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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Paris, mon amour – Ein poetisches Sinnenerlebnis

14. Januar 2017

hr2-Kulturlunch mit einer musikalisch-literarischen Liebeserklärung an Paris, die faszinierende Metropole an der Seine

Impressionen von Petra Kammann

Paris – die Stadt der Liebe? Das Paris-Bild hat sich seit den Anschlägen vom 13. November 2015 gewandelt, so scheint es. Denn der Terrorismus machte Paris zu einer verwundeten Stadt. Die Unbeschwertheit, die berühmte französische „Joie de vivre“, hat die Stadt seit dem Terror verloren. Auf den Straßen, in den öffentlichen Verkehrsmitteln sah man seither statt eng umschlungener Liebespaare und Touristen eher patroullierende Soldaten und Zivilpolizisten. Und noch immer gilt im Land der Ausnahmezustand. Aber das Leben geht weiter. Allen Unkenrufen zum Trotz haben die Franzosen ihr altes Leben wieder aufgenommen, sitzen in den Cafés, trinken Rotwein, gehen in Ausstellungen, besuchen ihre Cabarets und fahren natürlich auch Métro.

Und umso schöner, dass nun der Hessische Rundfunk mit seinem begehrten hr2-Kulturlunch Anfang Januar 2017 an ein poetisches Paris erinnerte, das Sehnsüchte an eine quicklebendige Metropole, die man einfach lieben muss, wieder wachsen ließ: „Paris, mon amour!“

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Als Paris-Kenner las der Schauspieler Wolfram Koch die sehr verschiedenartigen literarischen Texte passgenau und Angelika Bierbaum fand die richtigen überleitenden Worte

Paris ist Mythos und Klischee zugleich. Und Paris ist so vielfältig wie die Liebe selbst. Dieser Sehnsuchtsort, Kulisse unzähliger Filme und Romane, Brennpunkt europäischer Kunst, Mode und Lebensart, die Stadt der Philosophen, Literaten, Künstler, die Geburtsstätte der europäischen Moderne, lädt einfach ein zum Schlendern und staunenden Schauen und eben auch zum flanierenden Zuhören. Denn die Liebe zu dieser Stadt wurde nicht nur vielfach in der Literatur und in den eindringlichen Chansons von Edith Piaf, Charles Trenet und Barbara beschworen, sie hat auch seit der Zeit des Impressionismus in der sogenannten E-Musik von Claude Debussy bis hin zu Darius Milhaud ihre Spuren hinterlassen. Daraus saugte der hr2-Kulturlunch „Paris. Mon amour“ seinen Honig.

Auf geschickte Weise und mit knapp formulierten, treffenden Übergängen verknüpfte Programmchefin Angelika Bierbaum als Moderatorin dieser Matinee die verschiedenen Genres. Man spürte, dass es ihr, die das Glück hatte, selbst ein Semester in Paris studieren zu dürfen, ein Herzensanliegen war, etwas von der unnachahmlichen Atmosphäre dieser Metropole ans Publikum weiterzugeben. Dazu hatte sie eigens eine deutsch-französische Band „Moi et les autres“ eingeladen und mit der charmanten Chansonnière Juliette Brousset, mit ihrer melodiösen Stimme, mit Edith Piafs Chanson-Klassiker „Sous le ciel de Paris“ und der für die Musette so typischen Akkordeon-Begleitung – einer Gitarre und einem Kontrabass – die Leichtigkeit des Tons vorgegeben.

Dies wurde gleich konterkariert durch die fabelhaften Lesungen der Zwischentexte durch Wolfram Koch, der seine ersten Lebensjahre in Paris verbracht hat, der den meisten aber wohl eher als Tatort-Kommissar vertraut sein dürfte. Er las zu Beginn den urkomischen Text von Robert Gernhardt „Paris ojaja“, der die einschlägigen Sehenswürdigkeiten wie „Notterdam“ und „Mongmatter“, was sich auf den Dichter „Schang Poll Satter“ reimt, verballhornt. Es endete mit dem Gernhardtschen Satz: „Oja! Ich kenne mein Parih, Mäh wih!“ Mais oui: Aus Gernhardts Zeilen sprachen sehr wohl eine gewisse Kenntnis als auch eine Affinität zur Stadt.

Mit dem Klassiker von Jacques Dutronc „Paris s’éveille“, den Juliette Brousset schwungvoll anging, erwachte dann auch gleich das Leben der Metropole, während uns der Text des Oulipo-Dichters (Ouvroir de littérature potentielle) Jacques Roubaud unnachahmlich anspielungsreich den Stadtraum über die 20 verschiedenen Arrondissements erschloss.

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Die Chansonnière von „Moi et les Autres“, Juliette Brousset, sang „Je te veux“ von Erik Satie; die Pianistin Maria Ollikainen begleitete sie

„Schräge Vögel“ gab es im Paris des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts en masse, erinnert Angelika Bierbaum sich, so wie es auch ganz real schräge Vögel gab wie zum Beispiel auf dem Marché aux oiseaux, dem Vogelmarkt an der Seine, einen Beo, der Katzenstimmen imitierte und dadurch die Vogelschar durcheinanderbrachte. Das war sogleich auch schon eine fabelhafte Überleitung zu Claude Debussys exzentrischem Général Lavine-Prélude für Klavier, das Prélude, das von der finnischen Pianistin Maria Ollikainen präzise und fein gespielt wurde. Der Komponist hatte den amerikanischen Clown Général Lavine, der 1910 und 1912 in Paris in den Follies Marigny auftrat und einen ausgeprägten marionettenhaften Gang hatte, gesehen und dessen Gangart mit Elementen des aus den USA nach Europa geschwappten Ragtime musikalisch übersetzt.

Bei uns ist Victor Hugo vor allem durch seinen Roman „Der Glöckner von Notre Dame“ bekannt. Auf die Lesung seiner Betrachtungen aus der Perspektive der Raben von oben über die mittelalterlich-gotische Kathedrale auf der Seine-Insel folgte dann ein musikalisches Wagnis. Erik Saties Walzer für Singstimme und Klavier „Je te veux“, diese typische Pariser Musik im Dreiviertel-Takt, begleitete zu Beginn des 20. Jahrhunderts das anrüchig-frivole Treiben am Montmartre, wo sich zeitweilig der skurril-kauzige Komponist im legendären Cabaret „Chat noir“ sein Brot als Pianist „heimlich“ verdiente. Die Frontfrau der Band „Moi et les autres“, Juliette Brousset, sang nun „Je te veux“, das noch heute zum Repertoire namhafter Sängerinnen gehört, zart und ganz natürlich schwingend. In ihrer Interpretation klang es viel weniger melodramatisch als in den allermeisten Interpretationen professioneller Opern- oder Kammermusiksängerinnen.

In Paul Valérys „Idee von Paris“ beschrieb der Dichter die kosmopolitische Stadt als „unermessliche Spielbank“, in der vor allem Ruhmsucht und Feigheit gedeihen, die aber gleichzeitig für ihn auch die „vollständigste Stadt“ist. Dieser Idee von Paris wurde sogleich „Aux Champs-Elysées“, der Gassenhauer aus dem Jahre 1969 des französischen Chanson-Sängers US-amerikanischer Herkunft Joe Dassin, gegenübergestellt. Diesem populären Song, der die Atmosphäre der 68er Folgezeit spiegelt und den Brousset fast tänzerisch kokett vortrug, folgte unmittelbar das melancholisch gestimmte eindringliche Liebesleid-Lied „Dis quand reviendras-tu?“ aus dem Jahre 1964 von Barbara, der Grande Dame des französischen Chansons. Der schnelle Stimmungswechsel gelang der jungen Chansonnière einfach bewundernswert mühelos.

Der Text von Jacob Burckhardt „Der Turm – Zweifel“ schien daraufhin wie aus einer anderen Welt zu kommen. Der Schweizer Kulturhistoriker, der vor allem „den schönsten Turm auf Erden“ des gotischen Münsters zu Freiburg rühmte, konnte dem technischen Eisengebilde des Eiffelturms einfach nichts abgewinnen. Dieser hatte früher seine Raison d’être nur in der medialen Verbreitung, weil er sich als Antenne eignete und „welcher offenbar als Reklame für die gedankenlosesten Tagediebe von ganz Europa und Amerika zu wirken bestimmt ist …“ Ja, da kann man nur staunen, warum sich vor dem zum Wahrzeichen von Paris mutierten Turm immer wieder neue Schlangen bilden …

Burckhards rückwärts orientierte Eindrücke wurden von Darius Milhauds Musik von Paris, vor allem im 1. Satz der „Scaramouche“ in der Fassung für Klarinette und Klavier, von dem brillanten Klarinettisten Jochen Tschabrun auf die kühnste und frischeste Weise förmlich weggeblasen. Ursprünglich hatte Milhaud „Scaramouche“ fürs Theater geschrieben. Der Komponist hatte 1937 die Bühnenmusik für eine Komödie von Molière, den „Médicin volant“, komponiert, die er anschließend in eine Suite für zwei Klaviere und später auch noch für andere Besetzungen umschrieb, eben auch für Klarinette und Klavier. Dabei hatte er im Titel auf den berühmtesten italienischen Schauspieler im Frankreich des Sonnenkönigs, Tiberio Fiorilli (1608-1696) angespielt. Der neapolitanische Mime war in der Rolle des Scaramouche so berühmt geworden, dass man ihn mit diesem Beinamen identifizierte.

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Brillant: Der Solo-Klarinettist des hr-Sinfonieorchesters Jochen Tschadrun im Zusammenspiel mit Maria Ollikainen

Immer wieder war es die Liebe, welche die Künstler bewegte, so war es auch die Liaison zwischen Yves Montand und Edith Piaf, die in zwei berühmte Chansons einging: 1946 besang der verliebte „Spatz von Paris“ (Piaf) mit durchdringender Stimme „La vie en rose“. Sie war „Heureux, heureux à en mourir“, zum Sterben glücklich, bevor wenig später Yves Montand, alias Ivo Livi, in „Les feuilles mortes“ voller Dankbarkeit das Ende dieser Liebe in seinem Chanson verewigte: “Sie hat sich für mich eingesetzt und sie hat mich tief verletzt, mit so viel Aufrichtigkeit, so viel Gelächter und soviel Anmut, dass es mich mehrere Jahre gekostet hat, bis ich davon geheilt war.“

Es ist für eine jetztzeitige Sängerin natürlich sehr schwer, eine angemessene eigene Stimme zu finden, ohne blass zu wirken oder in Kitsch abzugleiten. Auch hier gebührt der jungen urfranzösischen Chansonnière, die seit rund zehn Jahren in Deutschland lebt und hier nicht nur ihre musikalische Ausbildung absolviert hat, sondern sich auch ständig weiterentwickelt, ein großes Kompliment. Sie hat einen eigenen, völlig unverkrampften und auch unsentimentalen Ton für Liebe und Abschied gefunden, der warm und anteilnehmend wirkt. Man spürt, dass ihr diese Chanson-Klassiker seit ihrer Kindheit, wo sie schon zu singen begann und wo sie der Vater auf der Gitarre begleitete, in Fleisch und Blut übergegangen sind, so dass sie souverän damit jonglieren kann, nicht zuletzt auch bühnenwirksam gestikulierend.

Um die urbane Oberfläche aufzukratzen, geht es dann mit „Zazie dans le métro“ von Oulipo-Dichter Raymond Queneau in den Pariser Untergrund, was den Zuhörer verwirrt zurücklässt. Denn er stellt in dessen Roman scheinbare Fakten in Frage und verwandelt sie in ihr Gegenteil: „Paris ist nur ein Trugbild. Gabriel ein (charmanter) Traum, Zazie das Trugbild eines Traums (oder eines Alptraums) und diese ganze Geschichte das Trugbild eines Trugbilds, der Traum eines Traums“ … „Manchmal kommt sie aus der Erde raus, und dann fährt sie wieder rein.“

Insgesamt ist das Wechselbad der Gefühle in dem variationsreichen Spiel von Wort und Musik äußerst kurzweilig aufgehoben und lässt auf eine sorgfältige konzeptionelle Vorarbeit zu der Veranstaltung schließen. Kess, großstädtisch, mit leichtem Sentiment, immer an romantischer Harmonik orientiert und doch dezent modern, kommt Francis Poulenc mit seiner Sonate für Klarinette und Klavier von 1962 mit dem feurigen Allegro daher, die der Komponist seinem Freund Arthur Honegger gewidmet hatte. 1963 wurde es nach Poulencs Tod von keinem Geringeren als Leonard Bernstein am Klavier und dem Jazzmusiker Benny Goodman uraufgeführt. Sie verstanden es wohl als Hommage an den verstorbenen Komponisten. Auch dieses Stück zählt durch die brilliante Interpretation zu einem der musikalischen Höhepunkte der Veranstaltung.

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„Le tourbillon de la vie“ mit Ukulele

In völlig neuem Licht und als kompletten Kontrast erlebt man dann Mozart als Briefeschreiber, vermittelt durch die cool-kräftige Stimme von Wolfram Koch. Der Klassiker hatte so wenig übrig für die Metropole wie etliche Jahre später Jacob Burckhardt. 1778, in seinem Brief aus Paris an seinen Vater, hat Amadé kein gutes Wort für die Franzosen übrig, ist gegen französische Sänger, gegen den französischen Musikgeschmack und hat einen fundamentalen Zweifel an der Musikalität der Franzosen. Er sehnt sich einfach nur nach Italien. Er schreibt: „Wenn hier ein Ort wär, wo die leute ohren hätten, herz zum empfinden, und nur ein wenig etwas von der Musique verstünden, und gusto hätten, so würde ich von herzen zu all diesen sachen lachen, aber so bin ich unter lauter vieher und bestien /was die Musique anbelangt/ wie kann es aber anderst seyn, sie sind ja in allen handlungen, leidenschaften und Paßionen auch nichts anderes – es giebt ja kein ort in der welt wie Paris.“

Als Mozart diese Zeilen schrieb, war Saties Musik, der die Eindrücke, die er im Künstlerviertel Montmartre empfing und die er für seine musikalischen Experimente fruchtbar gemacht hatte und in seinem Klavierzyklus „Gnossiennes“ festhielt, noch in weiter Ferne. Seine harten Stilbrüche und ungewöhnlichen Klanggrenzgänge wurden später dann allerdings zum Vorbild für zahlreiche Avantgardisten, vom Jazz über John Cage bis hin zu den Minimalisten. Die auf Kammermusik spezialisierte Pianistin Maria Ollikainen, die auch schon in anderen hr-Kulturlunchs aufgetreten ist, erfasste diese schlicht-raffinierten und konturreichen Melodielinien mit großer Akkuratesse.

Mit dem belgischen Schriftsteller Philippe Toussaint erleben wir die sparsam angedeutete, in der Schwebe gehaltenen Beziehung „In einem überheizten Café“. Wenn der Protagonist seinem Gegenüber sanft über die Wange streicht und sich die beiden einen flüchtigen verschlafenen Kuss geben, stoßen sie dann mit den schweren Porzellantassen an, und als sie sie wieder auf die Untertassen stellen, „schwappte der Milchkaffee hin und her …“. Anders wiederum sieht das Café-Erlebnis bei Alfred Andersch aus. Er nimmt uns mit auf einen Besuch in die berühmte Brasserie Lipp, in der auch viele Existenzialisten verkehrten und die berühmte Choucroute aßen, und wo er eines Abends in einer Ecke Jean Paul Sartre mit ein paar Leuten Kaffee trinken sah wie die große weißblonde Filmschauspielerin Michèle Morgan, die sich wie eine „von Dior angezogene bretonische Seeräuberin“ gebärdete und flugs auch den Philosophen eroberte.

Zum Schluss erleben wir noch einmal Uminterpretationen und Eigenkompositionen von „Moi et les autres“, die mit drei begleitenden Ukulelen das freche Chanson „Le tourbillon de la vie“ Jeanne Moreaus begleiten, das die rätselhaft sinnliche Femme fatale in der berühmten Dreiecksgeschichte „Jules und Jim“ sang. Hier wirkte dieses mitreißend fröhliche und gleichzeitig melancholische Chanson aus dem Mund von Brousset wie ein frisches Zitat der berühmten Filmszene.

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Gruppenbild mit Dame: Wolfram Koch (links) mit der Band „Moi et les autres“: v.l.n.r.: Eric Dann, Akkordeon, Simon Ostheim, Schlagzeug, Juliette Brousset, Gesang, Andreas Manns, Kontrabass und David Heintz, Gitarre

„Que reste-t-il de nos amours“?, fragt sich der Chansonnier Charles Trenet. Ja, was ist übriggeblieben von unseren Lieben an einem trüben, stürmischen Herbstabend, und von unserer Liebe zu Paris? Anders als in „Avec le temps …“, mit der Zeit, verschwindet einfach alles ohne Liebe. Brousset hat die Begleitmusik dazu umkomponiert und ihr ein zusätzliches moderneres Echo verpasst. Leo Ferrés Klassiker wie auch die anderen Klassiker klingen dennoch im sich erinnernden Hintergrund nach. Sie haben sich halt neue Interpreten gesucht.

Paul Celans Gedicht „Auf hoher See“ läutete dann den Abschied vom „Schifflein Paris“ ein, „wo jedes Du ein Ast ist, an dem ich hänge als ein Blatt, das schweigt und schwebt.“

Während Brousset ihren Aufbruch swingend-jazzig mit „Je veux m’en aller“ anstimmt, kann sich das Publikum nun ins Casino begeben, wo urfranzösische Speisen wie Paté, Ratatouille, Fromage und Crème brûlée zum Schlemmerbuffet aufgetischt sind, und sich weiter über das einzig wahre Bild von Paris unterhalten, das es natürlich nicht gibt, an das aber die Texte und die Musik immer wieder erinnern. Paris lebt – allen Angriffen zum Trotz – darum auch weiter wie in dieser gelungenen Matinee.

Die Aufzeichnung dieser Matinee wird am Sonntag, den 5. Februar 2017 auch für Zuhörer, die nicht dabei sein konnten, um 20.04 Uhr im Programm hr2 kultur  gesendet

Fotos: Petra Kammann

 

„Xerxes“ von Georg Friedrich Händel an der Oper Frankfurt

12. Januar 2017

Krankhafter Liebeskummer, Chaos, Intrigen, Verkleidung – eine königlich-durchgeknallte Gesellschaft

Von Renate Feyerbacher
Fotos: Barbara Aumüller / Oper Frankfurt

Die Oper ist eine der letzten und eine der meistgespielten des Komponisten. Am 8. Januar 2017 hatte sie Premiere in Frankfurt am Main. Es war eine umjubelte Erstaufführung – anders als bei der Uraufführung 1738 in London. Händel hatte „Xerxes“ nach seinem Aufenthalt in Aachen, wo er sich nach seinem Schlaganfall wieder erholt hatte, komponiert. Gefiel den Londonern diese neue Sicht auf die Gesellschaft nicht? Denn die Musik hat mehr zu bieten als das gleich zu Beginn nach der Ouvertüre gesungene Largo (Larghetto) „Ombra mai fu“ des Titelhelden, auch heute immer wieder zu hören. Ein Liebeslied an eine Platane, um deren Vergänglichkeit er bangt. Danach geht es aber rund: Xerxes demonstriert Macht. Eine Brücke zwischen Asien und Europa hat der persische Herrscher errichten lassen. Die Historie weiss, dass Xerxes den Brückenschlag nicht schaffte. Dennoch „Jubelchöre“ auf der Bühne – Missverständnisse musikalisch und inhaltlich.

Von Anfang an zeichnet sich die Einsamkeit in Sachen Liebe der sieben handelnden Personen ab sowie ihr Misstrauen gegeneinander, ihre Eifersucht, ihre Angst vor Xerxes.

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Gaëlle Arquez (Xerxes; in schwarzem Anzug) und Elizabeth Sutphen (Romilda); Foto © Barbara Aumüller

Da sind zwei Brüder, zwei Schwestern und ihr Vater, die verlassene Braut und ein zwar treuer, aber nicht ganz cleverer Diener. Die Brüder, das sind Xerxes und Arsamene, der Romilda, eine der Schwestern liebt und von dieser geliebt wird, Atalanta aber zurückweist, von der er geliebt wird. Wieso bekennt Arsamene sich nicht zu Romilda, als sich Xerxes Knall auf Fall in sie verliebt, und seinem Bruder befiehlt, die Hochzeit vorzubereiten? Romilda verweigert sich jedoch Xerxes – und das mehrmals – standhaft, verschmäht den Thron. Sage doch keiner „Cosi fan tutte“. Intrigant mischt das Biest Atalanta mit, die Arsamene haben will, und Amastre, die verlassene königliche Braut, versucht es mit Verkleidung, um Xerxes zurückzugewinnen beziehungsweise sich zu rächen. Ende gut, alles gut durch ein Missverständnis des Vaters: die Paare finden sich wieder, nur Atalanta bleibt solo. Fast drei Stunden dauert dieses italienisch gesungene Tohuwabohu – natürlich mit deutschen Übertiteln. Wobei Händel diesmal auf lange Da Capo-Wiederholungen verzichtete. Es ist ein frisches Werk wie aus einem Guss mit einer starken Prise von Witz und Humor.

Wie kam es dazu, dass Händel, der unermüdlich produzierende Komponist und geschäftstüchtige Opern-Unternehmer eine andere Musikfarbe einführte? Was war passiert? Politische Skandale wie auch die Veränderung des Operngeschmacks hatten ihm geschadet. Zum Beispiel das Balladenwerk „The Beggar‘s Opera“ (von John Gay und Johann Christoph Pepusch, London 1728) wurde ein Hit. So eine Musikart wurde von den Bürgern fortan bevorzugt. 1737 ging zum dritten Mal Händels Opern-Unternehmen bankrott. Besagter Schlaganfall folgte, dessen Auswirkungen er in Aachen erfolgreich behandeln liess.

Dieser umtriebige Georg Friedrich Händel (1685 in Halle an der Saale geboren, wo er schon sehr früh als Organist und Geiger tätig war,1759 in London verstorben), wirkte als erster deutscher Komponist europaweit. Er ging nach Hamburg, wo er mit 19 Jahren seinen ersten Opernerfolg hatte, verliess die Stadt aber bald nach späteren Misserfolgen und verbrachte einige Jahre in Italien, in Rom, Neapel, Venedig, Florenz. Seine Oper „Agrippina“, geschrieben mit 24 Jahren, wurde dort begeistert aufgenommen. Danach liess er sich an den Hof von Hannover verpflichten, den Sitz des Kurfürsten Georg Ludwig, der 1714 König von England wurde. Bereits 1710 war Händel in London, wo ihn der Adel und das Königshaus unterstützten. Nach Deutschland kam er immer wieder zurück, wurde aber 1727 englischer Staatsbürger. Er wurde der grosse Oratorien-Komponist – nach seiner Gesundung hatte er sich darauf konzentriert (z.B. „Der Messias“ „Judas Makkabäus“, „Jephta“). Trotz seiner Erblindung ab 1751 arbeitete der Komponist mit Hilfe eines Schülers weiter.

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v.l.n.r. Louise Alder (Atalanta), Lawrence Zazzo (Arsamene), Elizabeth Sutphen (Romilda) und Thomas Faulkner (Elviro; im Hintergrund) sowie Constantinos Carydis (Musikalische Leitung; rechts) und Mitglieder des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters; Foto © Barbara Aumüller

Regisseur Tilmann Köhler kommt der lockereren Musikform vorzüglich nach. Während der Ouvertüre lässt er auf den Theatervorhang bereits ein Video (Videos Marlene Blumert) projizieren, das ahnen lässt, was kommt. Da sitzen alle sieben Protagonisten um einen üppig gedeckten Tisch, den Xerxes abrupt verlässt. Ein langsamer Schwenk fährt über die Delikatessen. Dann wechselt das Video und die Blätter einer Platane sind zu erkennen. Xerxes besingt sie und hüllt sich dabei in den Theatervorhang. Am Ende der Vorstellung rotiert noch einmal ein Video, das die Gesichter der Künstler zeigt. Ein einmaliges Zeigen hätte genügt.

Die Tafel, auf der die feine Gesellschaft später herumspaziert, sich tätlich attackiert, mit Essen herumwirft, ist Mittelpunkt der ersten beiden Teile des Werkes. Eine hohe, gerundete, blaue Wand mit zwei Türen rechts und links, die zum schnellen Abgang oder zur Flucht dienen, grenzt das Geschehen ein und wird auch im letzten Teil beibehalten. Später verschwindet die Tafel, nur restliche Polsterstühle stehen herum (Bühnenbild Karoly Risz). Katerstimmung. Das Fenster mit der Platane, die nachher zerfleddert ist, bleibt. Ein interessantes Lichtspiel von Joachim Klein verleiht dem Bühnenbild einen besonderen Effekt. Susanne Uhl hat die Darsteller in moderne, nicht opulente Gewänder gesteckt. Das passte.

Das Orchester wurde aus der Versenkung geholt. Die Musiker und ihr Dirigent sind für das Publikum sichtbar. Der Zuschauerraum wird immer wieder einbezogen. Vor allem der Steg, der den Orchestergraben begrenzt, wird zum Laufsteg umfunktioniert. Hier wird gestritten, geküsst, gerannt. Diener Elviro verteilt Kunstblumen an Besucher der 1. Reihe. Die Mitglieder des Vocalensembles kommen und gehen durch den Zuschauerraum.

Tilmann Köhler hat im Bockenheimer Depot bereits Händels „Teseo“ und „Radamisto“ realisiert. Das Arbeitspensum des 1979 in Weimar Geborenen ist enorm. Bevor er 2009 Hausregisseur am Dresdner Staatsschauspiel wurde, inszenierte er an verschiedenen deutschen Bühnen. An der Führung der Personen ist sein Ursprung als Schauspielregisseur zu erkennen.

Aus den vorzüglichen Sängerinnen und Sängern hat Köhler sarkastische, ruppige, gefühlvolle, humorvolle Momente heraus geholt. Wie Thomas Brandon als Cedel, Feldherr, Vater der beiden Schwestern, und Thomas Faulkner als Elviro ihre Bässe ertönen lassen, gefällt. Louise Alder als Atalanta offenbart ein komödiantisches Talent. Die britische Sopranistin, seit der Spielzeit 2014/15 Ensemblemitglied, überzeugt mit ihrer glockenklaren Stimme, kann aber auch zickig. Wie die amerikanische Koloratursopranistin Elizabeth Sutphen – Absolventin der renommierten New Yorker Juilliard School und neues Mitglied im Frankfurter Opernstudio – die Rolle der Romilda meistert, ist grandios. Keine einfache Aufgabe für die junge Sängerin. Sie ist für Kateryna Kasper eingesprungen, die unlängst Mutter wurde. Eine Entdeckung! Tanja Ariane Baumgartner, die bedeutende Mezzosopranistin im Ensemble der Oper, singt Amastre, die verlassene Braut, nicht ganz so homogen, wie man das von ihr gewohnt ist. Die männliche Rolle des Xerxes wird interpretiert von einer Frau, von der französischen Mezzosopranistin Gaëlle Arquez. Fulminant, eine Wucht. Das Frankfurter Publikum kennt sie bereits aus „Teseo“, „Radamisto“ und „L’incoronazione di Poppea“. Ein Despot ist sie nicht, dennoch kuschen alle vor ihr. Countertenor Lawrence Zazzo, einer der bedeutendsten Interpreten seines Faches und weltweit gefragt, brilliert als Arsamene, Bruder von Xerxes, jammert auf hohem Niveau – eine Memme. Herrlich auch schauspielerisch. Im Streit mit Romilda vorne auf dem Laufsteg geht es aber zur Sache.

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v.l.n.r. Gaëlle Arquez (Xerxes) und Lawrence Zazzo (Arsamene) sowie Constantinos Carydis (Musikalische Leitung; rechts) und Mitglieder des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters; Foto © Barbara Aumüller

Und die Musik?

Der in Athen geborene Constatinos Carydis, auch kein Unbekannter in Frankfurt, leitet das kleine Barockensemble, bestehend aus Musikern des Frankfurter Opern- und Museumsorchester, ergänzt durch die Continuo-Gruppe Cembalo und Orgel (Andreas Skouras, Felice Venanzoni), Laute und Gitarre (Axel Wolf, Danile Caminiti) sowie Cello (Kaamel Salah-Eldin). Abwechslungsreich, manchmal mit Überraschungseffekten präsentiert Carydis die Händelsche Musik. Sein ruhiges, konzentriertes Dirigat überzeugt.

Weitere Vorstellungen am 12.,15.,18., 21. (anschliessend „Oper lieben“), 26. und 29. Januar 2017, jeweils um 19 Uhr

 

Kultur unter Realitätsdruck

8. Januar 2017

Von Gunnar Schanno

Wir hatten es von der Unterscheidung zwischen Kultur und Zivilisation. Zu den primären Anliegen im heutigen Zivilisationsverständnis gehört die Sicherung menschenwürdiger Lebensbedingungen und dies zunächst in rein physischer Hinsicht. Die Verminderung körperlichen Unwohlseins, ein Leben in Schmerzlosigkeit, so lauten die nächstliegenden und vitalsten Ziele. Jeder prüfe es an sich selbst! Technik und institutionelle Regelungen, wie sie auch für den Gesundheitssektor bereit stehen, führen auf diesen Weg. Forschung und Erkenntnis auf allen Gebieten der Wissenschaften sind die begründenden Wegbereiter. Menschen etwa auch nahöstlicher Kulturen machen sich auf den Weg auf der Suche nach medizinischer Behandlung auf höchstem Erkenntnis-Niveau, von dem sie von fernher hören. Funktionsformen und Anwendungen basieren auf einem Niveau, wie es von menschlichen Gesellschaften über die Jahrhunderte hin nur in freien, spezifischer gesagt, tabufreien Zivilisationsräumen erreicht wurde.

Die fernhergereisten Gesundheitssuchenden lassen ihre eigene Kultur für einige Tage oder Wochen zurück, vertrauen sich nicht religiösen Führern, sondern den Göttern in weißen Kitteln an, begeben sich unter Menschen, die sie aus eigener religiös-kultureller Sicht vielleicht als die Unreinen und Ungläubigen wahrnehmen. Doch geben die Weithergereisten auch indirekte Kunde davon, dass ihr tradiertes Lebens- und Seinsverständnis von der Realität eingeholt wird und verdeutlichen eher unbewusst oder ungewollt, nicht selten unter verhüllenden Habits, dass ihre heimatliche Kultur, besonders jene religiös-abgegrenzter Ausprägung, unter Realitätsdruck steht. Ein Merkmal nämlich jeder Kultur ist, dass sie unaufhörlich unter Realitätsdruck steht, und freilich auch die unsere. Das Paradoxe daran scheint, dass die auf Zeitlosigkeit und Absolutheit hin angelegte Kultur immerzu unter dem Korrektiv des Zeitverhaftetsten im Sinne dynamisch rational-bestimmter Zivilisation steht.

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Nettomigrationsrate für 2011: Per-Saldo Zuwanderung (Blau), Per-Saldo Abwanderung (Orange), Per-Saldo keine Veränderung (Grün), keine Daten (Grau); Quelle/Bildnachweis: wikimedia commons / GNU Free Documentation License GFDL Weiterlesen

„Hinter dem Vorhang“ im Düsseldorfer Museum Kunstpalast

4. Januar 2017

Vorhang auf, Vorhang zu und alle Fragen offen …

Im Museum Kunstpalast in Düsseldorf widmet sich eine Ausstellung dem Wechselspiel zwischen Zeigen und Verbergen, Enthüllen und Verhüllen: „Hinter dem Vorhang“. Die Palette der Exponate – Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen, Installationen, Fotografien – reicht von der Malerei der Renaissance und des Barock über die Kunst der Moderne bis hin zur Gegenwart, von Tizian über Rubens bis Gerhard Richter. Die hochkarätigen Leihgaben aus internationalen Museen und Privatsammlungen sind noch bis zum 22. Januar 2017 in der Ausstellung zu sehen, u. a. Werke von Lucas Cranach d. Ä., El Greco, Jacopo Tintoretto, Arnold Böcklin, Robert Delaunay, Max Beckmann, Cindy Sherman, Christo und Gerhard Richter.

Petra Kammann

hat sie sich angesehen

Vorhang, Schleier oder drapierter Stoff. Es beginnt sicher schon bei der Sorgfalt, welche die fast noch dem Mittelalter verhafteten Maler den schillernd hingegossenen Faltenwürfen eines Rockes der Darstellung der Muttergottes gewidmet haben. Die trennenden wie vermittelnden Stoffe, das Spiel von erster und zweiter Natur, von Realität und Fiktion, hat die Phantasien der Maler und Bildhauer, der Fotografen und Filmemacher immer wieder inspiriert, so auch Beat Wismer, den 2017 scheidenden Generaldirektor des Düsseldorfer Museum Kunstpalast. Ihm ist es nicht nur gelungen, anhand des Themas „Hinter dem Vorhang“ die Fragen der Kunstrezeption noch einmal gründlich neu zu stellen. Er hat auch künstlerische Schätze und Leihgaben nach Düsseldorf geholt, für die man zahlreiche aufwändige Reisen unternehmen müsste – insgesamt 200 ungewöhnliche Exponate von der Renaissance bis heute hat er in Düsseldorf zusammengetragen.

Das heißt nicht komplett alleine. Gemeinsam mit der Professorin am Institut für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin, Claudia Blümle, kuratierte Widmer die Ausstellung so, dass in sieben verschiedenen thematischen Gruppierungen ein Zusammenhang zwischen den so unterschiedlichen Exponaten hergestellt wird, dass sowohl die Ambivalenz als auch der Reiz des Verhüllens und Enthüllens sowie das sinnliche Verhältnis von bildender Kunst und Wahrnehmung in der Schau sichtbar wird.

Aino Kannisto, Untitled (Translucent Curtain), 2002 C-Print, Aluminium

Aino Kannisto, Untitled (Translucent Curtain), 2002, C-Print, Aluminium, 90 x 113 cm; courtesy Galerie m Bochum © Aino Kannisto Weiterlesen

Inge Kersting – Seelenabdrücke

1. Januar 2017

Ein Atelierbesuch

Von Hanneke Heinemann

Noch mehr als andere produktive Menschen stehen Künstler, insbesondere Künstlerinnen, vor der Aufgabe, sich Freiräume zu schaffen, in denen sie nicht nur physisch, sondern auch mental Platz finden, die gefundenen und entwickelten Ideen in einer Form zu materialisieren, damit auch wir sie sehen und begreifen können. Ohne einen „Raum für sich selbst“ wird Kunst häufig nicht sichtbar und bleibt in der Person des Kunstschaffenden verschlossen.

Dieses Feuilleton berichtet regelmäßig und ausführlich über Kunst aus Ateliers, die von der Stadt Frankfurt gefördert werden. Dort finden Künstlerinnen und Künstler – in der Regel zeitlich begrenzt – einen Raum zum Austausch, aber auch zum konzentrierten Arbeiten. Kunst entsteht allerdings nicht nur hier. Und es lohnt sich, auch die Räume aufzusuchen, wo häufig unbeobachtet in gewerblichen Leerständen oder zur Untermiete in verschiedensten Räumlichkeiten beachtenswerte Kunst entsteht.

Inge Kersting empfindet es als großes Glück, dass sie nach Monaten des Suchens einen von zwei Fenstern erhellten Raum in der Nähe der Alten Oper für ihre Staffelei und ihren Aquarellblock gefunden hat. Vorher entstand ihre Kunst – da ist sie keine Ausnahme – auch in der eigenen Wohnung, in multifunktionalen Räumen also, in der die Abgrenzung zum Alltag nicht immer möglich ist.

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Inge Kersting

Die pragmatische Entscheidung, nicht freie Kunst zu studieren, sondern Kunstpädagogik und diese Tätigkeit auch jahrzehntelang auszuüben, treffen im Verhältnis besonders viele Künstlerinnen, da für sie immer noch der Kunstmarkt mit größeren Hürden versehen ist und sie die Sicherheit einer Anstellung schätzen. Julia Voss hat dies unlängst in einem engagierten Vortrag in einem Atelierhaus zum Thema gemacht. Weiterlesen