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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

45. Römerberggespräche: Was soll das Theater?

2017, Oktober 21.

Über die Zukunft der Städtischen Bühnen – „Die Stadt muss sich bekennen“

Ein Beitrag von Uwe Kammann

Mehr als 50 Jahre waren Frankfurts Städtische Bühnen Schauplatz zahlloser Inszenierungen und erlebten denkwürdige Auseinandersetzungen. Nun ist das Bauwerk, die „Theaterdoppelanlage“, die Schauspiel und Oper umfasst, marode. Wie soll es mit ihnen weitergehen? Neubau oder Sanierung? Von dem Tag an, an dem die möglichen Kosten bekannt wurden, wurden leidenschaftliche und kontroverse Debatten geführt. Da stellte sich auch die Frage nach dem Standort am Willy-Brandt-Platz, sondern auch nach der gesellschaftlichen Position des Theaters. Welche Aufgaben sollen Schauspiel und Oper in Zukunft haben? Die Römerberggespräche wollten in der Diskussion erkunden, welche Gestaltungschancen derzeit bestehen.

Die Doppelanlage: Oper und Schauspiel unter einem Dach 

Zu guter letzt umreißt Schauspielhaus-Intendant Anselm Weber dann doch noch einen auch als seinen Wunsch: Wenn eine Sanierung der Städtischen für rund 200 Millionen Euro möglich wäre, dann, ja dann „bin ich fürs Sanieren und Hierbleiben“. Punktum. Zuvor hatte er sich in der Schlussrunde der Römerberggespräche unter dem doppeldeutigen Titel „Was soll das Theater?“ vorsichtiger geäußert; oder, wie er es mit Blick auf Rahmenbedingungen und politische Realitäten in der Stadt Frankfurt sieht, schlicht praxisnäher: „Ich muss alle Varianten überlegen“. Sprich, im Spektrum von Abriss und Neubau der Theater-Doppelanlage für Schauspiel und Oper am angestammten Willy-Brandt-Platz bis zum alternativen Auszug und Neubau einer der beiden Spielstätten an einem anderen Platz in der Stadt. Varianten und Szenarien, die heftig diskutiert werden, seit eine Machbarkeitsstudie im Auftrag der Stadt den 1963 eröffneten Bau als marode deklariert und als Folge eine Generalremedur mit Gesamtkosten von rund 900 Millionen Euro angenommen hat.

 

Die Intendanten: Anselm Weber,  Schauspiel und Bernd Loebe (Oper)

Was immer nun in Angriff genommen wird: Äußerst schwierig, da waren sich Weber und sein nachbarschaftlicher Opern-Kollege Bernd Loebe völlig einig, wäre ein zeitweiliger Ausweich-Umzug an andere Orte auf jeden Fall. Denn in dafür zu veranschlagenden fünf Jahren (eine Mindestspanne für eine Interims-Lösung) sei ein harter Negativschnitt bei den Einnahmen (im Jahresbudget mit 15 Millionen Euro angenommen) unausweichlich. Eben, weil beispielsweise das Depot in Bockenheim nur knapp 400 Plätze biete, wesentlich weniger als die Oper (rund 1400 Plätze) oder das Schauspielhaus (knapp unter 700 Plätzen).

Für Opernchef Loebe war die perspektivische Generalformel deshalb ebenso klar wie für Anselm Weber: Natürlich sei das Depot als zusätzliche Spielstätte ein „Segen, auch eine Riesenbereicherung“, doch „materiell und ideell“ bekenne er sich „eindeutig zum Standort hier“.

Diese doppelt bekräftige Aussage traf auch unbedingt den kollektiven Wunsch des Publikums bei diesen 45. Römerberggesprächen, welche die Zukunft der Städtischen Bühnen speziell auch unter dem Aspekt der baulichen Möglichkeiten ausloten sollten. Jedenfalls war diese Publikumsvorliege abzulesen, sofern man Interventionen aus dem Plenum und Spontaneität und Intensität von Beifallsbekundungen nach einzelnen Wortbeiträgen vom Podium als Gradmesser nimmt.

Der mehrheitliche Tenor war danach einfach zu umreißen: Die große Theateranlage für Oper und Schauspiel am Willy-Brandt-Platz, gleich gegenüber dem ersten Turm der Europäischen Zentralbank, sollte als herausragendes Beispiel für eine als demokratisch gedachte, offene Bühne der Gesellschaft in dieser Form erhalten bleiben.

Eine vorgeschaltete Runde mit zwei Baukünstlern hatte zwar in dem Kölner Architekten Peter Böhm einen Advocatus Diaboli, der am jetzt 50jährigen gläsernen Längsquader der Bühnen mitsamt der Anhängsel von Verwaltung, Werkstätten und „Gefängnis-Rückseite“ kein gutes Haar ließ und für einen repräsentativen Neubau im Geist des „Schönen, Lustvollen und Liebevollen“ plädierte, den die Bürger stolz ihren Gästen vorführen könnten. Doch seine Grundannahme, dass eben diese Bürger das Festliche suchten, den gesellschaflichen Hoch-Ort zum Repräsentieren (samt einschlägiger Garderobe und dem Nebeneffekt der Geschäftsanbahnung) fiel beim Publikum durch, trotz seines Plädoyers für einen Neubau im Sinne einer „weiterentwickelten Moderne“.

v.l.n.r.: Architekt Peter Böhm, Moderator Alf Mentzer und Architekt Ernst Ulrich Scheffler

Bei seinem Berufskollegen Ernst Ulrich Scheffler – der bei Kulturbauten wie dem Frankfurter Liebighaus seine sensible Handschrift bewiesen hat – verfingen Böhms vorausgehende Fingerzeige auf die historischen Beispiele der Opern in Paris, Dresden und Wien ebenfalls nicht. Er verwies auf die tief verankerte Programmatik und die Werte des jetzigen Frankfurter Baus: ein Spiel- und Verständigungshaus zu sein für eine „hierarchiefreie Bürgergesellschaft“, im Kontrast zu einer geschlossenen Gesellschaft. Eine solche in der Konzeption und in der Ausführung manifestierte Offenheit sei eine „große Tugend“.

Bei allen Schwächen des hinteren Werkstattteils („chaotisch“) sei der vordere Teil mit seinem großzügigen transparenten Foyer zu erhalten. Auch andere Argumente sprächen für den Bau. So sei er ein bedeutender Ort der Geistesgeschichte mit jetzt ganz eigener Tradition, und funktional sei der Platz mit seinen U-Bahnlinien bestens erschlossen. Der von manchen als willkommene Neubau-Folge beschworene Bilbao-Effekt schwäche sich in der Regel ab, und ohnehin: „Man muss nicht alle 20 Jahre wieder umbauen“. Eine Stimme aus dem Publikum sekundierte später: „Das Gebäude trägt noch heute“, als „gelungene Darstellung des Bürgertums in einer seit jeher bürgerlichen Stadt“ sei es „genial und erhaltenswert“.

Und die heutigen politischen Verantwortlichen dieser stolzen Bürgerstadt? Sie glänzten bei diesen Römerberggesprächen mit vollständiger Abwesenheit – trotz vielfacher Bemühungen der Veranstalter um Repräsentanten auf den Podien. Eine systematische, gewollte Enthaltsamkeit? Kritische Bemerkungen der beiden Intendanten zur Lage im politischen Feld lassen dies als wahrscheinlich annehmen.

Selbstverständlich sei es eine „politische Entscheidung“, so Weber, ob die Stadt auch künftig ein Theater mit überregionaler Bedeutung haben wolle. Diese Diskussion müsse im Römer geführt werden: „Schweigen ist der falsche Weg“. Er warnte davor, diese Diskussion nicht zu führen und „den Kopf in den Sand zu stecken“ – womöglich, so Bernd Loebes Verdacht, „aus Furcht vor dem Verlust von Wählerstimmen“ (Ende Februar kommenden Jahres stehen schließlich die Oberbürgermeister-Wahlen in Frankfurt an).

Natürlich, so Weber, gehe es vor dem Hintergrund des Rahmens der Machbarkeitsstudie auch billiger (auf Kosten der technischen Bühnenausstattung und damit des künstlerischen Potentials). Ausgangspunkt sei bei einem Neubauvolumen von 100.000 Brutto-Quadratmeter für Schauspiel und Oper die „realistische Zahl von 600 Millionen“. Doch sie, die Intendanten, könnten eben über die künftige Bedeutung der Bühnen nicht entscheiden, dies sei Sache der Politik.

Doch dort, so klagte auch Bernd Loebe ganz konkret, sei „ein Vakuum zu spüren“, es herrsche „ein Gefühl von Stillstand“, mit der Folge: „So wissen wir nicht, in welche Richtung wir arbeiten sollen.“ Die Stadt, der Oberbürgermeister müssten sich in Sachen Zukunft der Städtischen Bühnen „bekennen“. „Wir jedenfalls“, das unterstrich Anselm Weber ganz deutlich, „werden uns nicht hinstellen und sagen, wir schaffen uns ab.“

(FeuilletonFrankfurt wird auf weitere Aspekte dieser Römberberg-Gespräche zurückkommen).

Alle Fotos: Uwe Kammann

„Peter Grimes“ von Benjamin Britten an der Oper Frankfurt

2017, Oktober 20.

Treibjagd: „Wer sich abseits stellt und uns verachtet, den vernichten wir.“

Text: Renate Feyerbacher

Fotos: Monika Rittershaus/Oper Frankfurt und Renate Feyerbacher

Die Oper „Peter Grimes“ von Benjamin Britten war zuletzt vor 16 Jahren auf der Frankfurter Opernbühne zu sehen. Nun gab es eine Neuinszenierung des englischen Regisseurs Keith Warner. Das gesamte Team wurde vom Publikum nach der Premiere am 8.Oktober beklatscht. Bei der Premierenfeier gab es allerdings unterschiedliche Meinungen zur Musik und zur Inszenierung. Zu naturalistisch, hieß es einmal, genau richtig, ein andermal, Auch: Musik gefällt mir nicht.

Im Prolog muss sich Peter Grimes vor Gericht verantworten, er ist angeklagt, weil ein Lehrjunge bei der Bootsfahrt ums Leben kam. Trotz Freispruch kursieren die Gerüchte um den Fischer weiterhin. Seine Anklagebank: ein Boot, ein Bild der Isolation. Peter wird wie Woyzeck ‚ausgestellt‘. Von der Ausgrenzung betroffen war auch der Komponist, als Kriesgdienstverweigerer und als Homosexueller. Isolation und Misserfolg bei den Kritikern begleiteten Brittens Leben.

Vincent Wolfsteiner als Peter Grimes; Foto: Monika Rittershaus

Die Einsamkeit des Menschen, die Einsamkeit in der Masse, das ist denn auch das Hauptmotiv, das Benjamin Britten (1913-1976) beschäftigte. Während seines Aufenthaltes in den USA las er 1941 die dramatische Verserzählung „The Borough“ (Die Kleinstadt) vom englischen Poeten Georges Crabbe (1754-1832), der ähnlich wie er in der Grafschaft Suffolk an der östlichen Küste Englands geboren wurde. Speziell die Geschichte des Fischers Peter Grimes weckte seine Sehnsucht nach der Heimat und sein Interesse an einem Opernstoff. Es fand sich ein Auftraggeber und Britten kehrte mitten im Krieg 1942 nach England zurück, zusammen mit seinem Lebensgefährten, dem weltberühmten Lied- und Opernsänger Peter Pears, für den er viele Tenorpartien komponierte. Fast zwei Jahre hat die Arbeit am Libretto von Montagu Slater gedauert.

Crabbes Peter Grimes war stur, rebellisch, als Erwachsener gewalttätig und zudem noch ein Trinker. Aus dem Schurken wurde in der Oper ein Einzelgänger, sympathisch, zurückhaltend, frustriert, aber noch von Wünschen und Hoffnungen beseelt, reich zu werden und Ellen Orford, die Lehrerin, die zu ihm hielt, heiraten zu können. „Not a bad man.“ Als er sich physisch-psychisch eingekesselt sieht, wird er aber auch gewalttätig. Bleibt die Frage, ob Peter Grimes am Ende doch ein Mörder sein könnte. Auch der zweite Lehrjunge kommt um.

Die Uraufführrung fand am 7. Juni 1945 am Sadler’s Wells Theatre, London statt, kurz nach Kriegsende und wenige Wochen vor den Atombombenabwürfen in Hiroshima und Nagasaki.

Vincent Wolfsteiner; Foto: Renate Feyerbacher

„Das Ostinato des Meeres“ ist eine Konstante sowohl im Leben als auch im Werk des Komponisten, schreibt Norbert Abels, Chefdramaturg an der Oper Frankfurt in seiner neuen Britten-Biografie: „Vom Meer trennte er sich niemals.“ Schon als Kind hatte Britten diesen engen Kontakt zum Meer. Vom Haus seiner Eltern in Lowestoft hatte er die wilden Stürme, die oftmals Schiffe an die Küste warfen und ganze Strecken der benachbarten Klippen wegrissen, beobachtet. In „Peter Grimes“ hat man das Gefühl, die tobende See genauso zu erfahren wie in seiner anderen Oper „Billy Budd“.

Die Angst der Dorfbewohner vor den Stürmen ist in den aufwühlenden Chören mitzuerleben. Der Chor hat den größten Part, mit etlichen a capella-Einschüben. Chordirektor Tilman Michael führt die 80 Sängerinnen und Sänger zu einem Gipfel des Chorgesangs. Das ist einmalig. Gänsehaut bildet sich, wenn das ständig wiederholte „Peter Grimes“ gerufen wird. Very british kommen die drunken songs rüber.

 Sara Jakubiak als Ellen Orford, Vincent Wolfsteiner als Peter Grimes und Theodor Landes als Lehrjunge John; Foto: Monika Rittershaus

Sind Bühnenbild und Inszenierung zu naturalistisch? Ich empfand es nicht so. Bis auf wenige Einschränkungen fand dort ein spannendes Geschehen statt. Der große Bühnenraum strahlt Unendlichkeit aus, aber auch Begrenzung durch Wände, durch Kaimauern. Das ist entsprechend der Figur. dialektisch angelegt. Das Bühnenbild des Engländers Ashley Martin-Davis verändert sich immer wieder: Enge und Erfahrung der Weite wechseln sich ab. Licht und Schatten (Olaf Winter) unterstützen gezielt die Momente der Ruhe und der Bewegung, die Keith Warner präzise festlegt.

Keith Warner, einer der bedeutendsten Regisseure der Gegenwart, ist ständiger Gast an der Oper Frankfurt (Falstaff, Hänsel und Gretel). Als 17jähriger beobachtete er mit seinem Freund Fischerboote, als sie Benjamin Britten und Peter Pears mit ihrem Dackel namens Gilda beim Spaziergang sahen, so erzählt er bei Oper extra. Er traute sich nicht, sie anzusprechen, worüber er sich noch heute schämte.

Warner gelingt es eindrücklich, die Dorfbewohner, zunächst Individuen, zur Horde mutieren zu lassen. Es ist spannend zu erleben, wie die Aggressivität aufgebaut wird, die sich fast in Wahnsinn ergeht. Seine Personenführung ist exzellent. Den Hauptprotagonisten Peter Grimes, dargestellt und gesungen von Vincent Wolfsteiner, leitet er in psychologische Tiefen. Ensemblemitglied Wolfsteiner, der zunächst Musik studierte, als Tonmeister und Produzent arbeitete, kam erst spät in den USA zum Gesang. Er ist begeistert von der außergewöhnlichen Zusammenarbeit mit dem Regisseur. Intensiv war sein Rollenstudium. Heute sei er fähig, diese englische Partie zu singen, was ihm auch vorzüglich gelingt.

Seine Wagner geübte Tenorstimme, die mal ausbricht, mal lyrisch ist, schafft eine dynamische Interpretation. Sara Jakubiak (Die Passagierin, Eugen Onegin) als Lehrerin Ellen Orford verleiht ihrem Sopran wunderbare Kontur. James Rutherford als Captain Balstrode, der seine Hand über Peter Grimes hält und mit Ellen zusammenarbeitet, Peter aber am Ende zum Suizid im Meer rät, gefällt durch seinen warmen, wohltönenden Bariton. Sensationell ist der Auftritt der gebürtigen Amerikanerin Jane Henschel von der Düsseldorfer Oper am Rhein ist eine der renommiertesten Mezzosopranistinnen. Erstmals ist sie Gast an der Oper Frankfurt in der Rolle der Pubwirtin Auntie. Diese Rolle scheint sie aus dem Effeff zu kennen. Ihre nervigen, sich prostituierenden Nichten meistern Sydney Mancasola und Angela Vallone mit viel Spielfreude.

v.l.n.r.: Sydney Mancasola als First Niece; mit dem Rücken zum Betrachter, AJ Glueckert als Bob Boles und Jane Henschel als Auntie, rechts; im Hintergrund Ensemble; Foto: Monika Rittershaus

Einmalig kompositorisch und gekonnt interpretiert das Quartett der vier Frauen: Auntie, Nichten und Ellen, in dem sie sich über die Männer auslassen, die sie missbrauchen und dann Mitleid haben. Das Lied „Lächeln oder weinen wir, oder warten wir still, bis sie schlafen“ ist ein Opernjuwel, das von der Solidarität der Frauen handelt, die auch in Isolation leben.

Die Suche nach den verschwundenen Kindern wird von der tratschenden Mrs. Sedley (Hedwig Fassbender) angefeuert. Sie baut Peter Grimes als Feindbild auf, um von sich abzulenken. Denn sie greift zu Rauschgift und ist abhängig, steht also selbst auf der gesellschaftlichen Abschussliste.

Wie zu erwarten, dirigiert Sebastian Weigle ein hochmotiviertes Frankfurter Opern- und Museumsorchester. Viel Beifall für die Musiker und ihren Chef, die auf hohem, überzeugendem Niveau das Wechselspiel zwischen dramatischen und sich beruhigenden Situationen interpretiert. Die sechs Opernzwischenspiele, eine Besonderheit der Oper, die nur indirekt zum Drama beitragen, vertieften diesen Eindruck.

Weitere Aufführungen von „Peter Grimes“ am 22. und 27. Oktober (im Anschluss OPER Lieben), am 5. und 11. November 2017

 

Absolventenausstellung 2017 der Städelschule – Absolventenpreis an Leda Bourgogne

2017, Oktober 19.

Von Erhard Metz

„Home of the Brave“ – so heißt die diesjährige Absolventenausstellung der die Kunst-Alma Mater verlassenden Studierenden der Städelschule (offiziell Staatliche Hochschule für Bildende Künste). „Home of the Brave“ – kennen wir nicht als langjähriges Mitglied der Steuben-Schurz-Gesellschaft diese Zeile? Genau, so endet der Refrain der vier Strophen des „Star-Spangled Banner“, der Nationalhymne der Vereinigten Staaten von Amerika „O’er the land of the free and the home of the brave“. Also: aufstehen und rechte Hand aufs Herz! Das alles im Frankfurter MMK 3 und sogar in Teilen des mittlerweile schon fast altehrwürdigen MMK 1? Das wörtliche Zitat aus dem Refrain der Hymne als Motto der Ausstellung kann sich uns – in Zeiten eines vielfach und weltweit in der Kritik stehenden Präsidenten Donald Trump – im Kontext der Ausstellung politisch erschließen, könnte sich aber auch auf die Situation der Studierenden der Hochschule als sozusagen „Heimstatt der Tapferen“ in einer zunehmend komplexer und unübersichtlicher werdenden Welt beziehen.

Es ist sicherlich dem Zufall geschuldet, dass in diesem Jahr mit 38 Studierenden ein quantitativ besonders starker Jahrgang die weltweit renommierte Hochschule verläßt – unabhängig davon halten wir die Schau für die qualitativ beste Absolventenausstellung, die wir seit dem Jahr 2007 beobachtet haben. In der großzügigen Ausstellungsarchitektur im MMK 3 (Zollamtssaal im Haus am Dom) und – erstmalig in diesem Jahr – in Räumen des Mutterhauses MMK1, dort hauptsächlich im Dreieckssaal der Ebene 1, erhalten die Absolventenarbeiten eine adäquate Präsentationsplattform und die angesichts vieler großformatiger Werke notwendige „Luft zum Atmen“. Apropos „Werke“: Vielen dieser Absolventenarbeiten messen wir, auch eingedenk des Werkbegriffs, tatsächlich bereits eine solche Qualität bei.

Ein besonderes Lob gebührt dem Kurator der Ausstellung Sergey Harutoonian, derzeit Assistent in der Sammlungsleitung des Museums, der die sich neu eröffnenden räumlichen Möglichkeiten exzellent bespielte und beredt wie informativ durch das Pressepreview führte.

↑ Peter Gorschlüter, Kommissarischer Direktor des MMK (li.), und Professor Philippe Pirotte, Rektor der Städelschule, im Pressepreview
↓ Sergey Harutoonian, Assistent in der Sammlungsleitung des MMK und Kurator der diesjährigen Ausstellung, vor der Arbeit „Ventilation Baby 1 und Ventilation Baby 2“ (2017) der Absolventenpreisträgerin Leda Bourgogne
Fotos: Erhard Metz

Die Trägerin des zum 15. Mal verliehenen, wieder mit 2.000 Euro dotierten Absolventenpreises des Vereins Städelschule Portikus e.V. heißt Leda Bourgogne aus der Klasse von Professorin Judith Hopf. Wir schätzen ihre Arbeiten bereits seit den jährlichen Rundgangsveranstaltungen durch die Städelschule. Die Jury – Jule Hillgärtner (Direktorin Kunstverein Braunschweig), Mario Kramer (Sammlungsleiter MMK), Katharina Momberger (Städelschule Portikus e.V.) und Fabian Schöneich (Kurator Portikus) – entschied sich einstimmig für die Künstlerin-Studentin mit ihrer aktuellen mehrteiligen Präsentation „Polie“, „Ventilation Baby 1-2“ und „Spinal Cord“ mit der Begründung: „Die Werkgruppe überzeugte die Jury durch die ungewöhnliche malerische Qualität in der Auseinandersetzung mit performativen Elementen und einem experimentellen Umgang mit den Medien. Zudem überzeugte die Präsentation als Installation im Raum“.

Leda Bourgogne; Bildnachweis MMK, Foto: Thomas Schröder

FeuilletonFrankfurt gratuliert herzlich!

Leda Bourgogne, 1989 in Wien geboren, studierte von 2011 bis 2017 an der Städelschule freie Bildende Kunst und – 2015/2016 – Komparatistik an der Goethe Universität Frankfurt. Zuvor hatte sie an der Universität Zürich (2009 bis 2011) Deutsche Philologie und Filmwissenschaften studiert.

Die weiteren Absolventen des Jahrgangs sind: Amy Ball, Helga Bärnarp, Lars Karl Becker, Felix Bolze, Damien Butler, Il-Jin Atem Choi, Ben Clement, Lennart Constant, Ryan Cullen, Bradley Davies, Eliza Douglas, Zoë Field, Mikael Fransson, Hanna-Maria Hammari, Julian Irlinger, Dan Kwon, Laura Langer, Cheonghye-Sophia, Mickael Marman, Max Eulitz, Tomás Nervi, Richard Nikl, Vera Palme, Riccardo Paratore, Tetsuro Pecoraro, Nicholas Pittman, Natalia Rolón Sotelo, Mahsa Saloor, Sathit Sattarasart, Enzo Shalom, Noriko Takizawa, Alexander Tillegreen, James Tunks, Alexey Vanushkin, Anna Susanna Woof, Reece York, Julia Żabowska aus den Klassen von Monika Baer, Peter Fischli, Douglas Gordon, Judith Hopf, Michael Krebber, Tobias Rehberger, Willem de Rooij, Amy Sillman und Josef Strau.

Zur Ausstellung erschien ein origineller, von den Absolventen gestalteter Katalog.

„Home of the Brave“, Museum für Moderne Kunst MMK1 und MMK3, bis zum 12. November 2017

→ Städelschule: Rundgang 2015 (7)
→ Städelschule: Rundgang 2015 (2)

Nachlese Buchmesse: Sprachkultur in Frankreich und Deutschland: Une nation une langue? Unterschiede, Berührungen, Grenzgänge

2017, Oktober 18.

Tout va bien? Über die Basis von Missverständnissen

Unterschiede, Berührungen und Grenzgänge

Eindrücke von Petra Kammann

↑ v.l.n.r.: Prof. Roland Kaehlbrandt, Polytechnische Stiftung, Prof. Hélène Carrière d’Encausse, Académie française und Prof. Heinrich Detering, Akademie für Sprache und Dichtung, Walther von Wietzlow†, Präsident der Polytechnischen Gesellschaft

Wer Deutschland und Frankreich kennt, ist immer wieder erstaunt, sind doch die Unterschiede so befremdend wie faszinierend und anregend. Frankreichs Sprachkultur ist eine ganz besondere, jahrhundertelang geprägt von Hof und Staat und von den Regeln der Académie Française. Ganz anders als bei uns. Die deutsche Sprache wurde als Volkssprache gegen Klerus und Adel „von unten“ auf den Weg gebracht, indem man dem Volk und nicht den Regeln „aufs Maul schaute“. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung sieht heute anders als ihre „vornehme Schwester in Paris“ ihre Aufgabe darin, die deutsche Sprache und Dichtung durch das, was maßgeblich zu sein scheint, zu fördern mit Hilfe von Konferenzen, Veröffentlichungen und Auszeichnungen. Unter dem Titel „Unser Bezug zur Sprache – Sprachkultur in Frankreich und Deutschland: Unterschiede, Berührungen, Grenzgänge“ wurde auf einem bemerkenswerten Kolloquium der Versuch unternommen, die unterschiedlichen Sprachkulturen in Deutschland und Frankreich mit Hilfe von „Grenzgängern“ beider Kulturen einander näher zu bringen. Nur so können auch gemeinsame Zukunftsperspektiven sinnvoll herausgearbeitet werden. Zu dieser Veranstaltung der Polytechnischen Stiftung hatte das Organisationskommittee „Frankfurt auf Französisch“, das Institut Franco-Allemand de Sciences Historiques et Sociales (IFRA/SHS) in Zusammenarbeit mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels eine besonders kompetente und hochrangige Sprachexpertenrunde zusammengestellt, die sich im Vorfeld der Buchmesse im „Haus des Buches“ in Frankfurt nachhaltig austauschen konnte.

 

↑ Professor Pierre Monnet, Leiter des Institut Franco-Allemand (IFRA), moderierte die Veranstaltung und nahm auch an einer Diskussionsrunde „So verschieden und doch so nah: Berührungen und Grenzgänge – Sprachkontakte zwischen Französisch und Deutsch in Literatur, Geschichte, Philosophie“ teil

Liebeserklärung an das Französische?

„Ich erinnere mich noch genau an den ersten französischen Satz, den ich las. Kurz vor den Sommerferien. Mit fünfzehn. Ich war mit meinen Frankfurter Freundinnen in den Stadtwald geradelt. Wir hatten an einer Lichtung gehalten und uns ins Gras gelegt. Und während sie den Proviant auspackten und eine karierte Wolldecke ausbreiteten, die irgendwie nach Hund roch, schlug ich das Buch voller Ungeduld auf.“ …Es klingt verführerisch, wenn die heute in Paris lebende Autorin Gila Lustiger im nüchternen Buchhändlerhaus ihre ersten französischen Worte, denen ein Zauber innewohnte, mit ihrer sonoren Stimme spricht: „Eh bien, prince, que vous disais-je ?“

→ Gila Lustiger

Dieser Ausspruch ist jedoch nicht etwa einer Szene aus einem französischen Roman entnommen, sondern aus Tolstois „Krieg und Frieden“, wo die Hofdame Anna Pawlowna Scherer die Gäste in ihrem Salon in der Umgangssprache des Adels begrüßt, als nämlich der dekorierte Fürst Wassil in den Salon tritt und sie ihm diese Frage stellt und er „sein kahles, parfümiertes Haupt der hingereichten Hand entgegenneigt, um sie zu küssen.“ Die Liebe zur französischen Sprache hat für Gila Lustiger hier einen Umweg über ein drittes Medium genommen, den russischen Roman, den die Jugendliche auf Deutsch las und in den Tolstoi etliche französische Sätze eingestreut hat, um die damaligen Umgangsformen so getreu wie möglich wiederzuspiegeln.

Eine ähnliche Erfahrung machte die in Israel geborene, in Frankfurt aufgewachsene und heute in Paris lebende Autorin, deren Essay „Erschütterung – Über den Terror“ kürzlich im Berlin Verlag erschienen ist, als sie vor vielen Jahren  Thomas Manns „Zauberberg“ las. Darin fragt Joachim seinen Vetter Hans Castorp: „Meinst du, dass er Mut genug hätte, de se perdre ou même de se laisser dépérir?“, woraufhin der gerade in den Schweizer Bergen Angekommene empört erwidert: „Was fängst du an, französisch zu sprechen?“

Gila Lustiger findet etliche weitere Beispiele aus der Literaturgeschichte, in der mehrsprachige Dialoge auch ein Mittel der Ästhetik und Welterfahrung sind. Denn der mehrsprachige Dialog sei nicht nur für Thomas Mann ein Kunstmittel, wenngleich „Vielsprachigkeit mit all den Problemen, die damit auch verbunden sein können“, zu Manns Lebenserfahrung und Ästhetik gehörte.

Die spätere Studentin der Komparatistik entdeckt natürlich auch die französische Literatur und ganz besonders den Großmeister der Erzählung Gustave Flaubert, den sie vor allem liebte. Auf dessen Genauigkeit in der Beschreibungskunst macht sie  besonders aufmerksam und stellte sich dabei die Frage:„Ist das, was er schreibt, typisch französisch? Vielleicht. Doch nur einer, der schaut, bis es schmerzt, der sich nicht ablenken lässt, der alles registriert, nur einer, der das, was er sieht, auch aufzuzeichnen weiß, der es notiert, skizziert, diagnostiziert, datiert, katalogisiert. Wie schaut dieser Schriftsteller denn, fragte ich mich. Wie konnte man überhaupt so schauen? Mit solch einem feinen Blick. Und wie konnte man das alles so akribisch festhalten? Bis ins allerkleinste, unerheblichste Detail. Und wie schaffte man es, die Einzelheiten durch eine einfache Aneinanderreihung emotional so aufzuladen? Ja, wie ging das denn, dass dadurch ein Sittenbild entstand?“„Nur einer, der das was er sieht, so bedachtsam, so lakonisch beschreibt wie er, der das zuvor Notierte verwirft und es neu formuliert, neu beleuchtet, nur einer, der ganze Seiten füllt, bis die Augen schmerzen und der Rücken schmerzt, nur so einer bannt die Wirklichkeit mit Sprache.“ Nicht die Reinheit der Sprache ist es also, welche die Autorin fasziniert, sondern das Aufnehmen der Realität durch die angemessene Sprache.

Allmähliche Annäherung an das Deutsche

Ganz anders sieht die erste Begegnung mit der deutschen Sprache für Alain Lance, den renommierten Übersetzer ins Französische, aus. Sie ähnelte eher einem Schockerlebnis. Das war nämlich in den 40er Jahren, als in Frankreich das Wort Achtung ! (wohlgemerkt mit Ausrufungszeichen) kursierte, das ihm wohl durch die Besatzungssoldaten in Paris und durch die intuitive Wiederholung aus dem Mund der Mutter vertraut war. So schilderte Lance mehr die Ursprünge der wachsenden Zuneigung zur deutschen Sprache und vermied das Wort „Liebeserklärung“, weil das Wort „Erklärung“ (déclaration“) für ihn belegt war, spricht man  doch auch von „Kriegserklärung“. Lance hat sehr viel später nicht nur Christa Wolf, Volker Braun oder Ingo Schulze ins Französische übertragen. Als Leiter des Institut français hat er 1989 gemeinsam mit seinem damaligen „Praktikanten“ Pierre Monnet (s.o.) das Schwerpunktthema Frankreich für die Frankfurter Buchmesse vorbereitet und ist daher bestens mit dem Thema der wechselseitigen Beziehung vertraut.

 → Alain Lance

Sein Vater wiederum, der in der Nähe von Trier Kriegsgefangener gewesen war, hatte eine herzliche Beziehung zu einem wackeren schwäbischen Bauernnamens Hermann entwickelt, der ihm ein rudimentäres Deutsch beigebracht hatte, weswegen der Vater seinem Sohn riet, im Gymnasium doch Deutsch zu lernen, auch wenn der Vater immer noch von den „chleus“ (etwa: die Barbaren, die schleuh sprechen) sprach. Aber er unterschied zwischen den Greueltaten der Nazis und individuellen Deutschen.

So geriet Alain Lance dann auch mit 16 nach Tübingen. Da kannte er bereits deutsche Gedichte wie „Das Heidenröslein“ oder „Die Loreley“ auswendig. Um sich aber auch dem Alltagsdeutsch anzunähern, verbrachte er nach und nach die Sommer in Deutschland, studierte Germanistik und bekam nach dem Algerienkrieg auch Lust, die DDR, als das „andere Deutschland“ für sich zu erkunden, studierte zwei Semester lang bei Hans Mayer in Leipzig, kurz bevor dieser wiederum nach Tübingen ausreiste, lernte den sächsischen Akzent, die musikalische Tradition des Gewandhauses und der Thomaskirche kennen, bekam ein musikalisches Ohr.

Durch Günter Mieth kam er mit dem Hyperion von Hölderlin in Berührung und lernte später an der Ost-Berliner Akademie 1964 den ostdeutschen Schriftsteller Stephan Hermlin kennen und mit ihm die literarische Zeitschrift „Sinn und Form“, in der er wiederum den Lyriker Volker Braun entdeckte, den er seither übersetzte und dessen Texte 1970, nachdem Lance zwei Jahre zusätzlich im Iran verbracht hatte, unter dem Titel Provocations pour moi et d’autres endlich auch in Frankreich erschienen.

Zurück in Paris, unterrichtete Lance Deutsch als erste Fremdsprache am Gymnasium. Da hatte er bereits auch den Reiz des gesungenen Deutsch entdeckt, etwa durch die Brecht-Vertonungen und durch den rauhen Charme der Chansonniere Gisela May: Nimms von den Pflaumen im Herbste/ Wo reif zum Pflücken sind/ Und haben Furcht vorm mächt’gen Sturm/ und Lust auf’n kleinen Wind … Beeindruckt war er ebenfalls von dem elsässischen Schriftsteller und Renaudot-Preisträger Alfred Kern. In Paris dann begegnete Lance seiner späteren Frau Renate, einer Marburger Studentin, die zum Studium an das Centre national de la recherche scientifique gekommen war, um über Heinrich Heine und Louis Aragons Briefwechsel zu arbeiten, der damals folgende Zeilen schrieb: „J’aimais déjà les étrangères quand j’étais un petit enfant…/ Schon als kleines Kind liebte ich die Ausländer“. Es wurde eine folgenreiche Begegnung.

Die Autoren Volker Braun und Alfred Kern wurden Renate und Alains Trauzeugen. Beruflich wurden die beiden ebenfalls ein Paar. Als Alain Lance „Kein Ort. Nirgends“ von Christa Wolf ins Französische übersetzte, wurde der Austausch der beiden über Sprachnuancen so intensiv, dass er von einer Übersetzerarbeit zu vier Händen sprach. Trotz dieser intensiven Erfahrung bekannte Lance auf dem Frankfurter Kolloqium, dass das Deutsche für ihn bis heute sowohl etwas Vertrautes und zugleich auch etwas Fremdes geblieben sei, was nicht bedeutet, dass er deshalb etwa den Rückgang des Deutschen in Frankreich sehr bedauere und sich daran störe, wenn er im Radio auf dem Sender „France-Culture“ den Schriftsteller auf „Englisch“ als „Piter Handke“ oder „Qualter Benjamin“ präsentiert bekommt.

Denglisches Navigieren

Dass es zwischen den verschiedenen Kulturen, die einerseits nach wie vor von den Folgen der einschneidenden Kriege, andrerseits von dem Verlust der Sprach- und Kulturkenntnisse insgesamt geprägt sind, immer noch oder schon wieder knirscht, konnte man in den verschiedensten Ausprägungen der Beiträge erleben, die ich selbst leider nicht alle habe wahrnehmen können. Das fremde Wort oder das Fremdwort, von dem der Frankfurter Philosoph Theodor W. Adorno als vom „Wort aus der Fremde“ sprach, scheint sich heute eher aus dem globalen und bisweilen missverstandenen Englisch zu speisen. So steuerte der zum Kolloquium geladene Prof. Heinrich Detering, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, mit einem so köstlichen wie bezeichnenden Beispiel aus der Navgiationssprache bei und schilderte seine Kulturreise in einem Mietwagen mit Navigationsgerät von Vence über Saint Paul ins südfranzösische Nizza.

→ Prof. Heinrich Detering

„Man bewundert die Architektur der alten Dörfer und Städte, die herrlichen Ausblicke von den Bergen aufs Meer, man ist entzückt über die Fresken Chagalls und die Kirchenfenster von Matisse. Einer der vier, der Mieter des Wagens, hat klugerweise daran gedacht, aus Deutschland sein eigenes Navigationsgerät mitzubringen, damit man sich auf den verschlungenen Landstraßen nicht verfährt. So ertönt während der Fahrt aus dem kleinen Lautsprecher immer wieder die freundliche Frauenstimme, die ihre gewohnten Anweisungen gibt. Nur – was sagt sie da eigentlich? „An der nächsten Kreuzung abbiegen in die Avenu-e dess Alpess“, sagt sie. „Nach einem Kilometer nach rechts in die Ru-e Henry Matis-se, Richtung Saint [wie ‚weint‘] Paul [wie in ‚Peter und Paul‘]“. Kein Zweifel, unsere deutsche Navigationsdame, die freundliche Stimme aus dem Weltall, kann kein Französisch. Sie weiß offenkundig noch nicht einmal, weil kein Mensch es ihr einprogrammiert hat, dass diese Sprache überhaupt existiert. Sie weiß davon so wenig wie von, mit ihren Worten, Mar-sei-le und Seint Tropp-etz. Für diese Stimme gibt es kein Frankreich.

Also, das ließe sich folgern, gibt es in ihrem für deutsche Autobahnen gemachten Programm einfach keine Fremdsprache? Weit gefehlt. Als wir uns der Hauptstadt nähern, sagt die Stimme tatsächlich (ich habe es nicht erfunden): „Nach acht Kilometern erreichen sie Nais.“ Das ist der Tiefpunkt unter dem Tiefpunkt: dass sie dieses eine Mal wirklich den französischen Ortsnamen statt des deutschen sagen will und dass sie ihn für einen englischen hält. „Nizza“, das heißt auf Fremd nicht „Nice“, sondern nice.“

Der Akademiepräsident, der anlässlich der Tagung sein durchaus elaboriertes Schulfranzösisch in seinem Grußwort herausgeholt hatte, hatte ebenfalls geschworen, dass er sich aufgrund dieser Erfahrung wieder dem Gebrauch der Vervollkommnung seiner Französischkenntnisse widmen würde. Damit wäre er in beiden Ländern ein leuchtendes Vorbild.

Dass Sprache und Kultur unmittelbar miteinander verbunden sind, und das Verstehen der anderen auch immer mit Hintergrundwissen verbunden ist, machte diese herausragende Tagung der Polytechnischen Stiftung deutlich. Hätte diese Erkenntnis sich in dem kaleidoskopartigen Europa durchgesetzt, wäre vermutlich manch heftige Auseinandersetzung anders ausgegangen. Und wie lautete das abschließende Thema, mit dem Barbara Cassin sich beschäftigte: „Eine Sprache kann man nicht besitzen“. Das wiederum hat uns der französische Philosoph Derrida gelehrt. Und man möchte ergänzen: aber man kann sie sich erarbeiten.

Eben erfuhren wir vom plötzlichen Tod des Präsidenten der Polytechnischen Gesellschaft Walther von Wietzlow, der noch am Kolloquium teilgenommen hat (s. Foto) und sind bestürzt. Die von ihm gestaltete Feier zum 200-jährigen Jubiläum der Polytechnischen Gesellschaft 2016 wird vielen in bester Erinnerung bleiben. Unter dem Motto ‚Zukunft entdecken‘ konzipierte er zahlreiche Vortragsveranstaltungen von hohem Niveau.

Alle Fotos: Petra Kammann

Buchmesse – Nach-Lese: Der Hessischer Film- und Kinopreis

2017, Oktober 17.

Glanzvolle Film-Gala in der Alten Oper

Text und Fotos: Renate Feyerbacher

Zur 28. Preisverleihung des Hessischen Film- und Kinopreises waren der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier, Kunst- und Kulturminister Boris Rhein und viele Filmschaffende in die Alte Oper gekommen. Unter den Prominenten: die Schauspieler Ulrich Turkur, Jasna Fritzi Bauer, Corinna Harfouch, Caroline Peters, Tijan Marei, Jens Harzer, Ernst Stötzner, Manfred Zapatka, als Nominierte der Kategorien Beste Schauspielerin und Bester Schauspieler sowie Jörg Schüttauf, Josefine Preuß, August Zirner, Margareta Broich, ehemalige Ehrenpreisträgerin und Florian Bartholmäi, der in Berlin lebende Frankfurter als Jurymitglied. Umrahmt war die Show von Auftritten der Frankfurter Stage Musical School und der Pop-Sängerin Cassandra Steen. Moderiert wurde sie professionell von Schauspieler Jochen Schropp, weniger gekonnt und unsicher von den jungen Nachwuchshoffnungen. Insgesamt war es ein kurzweiliges, festlich-glanzvolles Ereignis.

Ulrich Tukur, Corinna Harfouch, Jens Harzer und Jasna Fritzi Bauer

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