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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

25 Jahre Museum für Moderne Kunst MMK (2)

29. Juni 2016

Neue Sammlungspräsentation im MMK1

Seinen 25. Geburtstag feierte das Museum für Moderne Kunst Frankfurt MMK zum einen mit einem Tag der offenen Tür und einem attraktiven, vielbesuchten Veranstaltungsprogramm im Haupthaus (MMK1) an der Domstrasse. Zum anderen schenkte es sich und dem Publikum eine neue und durchaus überraschende Sammlungspräsentation im MMK1: Bis auf einige Höhepunkte der Sammlung wie „Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch“ von Joseph Beuys, Roy Lichtensteins „Compositions I“, Claes Oldenburgs „Bedroom Ensemble, Replica I“ oder „Dance Diagram [1]“ von Andy Warhol haben die weltbekannten „Bluechips“ des Hauses einmal Pause zugunsten jüngerer Positionen, teilweise aus vorangegangenen Ausstellungen im Haupthaus wie im MMK2 (TaunusTurm) und MMK3 (Zollamt).

Zur Sammlungsgeschichte muss auf den Beitrag 20 Jahre Museum für Moderne Kunst (MMK) Frankfurt am Main nebst acht Folgebeiträgen verwiesen werden, zur Eröffnung des MMK2 im Taunusturm auf den Artikel MMK 2 eröffnet unter dem Motto „Boom She Boom“ vom Oktober 2014.

Aktuell ist im Stammhaus (noch bis 14. August 2016) die grossartige Einzelausstellung „Kader Attia. Sacrifice and Harmony“ zu sehen, die man keinesfalls versäumen darf. Attia, 1970 in Paris geboren, zählt zu den international führenden Künstlern seiner Generation. Mit seinen ausgestellten Werken erforscht er, wie das MMK schreibt, die weitreichenden Auswirkungen der westlichen kulturellen Hegemonie auf nicht-westliche Kulturen vor dem Hintergrund einer globalisierten Gegenwart.

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Kader Attia beim Presserundgang zur Ausstellungseröffnung „Kader Attia. Sacrifice and Harmony“ am 14. April 2016; Foto: FeuilletonFrankfurt

Die neue Sammlungspräsentation im MMK1 aus den inzwischen über 5.000 Kunstwerken von den 1960er-Jahren bis in die aktuelle Gegenwart setzt den Schwerpunkt auf Erwerbungen der letzten Jahre und dabei vor allem auf Werkgruppen, die speziell für das Museum entstanden sind oder in enger Zusammenarbeit mit den Künstlerinnen und Künstlern für bestimmte Ausstellungsräume im Dialog mit der Architektur ausgewählt wurden. Apropos Architektur: Im Grunde ist das von dem Wiener Architekten Hans Hollein entworfene Gebäude der Postmoderne bereits für sich gesehen ein Gesamtkunstwerk.

Einen Raum von nahezu sakraler Ausstrahlung bildet die Präsentation der inzwischen 36 sogenannten Date Paintings aus der Serie „Today“ und mit dem One Hundred Years Calendar – 20th Century „24,845 days“ von On Kawara (1932-2014). Neben dem New Yorker Museum Dia:Beacon besitzt das MMK die weltweit grösste Sammlung von Datumsbildern dieses Ausnahmekünstlers. Erinnerungen an den „Ulysses“ von James Joyce werden wach (der Roman handelt von einem einzigen Tag im Leben des Leopold Bloom in Dublin), durchaus auch an Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Man könnte – am besten, man wäre dort allein – einen ganzen Tag in diesem Saal verbringen und Stationen der eigenen Existenz erinnern und reflektieren.

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On Kawara, NOV. 23, 1977, 1977, MMK Museum für Moderne Kunst, © 0n Kawara, Foto: Axel Schneider

Mehr als 50 Werke des emeritierten Städelschul-Professors Thomas Bayrle umfasst die Sammlung des MMK – darunter manche „Ikonen“ des Bestands. Wir erinnern uns an die grandiose Ausstellung „40 Jahre Chinese Rock ´n´ Roll“ 2006 im MMK. Eine Reihe von Bayrles Arbeiten befindet sich in der aktuellen Sammlungspräsentation.

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Thomas Bayrle bei seiner Abschlussführung zur Ausstellung „Thomas Bayrle. Seniorenfeier“ im Museum Wiesbaden am 26. Juni 2016; Foto: Renate Feyerbacher

Thomas Bayrle, Autobahn-Objekte (Autobahn, 2003) und Chrysler-Tapete (1970/97), MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Foto: Axel Schneider

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William Forsythe beim Presserundgang zur Ausstellungseröffnung „William Forsythe. The Fact of Matter“ am 16. Oktober 2015; Foto: Petra Kammann

William Forsythe, Nowhere and Everywhere at the Same Time, 2015, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, Installationsansicht, Courtesy of the artist, Foto: Dominik Mentzos

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Neuland betrat das MMK mit der Ausstellung „William Forsythe.The Fact of Matter“ mit einem programmatischen Blick auf die Grenzbereiche zwischen bildender Kunst und Choreografie. In der jetzt wieder gezeigten Installation „Nowhere and Everywhere at the Same Time“ kann sich der Besucher zwischen schwingenden Pendeln frei bewegen und damit selbst Teil der choreografischen Anordnung werden.

Nicht minder Experiment und Neuland und ein Grenzgang, dieses Mal zwischen bildender Kunst und Mode: die Ausstellung „Tuchfühlung. Kostas Murkudis und die Sammlung des MMK“ im MMK2. Es war die erste umfassende Museumsausstellung des international renommierten Designers der Gegenwart.

Faszinierende Aspekte eröffneten beide neuartigen Präsentationen, sie lösten zugleich aber auch Diskussionen darüber aus, ob manche ihrer Elemente in einem Kunstmuseum „etwas zu suchen“ hätten.

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Kostas Murkudis beim Presserundgang zur Ausstellungseröffnung „Tuchfühlung. Kostas Murkudis und die Sammlung des MMK“ am 16. Juli 2015; Foto: FeuilletonFrankfurt

Kostas Murkudis, Frühjahr-/Sommerkollektion 2014; Eine Hommage an Franz Erhard Walther, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, Installationsansicht, Foto: Axel Schneider

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Nicht nur eine begnadete Fotografin, sondern eine faszinierende Künstlerin, die ihre fotografischen Arbeiten in raumgreifende Präsentationsformen als konsequente Fortführung der Buchform zu bringen weiss: die indische Künstlerin Dayanita Singh, die wir im deutschen Pavillon auf der Biennale Venedig 2013 und 2014 in der MMK-Ausstellung „Dayanita Singh. Go Away Closer“ antreffen konnten.

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Dayanita Singh, Museum of Chance, 2014 / Museum of Little Ladies, 1961-2014 / Send a Letter, 2008, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, Installationsansicht, Foto: Axel Schneider

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Shane Munro, Replica Tables, 2013 und Inventory Paintings, 2012, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, Installationsansicht, Foto: Axel Schneider

Shane Munro gewann den Absolventenpreis 2010 der Städelschule. Wie manch andere Absolventen der international renommierten Hochschule machte er Karriere, indem seine Arbeiten Eingang in die Sammlung des MMK fanden.

Ein eigener Saal ist den Werken des Turner Prize-Trägers Wolfgang Tillmans gewidmet: seiner Rauminstallation aus C-Prints und Inkjet-Drucken.

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Wolfgang Tillmans, Tukan, Frankfurt Installation, 2011, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, Installationsansicht, © Wolfgang Tillmans, Foto: Axel Schneider

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Gerald Domenig, Ohne Titel, o.J., MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, © Gerald Domenig, Foto: Axel Schneider

Sehr interessant, spannend, inspiriert, zuweilen bizarr: die Präsentation „Gerald Domenig. Ausstellungsvorbereitung“ mit Fotografien und Zeichnungen. Ein Künstler, den das MMK – dankenswerterweise – „wieder entdeckte“. 16 Arbeiten besitzt das Museum in seiner Sammlung, von denen einige jetzt erneut zu sehen sind.

Eine Reihe von Aquatinta-Blättern und die Rauminstallation mit Wolfram- und ultraviolettem Licht „Twilight Arch“ von James Turrell gehören zum Bestand des MMK.

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James Turrell, Twilight Arch, 1991, MMK Museum für Moderne Kunst, Installationsansicht, From the series „Space Division Constructions“, © James Turrell, Foto: Axel Schneider

Eine grossartige Wandarbeit von Carsten Fock aus dem Jahr 2010: „Kosmos der Angst“, eine Schenkung des Künstlers an das MMK.

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Carsten Fock, The Devil auf Kosmos der Angst, 2010, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, Installationsansicht, © Carsten Fock, Foto: Axel Schneider

Es besteht kein Zweifel: 25 Jahre nach seiner Eröffnung zählt das MMK mit einer Vielzahl hochkarätiger und international bedeutender Werke zu den weltweit wichtigsten Museen für Gegenwartskunst. Doch dann ein Widerspruch: Als eine Einrichtung der Stadt Frankfurt am Main verfügt es – man vermag es kaum zu glauben – über den Einkaufsetat von 0,- Euro Höhe! Deshalb sind Förderer und Sponsoren gefragt wie bei der Etablierung des MMK2 im TaunusTurm, die ohne die grosszügige Unterstützung der Immobilienentwickler Tishman Speyer und Commerz Real sowie des Unternehmers Stefan Quandt und anderer Förderer nicht möglich gewesen wäre. „Unsere Bedeutung in Deutschland und international ist erheblich grösser, als unser Haus und seine auch personellen Ressourcen es eigentlich erlauben“, so MMK-Direktorin Susanne Gaensheimer. Eine Schrittmacherrolle habe das Haus auch bei der Vermittlung von Kunst: „Wir sind das Museum mit den meisten kostenlosen öffentlichen Führungen in der Stadt.“

Ein weiteres Merkmal des Erfolgs trotz kaum vorhandener Mittel für Ankäufe ist eine enge Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern, selbst wenn diese noch an der Städelschule oder der Hochschule für Gestaltung Offenbach studieren. „Wir erfahren eine enorme Unterstützung von den Künstlern. So manches Werk oder eine Werkgruppe bekommen wir zu besseren Konditionen, weshalb wir überhaupt in der Lage waren, eine so qualitätsvolle Sammlung aufzubauen“, betont denn auch Susanne Gaensheimer.

Entgegen vielleicht seinem Namen ist das MMK explizit ein Museum für Gegenwartskunst. Es gelte, die aktuelle Kunstentwicklung abzubilden, ihre Künstler zu präsentieren und zu sammeln: „Unsere Perspektive ist die Gegenwart, wir müssen immer am Puls der Zeit sein und Künstler auch langfristig beobachten, um ein sicheres Urteil über ihre Werke zu fällen“, so Susanne Gaensheimer. Zudem umfasst die Sammlung über Malerei, Grafik und Skulptur hinaus alle künstlerischen Formen wie Installation, Fotografie, Film und Video sowie Performance. Ferner strebt die Direktorin an, die Sammlung um nicht-westliche Positionen aus dem indischen, asiatischen und afrikanischen Raum zu erweitern. Und dass das MMK seine Sammlung digitalisiert, ist heute eine Selbstverständlichkeit.

→ 25 Jahre Museum für Moderne Kunst MMK (1)
→ 20 Jahre Museum für Moderne Kunst (MMK) Frankfurt am Main
→ MMK 2 eröffnet unter dem Motto „Boom She Boom“
→ Museum für Moderne Kunst MMK

 

„Athen. Triumph der Bilder“ im Frankfurter Liebieghaus (2)

27. Juni 2016

Die Göttin Athena mit Entourage im Fokus einer grandiosen Schau

Von Hans-Bernd Heier

In einer dichten chronologischen Inszenierung werden in der großartigen Sonderschau „Athen. Triumph der Bilder“ im Frankfurter Liebieghaus die zwölf Monate des attischen Kalenders in zwölf Räumen anhand exquisiter Exponate anschaulich präsentiert. Erlesene Bildwerke machen die antiken Feste und deren unmittelbaren Bezug zum Mythos Athens erfahrbar. Die meisten Festlichkeiten des Jahres nehmen Bezug auf die Geschichte von Athena, Poseidon, Erechtheus und Eumolpos. Die Bürger Athens feiern in ihren Heiligtümern, ziehen in Prozessionen durch Stadt und Land und sind umgeben von den Statuen ihrer Götter und Helden.

Im Folgenden möchten wir die Besucher bei ihrem Gang durch die zwölf Themenräume begleiten und die jeweiligen Glanzstücke kurz vorstellen. Der ergänzende 13. Raum erlaubt einen Blick in das „Planungsbüro“ des genialen Architekten und Bildhauers Phidias, der in enger Zusammenarbeit mit dem herausragenden Staatsmann und Kulturpolitiker Perikles Athen nach der völligen Zerstörung durch die Perser glanzvoll wieder aufbaute.

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Ausstellungsansicht; Foto: FeuilletonFrankfurt

Das attische Jahr beginnt im Sommer. „Hekatombaion“ heißt der erste Monat dieses Kalenders und entspricht ungefähr der zweiten Hälfte des Juli und der ersten Hälfte des August. Sein Name bezieht sich auf das Opfer von 100 Rindern auf der Athener Akropolis. Die getöteten Tiere wurden dann gebraten und von der Festgemeinde verzehrt. Dieses Ritual war der Höhepunkt der mehrtägigen sogenannten „Panathenaia“, dem wichtigsten Fest Athens, das an die Geburt des Erechtheus erinnerte. Den religiösen Feierlichkeiten folgten Tage der musischen und athletischen Wettbewerbe.

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Athena mit dem Erechtheus-Kind, Marmor, 2. Jhh. n. Chr., Potsdam, Schloss; Foto: FeuilletonFrankfurt

Hier wie auch im folgenden Raum, der dem Sommermonat „Metageitnion“ gewidmet ist, beeindrucken die herrlichen Bronzestatuetten und Marmorfiguren der mädchenhaften, aber selbstbewussten Athena. Besonders schön ist der moderne Abguss der mütterlichen Göttin mit dem kleinen Eurechtheus auf dem Arm. Auch eine Marmorbüste seines Vaters, dem Schmiedegott Hephaist, ist zu sehen, zünftig dargestellt mit einer Filzkappe der Handwerker auf dem Kopf. In diesem Monat gedachten die Athener besonders den Siedlern und Kolonisten, die in der Ferne lebten. Dazu gehörte auch der Schmiedegott, den seine Mutter Hera vom Olymp geworfen hat. Sein Sturz endete auf der Insel Lemnos, auf der er fern der Heimat siedelte.

Das Fest der Boedromia war Apollon und seiner Zwillingsschwester Artemis geweiht. In einem wahren Blutrausch wurden 500 Schafe auf einen Schlag geopfert und verspeist. Damit dankten die Athener den Göttern für die Abwehr der übermächtigen Perser in der Schlacht bei Marathon (490 v. Chr.). Dadurch erhielt dieses Fest den Charakter eines Nationalfeiertags. Allerdings bezahlten sie dafür einen sehr hohen Preis.

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Marmorstatue einer Tochter des Erechtheus (?) aus der Korenhalle des Erechtheion, Marmor, um 410 v. Chr.; Archäologisches Institut der Universität Göttingen; Foto: Stephan Eckardt; moderner Gipsabguss, nach dem Original im British Museum, London

Boedromios“ ist ein Beiname des Orakelgottes Apollon. Es bedeutet „der zu Hilfe Eilende“ und meint den Gott, der in der Kriegsnot den hilfreichen Ausweg weist. Im Mythos der Stadt Athen ist das primär jener Apoll, der dem verzweifelten König von Athen Erechtheus durch das Orakel eine grausame Weissagung übermittelt: Er wird den thrakischen König Eumolpos nur besiegen, wenn er seine erstgeborene Tochter opfert.

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Eumolpos und Erechtheus von einer Statuengruppe der Athener Akropolis (Ausschnitt). Experimenteller und rekonstruierender Nachguss der Bronzekrieger Riace A und B; Bronze, Silber, Kupfer, Gold, farbige Steine, Asphaltlack, Pigmente; Lorenzo Campana, Paola Donati, Kristine Balzer, Christoph Bergmann, Toni Silvestri, Ulrike Koch-Brinkmann, Vinzenz Brinkmann 2015 (mit Unterstützung des italienischen Staates und der Fondazione Prada Mailand); Foto: FeuilletonFrankfurt

Die zwei athletischen nackten Kämpfer Erechtheus und Eumolpos – ein rekonstruierter Bronzenachguss – sind die absoluten Glanzstücke der Präsentation. Beide stehen sich in der landesüblichen Ausrüstung und Kopfbedeckung direkt gegenüber. Die fast zwei Meter hohen wohlproportionierten Bronzefiguren wurden 1972 in Riace im südlichen Kalabrien gefunden und sind nach dem Fundort Riace A und Riace B benannt. Die zwischen 460 und 430 v. Chr. geschaffenen Figuren stellen die Wissenschaftler immer noch vor ungelöste Fragen. Denn Kopfbedeckungen und Waffen sind verloren. „Zahlreiche technische Spuren legen den Schluss nahe, dass Riace A einen korinthischen Helm, Riace B eine Fuchsfellkappe trug. Während Riace A in der Rechten eine Lanze hielt, trug Riace B sicherlich eine kurzschaftige Axt“, sagt Kurator Professor Brinkmann. Ebenso lasse sich aus der Haltung der linken Arme erschließen, dass einer der Krieger einen großen Rundschild und der andere eine leichte sichelförmige Pelta (besondere Form des Schilds) als Abwehrwaffe verwendete.

Die neuesten Forschungen deuten darauf hin, dass die originalen griechischen Statuen ursprünglich auf der Athener Akropolis vor dem Tempel der Athena in der Nähe der berühmten Korenhalle aufgestellt waren und den Sohn der Athena mit seinem Erzrivalen, dem Sohn des Poseidon, darstellen. Warum und wie die Bronzekrieger nach dem Fundort Riace gelangten, ist dagegen noch unklar.

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Eumolpos und Erechtheus von einer Statuengruppe der Athener Akropolis (Ausschnitt). Bildunterschrift vgl. vorhergehende Abbildung; Foto: FeuilletonFrankfurt

Im Herbstmonat „Pyanopsion“ (Mitte Oktober / Anfang November) ging es locker bis frivol in Athen zu. Die Athener Bürger feierten die Ernte, vor allem die Gewinnung der neuen Saat. Dazu reichten sie „Pyanopsion Pyanion“, einen süßer Brei aus Pflanzensamen. Bildlich wurde auch die menschliche Fortpflanzung thematisiert: So sind auf einer rotfigurigen Trinkschale Frauen abgebildet, die Kuchen in Form männlicher Geschlechtsteile backen, und ein Weinmischgefäß zeigt eine nackte Frau, die einen Riesenphallus trägt.

Ton, rotfigurig (Klassisch (um 470 v.Chr.)) von Pan-MalerHöhe 32 cmInventar-Nr.: V.I. 3206Fundort: Etrurien (Italien)Systematik: Geschichte / Antike / Ägäis / Griechen / Kult und Religion / Kulthandlungen, Rituale, Artist: Pan-Maler

Rotfiguriges Weinmischgefäß (Kolonettenkrater) mit der Darstellung eines Jünglings vor einer Herme, um 470 v. Chr., Ton, Höhe 32 cm, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung © bpk / Antikensammlung, SMB / Ingrid Geske

Im Spätherbst kündigt sich der Winter mit seinen Stürmen an. Der Monat „Maimakterion“ ist deshalb „Zeus Maimaktes“ geweiht, dem wilden, stürmischen Gott. Diesem „Ober-Olympier“, der durch seine Unbeherrschtheit vernichtende Orkane auslösen konnte, opferten die Menschen, um einen sanften Winter zu erflehen.

Ins Auge fällt in diesem Raum der sogenannte „Zwölfgötteraltar“ aus dem Pariser Louvre. Dieser zeigt ein Relief mit den zwölf olympischen Göttern – plastisch herausgearbeitet und umgeben von den Tierkreiszeichen. Kunstvoll gearbeitet ist auch der Cellafries des Athener Parthenon, auf dem die Versammlung der Olympier zu sehen ist.

Der Wintermonat „Poseideon“ ist dem aufbrausenden Meeres- und Pferdegott gewidmet. Seitdem der „Erderschütterer“ bei der Bewerbung um die Schutzherrschaft der attischen Stadt seiner Rivalin Athena unterlegen war, bekämpfte er diese gnadenlos. Der Rachefeldzug endete erst mit dem eleusinischen Krieg, in dem er Athenas Sohn Erechtheus mit seinem Dreizack aufspießte.

Ein bedeutender Ort der Verehrung Poseidons befand sich am Ende der südlichen Landzunge Attikas. Ein Höhepunkt der Feier war eine Schiffsprozession von Athen nach Sunion. Veranschaulicht wird diese durch eine stimmungsvole Video-Animation mit Galeeren auf dem Meer. Beeindruckend ist auch die Bronzestatue Poseidons, die diesen macht- und kraftvoll mit dem Dreizack zeigt.

Der „Gamelion“ (Januar / Februar) war für Bauern, Fischer und Händler eine ruhige Zeit. In dieser Jahreszeit fanden deshalb in der Antike ausgiebige Hochzeitsfeiern statt. Auch Zeus und Hera sollen in diesem siebten Monat des attischen Kalenders die Hochzeit vollzogen haben. Geheimnisvoll ist die große Marmorstatue von Hera, der Schutzgöttin der Ehe, die in der linken Hand eine Spendenschale hält. Archäologische Wissenschaftler interpretieren diese Darstellung so, dass die betrogene Hera feierlich damit einwilligt, die uneheliche Athena im Olymp aufzunehmen.

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↑ Kopf des bärtigen Weingottes Dionysos, römische Wiederholung eines griechischen Originals, das um 440 v. Chr., vermutlich in Athen im Umkreis des Phidias geschaffen wurde; Marmor, Höhe 68 cm; Museo Archeologico Nazionale di Napoli; Foto: FeuilletonFrankfurt

↓ Attisch-rotfiguriger Becher (Skyphos) des Penelope-Malers mit der Darstellung des Anthesterienfestes, um 440 v. Chr., Ton, Höhe 20,3 cm; Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung; © bpk / Antikensammlung, SMB / Eva-Maria Borgwaldt

Ton, rotfigurig (3. Viertel 5. Jh.v.Chr.) von Penelope-Maler Höhe 20,3 cm, Durchmesser 23 cm Inventar-Nr.: F 2589 Fundort: Chiusi (Italien) Person: Silen, Naturgeister der griechischen Mythologie Systematik: Personen / Antike / Mythologie / Satyrn, Silene, Artist: Penelope-Maler

In geradezu rauschhafter Ausgelassenheit feierten die Athener im „Anthesterion“ das Ende des Winters. Der Wein war gereift und die Fässer wurden geöffnet. Schweigend leerte jeder Festeilnehmer einen kompletten Weinkrug, um anschließend lärmend vom Heiligtum des Weingottes Dionysos auf den zentralen Marktplatz der Stadt zu ziehen. Hier sollen sich der Sage nach die „Königin“ und der „Gott“ Dionysos vereinigt haben. Womöglich folgten die Gläubigen diesem öffentlichen Liebesakt durch heftige Überschreitungen der sonst streng befolgten Normen im Alltag. Rotfigurige Bilder auf Tongefäßen belegen drastisch dieses orgastische Treiben.

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Euripides, römische Wiederholung des griechischen Originals, das um 330/340 v. Chr. entstanden ist; Marmor, Höhe 46 cm, Kopenhagen, Ny Carlsberg Glyptotek; Foto: FeuilletonFrankfurt

Auch der folgende Frühjahrsmonat „Elaphebolion“ stand im Zeichen des Dionysos, des Gottes des Weins, des Rausches und der Fruchtbarkeit. Zu seinen Ehren veranstalteten die Athener ein großes Theaterfestival. Es kamen neue Tragödien und Komödien zur Aufführung. Private Geldgeber, die sogenannten Choregen, finanzierten die Inszenierungen, und die besten Theaterstücke erhielten Auszeichnungen und Preise, vermutlich um 416 v. Chr. auch Euripides‘ Tragödie „Eurechtheus“, von der Ausschnitte zu hören sind. Beeindruckend ist Marmorbüste dieses berühmten Theaterschriftstellers – trotz abgeschlagener Nase.

Im „Mounichion“ (Ende April / Mai) wechselte das Wetter meist schlagartig und übergangslos auf sommerliche Temperaturen. Im Heiligtum der Artemis, der Göttin der Jagd und Schutzgöttin der jungen Leute, feierten Jugendliche übermütig bis tief in die milden Nächte.

Mit diesen „Munichia“ genannten Feierlichkeiten wurde zudem an den Sieg Athens über die Perser in der Seeschlacht vor der Insel Salamis 480/479 v. Chr. erinnert. Sie nahmen so den Charakter eines Nationalfeiertags an.

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Mumienmasken, Ausstellungsansicht; Foto: FeuilletonFrankfurt

Besonders ausdrucksstark sind die römisch-ägyptischen Totenmasken, die im elften Ausstellungsraum zu sehen sind, der dem Monat „Thargelion“ gewidmet ist. Dieser stand ganz im Zeichen der Befreiung von Schuld und der Reinigung (Katharsis). Erechtheus nahm durch den Opfertod seiner Töchter und seinen eigenen Tod im Krieg gegen Poseidon den alten Fluch der Stadt Athen auf sich und bereinigte ihn dadurch. Das namensgebende Ritual, die „Thargeleia“, war von archaischer Grausamkeit: Zwei menschliche Sündenböcke (Pharmakoi) wurden durch die Stadt getrieben und gegeißelt. Sie nahmen symbolisch den Fluch der gesamten Bevölkerung auf sich und wurden schließlich am Meer gesteinigt und verbrannt.

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Athena, Marmorstatue mit Ergänzungen aus dem Barock, römisch, um 180/190 n. Chr., Höhe 178 cm; Liebieghaus Skulpturensammlung; Foto: FeuilletonFrankfurt

Im letzten Monat des attischen Kalenders, dem „Skirophorion“, feierten die Athener die Versöhnung von Athena und Poseidon und damit die feierliche Aufnahme des Meeresgottes Poseidon auf der Athener Akropolis. Die Kraft der Versöhnung wird in der griechischen Kunst und Literatur durch die Liebesgöttin Aphrodite dargestellt. Ein Blickfang ist die reizvolle Statue der himmlischen Aphrodite, ein Abguss einer ursprünglich wohl von Phidias gestalteten Figur.

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Ausstellungsansicht, „Blick in „Phidias Atelier“; Foto: Liebieghaus Skulpturensammlung

Der abschließende Raum der herausragenden Schau ist der historischen Architektur und der planerischen Gestaltung des hochklassischen Athens sowie ihren zentralen Gestaltern gewidmet. Neben einer Reihe eindrucksvoller Modelle fällt speziell ein farbig gestaltetes ionisches Kapitell aus der Zeit des Perikles ins Auge. Diese Farbrekonstruktion vermittelt einen anschaulichen Eindruck von der bunten Götterwelt der damaligen Zeit.

Athen. Triumph der Bilder“, Liebieghaus Skulpturensammlung, bis 4. September 2016

Bildnachweis: Liebieghaus Skulpturensammlung

→ „Athen. Triumph der Bilder“ im Frankfurter Liebieghaus (1)

 

„Open Day“ im Künstlerhaus AtelierFrankfurt

26. Juni 2016

Ein Zwischenruf

Künstlerinnen und Künstler der 4. Etage im AtelierFrankfurt hatten sich am heutigen Sonntag zu einer eintägigen Werkschau ihrer Arbeiten zusammengefunden und ihre Ateliers geöffnet. Unser Eindruck: Respekt und Anerkennung! Was wir in den beteiligten Ateliers gesehen haben – im Vordergrund Malerei und Zeichnung, in einigen Fällen Fotografie, Skulptur und Objektkunst – , war in der Summe überzeugend! Und es warf wieder einmal einige Fragen auf:

Warum werden diese Künstlerinnen und Künstler und deren Arbeiten im öffentlichen – besser gesagt „veröffentlichten“ – Diskurs und in den Medien ihrem Niveau und Stellenwert entsprechend oft immer noch nicht angemessen wahrgenommen? Warum finden sie nicht genug Ausstellungs- und Präsentationsflächen auch und gerade im Rhein-Main-Gebiet, wie sie es verdient hätten? Kann es daran liegen, dass wir heute dort „Werke“ im wohlverstandenen Sinne dieses Wortes sahen anstatt „immaterielle“ Kunst als Teilphänomen des zeitgeistigen akademischen Lehrbetriebs, die sich mehr oder weniger ausschliesslich in den „Köpfen“ von Künstlern abspielt – Stichwort Konzeptkunst, zu deren Verständnis es einer zumindest viertelstündigen, im besten Fall verschrobenen, im schlechteren Fall von vornherein verquer-unverständlichen Erläuterung von Künstlern und/oder Kuratoren bedarf? Und warum also finden Werke, wie wir sie heute sahen, so wenig Eingang in öffentliche Sammlungen?

Antworten kann nicht zuletzt der vielfach bis weitgehend durchkommerzialisierte „Kunstbetrieb“ liefern – heute von manchen Autoren schon fast als ein Schimpfwort eingesetzt. Dank deshalb all den Galerien in Stadt und Land, die sich in ihren Ausstellungsprogrammen der Künstlerinnen und Künstler im AtelierFrankfurt annehmen!

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Ausstellungsplakat

Zahlreiche Besucherinnen und Besucher fanden sich heute – wie wir hörten und auch augenscheinlich bezeugen können – in der „4. Etage“ des Künstlerhauses ein. Dieser Erfolg sollte Schule machen: Künstlerinnen und Künstler sollten sich zusammenfinden und auch ausserhalb des oft schwerfälligen Ausstellungsbetriebs solcher Institutionen und viel zu selten (und dann auch noch zeitlich zu kurz) stattfindender „Open Doors“ (oder wie immer man das nennen mag) die Initiative ergreifen, ihre Ateliers zu öffnen!

 

Philipp Demandt neuer Direktor von Städel Museum und Liebieghaus Skulpturensammlung

24. Juni 2016

Demandt soll in Personalunion auch die Leitung der Schirn Kunsthalle Frankfurt übernehmen

„Die erfolgreiche Arbeit am Städel Museum und der Liebieghaus Skulpturensammlung gemeinsam mit allen Kolleginnen und Kollegen fortzusetzen, ist eine Herausforderung, der ich mit Spannung entgegensehe. Zugleich blicke ich mit grosser Dankbarkeit auf rund fünf erfüllte Jahre an der Nationalgalerie. Auf Frankfurt, das sich zu einem der aufregendsten Kunstzentren Deutschlands und darüber hinaus entwickelt hat, freue ich mich sehr – ganz persönlich auch, da mir Stadt und Region lange vertraut sind.“

Kein anderer als Philipp Demandt, derzeit Leiter der Alten Nationalgalerie in Berlin und künftiger Direktor von Städel Museum, Liebieghaus Skulpturensammlung und Schirn Kunsthalle, sagte dies. Am heutigen frühen Vormittag liefen entsprechende Pressemeldungen von Städel Museum und Dezernat Kultur und Wissenschaft der Stadt Frankfurt am Main ein.

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Philipp Demandt; Bildnachweis: Städel Museum, Foto: Oliver Mark

Philipp Demandt, 1971 in Konstanz geboren (und damit lediglich zwei Jahre jünger als Max Hollein), studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Publizistik. 2001 promovierte er am Institut für Geschichts- und Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin mit einer Arbeit „Die historische Mythologie des preußischen Staates im Spiegel des Luisenkults“. Ein Jahr später ging er an das Berliner Bröhan-Museum (ein Museum für Jugendstil, Art Déco und Funktionalismus). 2004 wechselte er als Dezernent zur Kulturstiftung der Länder, wo er unter anderem mit der Beratung und Unterstützung deutscher Kultureinrichtungen beim Erwerb und der Finanzierung von Kunstwerken befasst war. Darüber hinaus arbeitete er als Kurator und Publizist. Demandt entstammt einer kulturhistorisch profilierten Familie: sein Vater ist der Althistoriker Professor Alexander Demandt, sein Grossvater Karl Ernst Demandt, vormals Staatsarchivrat im hessischen Staatsarchiv Wiesbaden und stellvertretender Direktor des Staatsarchivs Marburg.
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25 Jahre Museum für Moderne Kunst MMK (1)

24. Juni 2016

Das Museum für Moderne Kunst Frankfurt MMK feiert Geburtstag:
FeuilletonFrankfurt gratuliert!

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Das Stammhaus an der Domstrasse und heutige „MMK 1“, Foto: Axel Schneider © MMK Frankfurt

Das MMK feiert seinen Geburtstag mit einer neuen Sammlungspräsentation und einem Tag der offenen Tür

Samstag, 25. Juni 2016
Grosse Geburtstagsparty im MMK 1 an der Domstrasse

Das Haus ist von 10 bis 20 Uhr geöffnet, Eintritt frei Weiterlesen