ruhend, wie auf das Notwendigste reduzierte, fast schon entmaterialisierte Denkmäler. Andere „Zeichen“ wiederum scheinen spielerisch gleichsam aus dem Boden zu sprießen, wobei die Künstlerin – namentlich wenn sie eine Gruppe von Stelen zu einem Ensemble vereint – die von ihren Ausmaßen her ohnehin minimalisierten Bodenplatten mit organisch wirkenden Substanzen bedeckt und auf diese Weise einen verblüffenden Eindruck emporkeimender Vegetation erzeugt.

Gisela Weber, eine Sockel-Arbeit aus der Reihe „Marmor und Schiefer“

Man sieht diesen so fragil wirkenden Zeichen-Stelen auch eine gewisse Lust der Künstlerin am Experimentellen an, am Austesten der von der Statik und den Naturgesetzen begrenzten Möglichkeiten handwerklicher Fähigkeiten, an der Auseinandersetzung – und wir möchten hinzufügen am ironischen Spiel – mit dem allseits als „klassisch“ angesehenen, für Denkmäler mit nahezu Ewigkeitswert bestimmten Material Marmor. Die feinst bearbeiteten Stelen öffnen sich in ihrer Transparenz dem durchscheinenden Licht, die Reduktion der Körper auf das materialbedingt Mögliche lassen die feinen Zeichnungen und Färbungen im über Jahrmillionen durch metamorphe Prozesse „gewachsenen“ Stein umso erstaunlicher und einzigartiger hervortreten.

Gisela Weber, 1939 in Kassel geboren, examinierte und bis 1981 praktizierende Goldschmiedemeisterin, studierte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz Kunst- und Werkerziehung und legte beide Staatsexamina ab. Sie nahm an zahlreichen Bildhauersymposien im In- und Ausland teil und präsentierte ihre Arbeiten in einer Vielzahl von Einzel- und Gruppenausstellungen, darunter 1995 in der Einzelausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt.

Gisela Weber, Arbeiten aus den Reihen „Marmor“ und „Marmor und Schiefer“

rechts im Bild: Serpentin und Plexiglas

Galeristin Marina Grützmacher ist wieder einmal und wie so oft eine faszinierende Ausstellung gelungen mit einer Künstlerin und einem Künstler, deren Werke auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten und die sich doch – über die Materialien Marmor und Schiefer hinaus – in einem inneren Zusammenhang von sprießendem Beginnen und Jahrmillionen alter Erstarrung, im Werden und Vergehen verbinden wie ergänzen.

Am Donnerstag, 22. Juni 2017, 19 Uhr findet im Kunstraum Bernusstrasse in gemütlicher Runde ein „Gespräch vor den Bildern“ mit der Kunsthistorikerin Hanneke Heinemann statt. Zur Finissage am Sonntag, 2. Juli 2017, 11.30 Uhr haben beide Künstler ihre Teilnahme zugesagt.

Abgebildete Werke von Aloys Rump und Gisela Weber jeweils © VG Bild-Kunst, Bonn;

Fotos: Erhard Metz

→ Schiefermehl und Marmorstaub: Aloys Rump in Frankfurt am Main

 

Live Music Now: Internationales Freundschaftsfest des International Women’s Club of Frankfurt (IWC) in der Orangerie Bad Homburg

2017, Juni 20.

„Musik heilt, Musik tröstet, Musik bringt Freude“ (Yehudi Menuhin)

Von Petra Kammann

Einmal jährlich feiert der International Women’s Club of Frankfurt (IWC) sein internationales Freundschaftsfest. Für ihre Amtsperiode hatte sich die scheidende Präsidentin des IWC, Susanne Held, vorgenommen, diesmal statt des traditionellen Freundschaftsballs im Frühjahr ein Sommerfest zu veranstalten, das ihrer Meinung nach den Zeichen der Zeit mehr entspreche, denn, so Held: „Unser Ball verlor in den vergangenen Jahren an Zuspruch, vor allem junge Paare zeigten wenig Interesse, was sich trotz des vergleichsweise günstigen Eintrittspreises auf die Spendeneinnahmen auswirkte.“ Allein das Wort „Ball“ stehe für ein bestimmtes Image. Das wollte die Optimismus ausstrahlende Unternehmerin nun mit dem Sommerfest ändern. Und das ist ihr auch voll gelungen.

In stimmungsvollem Ambiente: Orangerie im Bad Homburger Kurpark

In diesem Jahr spielte nicht nur das Wetter mit, was sich auf den heiteren Vorempfang auf der Terrasse der Orangerie im Bad Homburger Kurpark auswirkte. Der Park stand in voller Blüte, er strahlte in schönstem Frühsommerlicht und ließ den Einbruch der Dunkelheit von der Kolonnaden-Terrasse, auf der das köstliche Grill-Menü bereitet war, zu einem festlichen Erlebnis werden. Das „Internationale Freundschaftsfest – ein festlicher Sommerabend“ stand dann mit seiner kulinarischen Reise um die Welt auch ganz im Zeichen der Musik, die – so Susanne Held in ihrer Begrüßungsrede – schon allein deshalb als soziales Projekt ausgewählt worden war, weil die Musik für den kulturellen Austausch stehe, Grenzen und Nationalitäten überwinde.

(v.l.) IWC-Präsidentin Susanne Held, Ekaterina Aleksandrova, Stefan Stjepanovic, Catharina Bürklin, Vorsitzende von LMN Frankfurt am Main, und Gabriele Dettmer, LMN

Gesteigert wurden die heiter-kommunikativen Eindrücke vor allem aber auch durch die jungen hochbegabten Musiker von Yehudi Menuhin Live Music Now Frankfurt am Main e.V. (LMN) selbst, die den Abend mit ihren musikalischen Einlagen auf ganz besondere Weise bereicherten. Ganz im Sinne des Violinvirtuosen und Friedenspreisträgers Yehudi Menuhin (1916-1999), der während des Zweiten Weltkriegs wie auch danach für Menschen in Lazaretten, für Überlebende in Konzentrationslagern, vor Flüchtlingen und Verwaisten gespielt und aus dieser menschlichen Erfahrung heraus dann 1977 Live Music Now gegründet hatte, um bedürftigen Menschen Musik „zu schenken“ und dabei gleichzeitig junge begabte Nachwuchsmusiker zu fördern. Menuhins Motto: „Musik heilt, Musik tröstet, Musik bringt Freude“ strukturierte dann nicht nur den lauen Sommerabend in der Wandelhalle der Orangerie des Bad Homburger Kurparks, es wirkte Wunder in der Gelassenheit der Stimmung.

Duo Akkordance: Ekaterina Aleksandrova und Stefan Stjepanovic

Unmittelbar nahmen das Duo Akkordance, vor allem aber die 1993 im russischen Omsk geborene Mezzosopranistin Ekaterina Aleksandrova, die nicht etwa von der Laute, sondern von der Gitarre des 22-jährigen Gitarristen Stefan Stjepanovic aus Bosnien-Herzegowina begleitet wurde, mit ihrer eindringlichen ausdrucksstarken Stimme das Publikum gefangen, als sie zunächst die lyrischen Töne der elisabethanischen Dowland-Klassiker „Come away, come sweet love“, „Flow, my tears“ und „Now, o now I needs must part“ anschlug. Dass ihr eine ganze Palette von Ausdrucksmitteln zur Verfügung steht, gipfelte dann in den leidenschaftlich vorgetragenen russischen Zigeunerliedern wie „Occhi chornie“ („Schwarze Augen“) und „Hey, Fahrer, fahr mich zum Fest!“, welche brausenden Beifall hervorriefen.

Nach der Vorspeise konnte das Publikum aber auch das russische Duo Musica ex Tempora mit der Querflötistin Asia Safikhanova und der Pianistin Anna Stepanova erleben und genießen. Beide Menuhin-Stipendiatinnen, die ihre musikalische Ausbildung u.a. in Moskau genossen hatten, haben schon etliche Preise gewonnen und traten bereits international als Solistinnen auf.

Duo Musica ex Tempora: Asia Safikhanova, Flöte, und Anna Stepanova, Klavier

Charmant kündigte Stepanova ihre Kollegin als „Zauberin“ auf der Querflöte an. Als sie dann „Les Oiseaux“ („Das Waldvöglein“) op. 21 von Franz Doppler spielte, schienen die vogelähnlichen Töne und Koloraturen fast mühelos davonzufliegen. Interessant auch, wie François Bornes „Fantaisie brillante sur ,Carmen’ pour flûte et piano“ nach Motiven aus Bizets superbekannter Oper die Arien in ein völlig neues Licht rückte und Paul Taffanals „Freischütz-Fantasie“ die berühmte Oper in einem neuen brillanteren und schlankeren Licht erscheinen ließ.

Asia Safikhanova und Anna Stepanova

Nach dem Hauptgang wurden dann die Ergebnisse des mit dem Fest verbundenen IWC-Spendenmarathon verkündet, welche die Erwartungen weit übertroffen hatten. Statt der angenommenen 10.000 Euro waren zur Freude der Vorsitzenden der Yehudi Menuhin Live Music Now Frankfurt am Main, Catharina Bürklin, tatsächlich ganze 14.000 Euro zusammengekommen. Das ermögliche nicht nur ca. 200 Benefiz-Konzerte im Rhein-Main-Gebiet, sondern garantiere auch 78 Musikern eine weitere Ausbildung. Ein Konzert kostet den Verein immerhin um die 400 Euro.

Durch die Spenden erhalten die Musiker für ihre Auftritte nicht nur ein Stipendium, sie musizieren in Krankenhäusern, Altenheimen, Waisenhäusern, Hospizen, Behindertenstätten und anderen sozialen Einrichtungen. „Wer einmal erlebt hat, wie z.B. Demenzkranke zu den Melodien ihrer Kindheit zu singen beginnen, wie verhaltensauffällige Kinder gebannt den faszinierenden Klängen lauschen, Behinderte unter liebevoller Anleitung der Musiker ein Instrument ,begreifen’, wie Flüchtlinge, Wohnsitzlose oder Gefangene auf den Respekt reagieren, den Künstler in einer Konzertsituation ihrem Publikum entgegenbringen, oder wie Sterbende, im klaren Bewusstsein, dass dies wohl ihr wirklich letztes Konzert ist, den Musikern bewegt danken, der muss vom Wert dieser Arbeit von LMN nicht mehr überzeugt werden“, sagte die Vorsitzende Catharina Bürklin.

Viel Beifall für großartige künstlerische Leistungen: Anna Stepanova, Asia Safikhanova, Stefan Stjepanovic und Ekaterina Aleksandrova

Hinzu kommt, dass die jungen Musiker die Erfahrungen, die sie in den Konzerten sammeln können, als „einen unschätzbaren Zuwachs an Präsentationssicherheit und Persönlichkeitsbildung“ erleben. Oder wie es der philanthropische Musiker Menuhin ausdrückte: „Music ist the currency of human exchanges“.

Kann man sein Geld besser anlegen als in das friedliche und gedeihliche Zusammenspiel der Menschen und ihrer Nöte?

Fotos: Petra Kammann

→ Weitere Beiträge zum IWC

 

Interview mit Paul de Sinety, dem französischen Commissaire General der Buchmesse

2017, Juni 18.

En marche: Die französische Sprache, die Gastfreundschaft und die Geselligkeit

Vom 11. bis zum 15. Oktober 2017 wird Frankreich Ehrengast der 69. Frankfurter Buchmesse sein. Dieser Auftritt Frankreichs auf der Frankfurter Buchmesse bildet den Höhepunkt eines französischen Kulturjahrs in ganz Deutschland mit einem vielfältigen und spartenübergreifenden Programm. Ein FeuilletonFrankfurt-Gespräch mit Paul de Sinety, dem Verantwortlichen für das Gastland Frankreich auf der kommenden Frankfurter Buchmesse und eine Vorschau auf das, was uns im Herbst erwartet.

Von Petra Kammann

Petra Kammann: Sie sind Generalkommissar für das Ehrengastland Frankreich der kommenden Frankfurter Buchmesse. In Deutschland ist Paul de Sinety noch nicht ganz so bekannt wie der neue Präsident Emmanuel Macron. Daher meine erste Frage: Wer eigentlich ist Paul de Sinety und was hat ihn motiviert, dieses Amt zu übernehmen in einer Zeit, die politisch nicht ganz unkompliziert war, zumal doch Europa und die deutsch-französische Freundschaft fast schon auf der Kippe zu stehen schienen? 

Paul de Sinety: In den letzten zehn Jahren habe ich die Förderung des französischen Buches auf internationaler Ebene betrieben. Zuletzt war ich als Berater für Kultur in Marokko verantwortlich. Zu dem Zeitpunkt, als die Entscheidung fiel, dass Frankreich das Gastland der Frankfurter Buchmesse sein würde, ist der damalige Premierminister auf mich zugekommen und hat mich gebeten, mich um das Programm zu kümmern.

Was heißt: Sie waren Berater? Was genau haben Sie gemacht? Und welche Auswirkung hat das auf Ihre jetzige Tätigkeit als Kurator des Frankreichthemas auf der Buchmesse? 

Ich habe die verschiedensten Veranstaltungen mit Autoren und anderen Intellektuellen organisiert. Und das eben auch international. So bin ich beispielsweise mit rund 40 französischen Schriftstellern quer durch Russland gereist, in einem Zug von Moskau nach Wladiwostok, wo ich dann jeweils intellektuelle Debatten organisiert habe. Etwas Ähnliches habe ich eben auch in New York oder in Los Angeles oder auch in Peking betrieben. Bei dieser internationalen Arbeit, die mit der Vermittlung französischer Literatur und Sprache zusammenhing, ist mir bewusst geworden, was es mit der Frankophonie auf sich hat, vor allem zuletzt in Marokko. Daneben habe ich die französischen Autoren und literarischen Strömungen ebenso kennengelernt wie die Verlegerszene oder auch die Kultur der Diplomatie. Wenn also bei der Buchmesse in Frankfurt die französische Sprache im Mittelpunkt stehen soll, sind die verschiedenen Facetten der Sprache und ihre vielfältigen Dimensionen zu beachten.

Auf einer Messe geht es natürlich auch um den wirtschaftlichen Aspekt. Erst dann um die Förderung der Literatur…

Ihr muss aber vor allem ein wichtiger Platz eingeräumt werden und dies besonders in Frankfurt. Und zwar einerseits im Kontext des deutschen Literaturmarktes und andererseits auf der internationalen Ebene. Natürlich ist es da besonders wichtig, dass man sich auf eine solide Kenntnis der französischen Literatur verlassen kann und zudem die neue Generation im Blick hat. Darüberhinaus sollte man die deutsche Buchszene kennen und sich ihr verbunden fühlen. Und mit beidem kann ich mich identifizieren.

Da haben Sie doch sicher in der Vergangenheit auch schon mit dem Goethe-Institut und dem Institut français zusammengearbeitet?

Selbstverständlich. Mit dem Institut français habe ich immer zusammengearbeitet, aber auch mit der Botschaft in Berlin oder mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels. D. h die deutschen Partner sind mir durchaus vertraut. Und „isch kann natürlisch auch Deutsch spreschen.“

Also geht es zunächst einmal um das richtige Marketing für das Buch und die Buchszene. Doch haben die Franzosen nicht dieselbe Tradition, was Lesungen angeht. Wenn französische Autoren auf der Messe oder in der Buchhandlung auftreten, dann signieren sie häufig nur ihre Bücher. Sehen Sie darin kein Problem?

Ich finde das ganz wunderbar, was sich in Deutschland zwischen den Autoren und dem Publikum abspielt: die hohe Qualität der Lesungen, die auch das Werk des Autors in den Mittelpunkt stellen, dann die Beziehung zum Publikum, die sich daraus entspinnt. Das gibt es bei uns in Frankreich tatsächlich in dieser Form nicht. Wir haben eine andere Tradition und Kultur. Sicher wird auf Buchmessen in der Regel ein Buch von den Autoren signiert. Andrerseits aber gibt es stärker die Tradition der intellektuellen Debatte. Man  debattiert einfach sehr gern in Frankreich. Besonders unter Schriftstellern wird bei uns oft sehr heiß diskutiert. In Deutschland liest man sehr viel. Und da sind Autorenlesungen sehr beliebt. Man geht ins Literaturhaus, um die authentische Stimme des Autors oder die Stimme eines professionellen Schauspielers zu hören. Manchmal tauscht sich anschließend das Publikum auch noch aus. Aber das ist meiner Erfahrung nach dann eher selten. In Deutschland hat die Lesung oft die Funktion, das Werk eines Autors zu entdecken, während in Frankreich die Diskussion nicht zwangsläufig zur Förderung eines literarischen Werkes führt.

 

Diskutiert man in Frankreich eher mit einem Autor, weil man, wenn er sich präsentiert, das Werk schon gelesen hat? In Deutschland führen Lesungen eben auch oft dazu, dass man erst einmal Tuchfühlung mit dem Werk aufnimmt.

Das sind tatsächlich unterschiedliche Traditionen und nicht die gleichen Annäherungen an Literatur. Ich glaube, dass die Lesung vor großem Publikum in Deutschland bisweilen sogar etwas Sakrales hat. So etwas gibt es in Frankreich einfach gar nicht. Vielleicht hängt das in Deutschland auch mit der Tradition der Bibel-Übersetzung zusammen, schon seit Luther. In dessen Zeit ist immerhin der Buchdruck entstanden. Frankreich kann sich da allenfalls auf Straßburg berufen. So steht sicher auch die Verbreitung der Reformation, die es in dieser Form in Frankreich nicht gegeben hat, in der deutschen Tradition. In Frankreich war die Lektüre nie etwas, was die Öffentlichkeit beschäftigt hat. Es hat allenfalls mal kleine Eliten wie Chateaubriand oder andere Schriftsteller beschäftigt. Es betraf immer nur kleine eingeschworene Zirkel.

Aber es gibt doch auch die Tradition des französischen Salons?

Ja, es gab schon die Salons im 18. Jahrhundert. Aber das hat natürlich nichts mit einer Publikumsveranstaltung zu tun, in der sich auch viele anonyme Teilnehmer befinden. Aber gerade jetzt entdeckt man bestimmte Werke wieder neu. Und die werden dann auf literarischen Festivals mit Performances präsentiert.

Vielleicht wird die Literatur in Frankreich eher dramatisiert und auf die Bühne gebracht? Wie hält es denn die Maison de la poésie in Paris?

Diese Art Pariser Literaturhaus ist bemerkenswert und neuartig. Da werden echte Performances gestaltet und inszeniert.

Bei uns gibt es schon seit mehr als dreißig Jahren Literaturhäuser, in denen so etwas stattfindet.

Bei uns ist das tatsächlich etwas total Neues. Ein literarisches Ereignis ist mit einer echten Raum- und Bühnenarbeit verbunden – eine eigene künstlerische Produktion mit einer ganz eigenen Dramaturgie, ganz anders als die frontale und direkte Gegenüberstellung von Autor, Lesendem und Publikum wie in Deutschland. Häufig wird eine solche Inszenierung auch musikalisch begleitet. Oder es werden neue Räume – auch poetische – erschlossen.

Unabhängig von der künstlerischen Vermittlung herrscht in Frankreich auch eine komplett andere Vertriebsstruktur auf dem Buchmarkt. Wenn wir einmal Amazon ausklammern, so bekommt man in der Regel in deutschen Buchhandlungen ein bestelltes Buch in einem Tag.

Das hat mich wirklich überrascht. Als ich einen gelehrten Text, eine Art Reportage aus dem 16. Jahrhundert, von dem großen französischen Intellektuellen und Verleger Etienne de la Boétie las, war ich sehr erstaunt. Der Text handelte von einer Art Buchmesse in Frankfurt, über die er mit großer Bewunderung spricht. Er beschreibt sie als „Salon de la Muse et de la Paix“, als Messe der Muse und des Friedens. Diese Buchtradition scheint in Deutschland schon fest verankert zu sein.

Eine weitere deutsche Tradition ist die der Übersetzung. Es wird sehr viel aus anderen Sprachen ins Deutsche übersetzt, was auch den Begriff der Weltliteratur geprägt hat. In den vergangenen Jahren scheinen mir allerdings die Übersetzungen aus dem Französischen zurückgegangen zu sein, nimmt man mal so Bestseller-Autoren wie Michel Houellebecq aus. Welche Rolle werden Übersetzungen auf der kommenden Buchmesse spielen, vom Französischen ins Deutsche, und umgekehrt vom Deutschen ins Französische?

Die Übersetzungen sind wieder im Aufwind. Tendenz: steigend. Natürlich wird eine Reihe von französischsprachigen Autoren nach Frankfurt kommen. Das bereiten wir schon seit zwei Jahren vor. Und natürlich beschäftigen wir uns im Vorfeld damit, was die Verleger und das Publikum interessieren könnte. Diese Situation hat sich seither auch stabilisiert. Immerhin ist nach dem Englischen das Französische immer noch die zweitstärkste Übersetzungssprache in Deutschland. Aber man kann auch beobachten, dass es etwa seit sieben / acht Jahren einen leichten Anstieg von Übersetzungen aus dem Französischen gibt, vor allem was das Kinder- und Jugendbuch anbelangt. Da wurde nämlich das französische Jugendbuch in Deutschland entdeckt. Und dieses Interesse ist seit zwei Jahren aufgrund des Schwerpunktthemas der Buchmesse um 15 % angestiegen.

Handelt es sich dabei vor allem um illustrierte „Bücher“ oder um erzählte Geschichten?

Es betrifft beide Genres. Was die steigende Tendenz angeht, so trifft das eher auf die Literatur zu. Und daran hat Frankfurt natürlich einen großen Anteil. Das Thema der Buchmesse hat bewirkt, dass zwischen Januar und Oktober insgesamt 450 Veranstaltungen in ganz Deutschland stattfinden, welche dieses Thema tangieren.

Also bedeutet der Slogan „Frankfurt auf Französisch“ in Wirklichkeit „Deutschland auf Französisch“?

Sagen wir so: das betrifft im innersten Kern die französische Sprache, die sich in ihrer ganzen Vielfalt in Frankfurt und an verschiedenen Orten in Deutschland zeigen soll.

Könnte man da nicht von Frankophonie sprechen?

Nein. Da machen wir einen ganz klaren Unterschied. Wenn jemand frankophon ist, so hat er sich das nicht zwangsläufig frei ausgesucht. In den frankophonen Ländern ist das Französische lediglich eine Kolonialsprache, die aufgezwungen wurde, während Autoren, die sich für das Französische entschieden haben, sich damit global verständlich machen können. Das Französische betrifft die Autoren, welche die französische Sprache freiwillig gewählt haben, um sich in dieser Sprache auszudrücken, weil sie sich darin zu Hause fühlen. Das können mal Inder, Bulgaren, Iraner, Afghanen oder auch Argentinier sein.

Aber steckt hinter dieser Vorliebe für das Französische nicht auch immer eine Geschichte der Migration?

Ja, aber genau das ist ja das Interessante, wie sich die Sprache unter solchen Umständen entwickelt. Und all die damit zusammenhängenden Geschichten, welche die Autoren zu erzählen haben. Wir sind also mit ganz verschiedenen Sprachen konfrontiert: zum einen mit der Sprache als Erbe des Kolonialismus, zum anderen mit der gewählten Sprache, der nachhaltigen Sprache, der Sprache des Leidens, der Sprache der Liebe und der Sprache der Freiheit. Für das Publikum bedeutet das jeweils eine Reise in ein anderes Land, in eine andere Domäne, ein anderes politisches Umfeld – und das dank der Sprache.

Also spielt das Thema Reise für Sie auch eine Rolle? Sie selbst haben ja Anthologien dazu herausgegeben. Andererseits war die Reise ja auch ein Thema der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, bei Baudelaire oder Rimbaud, oder auch in der Romantik…

Für mich ist es darüber hinaus ein europäisches Thema. Einer der charakteristischen Autoren ist für mich in dieser Hinsicht der Triestiner Claudio Magris, der in seinem Buch „Die Donau“ die Wege und Kreuzungen von Kulturen, die das heutige Europa ausmachen, auf ganz wunderbare Weise beschreibt. Und nun wird es Reisen zwischen Frankreich und Deutschland geben, die einer neuen Generation Geschichten an die Hand geben wird, den Nachbarn besser kennenzulernen und sich anders verständigen zu können. Man wird im Umfeld der Messe eine Menge über die mobile Intellektuellen- und Studentengeneration erfahren, der es um die französische Vielfalt geht, um Teilhabe, um Solidarität und Gastfreundschaft, eine der wichtigen Voraussetzung für eine gelungene Kultur Europas.

Ist für die jungen Leute die Reise zum Nachbarn denn überhaupt attraktiv? Nach dem Abitur fahren viele, selbst AbiBac-Schüler, die das Abitur in beiden Sprachen abgelegt haben, nicht in ein Nachbarland, sondern erst einmal in die weite Ferne: nach Asien, Afrika, Amerika oder Australien, wobei in einigen dieser Länder ja auch Französisch gesprochen wird. Werden sie auch auf der Buchmesse präsent sein?

Wir haben Partnerschaften mit allen französischsprachigen Ländern, natürlich auch mit Belgien oder der Schweiz.

Und wie sieht es mit dem französischsprachigen Kanada aus?

Das wird in einem der nächsten Jahre Gastland der Frankfurter Buchmesse sein. Die anderen französischsprachigen Länder sind aber natürliche Partner. Unser Ziel ist es, frei wählen zu können unter den Autoren, die wir für interessant halten, auch unter denen, die nicht aus einem frankophonen Land stammen. Und natürlich sollte auch die französisch-deutsche Achse nicht vernachlässigt werden. Es wird wichtige Debatten zwischen deutschen und französischen Intellektuellen geben. Unser Ziel ist es, die deutsch-französische Beziehung mit Hilfe der Sprache um weitere Räume zu öffnen, um andere Gespräche in Gang zu bringen. Wenn ich daran denke, dass Autoren aus dem nordafrikanischen Maghreb, aus Schwarzafrika oder aus Asien mit deutschen oder deutschsprachigen Autoren, zum Beispiel aus der Türkei, ins Gespräch kommen, dann ist das meiner Meinung nach ein echter Mehrwert.

Wie sieht es denn mit der Sprache des jeweils anderen aus? Lernen Deutsche überhaupt noch Französisch und Franzosen deutsch?

Ich glaube, wir müssen einfach Lust darauf machen, sonst wird daraus nichts. Darüberhinaus ist dieser Dialog wirklich für das Leben in Europa von ungeheurer Wichtigkeit für die Zukunft. Was mir wirklich ganz besonders am Herzen liegt, ist, dass viele mit der Messe ein ganz anderes Frankreichbild kennen lernen, das nicht dem Klischee entspricht und vor allem auch dass sie einen völlig neuen Blick auf die Sprache Französisch werfen werden. Wir möchten Lust auf Französisch machen.

Ist das Thema nicht auf Frankreich insgesamt gerichtet, ein Land, das in vielerlei Hinsicht ganz andere Traditionen hat? Manche wurden von Deutschen auch sehr bewundert wie etwa die französische Mode oder die leichte französische Lebensart ganz allgemein. 

Die französische Lebensart wird sicher als Bezugspunkt bleiben. Das ist auch mit einer gewissen Convivialité (Geselligkeit) und Gastfreundschaft verbunden. Und natürlich wird es in dem französischen Pavillon auch ein französisches Restaurant geben. Wie ich schon sagte, brauchen wir eine neue Geselligkeit, welche die beiden Länder wieder stärker miteinander verbinden wird.

Zuletzt ist der Tourismus in Paris zum Beispiel stark geschrumpft, vor allem wegen der terroristischen Anschläge und dem damit verbundenen Ausnahmezustand.

Trotzdem sind die Deutschen immer noch die größte Gruppe der Touristen, die Frankreich bereisen. Sie fühlen sich glücklicherweise Frankreich sehr verbunden.

Hingegen kommen die Franzosen nicht so gerne nach Deutschland. Gibt es da auch Überlegungen, die Lust, Deutschland und nicht nur Berlin kennenzulernen, zu verstärken?

Wir werden mit den französischen Schriftstellern im September eine Tour d’Allemagne mit dem Fahrrad in vier oder fünf Städten veranstalten. Bei der Gelegenheit werden sie sich sicher auch mit einem neuen Deutschlandbild beschäftigen. Bislang haben schon folgende Städte zugesagt: Stuttgart, Frankfurt, Düsseldorf, Berlin, Hamburg und Straßburg.

Aus der Sicht der zentralistisch orientierten Franzosen würden diese Städte als „Provinz“ gelten, weil sie nicht wie Paris oder Berlin die Hauptstadt sind. Sie selbst waren schon in Leipzig auf der rührigen Buchmesse oder auf der Lit.Cologne, dem riesigen Lesefestival in Köln, beides große Ereignisse im Frühjahr. Wie wirkt das auf Sie?

Was mich persönlich angeht, so bin ich voll der Bewunderung, wie viele Menschen an diesen Manifestationen teilnehmen. Ich bin auch fasziniert, welch enormen Appetit auf Literatur und Lesungen, welch große Neugier und welchen Enthusiasmus das deutsche Publikum mitbringt. Jede dieser Städte ist wie ein Land mit allen spezifischen Besonderheiten.

Können Sie mal ein Beispiel nennen?

In München und Leipzig wird Deutsch gesprochen. Aber die Sprache klingt ganz anders. Und die Menschen haben auch eine ganz verschiedene Art zu sein und zu leben. In München spürt man, dass man schon ganz nah an Norditalien ist, während man sich in Leipzig schon halb in Mittel- oder Osteuropa fühlt. Das ist für uns eine eigenartige Erfahrung. Die Menschen sprechen die gleiche Sprache und doch auch nicht. Sie haben eine andere Tonalität und sind doch durch die deutsche Sprache miteinander verbunden.

Aber in Frankreich gibt es doch im Norden auch einen anderen Akzent als im Süden?

Aber das ist etwas ganz anderes. Das Provenzalische, das Bretonische, das Baskische, oder das Okzitanische: Das sind ganz eigenständige Sprachen. Im Deutschen habe ich das Gefühl, verschiedene Deklinationen ein und derselben Sprache zu hören und je nach Region jeweils eine andere Musikalität im Ohr zu haben.

Und wenn ein Afrikaner Französisch spricht wie zum Beispiel der kongolesische Autor Mabanckou, so hat er doch auch einen anderen Akzent?

Dann hat er vielleicht einen starken afrikanischen Akzent. Er kommt ja auch aus einem anderen Land. Brazzaville liegt eben nicht in Frankreich.

Gibt es über die Sprache hinaus auch andere Themen, die das Gastland begleiten? Wird man denn auch in Ihrem Pavillon oder bei anderen Veranstaltungen die unterschiedlichen Genres erkennen können?

Paul de Sinety ist ständig in Deutschland unterwegs, nicht nur zwischen Paris und Frankfurt, wo es auf dem Messegelände vorab etliches zu klären und zu koordinieren gibt

Da wird es verschiedene Abteilungen geben. Zum Beispiel einen Stand mit Jugendbüchern oder einen anderen mit Bande dessinée (Comic). Die Museen stellen ihre französischen Themen aus. Da wird sich das Städel mit der Ausstellung Matisse – Bonnard präsentieren, während die Schirn gemeinsam mit dem Palais Tokyo zeitgenössische Kunst zeigt. Die Alte Oper Frankfurt wird eine Eröffnungsgala mit dem Orchestre National de Strasbourg mit französischer und deutscher Musik veranstalten. Das Film-Museum wird die Filmfabrik des französischen Cineasten Michel Gondry in einem kleinen Raum vorstellen. Also es gibt auch jede Menge Rahmenprogramm.

Profitiert Frankfurt von der Partnerstadt Lyon? Welche Kooperation gibt es denn da?

Die Bande sind in der Tat sehr eng zwischen den beiden Städten. Natürlich wird auch der Bürgermeister von Lyon kommen. Da wird es auch einen gastronomischen Austausch geben und einen zwischen den Krimi-Autoren. Dann ist das Land Hessen mit der Region „Nouvelle Aquitaine“ verbunden. Da gibt es eine Kooperation, welche die Bande dessinée betrifft. Denn in Angoûlème findet alljährlich der bedeutendste Comic-Salon statt.

Was kann man denn sonst noch über den Ehrengast-Pavillon sagen?

Er wird 500 Quadratmeter umfassen und drei Ausstellungen zeigen: Die Geschichte des französischen Verlagswesens inklusive des Kampfes der Autoren für ihre Rechte, dann eine große Comic-Schau sowie ein digitales Trans-Media-Projekt, bei dem man die französische Literatur entdecken kann. Darüberhinaus wird es eine Veranstaltungsplattform geben, wo die eingeladenen Autoren debattieren, aber auch Schreibwerkstätten für Jugendbuchautoren und Ateliers für Comiczeichner und zur Entspannung schließlich ein französisches Bistrorant.

Wird Macron die Messe eröffnen, wo er nun Präsident geworden ist?

Davon bin ich überzeugt. Und sicher werden ihn neue Minister begleiten.

Welche drei Wünsche haben Sie für das Gelingen der Messe?

Dass diese fünf Tage von Geselligkeit (convivialité), Gastfreundschaft und Zusammengehörigkeit geprägt sind.

Dass diese fünf Tage in Frankfurt dazu beitragen, dass in Frankreich wieder mehr Deutsch und in Deutschland mehr Französisch gelernt wird.

Und zu guter Letzt, dass es eine neue Begeisterung für die kreative Seite der jeweils anderen Sprache gibt und diese in den kommenden Jahren sowohl in Deutschland als auch in Frankreich zelebriert werden.

Ich danke Ihnen für das Gespräch. Viel Erfolg!

Anm.: Das Gespräch fand am 25. April auf Französisch statt. Fotos: Petra Kammann

→Französischer Abend des International Women’s Club of Frankfurt

→„Francfort en français / Frankfurt auf Französisch“ I

→Tanguy Viel und „Le silence de la mer“ – Eine Buchhandlung

„LA DAMOISELLE ÉLUE“ und „JEANNE D‘ARC AU BȖCHER“ an der Oper Frankfurt.

2017, Juni 16.

Die unbequeme Heilige und Nationalheldin Frankreichs

Von Renate Feyerbacher
Fotos: © Barbara Aumüller / Oper Frankfurt

Bedrückend-eindrucksvoll war die Premiere des Poème lyrique „La damoiselle élue“ von Claude Debussy und des dramatischen Oratoriums „Jeanne d’Arc au bûcher“ von Arthur Honegger am 11. Juni 2017. Fast zwei Stunden lang schien das Publikum wie gebannt zu sein, dann feierte es enthusiastisch die Aufführung. Der Beifall galt der Musik-Interpretation, den Sängerinnen und Sängern, der Inszenierung und vor allem der Hauptdarstellerin Johanna Wokalek.

(Jeanne d’Arc au bûcher): Johanna Wokalek (Jeanne d’Arc) und Sébastien Dutrieux (Bruder Dominique) Weiterlesen