home

FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Gespräch mit der Geschäftsführerin des Kulturfonds Frankfurt RheinMain, Dr. Susanne Völker

2026, März 6.

Nachgefragt! Was die Region im Innersten zusammenhält

Seit einem Jahr ist Dr. Susanne Völker Geschäftsführerin des Kulturfonds Frankfurt RheinMain und gewährt Einblicke in die Komplexität ihrer Arbeit. Für FeuilletonFrankfurt sprach Petra Kammann mit ihr, um sich von ihrer Person in dieser Funktion einen Eindruck zu verschaffen und etwas über zukünftige Perspektiven zu erfahren.

Dr. Susanne Völker, Geschäftsführerin des Kulturfonds Frankfurt RheinMain, in der Zentrale in Bad Homburg, Foto: Petra Kammann

Petra Kammann: Wie schaffen Sie es, die ganz unterschiedlichen Orte zwischen Frankfurt, Darmstadt, Wiesbaden und vielen kleineren Kommunen dazwischen überhaupt logistisch zu erreichen? Das ist doch ein Riesengebiet, in dem Sie unterwegs sind, um sich ein Bild vor Ort zu machen zu können.

Dr. Susanne Völker: So öffentlich wie möglich. Es ist gut, wenn man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Fahrrad anreisen kann, aber manchmal ist es auch das Auto. Mobilität ist ja auch individuell verschieden. Es kommt auch drauf an, in welcher Termindichte ich unterwegs bin. Dabei spielt auch Zeit eine Rolle, wie schnell man von A nach B kommt.

Ihre Arbeit ist von Gegebenheiten wie Stadt, Land, Fluss ebenso geprägt wie von Gebietskörperschaften wie Land, Landkreis und Großstädten. Hinzukommt, dass das Land Hessen kulturell und historisch durch eine gewaltige Vielfalt gekennzeichnet ist. Was ist dabei für Sie, an der Schnittstelle zwischen Kunst und Kultur und Kreativität stehend, die größte Herausforderung? Wie schaffen Sie es, sich dabei nicht zu zerreiben?

Nicht nur die Vielfalt ist hier enorm, sondern auch die Qualität. Insofern liegt in der Herausforderung auch die größte Stärke. Das Rhein-Main-Gebiet steht für interessante Projekte, die sowohl von Exzellenz als auch von Innovation geprägt sind. Das führt zu einer großen Vielschichtigkeit sowohl in der Wahrnehmung als auch in den Herausforderungen. Wir möchten natürlich sämtliche Projekte im Blick behalten, um sie optimal begleitend zu unterstützen. Daneben haben wir zudem eigene Projektvorhaben.

Die Exzellenz ist das eine, und die Hürden sind das andere. So ist vielleicht die Exzellenz auf dem Lande weniger stark ausgeprägt. Wie können Sie das sinnvoll vermitteln?

Man muss schon aufpassen, dass man da nicht etwas unterstellt, was vielleicht gar nicht so ist. Wir erleben in den Landkreisen und Landkreiskommunen ein sehr großes Engagement und eine starke Identifikation mit dem Rhein-Main-Gebiet. Projekte, die bei uns beantragt werden, also Förderprojekte, aber auch die Eigenvorhaben, sind durch eine sehr gute und langwierige Zusammenarbeit gewachsen. Es haben Entwicklungsprozesse stattgefunden. Eines der leuchtendsten Beispiele ist in meinen Augen die Konzertreihe Jazz Connects. Da ist aus vielen Jazzaktivitäten eine große Plattform erwachsen, auf der sich die Akteure nun auch synergetisch unterstützen.

„Emil and his friends“ – Eine erfolgreiche Konzertreihe mit über 200 Konzerten in der Frankfurter Bürgerstiftung im Holzhausenschlössschen, bei denen Emil Mangelsdorff seine Jazzfreunde eingeladen hat,  gemeinsam zu improvisieren; hier mit Bob Degen, Piano, Jean-Philippe Wadle, Bass, Corinna Danzer Saxophon, Axel Pape, Schlagzeug Foto: Petra Kammann

Frankfurt kann dabei schon auf eine längere Jazztradition zurückblicken – man denke nur an die Brüder Albert und Emil Mangelsdorff. Worauf führen Sie zurück, dass diese Jazztradition ausgerechnet in Hessen besonders fruchtbar wurde?

Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet waren immer schon stark von Innovationen getragen und hatten früh schon eine internationale Ausstrahlung. Man denke beispielsweise an die Messe, aber auch an internationale Logistik- und Reiseknotenpunkte. Das sind Einflüsse, die eine solche Entwicklung begünstigen. Natürlich müssen aber viele Dinge zusammenkommen.

Signet des Festivals „Jazz Connects“, Abb. Kulturfonds RheinMain

Sehen Sie da übrigens einen Unterschied zwischen der Musik, etwa dem Jazz und der Bildenden Kunst? Sie selbst kommen ja eigentlich von der Kunstgeschichte her. Ist die Wahrnehmung Bildender Kunst nicht eher an Großstädte wie Frankfurt, Darmstadt, Wiesbaden gebunden? 

Die Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Natürlich haben die großen Städte andere Möglichkeiten und Rahmenbedingungen, größere Institutionen und Museen. Hier gibt es andere Ausstellungsräume und teils andere Expertisen an Häusern. Insofern lassen sich hier andere Ausstellungen machen, als es etwa in kleineren Museen in den Kreisen möglich wäre. Dafür gibt es dort vor Ort aber auch starke Aktivitäten und den engagierten Wunsch, die lokale künstlerische Szene sichtbar zu machen und zu stärken. Da ist das hohe Maß an Identifikation mit den Künstlerinnen und Künstlern deutlich spürbar. Ihnen stellt man gerne auch Räume zur Verfügung, was sich nicht zuletzt auch in den gewachsenen Formaten widerspiegelt, in den jährlich wiederkehrenden, den biennalen und triennalen Formaten, von denen ein deutliches Signal der Wertschätzung an die Künstler und Künstlerinnen ausgeht.

Um eine Schneise durch die Vielfalt von Veranstaltungs- und Projektmöglichkeiten zu schlagen, geben Sie ja Themen vor. So haben Sie sich in diesem Jahr das Thema „Resonanzräume für die Zukunft schaffen“ ausgeguckt. Wie sind Sie darauf gekommen? Wo haben Sie angesetzt? Oder ist es das Resultat vieler Beratungen von Gremien, mit denen Sie ja auch zwangsläufig arbeiten und die Ergebnisse koordinieren? Hat Ihnen dabei die Philosophie – eines Ihrer Studienfächer – dabei geholfen oder war es eher Ihr Jurastudium oder Ihre Managementerfahrung?

Ich glaube, ein Gesamtbild setzt sich aus vielen Facetten zusammen. Was für die Arbeit wirklich sehr wertvoll ist, sind auch Praxis und Anschauung, die ich im Laufe der Jahre erworben habe. Die Idee zum Thema entstand, weil viele Künstlerinnen und Künstler derzeit mit sehr schwierigen Rahmenbedingungen zu kämpfen haben und wir uns in Zeiten bewegen, die man wohl als unsicher bezeichnen kann. So gibt es selbst in Europa wieder Krieg und die Wirtschaftslage ist kommunal bis global nicht wirklich sicher. Es passieren Dinge in der Weltpolitik, die sich niemand gewünscht hat und keiner sich hätte vorstellen können. Gleichzeitig wächst der finanzielle Druck auf viele Projekte. Da sind viele Künstler damit beschäftigt, ihre aktuelle Situation zu bewältigen. Deswegen entstand die Idee, einen Schwerpunkt auszurufen, der sich von den akuten Problemen etwas lösen kann und stattdessen Modellprojekte und Visionen für die Zukunft entwirft: Was wünschen wir uns für die Zukunft? Wie können wir den Weg dahin gestalten? Solche Fragestellungen sind mir ein großes Anliegen. Das korrespondiert auch mit dem neuen dauerhaften Schwerpunkt für aktive Zeitgenossenschaft der Zivilgesellschaft, die ja auch eine starke gesellschaftspolitische Komponente hat.

Im Zusammenhang mit der World Design Capital (WDC) werden wir darauf nochmal zu sprechen kommen. Welche Rolle spielt dabei die Internationalität, die, wie Sie schon sagten, für eine Stadt wie Frankfurt besonders charakteristisch ist? Wie lässt sich das in der fundamentalen Krise, in der wir im Moment stecken, mit einem Kulturfonds Rhein Main verwirklichen? Haben in diesem Jahr einfach alle beteiligten Gesellschafter das so mitgetragen? Von denen sind Ihnen derzeit die Einkünfte sicher. Macht Ihnen das keine Angst?

Eine der größten Stärken des Kulturfonds ist, dass die Körperschaften, die daran beteiligt sind, die Städte und Landkreise, sich tatsächlich dazu entschlossen haben, eine gemeinsame Kraftanstrengung zu gewährleisten. Dieses gemeinsame Commitment der Landkreise und des Landes sehe ich als ein starkes Zeichen für die Bedeutung und Wichtigkeit der Kultur und ihrer kulturellen Akteure. Da ist die Region mit ihren unterschiedlichen politischen Akteuren tatsächlich in der glücklichen Situation, sagen zu können: Das wollen wir, das machen wir.

Natürlich ist das gemeinschaftliche Wollen groß, aber jeder möchte sich in seinem geleisteten, auch finanziellen Beitrag, gerne wiederfinden. Das birgt zwangsläufig ein gewisses Konfliktpotenzial in sich. Wie können Sie es schaffen, das auszugleichen, abgesehen davon, dass Sie sagen: wir müssen alle zusammenhalten und solidarisch sein?

Nicht müssen, wir wollen alle zusammenhalten und solidarisch sein, weil unser gemeinsames Interesse ein sehr legitimes ist. Das zu stützen und zu stärken, ist unsere Aufgabe und unsere Motivation. Es geht darum, eine Balance halten. Dabei spielen natürlich auch Kommunikation und Beratung eine wichtige Rolle. Projekte können mal stärker in die eine, mal in die andere Richtung gehen, je nachdem, wo gerade wichtige und spannende Projekte sind. Mal hat mehr die eine Kommune, mal die andere aktuelle Themen und Projekte. Wenn man eine punktgenaue Messung macht, ist das nie ganz ausgeglichen, aber über einen Zeitraum gibt es eine Balance.

Welche Rolle spielt bei den Vermittlungsversuchen Ihre Erfahrung innerhalb Deutschlands, wo Sie –  in Dresden geboren und aufgewachsen – in sehr unterschiedlichen Gegenden gelebt und gearbeitet haben? Da haben Sie sicher ganz unterschiedliche Mentalitäten erlebt. War das für Sie ein Erfahrungskurs in Psychologie?  Und wie sehen Sie die unterschiedlichen Voraussetzungen innerhalb Deutschlands denn im Hinblick auf Internationalität, wo noch unterschiedliche Sprachen und Kulturen hinzukommen – allein schon in dem derzeit gefährdeten Europa?  

Ich glaube, dass sich unsere Maßstäbe verändern. Heute kommen uns viele Dinge sehr viel weniger international vor, als sie es noch vor zehn Jahren zu sein schienen, weil wir uns an ein höheres Maß an internationaler Zusammenarbeit und Einflüssen aus verschiedenen Teilen der Welt gewöhnt haben. Das gilt sowohl für künstlerische Kooperationen, als auch für Menschen aus unterschiedlichen Nationen, mit unterschiedlicher Herkunft und in unterschiedlichen Lebens- und Arbeitssituationen. Das ist zum Glück viel normaler geworden.

Auf der anderen Seite gibt es von gewissen Gruppen in der Gesellschaft dazu auch viel Kritik, bisweilen auch Aggressionen gegenüber dieser offenen Politik. Sie sagen: das ist inzwischen selbstverständlich geworden. Für viele aber eben gar nicht. Das wird vermutlich auch bei der kommenden Wahl keine unwesentliche Rolle spielen.

Wenn Sie sich in der Kultur umschauen, dann sähe es ohne die internationalen Kräfte aber ganz anders aus. Da hätten wir ein deutlich facettenärmeres Bild.

In einer bestimmten kulturellen Blase ist man sich einig, dass man das alles braucht. Aber es gibt auch viele Fragezeichen innerhalb verschiedener Vertreter der Gesellschaft, die bezweifeln, dass und warum wir die Kultur überhaupt brauchen.

Sie sprechen von Blase. Wir vom Kulturfonds sind in den Städten, in den Kommunen und in Institutionen, in der freien Szene, bei Festivals und in der kulturellen Bildung, d.h. in Schulen unterwegs. Diese unterschiedlichen Gegebenheiten kann man nicht unbedingt als eine Blase bezeichnen. Da erreichen wir viele verschiedene Menschen. Gerade in den Schulprojekten erleben wir auch ein hohes Maß an Diversität unter den Schülern und Schülerinnen. Vor allem Jugendliche einzuladen, an Kultur teilzuhaben, ist für diese nicht nur stärkend, es ist vielfach ein echter Türöffner für ihr späteres Leben.

Gerade in den Schulen bekommen Sie vermutlich ja die unmittelbarsten Feedbacks, Reaktionen, vermutlich auch unerwartete. Nicht alle sind gewöhnt, mit offenen Situationen umzugehen. Können Sie solche Reaktionen für sich dokumentieren? Bekommen Sie positive wie auch kritische Rückmeldungen bzw. Resonanz auf das, was Sie anbieten?

Wir sind mit allen Projektpartnern in engem Austausch, nicht nur bei der Antragstellung, und so bekommen wir immer auch Rückkoppelungen. Häufig sind wir auch selber bei Veranstaltungen zugegen. Natürlich kann man sich zu unterschiedlichen Angeboten auch unterschiedlich verhalten. Das geht uns selbst ja auch so und darüber kann man sich dann ja unterhalten, sich verständigen. Auch das ist Kultur.

Wir erleben gerade, wie unsere Idee von Demokratie oder Demokratisierung destabilisiert wird. Wie kann man in den Prozess der Demokratisierung durch Kultur ein Stück Stabilität bekommen? Indem man ständig über Demokratie spricht oder indem man Menschen zu Erlebnissen verhilft, wie man sie erfahrbar macht, was wohl das Wirksamste ist.

Wir haben eines der besten Grundgesetze der Welt. Nach dem Bertelsmann-Demokratie-Index zum Beispiel gibt es auf der Welt noch knapp 8 % vollständige Demokratien. Deutschland gehört dazu. Und das ist aus meiner Sicht ein überaus erhaltenswerter Zustand. Das Grundgesetz beginnt immerhin mit Artikel 1 „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Damit ist der Mensch mit seinen gegebenen und gewählten Eigenschaften geschützt. Vielfalt kann man am besten schützen, indem man sie lebt und dazu kann Kultur einen wichtigen Beitrag leisten. So sitze ich beispielsweise auch gerne mal in einer Theaterinszenierung, die mir persönlich nicht gefällt, bei der ich dann aber trotzdem denke: cool, dass die das gemacht haben. Gut ist, dass man dazu eine eigene Meinung haben und äußern kann.

Haben Sie deswegen an sehr unterschiedlichen Orten innerhalb Deutschlands unterschiedliche Projekte aufgemacht, um stärker dieses Land bzw. dessen Föderalismus kennenzulernen?

Es war für mich sehr spannend, in unterschiedlichen Gegenden mit unterschiedlichen Menschen zusammenzuarbeiten, die auch teils sehr unterschiedliche Sprachen haben – damit meine ich nicht unbedingt die Dialekte und Idiome. Das trifft auch auf die unterschiedlichen Herangehensweisen an die Dinge zu. Es waren immer die unterschiedlichen Menschen, die ich kennenlernen durfte, sei es unter den Akteuren, sei es unter Kollegen. Das habe ich immer als sehr bereichernd empfunden.

Trotz des vielfältigen und herausfordernden täglichen Arbeitspensums ist Susanne Völker im Gespräch zuversichtlich, lebendig und engagiert, Foto: Petra Kammann

Wir haben die Perspektive aus der Sicht des Publikums, der gesellschaftlichen Lage, in den Blick genommen. Wie sieht es institutionsintern bei Ihnen aus mit den Beiräten, Vorständen und Aufsichtsräten, mit denen Sie sich jeweils abstimmen müssen? Gibt es da auch eine gemeinsame Themenfindung oder herrscht dort oft vor allem auch Druck? Wie sieht das Procedere aus?

Der Austausch verläuft in den Sitzungen immer sehr konstruktiv. Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir Aufsichtsgremien haben, die ein gemeinsames Ziel für die Kultur in der Region verfolgen.

Auch im Kuratorium?

Die Arbeit im Kuratorium ist noch stärker inhaltlich geprägt. Dort werden die Anträge aus dem Großen Verfahren beraten und auch die Schwerpunktthemen.

Sie haben eben an die großen und an die kleinen Projekte des Kulturfonds erinnert. Wie definieren Sie das? Wo verläuft die Grenze? Sind die kleinen Projekte ggfs. sogar arbeitsintensiver für Sie? 

Das kleine Verfahren ist nicht eigentlich ein „kleines“ Verfahren. Das geht bis zu einer Antragshöhe von bis zu 75 000 Euro. Alles was sich darüber bewegt, gehört zum großen Verfahren. Die Arbeitsintensität hängt vom jeweiligen Arbeitsprojekt selbst ab.

Unabhängig vom finanziellen Rahmen, wo beginnt inhaltlich ein großes Projekt? Daraus folgen ja auch zwei verschiedene Antragsverfahren, wobei es nie eine Vollförderung gibt.

Nein, das stimmt, aber es gibt eine Drittelregelung. Wir fördern mit bis zu einem Drittel der Projektkosten, aber wir haben im vergangenen Jahr eine Satzungsänderung herbeiführen können, die den kleineren Kommunen die Arbeit erleichtern soll. Hier können Projekte im kleinen Verfahren sogar bis zur Hälfte finanziert werden statt bis nur zu einem Drittel.

Kommen wir nochmal zum Inhaltlichen. Welche künstlerische Disziplin liegt Ihnen persönlich am nächsten?

Das kann ich nicht einfach beantworten. Als ich aufgewachsen bin, wurde ich vor allem im Tanz, im Schauspiel, auch in der Oper und auch in Museen sozialisiert. Über das Studium kamen dann über die Kunstgeschichte die vertiefte Befassung mit der bildenden Kunst. Literatur war immer eine große Leidenschaft. Ich fühle mich eigentlich in all den Disziplinen ganz wohl.

Mit wie vielen Mitarbeitern bewältigen Sie derzeit das Programm der großen Rhein-Main-Region?

Wir sind insgesamt zu zehnt.

Das ist nicht gerade üppig. Haben Sie selbst trotz der vielen Arbeit eine persönliche Vision, was die Rhein-Main-Region als Besonderheit auch künftig ausmacht, was vielleicht noch oder schon in der Entwicklung begriffen ist?

Wenn es gelingt, die Rhein-Main-Region als eine innovative Region auch international zu stärken, die gleichzeitig ein starkes Interesse am inneren Zusammenhalt von demokratischen Strukturen hat, dann wäre das ein sehr erstrebenswertes Ergebnis.

Das Jahr 2026 steht nun ja auch unter dem Motto des Design for Democracy-Themas. Kommt das eigentlich bei den Menschen an? Auf der letztjährigen Messe machte die Präsentation eher einen kläglichen Eindruck. Wie lässt sich das auf einen knappen Nenner bringen, was für das Design so wichtig ist? Wie kann man  Democracy überhaupt designen? Haben Sie von Veranstaltungen, die in der Hinsicht schon stattgefunden haben, positive Signale bekommen?

Wir sind auf unterschiedliche Weise an Word Design Capital-Geschichten beteiligt. Einerseits als Förderer und andererseits mit Projekten, die wir einerseits teils fördern und andererseits teils selbst initiieren. Bei den Projekten gibt es ganz unterschiedliche Schwerpunkte. Eine Gemeinsamkeit der Projekte ist es immer, Kunst und Kultur als demokratische Kraft durch diskursive Prozesse zu stärken. Mit unseren eigenen Projekten haben wir einen Schwerpunkt auf die Demokratiestätten der Region gelegt, besonders auf Demokratieorte und deren Akteure und Akteurinnen. Demokratie ist immer etwas Prozessuales und je mehr Projekte von den insgesamt rund 450 Projekten der World Design Capital 2026 umgesetzt werden, desto konkreter erfahrbar und sichtbar wird das WDC-Jahr.

Einblick in das Projekt „Hooked on a Book“ , Foto: Helgard Haug / Kulturfonds RheinMain

Sprechen Sie über Ihre eigenen Projekte, die Sie zu dem Thema entwickelt haben?

Ein Projekt hatte bereits Premiere, d.h. eine Doppelpremiere in Kelkheim und Mühlheim: „Hooked on a Book – eine Expedition“ von Rimini Protokoll, ein innovatives Format, bei dem Menschen, die einander möglicherweise noch nie begegnet sind, entlang eines dafür entwickelten und gestalteten Buchs eine Gesprächsbeziehung zueinander aufbauen können. Ich kann nur sagen: Alle, die da mitgemacht haben, waren sehr angetan davon. Ein solches Format kann auch Vereinsamung, Entfremdung und Sprachlosigkeit entgegenwirken.

Spielt Ihrer Meinung nach das Buch im digitalen Zeitalter eine untergeordnete Rolle oder gar keine mehr, weil Jugendliche nur noch auf dem Handy lesen? Wird das durch die New Adults, die auf Tiktok-Empfehlungen reagieren, noch verstärkt?

Jugendliche wollen nicht nur Streaming, sondern finden auch Schallplatten und CDs wieder attraktiv. Das Buch war schon so oft totgesagt, doch es entwickeln sich immer auch starke Gegenkräfte. Das Buch bleibt wichtig und das hat für mich etwas sehr Beruhigendes.

Einblick in das Projekt „Hooked on a Book“ , Foto: ©Foto: Paula Holzhauer / Kulturfonds RheinMain

Wo liegt  in Ihrer aktuellen Tätigkeit derzeit der Schwerpunkt? Überwiegen nicht vielleicht auch wirtschaftliche und teilweise juristische Beschäftigungen?

Zu meiner Funktion gehören zu den künstlerischen durchaus auch wirtschaftliche und juristische Aufgaben. Dabei bleibt meine Motivation immer eine Inhaltliche. Das eine schließt das andere nicht aus, sondern es ergänzt sich sinnvoll.

Was bedeutet Zivilgesellschaft für Sie eigentlich? Darunter gibt es viele bürgerliche, teils sehr reiche Stifter, die den Reichtum der Kultur unterstützen und solche, die das überhaupt nicht zu sehen bekommen. Wer repräsentiert für Sie die zivile Gesellschaft?

Das bürgerschaftliche Engagement und Mäzenatentum ist eine tragende Säule, besonders in Frankfurt. Das ermöglicht Vielfalt in der Kultur, ebenso wie die öffentliche Förderung hier auf einen klaren Schwerpunkt setzt. Eine breite Teilhabe vieler Menschen an Kultur ist öffentlicher Auftrag und gemeinsames Anliegen. Dafür setzen sich sehr viele Institutionen und Menschen, hauptamtlich und ehrenamtlich, ein.

Ist das vergleichbar mit Städten, die Sie kennen (Hamburg, Wien, Stuttgart, Dresden)?

Auch Wien ist sehr international. Und einer der östlichen Metropolen Europas mit einer vielfältigen kulturellen Prägung, was dazu geführt hat, dass Kunst und Kultur sehr unterschiedliche Einflüsse hatte. Diese Vielfalt verbindet Wien übrigens durchaus mit Frankfurt.

Neben der Vielfalt spielen auch ästhetische Maßstäbe eine Rolle in Kunst und Kultur. Ist Wien zum Beispiel nicht eine viel schönere Stadt? Was bedeutet für Sie Ästhetik, was Schönheit für Sie, für die Menschen?

In der Kunst selber ist „schön“ keine Kategorie. Es gibt kein objektives Schönes. Was eine Person oder Gesellschaft als schön empfindet, kann sich wandeln. Natürlich haben wir alle individuelle ästhetische Maßstäbe, aber diese sind veränderlich.

Wo anfangen, wo aufhören?

Menschen und Projekte kennenzulernen und neue Kontakte, auch zwischen Projekten zu knüpfen ist wichtig. Parallel arbeiten wir an den Rahmenbedingungen der Förderung, sowie an ihren Themen und Handlungsfeldern. Die beiden neuen Schwerpunktsetzungen „Resonanzräume für die Zukunft gestalten“ und „Für aktive Zeitgenossenschaft in der Zivilgesellschaft“ öffnen neue Denk- und Netzwerkräume, Kontakte und Kooperationen. Das ist eine schöne Entwicklung.

Haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch.

https://kulturfonds-frm.de/kulturfonds

Anspruchsvoll, opulent, und sehr berührend – „Awakening“ von Param Vir

2026, März 5.

Aufführung an der Bonner Oper

Von Simone Hamm

Ein Mann in orangefarbener Mönchskutte sitzt unter einem riesigen Halbmond zwischen Trümmern. Nur die Scheinwerfer am Rand der Bühne stehen noch. Er aber scheint unbeirrt inmitten der Verwüstung.

Statisterie, Cody Quattlebaum, Martin Tzonev, Chor des Theater Bonn, Tänzerinnen und Tänzer, Foto: © Max Borchardt

Weiterlesen »

Eine Insel hatte Glück

2026, März 3.

Lanzarote und César Manrique: Künstler, Visionär und Umweltschützer

Von Margarete Berghoff

„Wir, die wir hier geboren sind, kennen deine magischen Kräfte, deine Weisheit, deine Vulkanologie, deine revolutionäre Ästhetik, wir, die wir gekämpft haben, um dich aus deiner geschichtlichen Vergessenheit und der dich immer kennzeichnenden Armut zu retten, zittern heute ob der Feststellung, wie sie dich zerstören und vermassen und begreifen, wie wichtig unsere Proteste und Hilferufe sind, angesichts der Raffgier der Spekulanten und der Tatenlosigkeit der Behörden, die zulassen, dass die Insel, die eine der berühmtesten und schönsten der ganzen Erde sein könnte, unwiderruflich zerstört wird“, sagt César ManriqueDie Inseln, die wir heute die Kanarischen Inseln nennen, wurden von den Phöniziern und Griechen die „Inseln der Glückseligen“ am Rande der Welt genannt. Lanzarote, eine der heute acht Kanarischen Inseln, war damals für seine Orchilla Flechte bekannt, aus der man die begehrte Farbe Purpur herstellen konnte.

Vulkankrater bei El Golfo, Foto: Margarete Berghoff

Weiterlesen »

Friedas Künstlerporträts. Teil IV: Heide Weidele

2026, März 1.

Die Frankfurter Videografin Frieda Günzel stellt Kunstschaffende verschiedener Generationen aus Frankfurt und RheinMain in ihren kreativen Prozessen für FeuilletonFrankfurt vor.

Mit Heide Weidele traf sie eine Installationskünstlerin, die seit 1971 in Frankfurt am Main lebt und zunächst von 1961 bis 1974 als Buchhändlerin arbeitete, ab 1974 die Hochschule für Gestaltung in Offenbach und von 79 bis 81 die Staatliche Hochschule für Bildende Künste – die Städelschule in Frankfurt besuchte. In dem Videoporträt spricht sie über das Zusammenspiel zwischen Ausstellungsraum und Kunstwerk, über den verborgenen Zauber, der dem Material Plastik innewohnt und über den größten Fehler, den sie während ihres Schaffensprozesses machen kann: etwas zu beabsichtigen.

https://www.youtube.com/watch?v=1nmbxebeLDg

Weiterlesen »

Vom Goldenen Tempel zum Heiligen Zahntempel

2026, Februar 27.

Sri Lanka: Reiche Kultur, pure Natur, Teil IV

Eindrücke und Fotos von Paulina Heiligenthal

Fröhliche Hutäffchen begleiten mich ein Stück des Weges beim 30- minütigen Aufstieg zum historischen Felsenkomplex, zum Goldenen Tempel von Dambulla. Der Pfad führt über 250 in den Fels gehauenen Treppenstufen aufwärts zum nächsten bedeutungsvollen Highlight, einem UNESCO-Weltkulturerbe seit 1991.

Der Ausblick in die majestätische Landschaft entschädigt für den steilen Anstieg zum Höhlentempel in Dambulla

Weiterlesen »

Jarmuschs „Father Mother Sister Brother“ kommt in die Kinos

2026, Februar 26.

Familienbande

Von Corinne Elsesser

Mit der Wahl seiner Drehorte umspannt der amerikanische Kultregisseur Jim Jarmusch in seinem neuen Film die halbe Welt. Und mit dem für ihn eher ungewöhnlichen Thema Familie bringt er Dinge auf den Punkt, die uns mehr oder weniger alle betreffen. Der alte Vater, der seinen Kindern etwas vorspielt, Gespräche mit inzwischen erwachsenen Kindern, die nur schleppend vorankommen, kaum hat man sich noch etwas zu sagen.

Filmstill aus „Father Mother Sister Brother“ , Verleih: Weltkino.de

Weiterlesen »

Karfunkel – Hauptpreis für Sarah Kortmann und Sonderpreis für Barbara Englert

2026, Februar 25.

Seit 2010 wird der Kinder- und Jugendtheaterpreis Karfunkel der Stadt Frankfurt verliehen, um qualitätsvolle Kinder- und Jugendtheaterarbeit in Frankfurt auszuzeichnen und damit die Preisträgerinnen und Preisträger bekannter zu machen. Der nach dem feuerroten Edelstein benannte Karfunkel-Preis wird traditionell parallel zum Internationalen Theaterfestival „Starke Stücke“ verliehen. Das Festival läuft noch bis Dienstag, 3. März, in Frankfurt und dem gesamten Rhein-Main-Gebiet. Der Hauptpreis (10 000 Euro) ging in diesem Jahr an „Kortmann&Konsorten“ für die Inszenierung des Stückes „STIMMEN – Anne, Sophie, Melita“ und der mit 5000 Euro dotierte Sonderpreis ging an die Autorin und Regisseurin vom Förderkreis Frankfurt Barbara Englert.

Von links: Kulturdezernentin Ina Hartwig mit der Sonderpreis-Trägerin Barbara Englert und Laudatorin Aileen Schneider, Copyright: Stadt Frankfurt am Main, Foto: Katrin Schander

Weiterlesen »

Ein Dream Team – Eric Gauthiers Junior Kompanie

2026, Februar 25.

 Spritzig, leicht und witzig

von Simone Hamm

„Dream Team“ nennt Eric Gauthier den Abend seiner Junior Kompanie. Etwas Altes, etwas Neues, etwas Geliehenes und etwas Blaues soll eine Braut tragen, damit die Ehe glücklich wird. Etwas Altes, etwas Neues, etwas Geliehenes und etwas Blaues zeigten die Tänzer und Tänzerinnen des Gauthier Junior Ballett.

Hübscher Einfalll, der Braut Hinweise mit auf den Weg zu geben, Foto: © Jeanette Bak

Weiterlesen »

Unter Druck – politische Plakate zwischen 1918 und 1933“ im Museum Wiesbaden

2026, Februar 24.

Wie Kunst, Typographie und Gestaltung zu politischem Machtinstrument wurden

Von Hans-Bernd Heier

„Unter Druck“ – die neue Plakatausstellung im Museum Wiesbaden zeigt, wie visuelle Kommunikation zwischen 1918 und 1933 von der Politik genutzt wurde: zur Information, zur Einflussnahme, aber auch zur Manipulation. 80 Plakate aus der Sammlung des Wiesbadeners Maximilian Karagöz verdeutlichen, wie einfach Bilder Emotionen schüren, Feindbilder schaffen oder politische Stimmungen fundamentieren oder anheizen können. Die eindrückliche Schau, eine Kooperation mit dem Hessischen Landtag, ist bis zum 9. August 2026 zu sehen.

Information, Manipulation, Provokation; Gestaltung Museum Wiesbaden/ Theresa Duck

Weiterlesen »

„Der Meister und Margerita“ nach dem Roman von Michail Bulgakow auf der Frankfurter Bühne

2026, Februar 23.

Forensische Rekonstruktion eines doppelbödig satanischen Spiels

Von Petra Kammann

Während im Moskau um 1930 Menschen aus unsichtbaren Gründen verschleppt, gefoltert, hingerichtet, unsichtbar gemacht werden, geht daneben das „normale“ Leben weiter seinen Gang. Allein ein unheimlicher „Fremder“ – ein „Pole“, ein „Deutscher?“, von dem das Böse auszugehen scheint, beschäftigt die Gemüter. Es ist nur einer der komplexen Handlungsstränge in Bulgakows vielstimmigen Roman „Der Meister und Margarita“. Der russische Regisseur Timofej Kuljabin zeichnet in seiner Romanadaption für die Bühne das Bild einer korrupten Gesellschaft, in der die Unberechenbarkeit allgegenwärtiger Gewalt zum System geworden ist. Die Entlarvung der Lüge in der Kunst wie im Leben erleben wir im Verhör. Das Stück könnte nicht aktueller sein.

»Der Meister und Margarita« nach Michail Bulgakow Regie: Timofej Kuljabin, Ensemble, Foto: Arno Declair

Weiterlesen »