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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

HUT AB! KOPF AN! Joseph Beuys zum Hundertsten!

ZEITZEUGEN, FUSSABTRITTE UND ZUKUNFTSSPUREN

„So wie der Mensch nicht da ist,
sondern erst entstehen muß,
so muß auch die Kunst erst entstehen,
denn es gibt sie noch nicht.“
                                          Joseph Beuys – Lieblingszitat von Lothar Schirmer

Beuys, dozierend und diskutierend vor der Düsseldorfer Kunstakademie, Foto: Inge Sauer

Am 12. Mai 2021 wäre Joseph Beuys 100 Jahre alt geworden. Beuys’ Werke wurden und werden überall auf der Welt in Museen gezeigt. 35 Jahre nach dem Tod des wohl einflussreichsten Künstlers der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, der mit seinen Aktionen und Installationen die Kunst revolutionierte, wird an den verschiedensten Fronten gestritten  – um die Konzeption, um Rechte, um Politik, um die Bedeutung von Kunst.

Ist „jeder Mensch ein Künstler“? Gibt es so etwas wie die „soziale Plastik“? Hat Beuys seinen Lehrauftrag an der Düsseldorfer Kunstakademie als Kunstwerk verstanden, wie es sein Meisterschüler Johannes Stüttgen behauptet, nachdem der damalige Wissenschaftsminister Johannes Rau den provokativen Kunstprofessor aus dem Beamtenverhältnis entließ und später diese Entscheidung revidiert wurde?

Hat Beuys uns heute noch etwas zu sagen? Wenn ja, was? Sind die 7000 in Kassel gepflanzten Eichen das Vermächtnis an die heutigen „Grünen“, zu deren Gründern Beuys sich zählte? Was ist mit seinem künstlerischen Werk? Hat es Bestand?

Fragen über Fragen. Geben darüber die verschiedenen Ausstellungen, vor allem in seinem Wirkungsumfeld am Rhein, Ruhr und Niederrhein erschöpfend Auskunft, musste doch das Werk wegen der komplizierten Rechtsfragen jahrelang verschlossen schlummern, um nun endlich wieder aus dem Dornröschenschlaf geweckt zu werden? Wie auch immer die Antwort lauten wird: Anlässlich seines hundertsten Geburtstags stehen der vielgesichtige Beuys und sein Werk wieder in der öffentlichen Diskussion.

Bis man entscheiden kann, was Bestand hat, muss man auch viel gesehen haben. Künstler im Atelier treffen, Kataloge, Sprüche, Gespräche, Reden, Abhandlungen und Bücher lesen, Museen, Galerien und Messen besuchen, mit Wegbegleitern sprechen. Irgendwann aber erlebt man auch den ersten Moment, wo man unmittelbar die Bedeutung eines Künstlers entdeckt, dessen Arbeiten den Zeitgeist und modische Trends überdauern und künftige Generationen beeinflussen werden. Jemanden, der einen neuen unverwechselbaren Stil verkörpert und der ungeahnte Denk- und Wahrnehmungsräume öffnet.

Vor der Kunstakademie: Fotografische Impressionen der Düsseldorfer Künstlerin Inge Sauer in der Zeitschrift …IN RHEINKULTUR, 3/2009

So einer ist Joseph Beuys, an dessen Provokationen und Anekdoten sich noch heute die Gemüter erhitzen und reiben und der, beschäftigt man sich ausdauernd mit ihm, dennoch Kontur annimmt. Einer, der früh schon auf die fehlende Wärme in der Gesellschaft und auf Zeichen des Klimawandels aufmerksam macht, wo die von ihm verwendeten und von vielen verabscheuten Materialien wie Filz, Fett und Kupfer als Energiespender wieder neue Bedeutung bekommen.

Das ganze Ausmaß der produktiven Beziehungen zwischen Joseph Beuys und seinen frühen Wegbereitern und Förderern ist nur annähernd bekannt. Sein 100. Geburtstag ist für uns Anlass, sich auch ausschnitthaft wieder mit ihm, mit den Zeitumständen und mit seinem Werk zu beschäftigen.

Frankfurt, wo seine Werke leider derzeit im MMK nicht zu sehen sind, hat aber auch eine in den letzten Jahren gewachsene lebendige freie Szene, die u.a. im Kunstverein EULENGASSE eine Plattform für sich gefunden hat. Sie beschäftigt sich auf ihre Weise mit Beuys.

Das ließ mich als Herausgeberin von FeuilletonFrankfurt nicht ruhen, habe ich doch in meiner frühen Jugend in Düsseldorf die rheinische Kunstszene als vertraut und lebendig erlebt mit den Ausstellungen im Kunstverein, in der avantgardistischen Galerie Schmela gleich neben dem Köm(m)ödchen, dem Spielort der frechen Kabarettisten Kay und Lore Lorentz, während ich bei Feierlichkeiten mit der Künstlerin Inge Sauer, die übrigens auch am am heutigen 12. Mai Geburtstag hat, im Künstlerverein Malkasten vierhändig Klavier spielte. Sie ging zum Studium auf die Akademie, um Fotografie zu studieren, worum ich sie damals glühend beneidete, bevor sie dann für einige Jahre in Italien lebte, arbeitete und dort Kinderbücher schrieb, illustrierte und Papiertheater entwickelte… Heute engagiert sie sich für Orte der Vertreter der Düsseldorfer Malerschule.

Zurück in die Rheinmetropole: Nicht zuletzt führte mich mein Schulweg täglich vorbei an der berühmten Düsseldorfer Kunstakademie mit ihrer über 200-jährigen Tradition und den provokativen Aktionen der Beuys-Schüler vor dem Akademietor, die Fragen und Abenteuerlust in mir aufkeimen ließen. Inge Sauer hat ihre subjektiven Eindrücke von der Szene um die Eiskellerstraße festgehalten, die ein ganz authentisches Bild vom Alltag der damals noch wenig schicken Altstadt vermitteln.

Joseph-Beuys-Ufer in Düsseldorf. Hier kam er an, als er mit Anatol in einem Einbaum den Rhein überquerte, Foto: Garance Madec

Als ich nach einiger Zeit im Ausland studierte, später dann nach Frankfurt zog, nach einer langen Pause abermals fast 10 Jahre lang in Düsseldorf lebte, gab ich dort die Zeitschrift …IN RHEINKULTUR heraus. Da bekam ich die wunderbare Gelegenheit, mich nun auf neue und andere Weise mit einem inzwischen fast musealen Joseph Beuys zu beschäftigen, denn ich berichtete über die Beuys-Ausstellung vor zehn Jahren im K20, welche die damalige Direktorin Marion Ackermann (heute  Dresden) mit Unterstützung der Kuratorin Pia Müller-Tamm (heute Karlsruhe) ausgerichtet hat.

Dabei traf ich dann beim Aufbau der Ausstellung auf den Sammler und Kunstbuch-Verleger Lothar Schirmer, dessen Bücher ich als langjährige Chefredakteurin des Buchjournals immer begeistert aufgegriffen hatte, mal nicht als Verleger auf der Frankfurter Buchmesse, sondern als Sammler in der berühmten Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, im Düsseldorfer K 20. Sein Humor machte mir beim Aufbau des Beuys-Objekts „Vor dem Ausbruch aus dem Lager I“ nicht nur mir selbst viel Spaß. Schirmer führte mir auch diese weitere entwaffnende Eigenschaft des niederrheinischen Hut-Künstlers vor Augen, das beide, Sammler und Künstler wohl bis zum Tode von Beuys verband und woraus auch eine Wertschätzung folgte. Schirmer stellt den so irdisch wie metaphysisch reflektierenden Künstler Beuys mit seinem hintersinnigen Humor in die Traditionlinie der niederrheinischen und flämischen Maler wie Stefan Lochner oder Brueghel.

Lothar Schirmer auf der Frankfurter Buchmesse, Foto: Petra Kammann

Dabei: Schirmer hatte schon früh, noch vor dem Abitur, Feuer gefangen: er war von den sensiblen Beuys-Zeichnungen bei seinem ersten Besuch der documenta in Kassel fasziniert, während ihn Beuys-Objekte wie die Bienenkönigin zunächst abstießen. Sie irritierten ihn, und er nahm sich vor, den Dingen auf den Grund zu gehen, er schrieb dem Meister, der ihm eine Zeichnung zurückschickte. Im Atelier von Beuys erwarb er dann seine ersten Zeichnungen vom selbstverdienten Geld, bevor ihn ein paar Jahre später dann auch die Beuys Objekte überzeugten wie die berühmt gewordene geschrubbte Badewanne. Am Ende publizierte er mit/über/von Beuys um die 40 Bücher. Chapeau!

Bücher zu Beuys im Verlag Schirmer & Mosel

Lange bevor ich Ende der 70er Jahre ein erstesmal nach Frankfurt zog, war mir der langjährige Feuilleton- und Kunstkritiker Eduard Beaucamp immer schon ein Begriff. Er hatte in der konservativen überregionalen Zeitung FAZ jemanden wie Beuys, der seinerzeit sämtliche traditionellen Kunstbegriffe sprengte, „salonfähig“ gemacht, um sich später dann phantastischen DDR-Malern zuzuwenden, die nicht minder eine Entdeckung wert sind. Dass ich ihm viele Jahre später einmal persönlich begegnen würde, war eine der großen Überraschungen meines Lebens. So hatte ich viele Fragen an ihn und habe ein ausführliches Gespräch mit ihm geführt, das Vládmir Combre de Sena (Gründungsmitglied EULENGASSE) aufgenommen hat und das coronabedingt am 12. Mai 2021 in Ausschnitten auf der virtuellen Plattform der Galerie EULENGASSE anzuschauen ist. Später wird es auf deren Homepage komplett zu sehen sein, bei uns in verschriftlichter Form.

Dr. Eduard Beaucamp, langjähriger FAZ-Kunst-Kritiker, Foto: Petra Kammann

Das lange Gespräch mit ihm wie auch mit Schirmer hat mir ins Bewusstsein gerufen, wie sehr Beuys auch auf einen Teil der deutschen „kaputten“ Nachkriegsgeschichte mit ihren Verwundungen reagierte, dem schnellen Wiederaufbau im Westen, und der anderen Entwicklung im Osten. Er hat sie neu gestaltet und ihr neue Perspektiven eröffnet  und erfand die „soziale Plastik“. Daneben gab es den politischen Plakatkünstler, Juristen und späteren Direktor der Akademie der Künste in Berlin, Klaus Staeck, der nach dem Motto „Kunst für alle“ die Multiples von Beuys unter die Menschen brachte, die sich die inzwischen gestiegenen Marktwerte seiner Objekte nicht leisten konnten. Ihn hatte ich seinerzeit, beeindruckt von seiner rasend schnellen Rhetorik, im Kaiser-Wilhelm Museum in Krefeld in einer hitzigen Debatte mit Beuys erlebt, wo Paul Wember noch der innovative Kopf an der Spitze des Museums war.

Ich selbst habe die lebendige Kunstszene um die Düsseldorfer Kunstakademie als Jugendliche aufgesogen. Sie hat in ihrer Vielfalt meinen Blick auf die Welt zweifellos geprägt und verändert und spielt im Hinterkopf auch heute noch mit. Mit ein paar Studenten (so hießen die Studierenden damals noch)  hatten wir parallel dazu seinerzeit an der Uni die Aktion Kreative Universität (AKU) ins Leben gerufen und uns intensiv mit dem Thema Kreativität in den verschiedenen Gehirnhälften und in den unterschiedlichsten Varianten beschäftigt.

„Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“, sagte der französische Künstler, Dichter und Provokateur Francis Picabia (1879–1951) mit spanischen Wurzeln, einer der aufregendsten und einflussreichsten Figuren der klassischen Moderne. Mit Beuysschüler und Anatol Herzfeld (1931 -2019) – halb Polizist, halb Bildhauer (auf der Insel Hombroich) –überquerte Beuys in fast biblischer Manier in einem Einbaumboot den mächtigen Strom Rhein. Oder war es am Ende Charon, der das Boot über den Styx gleiten ließ? Ein starkes Bild, das die Kraft zum Mythos hat.

Nicht nur diese Fluxus-Aktion des Künstlers „Die Heimholung des Joseph Beuys“ am 20. Oktober 1973 auf dem Rhein in Düsseldorf als Reaktion auf die mehr als ein Jahr zurückliegende Entlassung von Beuys aus dem Lehrbetrieb der Kunstakademie Düsseldorf öffentlich aufmerksam zu machen, war ein in die Zukunft weisendes Zeichen. Und auch das bleibt ein unvergesslicher Eindruck, wenn Anatol mit drängenden Fragestellungen in die Germanistikvorlesung von Prof. Herbert Anton hereinstapfte. Sein Fußabtritt hat auch dort spürbar Geschichte gemacht.

Anatol Herzfeld auf der Insel Hombroich; Foto: Petra Kammann

Anlässlich des 100. Geburtstages widmet nun die Deutsche Post Joseph Beuys, der die Konflikte des verwundeten und schnell sich wiederaufbauenden Nachkriegsdeutschlands in personam verkörperte, eine Briefmarke, die ein paar der Insignien beuysscher Anschauung in sich vereinigt. Sie wurde vom Designer Professor Frank Philippin (Aschaffenburg) gestaltet. Abgebildet sind Stempel und Zeichnungen von Joseph Beuys auf dem fliegenden Blatt aus dem Buch „Joseph Beuys: Zeichnungen 1947-59 I. Gespräch zwischen Joseph Beuys und Hagen Lieberknecht“. Nicht nur mit seiner Haltung, seinem legendären Hut und dem Fett, sondern mit dem umgekehrten Kreuz und Stempel wurde Beuys damit ein weiteres Mal zu einer real existierenden Marke. Wenn das nicht ein versöhnliches Zeichen zu seinem Geburtstag ist, der uns beschäftigt. Für einen Moment auf jeden Fall.

Die Jubiläumsbriefmarke ist ab 10. Juni in Postfilialen und online erhältlich. (Bundesministerium der Finanzen)

Und dann geht es weiter mit der Zukunft! Und die ist alles andere als eindeutig. Deshalb freuen wir uns auf die Vielfalt der Reaktionen auf Werk und Wirken des Joseph Beuys in der Eulengasse, leider nicht real, sondern virtuell, aber verbindlich nachschaubar.

Und mit dem Zoom-Event der Eulengasse, das von Harald Etzemüller in Kooperation mit FeuilletonFrankfurt und mir, Petra Kammann, moderiert wird, geht es dann heute zu seinem Geburtstag ab 16 Uhr. Überraschung garantiert!

Dr. Eduard Beaucamp (Jahrgang 1937) trug als Feuilleton-Redakteur und Kunstkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (1966 bis 2002) und auch als Buchautor mit seinen pointierten und engagierten Beiträgen wesentlich zur Debatte um die Kunstszene der Nachkriegszeit bei, zog aber auch früh das Dogma der Abstraktion in Zweifel. Er berichtete u.a. schon früh über Joseph Beuys, setzte sich dann aber für Künstler und Kunst aus der DDR ein, mit dem Schwerpunkt der Leipziger Schule. Zu seinen zahlreichen Büchern gehören u.a.: »Das Dilemma der Avantgarde« (1976); »Die befragte Kunst« (1988); »Der verstrickte Künstler. Wider die Legende von der unbefleckten Avantgarde« (1998) »Gespräche mit Werner Schmalenbach« (2011); »Kunststücke. Ein Tanz mit dem Zeitgeist« (2012); »Im Spiegel der Geschichte. Die Leipziger Schule der Malerei« (2017). Ausgezeichnet wurde Beaucamp mit der Wilhelm-Heinse-Medaille der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur und dem Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Das Gespräch mit Petra Kammann (www.feuilletonfrankfurt.de) fand am 7. Mai 2021 in der Kammannschen Wohnung statt und wurde von Vládlmir Combre de Sena (EULENGASSE) aufgenommen und ist nachzuholen unter:

Zum technischen Procedere:

Die Beuys-Aktion findet als Konferenz (Zoom-Meeting) mit mehr als 30 Arbeitsbeispielen, engagierten Zeitgenossen und Gesprächen statt.

Dem Zoom-Meeting kann man unter folgendem Link beitreten:
https://us02web.zoom.us/j/82373610487?pwd=TGhrd1lXZm1peWRJSSs2eFhPL0ZKZz09
Meeting-ID: 823 7361 0487

Kenncode: eulengasse

Start ist um 16:00 Uhr, der Zoom Kanal ist ab 15:30 Uhr offen.

Feuilletonfrankfurt kooperiert nicht nur mit dem Kunstverein EULENGASSE, sondern auch mit dem Filmforum Höchst. Auf dessen Plattform, ist am kommenden Sonntag noch der äußerst gelungene Dokumentarfilm BEUYS von Andres Veiel zu sehen. Tickets sind auf der Homepage des Filmforums zu erwerben.

*** Hut ab – Kopf an! Zeitzeugen, Gespräche und Werke zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys Ausstellungsraum EULENGASSE https://www.eulengasse.de

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