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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Alle Artikel zu documenta Kassel

Barbara und Michael Leisgens „Mimetische Landschaften 1971 – 1975“

2018, Februar 3.

LICHT-SPUREN UND LANDSCHAFTEN

Fiktive Bewegungen mit der Natur

Künstlertalk mit Michael Leisgen in der Galerie Strelow

von Petra Kammann

Es war „der erste Künstlertalk ohne Barbara“, sagte Heike Strelow, als sie in ihrer Galerie in der Schwedlerstraße mit Michael Leisgen ins Gespräch kam und ihn sowie die Arbeiten „Mimetische Landschaften“, Schwarz-weiß-Arbeiten des Künstlerduos aus den 1970er Jahren, vorstellte. Denn Barbara Leisgen – auch wesentlicher Bestandteil und Akteurin des gemeinsamen fotografischen Werks – ist im vergangenen Jahr gestorben. Ein Verlust, der doppelt zählen dürfte…

Michael Leisgen vor der Arbeit „Wolke“ von 1972, 80 x 120 cm, s/w Fotografie Silber Gelatine auf barytiertem Papier (Ilford FB) Auflage 3/3 Exemplaren, kaschiert auf Dibond, Holzrahmen seidenmatt Schwarz, Mirogard – Museumsglas, Foto: Petra Kammann

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documenta 14 in Kassel (2): Arnold-Bode-Preis 2017 an Olu Oguibe

2017, Juli 10.

„Monument für Fremdlinge und Flüchtlinge“ auf dem Kasseler Königsplatz

Von Erhard Metz

Alle zwei Jahre sowie auch in jedem „documenta-Jahr“ wird der renommierte, derzeit mit 10.000 Euro dotierte, nach dem documenta-Gründer benannte Arnold-Bode-Preis verliehen. Über die Preisvergabe entscheidet der Magistrat der Stadt Kassel als Vorstand der Arnold-Bode-Stiftung, und zwar auf einen Vorschlag des Kuratoriums. Ihm gehören dieses Jahr unter dem Vorsitz von Professor Heiner Georgsdorf E. R. Nele geb. Bode, die Tochter von Arnold Bode, Professorin Julia Voss, Ingo Buchholz und Adam Szymczyk, der künstlerische Leiter der documenta 14 an. Die förmliche Preisverleihung erfolgt am 10. September 2017 im Kasseler Rathaus. Preisträger ist der nigerianische Künstler, Kunsthistoriker, Hochschullehrer und Kurator Olu Oguibe. Im Vordergrund steht neben einer weiteren Arbeit in Athen sein monumentaler Obelisk „Monument für Fremdlinge und Flüchtlinge“ auf dem Kasseler Königsplatz. Der Entscheidungsprozeß zur Preisvergabe dürfte nicht viel Zeit in Anspruch genommen haben, zählt der Obelisk doch nach dem „Parthenon der Bücher“ in der öffentlichen Wahrnehmung zu den Attraktionspunkten der documenta 14. Und man dürfte nicht sehr falsch mit der Vermutung liegen, dass die Stadt das Werk ankaufen und auf dem kreisrunden Platz belassen könnte.

Das Fremdlinge und Flüchtlinge Monument (2017), Beton, 3 × 3 × 16,3 m; Königsplatz, Kassel

Ein Zitat aus dem Matthäus-Evangelium in deutscher, englischer, arabischer und türkischer Sprache ziert die vier Seiten des Obelisken. Für die weniger Bibelfesten hier der Text aus der klassischen Luther-Bibel:

Matthäus 25, 35-36:
Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt. Ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich beherbergt.
Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich bekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.
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documenta 14 in Kassel (1): Der „Parthenon der Bücher“ von Marta Minujín

2017, Juli 6.

Von Erhard Metz

Eine kurze Präambel erscheint angebracht:

Die documenta 14 unter der künstlerischen Leitung von Adam Szymczyk, vormals Direktor der Kunsthalle Basel, findet bekanntlich zum ersten Mal in ihrer Geschichte neben Kassel an einem zweiten Ausstellungsort, in Athen, statt, wo sie bereits am 8. April 2017 eröffnet wurde; Kassel folgte am 10. Juni nach. Die größte Weltkunstschau ist dieses Jahr – sie steht entsprechend unter dem Motto „Von Athen lernen“ – eine sehr politische. Szymczyk rekurriert auf Athen als „Wiege der Demokratie“ (der plebiszitären?, der parlamentarisch-repräsentativen?, der „gelenkten“?) einerseits, als Inbegriff der Schuldenkrise innerhalb der EU und als ein Zentrum der Migration andererseits. Letzteres spiegelt sich in zahlreichen der ausgestellten Arbeiten wieder, was in Fachwelt, Presse und Öffentlichkeit ein geteiltes Echo fand. Rund 160 Künstlerinnen und Künstler – die meisten unter ihnen tragen noch keine „großen Namen“ und sind noch nicht Subjekte bzw. Objekte des internationalen Kunstbetriebs – hat Szymczyk eingeladen. Zu den Höhepunkten der Schau zählt sicherlich die Präsentation zahlreicher Werke aus dem EMST, dem National Museum of Contemporary Art in Athen, für die das Museum Fridericianum exklusiv geräumt wurde.

The Parthenon of Books (2017), Stahl, Bücher, Kunststoffolie, 19,5 × 29,5 × 65,5 m; in Auftrag gegeben von der documenta 14, mit Unterstützung des Ministeriums für Medien und Kultur von Argentinien

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documenta 13 in Kassel (34 – Schluss)

2012, September 16.

Die documenta geht – der Mann im Turm bleibt
Ein etwas wehmütiger Abschied von der documenta 13

Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev sah damals rot bei seinem Anblick. Nun werden die Ampeln alsbald auf Grün geschaltet, denn: Stephan Balkenhols „Mann im Turm“ bleibt.

© VG Bild-Kunst, Bonn

Nun geht sie zwar, diese documenta 13, aber auch von ihr wird manches, vielleicht sogar vieles bleiben: in unserer Erinnerung. Sie hat uns mit vielerlei Eindrücken beschenkt, uns reicher, empfangsbereiter, toleranter und – nicht klüger, nein, – weiser gemacht. Daran ändern auch Toilettentürsprüche in der ehrwürdigen Dokumenta-Halle nichts. Weiterlesen

documenta 13 in Kassel (33)

2012, September 12.

Brain

Es soll Zeitgenossen geben, denen nicht bewusst ist, dass die documenta 13 nach 100 Ausstellungstagen am kommenden Sonntag schliesst, und – schlimmer noch – es soll welche geben, die diese nur alle fünf Jahre stattfindende Welt-Kunstausstellung noch nicht besucht haben.

Heute stellen wir das Brain vor, es befindet sich in der mit Glasscheiben verschlossenen Rotunde im Erdgeschoss des Fridericianums, zu der – schon im Blick auf die räumliche Enge und die Zahl der dort ausgestellten Exponate – jeweils nur eine begrenzte Zahl an Besuchern Zutritt erhält. Die Rotunde wiederum befindet sich in der Mitte des Gebäudes hinter der zentralen Halle, die rechts und links von den beiden grossen Sälen flankiert wird, durch die Ryan Ganders „leichte Brise“ zieht.

Das Brain ist, wie sein Titel nahelegt, das Gehirn der Ausstellung, beileibe nicht deren Herz; womit bereits Entscheidendes gesagt sein soll: das hochkonzeptuelle Brain ist – bei aller Sinnlichkeit zumindest einer erheblichen Zahl der dort anzutreffenden Exponate – der sich dem unbefangenen Betrachter wohl am schwersten erschliessende Teil dieser documenta 13. Und es wird erforderlich sein, sich zum Verständnis dieses Gehirns Zeit zu nehmen und auf die Überlegungen der documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev zurückzugreifen.

Julia Isídrez Rodas (Paraguay, *1967), Untitled, 2011, Keramik, Privatsammlung (Rom) Weiterlesen

documenta 13 in Kassel (32)

2012, September 5.

Shinro Ohtake: „Uncle Shinro’s Cabin“?

Da hat wohl jemand aus allerlei passenden wie unpassenden Materialien eine bunte, skurril anmutende Hütte gezimmert, ihr einen nicht minder skurril bemalten Wohnwagen beigestellt; aber da sind auch – wiederum bunt angestrichene – Boote kreuz und quer verstreut, auf dem Waldboden liegen und in Astgabeln der Bäume hängen sie, als hätte sie eine gewaltige Tsunami-Flutwelle dort hingeworfen. Auch eine Reminiszenz an Fukushima?

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documenta 13 in Kassel (31)

2012, September 3.

Gabriel Lester lässt uns „in die Röhre gucken“ – und auch wieder hinaus

Niemand guckt gerne in die sprichwörtliche „Röhre“, will also in einer Angelegenheit „leer ausgehen“, der Dumme sein. Nun baut uns aber Gabriel Lester auch keine Röhre zum Hineingucken, sondern zum aufrechten Hineingehen. Das tun wir natürlich, nicht ohne gewisse Erwartungen. Es wird – denn sie ist über einen Halbkreis hinaus gekrümmt – für eine kurze Zeit stockfinster, wir gehen deshalb langsam und vorsichtig, machen uns also auf allerlei Überraschungen gefasst, sei es, dass uns etwas zum Stolpern in den Weg gelegt wird, sei es, dass wir etwas Ekliges zu fassen bekommen. Aber – nun zu unserer eigenen Überraschung – nichts dergleichen geschieht. Vielmehr erblicken wir nach kurzem Weg durch die Finsternis unbehelligt und unbeschadet das wiederum sprichwörtliche „Licht am Ende des Tunnels“.

Nun, da wir in der Dunkelheit auf irgendein Ereignis gespannt waren, das dann jedoch ausblieb, sind wir am Ende fast ein klein wenig enttäuscht; haben wir also doch und tatsächlich „in die Röhre geguckt“?!

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documenta 13 in Kassel (30)

2012, August 27.

Pedro Reyes: das Sanatorium verheisst Rettung!

Angenommen, liebe Leserinnen und Leser, Sie durchwandern bei Ihrem Besuch der documenta 13 auf der Suche nach Kunst kreuz und quer die weitläufige Karlsaue, legen dabei Kilometer um Kilometer zurück, stehen sich vor manchen Objekten die Beine in den Bauch, die Füsse brennen, die Knie schmerzen, der Hals ist trocken und – das Schlimmste – : Ihr Gehirn rumort und rotiert ob all der Kunstwerke, die Sie betrachtet haben, Ihr Blick ist vernebelt, der Blutdruck sinkt, Sie beginnen zu wanken und zu schwanken, sind der Verzweiflung nahe, ja Sie glauben gar, das Totenglöckchen habe bereits Ihr letztes Stündlein eingeläutet – da auf einmal erscheint Rettung: ein Sanatorium ist in Sicht! Mit letzter Kraft erreichen Sie das mit einem Rot-Kreuz-Enblem versehene, Vertrauen einflössende Gebäude.

In der Aufnahme empfängt Sie ein freundliches Team in Medizinerkitteln Weiterlesen

documenta 13 in Kassel (29)

2012, August 26.

István Csákány: Von feinen Blaumännern und leeren Nähstuben

Hat man je schon einmal solch feine „Blaumänner“ gesehen? Aber wo sind die Näherinnen? Hier kann doch etwas nicht stimmen: Eine kleine Fabrikationshalle, mit Näh- und Bügelmaschinen und allen zugehörigen Einrichtungen und Utensilien, eine Näherei offensichtlich, taghell erleuchtet, aufgeräumt, absolut betriebsbereit, aber menschenleer. Betriebsstillegung, warum? Ist der Betriebseigner erkrankt, gar verstorben? Die Produktion wegen billiger Auslandsimporte nicht mehr rentabel? Was wird hier dann noch produziert ausser Arbeitslosigkeit?

Daneben ein Laufsteg, aber: kein Catwalk. Kein Glamour, keine Models, keine Festspielabendroben, keine Minibikinis, weder hip noch top, weder cool noch sexy, sondern: Arbeitsbekleidung, Blaumänner. Auch hier kann doch wieder etwas nicht stimmen: Die Bekleidung in feinstem Zwirn von edlem Glanz, perfekt verarbeitet, in elegantem Dunkelmarineblau wie ein Nobelblazer im stinkfeinen englischen Adelsclub. Und wieder weit und breit kein Mensch, keine Bewegung oder Begegnung. Die Bekleidung sitzt, über korrekt gebügelten weissen Hemden, auf kopflosen Ausstellungspuppen.

Wir befinden uns im Nordflügel des ehemaligen Kasseler Haupt- und heutigen Kulturbahnhofs. Der Nähereibetrieb mit all seinen kleinsten Details einschliesslich der Elektrokabel ist – man glaubt es kaum – aus Holz, handgeschnitzt und handgedrechselt. Auch die ausgestellte Edel-Arbeits-Bekleidung ist reine Handarbeit. Wieviel an Arbeitswochen, -monaten, gar -jahren verkörpert sich in dieser Installation?

István Csákány beschenkt uns mit einer grossvolumigen, sinnlichen, eindrucksvoll-suggestiven Arbeit, die sich – im Gegensatz zu vielen anderen, die wir auf der documenta 13 antreffen – recht leicht erschliesst: Sie spiegelt zum einen, gerade in ihrer durchaus anachronistischen Handwerklichkeit, den Dualismus – oder sagen wir konkreter das Auseinanderfallen – von „Kunst“ und eben jenen handwerklichen Fähigkeiten wider, die, lang ist es her, für ein „Kunstwerk“ geradezu als konstitutiv angesehen waren.

Csákány spielt mit dem Stilelement der Groteske: Die Welt der Maschinen ist in mühevoller Handarbeit aus Holz gefertigt; die elegant-feinen Blaumänner taugen weder als Arbeits- noch als Ausgeh- oder Festtagskleidung. In ihrer Sinnlichkeit vermittelt uns die Installation daher eine ganze Menge über die Arbeitswelt, über das Verhältnis zwischen den Blazer- und den Blaumannträgern, zwischen den einen, die Bedingungen von Arbeit setzen, und den anderen, die Arbeit gemäss diesen Bedingungen verrichten, über den Widerspruch zwischen Massen- und Handfertigung. Die Abwesenheit von Menschen in der Produktionshalle wie auf dem Laufsteg mag zugleich für die Entfremdung zwischen Mensch und Arbeit wie für den gesellschaftspolitischen Faktor Arbeitslosigkeit stehen.

István Csákány wurde 1978 in Sepsiszentgyörgy, Rumänien geboren. Er studierte an der Hungarian Academy of Fine Arts in Budapest, wo er auch heute lebt und arbeitet. Csákány stellte vielfach in europäischen Ländern aus.

→  documenta 13 in Kassel (1)
→  documenta 13 in Kassel (28)

→ documenta 13

documenta 13 in Kassel (28)

2012, August 24.

Sam Durant baut den Super-Galgen

Zugegeben – so ganz geheuer kam uns das Holzgerüst in der kilometerlangen Blickachse zwischen dem Orangerieschloss und der Schwaneninsel im Grossen Aueteich nie vor, einer Annäherung an das Monstrum wichen wir, von unbestimmten Ahnungen geplagt und deshalb diese und jene Ausflüchte bemühend, eine Zeitlang aus. Dann jedoch obsiegten Forscherdrang und Neugierde, sich dem Sperrigen mit der Werksbezeichnung „Scaffold“, in Klardeutsch also Schafott oder besser Galgen, anzunähern und es am Ende gar zu besteigen. Es geht in der Tat hoch hinauf, und das auch noch auf eigenes Risiko.

Wie sagte doch einst Tracey Emin: „Ich stehe am Rande des Abgrunds, doch die Aussicht von hier ist grandios“.

Ist sie auch, im Grunde genommen. Und schliesslich stehen wir ja auf einem Kunstwerk, da dürfte uns Schlimmeres wohl kaum zustossen.

Es fügt sich, dass ein kühler, kräftiger, in Böen fast stürmischer Wind bläst, auf dem sonst so friedlichen Aueteich, unsere Grossmutter kannte ihn noch unter dem Namen „Grand Bassin“, entfacht er ein kleines Meer von ungewohntem Wellengang. Aus der Ferne grüsst der klassizistische Tempel auf der Schwaneninsel. Doch der als „Seepromenade“ bekannte, bei der Kasseler Bevölkerung beliebte Platz in der eingangs erwähnten Blickachse ist ein anderer geworden. Weiterlesen