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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

66. Hörspielpreis der Kriegsblinden

2017, Mai 23.

Mit 66 in die Zukunft

Auszeichnung für den belgischen Radiomacher Lucas Derycke für „Screener“  – Preisverleihung im Deutschlandfunk in Köln

Von Petra Kammann

Die 66. Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden, die am 17. Mai im Deutschlandfunk stattfand, war in verschiedener Hinsicht eine besondere Veranstaltung. Drei Stücke waren nominiert worden, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Alle miteinander waren sie aber absolut preiswürdig: „Evangelium Pasolini“ aus der Hörspielabteilung des HR, ein erzähltes Hörspiel über das Matthäus-Evangelium von Arnold Stadler und Oliver Sturm, „Mein Herz ist leer“ von Werner Fritsch (Deutschlandradio Kultur und Radio Bremen) über japanische Haikus, das von der Wiederentdeckung der Langsamkeit und der intensiven Wahrnehmung der Natur handelt sowie „Screener“ (WDR), das Hörstück über Gewaltvideos im Internet und die damit einhergehende Verschiebung von digitalen und tatsächlichen Realitäten von Lucas Derycke. Das vom Thema her aktuell Drängendste machte dann am Ende auch das Rennen und wurde mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet.

 

v.l.n.r.: Juryvorsitzende Gaby Hartel, Finalisten Oliver Sturm und Werner Fritsch, Angelika Zimmermann, Stellvertr. Leiter des  des Bundes der Kriegsblinden Reinhard Zimmermann, Preisträger Lucas Derycke, Film- und Medienstiftungsdirektorin Petra Müller, WDR-Hörfunkdirektorin Valerie Weber, Deutschlandradio-Kulturchef Mathias Gierth

Die Veranstaltung

Musikalisch eingestimmt wurde die Präsentation der von der Jury nominierten Hörspiele und ihrer Macher mit den variationsreichen Free Jazz Sounds nach der Musik von John Zorn durch das Jazztrio Vinograd Express, die virtuos von der Klarinettistin Annette Maye improvisiert wurde.

Deutschlandradio-Kulturchef Mathias Gierth betonte in seiner Rede die genuine Kraft der Hörfunkkunst, die vor allem auf den neuen digitalen Plattformen besonders erfolgreich sei, und er wies in diesem Zusammenhang auf das deutsch-russische Gemeinschaftsprojekt „Horchposten 1941“ von Jochen Langner und Andreas von Westphalen hin – eine interaktive Klanginstallation um die Blockade Leningrads, die in einer akustischen Collage authentische russische und deutsche Texte zum Ostfeldzug des Zweiten Weltkriegs hörbar macht. Erzählt wird darin von Zivilisten und Soldaten, von Opfern und Tätern, Deutschen und Sowjets zwischen den Fronten von Nationalsozialismus und Stalinismus.

Die Leiterin der Film- und Medienstiftung NRW Petra Müller sah in ihrem Grußwort den Hörspiel-Oscar, den 66 Jahre alten Kulturpreis, auch deswegen als zukunftsfähig an, weil er in andere Aktivitäten der Film- und Medien- Stiftung wie das Hörspielforum oder in spezielle Autorenstipendien eingebunden sei.

Mit dem vom Bund der Kriegsblinden e.V. (BKD) und der Filmstiftung getragenen Preis für Radiokunst werden seit 1952 Original-Hörspiele deutschsprachiger Sender ausgezeichnet. Preisträger waren u. a. Ingeborg Bachmann, Mauricio Kagel, Ernst Jandl und Friederike Mayröcker, Paul Plamper, Elfriede Jelinek, Christoph Schlingensief und zuletzt Sibylle Berg.

→ Juryvorsitzende
Gaby Hartel 

Anders hinhören

In diesem Jahr wurde die Jury erstmalig von der Kulturwissenschaftlerin Gaby Hartel geleitet, die jedoch schon Erfahrungen als Jurymitglied mitbrachte. Das Besondere des Preises mit der hälftig aus Fachkritikern sowie aus „Blinden“ besetzten Jury, führe zu einem spezifischen „Hinhören“ oder böte, wie Hartel sagte, für Kritiker, die sich gerne im „Mikrokosmos suhlten“, den nötigen „reality check“.

Der langjährige Vorsitzende Dieter Hain, der diesmal nicht anwesend sein konnte, ließ sich durch den Stellvertreter des Bundes der Kriegsblinden, Reinhard Zimmermann, vertreten, dessen Frau Angelika Zimmermann Hains Ansprache vortrug. Souverän moderiert wurde die Veranstaltung von der mit dem Hörspiel inzwischen bestens vertrauten Moderatorin Ute Soldierer.

Insgesamt 24 Hörspiele waren in diesem Jahr eingereicht worden, die in der Jury „mit großer Leidenschaft“ (Hartel) diskutiert worden seien, denn – wie auch von verschiedenen Jurymitgliedern bestätigt wurde – habe es sich um einen besonders starken Jahrgang gehandelt, was wiederum als Beweis für die Zukunftsfähigkeit des Genres spricht.

Mein Herz ist leer

Hörspielmacher Werner Fritsch, der bereits 1993 mit dem Hörspielpreis für „Sense“ ausgezeichnet wurde, ist mit „Mein Herz ist leer“ auch etwas Außergewöhnliches gelungen. Darin entwickelt er den Lebensfilm eines „Dichters auf Wanderschaft“ entlang der Jahreszeiten. Fritsch hatte Japan kurz nach der Katastrophe von Fukushima besucht und damals den Wunsch gehabt, etwas „Heilendes“ zu produzieren, das den Menschen eine Identität zurückgibt. Er dichtete die Haikus des Wanderdichters Taneda Santōka (1882-1940) nach und machte sie hörbar. Dabei wird der sparsam eingesetzte „Klang eines Regentropfens“ oder eines Windhauchs geradezu magisch präsent. Die Zusammenarbeit mit der japanischen Komponistin Miki Juhi sei für ihn in der Produktion ebenso exzeptionell gewesen wie die Zusammenarbeit mit Michael Altmann, der lange mit Zelt und Boot unterwegs war und daher eine tiefe Naturerfahrung in der Stimme mitgebracht habe.

↑ Fritsch und die japanische Komponistin Miki Juhi
↓ Die drei Hörspielmacher-Finalisten Werner Fritsch, Oliver Sturm und Lucas Derycke

Evangelium Pasolini

Polyphon und mehrschichtig war auch das nominierte Hörspiel „Evangelium Pasolini“ aus dem HR. Darin beschreiben Arnold Stadler und Oliver Sturm das Matthäus-Evangelium aus der Perspektive des Pasolini-Films „Das 1. Evangelium – Matthäus“, in dem der neorealistische italienische Filmemacher Jesus als menschliche Figur darstellt und so die biblische Vorlage kompromisslos umsetzt, von der Jungfrauengeburt bis zum Kreuzestod. Gemeinsam mit Oliver Sturm betrachtet der Schriftsteller und Theologe Arnold Stadler diesen Film, erzählt ihn nach und kommentiert einzelne Szenen, die wiederum von Sequenzen aus der Bach’schen Matthäuspassion und h-moll Messe begleitet werden. Das Evangelium, der Film, das Drehbuch, die Musik und der nacherzählte Film formulieren ein vielstimmiges und vielschichtiges Bild der biblischen Jesus-Geschichte. Es entsteht eine Erzählung in der Erzählung in der Erzählung, welche durch die Überlagerungen auch der original italienischen Filmstimmen der einfachen Leute, das eindringliche Krähen des Hahns, bevor Judas Christus verrät, an Intensität gewinnt. Hörspielregisseur Oliver Sturm geht auch inhaltlich noch weiter, indem er die Leidensgeschichte Christi mit der Ermordung des radikalen homosexuellen Filmemachers kurzschließt – eine medienübergreifende und politisch unter die Haut gehende frische Deutung der zweitausend Jahre alten Passionsgeschichte. Die Jury lobte das Stück aus der großen Bibelreihe als „gelungene politische Aktualisierung des Neuen Testaments, die unter die Haut geht“. Ein großes Kompliment gebührt auch der verantwortlichen hr2-Redakteurin und Dramaturgin Ursula Ruppel.

Screener

Das Hörspiel des gerade erst 26-jährigen Lucas Derycke wiederum handelt von etwas ganz Aktuellem, einem „Content Reviewer“, dessen Job darin besteht, für ein großes Unternehmen unbotmäßige Internet-Videoinhalte auszusondern. Die Bilderflut in seinem Kopf bleibt dabei nicht ohne Folgen. Die zerstückelten Erfahrungen von Gewaltdarstellungen bestimmen und verdüstern sein Leben so sehr, dass er am Ende in Parallelwelten lebt, die er nicht mehr zusammenbringen kann. So erreicht ihn die Stimme seiner realexistierenden Freundin nicht mehr. Und er selbst geht sich in diesem Prozess verloren. „Ein solcher Horror wird im Nah-dran-Medium Hörspiel ganz besonders evident, vor allem, wenn die Überblendung von Wirklichkeiten und der graduelle Verlust so gut gelöst sind wie hier. Gemurmelte Selbstgespräche beim „tagging“ und die Tonspur des Videos stehen den munteren Sätzen von Freundeskreis und Chef gegenüber… Ein akustisch beeindruckendes und inhaltlich intensives Hörspiel zu einer brennenden Frage unserer Zeit“, argumentierte denn auch die Jury.

Überglücklich: der 26-jährige belgische
Radiomacher und Hörspielpreisträger
Lucas Derycke →

Der belgische Radiomacher, der zunächst Journalismus studierte und 2015 sein Radio- Studium am Royal Institute for Theatre, Cinema and Sound (RITCS) in Brüssel abschloss, produziert vor allem Kurz-Features und -Hörspiele für den belgischen Sender VRT und den holländischen Sender NPO. Er selbst hatte ähnliche Erfahrungen wie Felix aus dem Hörspiel gemacht, als er drei Monate lang einem Job nachging, in dem er die „bad sounds“ aus den „horrible movies“ herausgefiltert habe, hatte selbst zwar Distanz,sah jedoch auch die möglichen Folgen. Dabei habe er seine visuellen Erfahrungen anschließend auf das Akustische übertragen.

Dass seine erste Hörspiellangproduktion sowie seine erste deutschsprachige Produktion, die vom WDR betreut wurde, gleich mit dem renommierten Hörspielpreis der Kriegsblinden belohnt wird, zeichnet nicht nur ihn aus, sondern auch die Hörspielabteilung des WDR, die sich nicht gescheut hat, sich auch auf andere Sprachen einzulassen. Derycke lobte, dass es in Deutschland im Gegensatz zu den flämischen Radiostationen überhaupt noch Hörspielabteilungen gebe, in denen man experimentell arbeiten könne.

Nach dem insgesamt so gelungenen Jahrgang brachte Gaby Hartel auf den Punkt, was die Qualität der Hörspiele auszeichne: Wir würden „Sinneszeugen“, und in der „Beschränkung der Mittel“ würden Energien freigesetzt für die Imagination. Da kann einem um die Zukunft des Hörspiels nicht bange sein.

200 Jahre Staatliche Hochschule für bildende Künste – Städelschule – Frankfurt am Main (2)

2017, Mai 22.

10 JAHRE FEUILLETONFRANKFURT
10 JAHRE EINDRÜCKE UND STREIFLICHTER ZU RUNDGÄNGEN UND ABSOLVENTENAUSSTELLUNGEN DER STÄDELSCHULE

Von Erhard Metz

L1008284-600

Aus Anlaß des Jubiläums 200 Jahre Städelschule publizieren wir im folgenden – weniger für das Smartphone geeignet als für Betrachter am heimischen Rechner – einen „Leporello“ aus 10 Jahren subjektiv-auswählender Berichterstattung von Rundgängen und Absolventenausstellungen 2007 bis 2016 in FeuilletonFrankfurt. An die 60 aneinandergefügte Artikel mit insgesamt geschätzt fast 600 Abbildungen können lediglich ein nur kleines und unvollständiges Bild vermitteln von dem Reichtum dessen, was wir in den Rundgängen und Absolventenausstellungen dieses Dezenniums zu sehen bekamen. Der nun auf „Einzug/Weiterlesen“ gestellte Beitrag wendet sich an Leserinnen und Leser, die ein entsprechendes Interesse an der Städelschule und die erforderliche Zeit mitbringen.

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200 Jahre Staatliche Hochschule für Bildende Künste – Städelschule – Frankfurt am Main

2017, Mai 20.

Ein Juwel unter den Kunstakademien der Welt

Von Erhard Metz

Gewiß – es gibt ältere Kunstakademien: die älteste zu sein für sich in Anspruch nehmende ist wohl die Koninklijke Academie van Beeldende Kunsten (Königliche Akademie der Bildenden Künste – KABK) in Den Haag, die sich auf das Jahr 1656 zurückführen lässt. Die Nürnberger Akademie der bildenden Künste von 1662 gilt als die älteste im deutschsprachigen Raum. Zahlenspiele liessen sich fortführen – doch wozu? Wir feiern heuer nicht mehr und nicht weniger 200 Jahre Städelschule in Frankfurt am Main. Und immerhin ist die Kunsthochschule um fast ein Jahrhundert älter als die erst im Oktober 1914 gegründete Goethe-Universität der Stadt!

Natürlich wurden „200 Jahre Städelschule“ am 18. Mai 2017 würdig wie auch zünftig gefeiert – zunächst mit dem Festakt im Kaisersaal des Frankfurter Römer mit Ansprachen von Oberbürgermeister Peter Feldmann, dem Hessischen Minister für Wissenschaft und Kunst Boris Rhein, der Kunsthistorikerin Corina Meyer und von Rektor Professor Philippe Pirotte. Anschliessend traf sich die Festgesellschaft zur Überfahrt über den Main vom Römerberg zum Holbeinsteg mit der „Wappen von Frankfurt“ – zuvor jedoch konnte man den ersten Teil einer Performance „Le Bal“ von Sonia Knop, Lisa Strozyk und Elisaveta Braslavskaja auf dem Römerberg genießen – der zweite Teil folgte am Anleger Holbeinsteg – . Schliesslich traf man sich – Regen und Schwüle hatten sich verzogen – zu einem sommerlichen Abend im Städelschulgarten. Dort brillierten nach Ansprachen von Rektor Professor Philippe Pirotte, Kulturdezernentin Ina Hartwig und Elisabeth Haindl, der Vorsitzenden des Vereins Städelschule Portikus e.V., die Studentenvertreter Babette Semmer und John Ryaner mit einem Sketch und anschließend die Band Petra Strohm.

(v.l.) Ina Hartwig, Dezernentin für Kultur und Wissenschaft der Stadt Frankfurt am Main, Professor Philippe Pirotte, Rektor der Städelschule, Elisabeth Haindl, Vorsitzende des Vereins Städelschule Portikus e.V., beim Jubiläumsfest im Städelschulgarten; Foto: Erhard Metz

Bereits am 15. März 1815 schlug mit der Unterzeichnung des Testaments (Stiftungsbriefs) letzter Fassung durch Johann Friedrich Städel (1728-1816) die Geburtsstunde nicht nur für das „Kunstinstitut zum Besten hiesiger Stadt und Bürgerschaft“ (dem späteren Städel Museum), sondern auch für die „Lehranstalt“ (der heutigen Staatlichen Hochschule für bildende Künste – kurz Städelschule). Städel verordnete zu Letzterer Unterricht „in der Baukunst und den in das Kunstfach einschlagenden Wissenschaften“. Anders als bei der 200 Jahr-Feier für das Städel Museum wird für das Gründungsjahr der Städelschule 1817 zugrunde gelegt mit dem Beginn der Förderung von Kunst-„Schülern“, zunächst durch Stipendien.

Der Stiftungsbrief von Johann Friedrich Städel, 1815, Titel und letzte Seite, © Stadtarchiv Frankfurt am Main

Einen hervorragenden Überblick über die Gründungsphase der Städelschule vermittelt der Beitrag von Corina Meyer „Um sich zu nützlichen und brauchbaren Bürgern und Künstlern zu bilden – Zur Entstehung der Städelschule“ in der bibliophil gestalteten Festschrift „200 Jahre Städelschule“. Bemerkenswert, wie Johann Friedrich Städel in seinem Testament bereits Kernpunkte des heutigen Profils der Akademie vorwegnahm, „daß Kinder unbemittelter dahier verbürgerter Eltern ohne Unterschied des Geschlechts und der Religion, welche sich den Künsten und Bauprofession widmen wollen, zur Erlernung der Anfangsgründe des Zeichnens, durch geschickte Lehrer … in der historischen und Landschaftsmalerey, im Kupferstechen … unentgeltlich unterrichtet werden“ – in einer Zeit, als weibliche Studierende ganz allgemein und überhaupt noch nicht vorstellbar waren!

Johann Nepomuk Zwerger (1796-1868), Bildnisbüste Johann Friedrich Städel, 1829, Marmor, Städel Museum Frankfurt am Main; Foto: Städel Museum

Die Städelschule – ein Juwel unter den Kunstakademien der Welt. Was weist die Frankfurter Städelschule in ihrem über die Jahrzehnte gewachsenen und weiterentwickelten Selbstverständnis als eine der weltweit angesehensten Kunsthochschulen, als richtungweisende Kunstinstitution aus? Es ist die Freiheit der Lehre in Autonomie und Selbstverantwortung, im Diskurs der Lehrenden und Lernenden auf Augenhöhe, mit- und untereinander, „im Spagat zwischen traditioneller künstlerischer Ausbildung im Klassenverband sowie einer progressiven und selbstreflexiven Lehre in stetigem Wandel“, wie es der hessische Minister für Wissenschaft und Kunst, Boris Rhein, formulierte; es ist das Studienziel, im Rahmen einer „experimentellen Institution“ eine freie, selbstbewusste und initiative künstlerische Persönlichkeit“ zu entwickeln.

Im Vordergrund für die etwa 200 Studierenden steht das Studium der Freien Bildenden Kunst (Bildhauerei, Film, Freie Bildende Kunst und Freie Malerei). Weiter bietet die Städelschule mit ihrer Städelschule Architecture Class (SAC) ein zweijähriges postgraduales Studium mit dem Master of Arts in Architecture und schliesslich den Master-Studiengang Curatorial Studies (in Zusammenarbeit mit dem Kunstgeschichtlichen Institut der Goethe-Universität). Unterstützt wird der Lehrbetrieb durch die 1989 gegründete Stiftung Städelschule für junge Künstler und die 2001 errichtete Stiftung Städelschule für Baukunst, ferner durch das Institut für Kunstkritik (2003) sowie schliesslich den Verein Städelschule Portikus e.V., der 2005 aus dem Verein Freunde der Städelschule e.V. und dem Portikus e.V. hervorging.

Zu feiern gilt es zugleich 30 Jahre Ausstellungshalle Portikus – seit 1987 ist sie in dem markanten Bauwerk auf der Maininsel integraler wie zugleich ihrerseits autonomer Bestandteil der Städelschule – nicht als Ausstellungsort für die Studierenden, sondern als Studiengalerie, als ein Zentrum für experimentelle Kunst.

Die chronisch unterfinanzierte Städelschule wurde bislang fast gänzlich allein durch die Stadt Frankfurt alimentiert. Nach jahrelangen Gesprächen kamen das Land Hessen, die Stadt Frankfurt am Main und die Schulleitung 2015 überein, dass das Land die Kunstakademie zum 1. Januar 2019 nach entsprechender Anpassung des Hessischen Hochschulgesetzes in seine Trägerschaft übernimmt. Bereits 2016 flossen etwa 1 Mio. Euro an Landesmitteln in den Schulbetrieb, für 2017 sind 2 Mio. Euro und für 2018 3 Mio. Euro vorgesehen. Die Stadt Frankfurt will im Rahmen dieser Mittelumschichtung mehrere Millionen Euro in die Schulausstattung investieren. Sie bleibt auch künftig für den Unterhalt der Ausstellungshalle Portikus der Städelschule und für die Pensionsleistungen zuständig.

Angedacht wird eine Art Trias von Städelschule, Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt und Hochschule für Gestaltung Offenbach (die beiden letzteren arbeiten bereits unter dem Dach des Hessischen Hochschulgesetzes) – unter Wahrung der bisherigen besonderen Autonomie der Städelschule. Bei der anstehenden Gesetzesreform wird Rektor Philippe Pirotte ein wachsames Auge auf die diesbezüglich von Stadt und Land gegebenen Zusagen haben.

Professor Philippe Pirotte, 1972 in Antwerpen geboren, seit 2014 Rektor der Staatlichen Hochschule für bildende Künste – Städelschule – , am 18. Mai 2017; Foto: Erhard Metz

In seinem äusserst beachtenswerten Beitrag „No Deal – Spekulation, Unterschied und Unstimmigkeit“ zur Festschrift postuliert Philippe Pirotte, eine zivilisierte Gesellschaft solle „Räume bieten, in denen sie Abstand zu den eigenen Werten gewinnen kann“. Sie müsse „Verantwortung übernehmen, ohne Renditen oder Kontrolle zu erwarten“. Kunst erlaube, so Pirotte, „eine ziellose Begegnung mit der Welt, die keine Möglichkeiten ausschließt“. Einen solchen Raum solle die Städelschule auch in Zukunft darstellen, „in dem die Freiheit zum Experimentieren, die Freiheit zur Verhandlung  ideologischer Positionen und die Freiheit zum Scheitern nicht nur akzeptiert wird, sondern Sinn stiftend ist“.

Mit Professorin Judith Hopf gelte es die zentrale Frage zu erörtern: „Warum macht ein Künstler oder eine Künstlerin, was er oder sie macht? Das lässt sich sachlich nicht in Rechnungen oder Bilanzen einer grösseren staatlichen Struktur ausdrücken“. Die Städelschule arbeite deshalb bewusst jenseits der Bologna-Regelungen – „ohne Kapitalrendite in Form von standardisierten Diplomen“. „Kunst ist etwas“, bekennt Pirotte, „das zu machen einen niemand auffordert. Und trotzdem, paradoxerweise muss der Künstler oder die Künstlerin sich das besondere Mandat verdienen, Kunst mit einer gewissen Sinnhaftigkeit zu machen – einer künstlerischen Lizenz sozusagen. Das bedeutet es, einen Unterschied zu machen: Mache anders, was jeder hätte tun können, aber niemand getan hat. Finde heraus, was getan werden muss, was aber niemand bedacht hat zu tun. Man braucht Zeit, um zu überlegen, ob man sich wirklich auf diese (spekulative) Reise begeben will oder nicht. Und wenn solche Entscheidungen getroffen werden, sind sie von großer Bedeutung. Sie schlagen immer wieder eine neue Antwort auf die Frage vor: Was kann Kunst heutzutage sein oder bedeuten?“

In diesem Sinne wünscht FeuilletonFrankfurt der Städelschule, ihrem Rektor und ihren Lehrenden und Studierenden einen glückenden Übergang in eine neue Ära als künftige Hochschule des Landes Hessen.

 

Ausblick auf Veranstaltungen im Rahmen des Jubiläums 200 Jahre Städelschule:

1. bis 5. Juni 2017 RUNDGANG 2017 – Jahresausstellung der Studierenden an den Standorten Dürerstraße 10, Dürerstraße 24 und Daimlerstraße 32
16. Juni 2017 Benefiz-Auktion im Metzlersaal des Städel Museums
Juni bis August Sommer-Programm „Portikus XXX“
13. Juli 2017 „Dean’s Honorary Lecture“ der Städelschule Architecture Class SAC
17. Oktober 2017 Eröffnung der Absolventenausstellung im MMK3 und Teilen des MMK1
23./24. November 2017 Symposium „Commentary Culture“

→ 200 Jahre Staatliche Hochschule für bildende Künste – Städelschule – Frankfurt am Main (2)

10 JAHRE FEUILLETONFRANKFURT
10 JAHRE EINDRÜCKE UND STREIFLICHTER ZU RUNDGÄNGEN UND ABSOLVENTENAUSSTELLUNGEN DER STÄDELSCHULE

 

VORSICHT KUNST! in der Volksbank Dreieich: Joachim Raab – Das Meer im Süden

2017, Mai 18.

Joachim Raab, gebürtiger Isenburger, heute in Frankfurt am Main ansässig, hat sich nie als reiner Atelierkünstler gesehen. Er braucht das Draußen, das Reale. Fast täglich fährt er mit dem Fahrrad eine 50km-Strecke. Begibt sich in die Natur. Durch die Naturbeobachtung entstehen Ideen, die er in seinen Werken umsetzt. Im Rahmen der Reihe VORSICHT KUNST! der Volksbank Dreieich präsentiert Joachim Raab 30 Werke seiner Serie Das Meer im Süden.

Von Esther Erfert
Einführung zur Ausstellungseröffnung

Meer 1, Acryl auf Leinwand, 150 x 100 cm

Im Jahr 2012 verbringt Raab einige Wochen im Roussillon in der Provence. Ganz in der Nähe des Meeres und der Pyrenäen. Jeden Morgen erkundete er auch hier die Umgebung mit dem Rad. In dieser Landschaft reizen ihn die noch weiten Bereiche, wo man allein sein kann, wo noch Natur ist, die Canyons und die Flüsse ohne Kanalisation, die ins Meer fließen. Es gibt Zeiten, da verursachen sie große Überschwemmungen. Diese Urwüchsigkeit fasziniert ihn. Es war noch keine Hochsaison und morgens standen die Angler am Meer. Die Farbe der ungenutzten Strandhäuschen war abgeblättert. Der Blick richtete sich auf die glitzernde Weite des Meeres bis zum Horizont, es gab keine Badenden, die ihn störten. Hier und da lagen ein paar Boote und Netze, es gab ein paar Pfähle, horizontale und vertikale Elemente, die rahmend und unterteilend wirkten. Weiterlesen

Präsentation des neuen Ritschl-Werkverzeichnisses in Wiesbaden

2017, Mai 16.

Ritschls faszinierendes Spätwerk – ein Fest der Farbe

Von Hans-Bernd Heier

Otto Ritschl, geboren 1885 in Erfurt, gestorben 1976 in Wiesbaden, gehört zu dem Kreis abstrakter Maler, die nach dem Zweiten Weltkrieg die westdeutsche Kunstszene prägten. Er hat ein immenses Werk von rund 1.900 Arbeiten hinterlassen, darunter etwa 1.600 Ölgemälde. Trotz hoch qualitativer Kompositionen ist dem vielseitigen Künstler der internationale Durchbruch versagt geblieben. „Da bin ich doch so alt geworden wie ein Methusalem, hab‘ geschafft wie ein Pferd, den großen Erfolg, nein, den hab‘ ich nicht gehabt“. Dieses lapidare Bekenntnis legte der bedeutende Einzelgänger als Neunzigjähriger nach nahezu 60 Jahren künstlerischen Schaffens ab.

Otto Ritschl „Komposition 76/9“, Öl auf Leinwand, 155 x 130 cm; Foto: Museum Wiesbaden Foto: @ Bernd Fickert

Mit dazu beigetragen hat sicherlich die Diffamierung Ritschls als „entarteter Künstler“ durch die Nationalsozialisten. Er verzichtete deshalb während der Nazi-Diktatur auf weitere Ausstellungen und malte nur noch heimlich. Auch nach dem Krieg mied der Maler, der häufig gegen den Strom schwamm, den von ihm abgelehnten „Kunstrummel“ und zog sich als Einsiedler in sein Wiesbadener Atelierhaus zurück. Beim Verkauf seiner Werke hielt er sich ebenfalls zurück. Wenn ein Kunstfreund ein Gemälde erwerben wollte, das er nicht verkaufen wollte, musste sein Adlatus Wolff Mirus dieses im Schlafzimmer sicherstellen. „Dem Sammler wurde gesagt, das Bild befände sich irgendwo auf Ausstellungstournee und wäre zur Zeit nicht greifbar. Mit der Zeit mussten immer mehr Bilder ins Schlafzimmer gebracht werden“, so Mirus. Ritschl selbst sprach schmunzelnd von „Schlafzimmerbildern“. Weiterlesen