home

FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Alle Artikel zu Frankfurter Kunstverein

“New Frankfurt Internationals” 2015: “Solid Signs” (3)

2015, April 14.

Zwei „Qualja“ von Emilia Neumann –
geheimnisvolle Vorhänge von Helena Schlichting

Von Erhard Metz

Wer im Lexikon nach „Qualja“ sucht, tut dies vergeblich; im Obergeschoss des Frankfurter Kunstvereins hingegen wird der Suchende fündig. Im Lexikon aber findet man „Qualia“ – es ist die Mehrzahl von Quale – als einen Begriff der Philosophie des Geistes. Volker Gadenne, Professor für Philosophie und Wissenschaftstheorie an der Universität Linz, hat uns den Begriff verständlich gemacht: „Menschen haben Empfindungen und Gefühle, und sie können Arten solcher mentaler Ereignisse wiedererkennen und unterscheiden. Sie haben erfahren, wie der Geschmack einer Zitrone ist und wie er sich von dem eines Stücks Schokolade unterscheidet … Dieses erlebte ‚wie‘ eines mentalen Zustandes ist ein Quale (Plural Qualia). Man nennt es auch die Erlebnisqualität oder phänomenale Qualität des betreffenden mentalen Zustandes oder Ereignisses. Oft werden auch diese Zustände oder Ereignisse selbst Qualia genannt. Qualia sind weiterhin durch die Formulierung beschrieben worden, ‚wie es für ein Subjekt ist‘, in dem mentalen Zustand zu sein, wie sich der Zustand ‚an-fühlt‘ …“ (Quelle: www.sprache-werner.info, herausgegeben von Ulrich Werner, München).

Was denken wir – nein, was empfinden, was fühlen wir, wonach suchen wir in uns selbst, wenn wir vor Emilia Neumanns „Qualja“ stehen, sie umrunden, sie betrachten, uns über sie verwundern, sie zugleich schön, aber irgendwie auch komisch, „knubbelig“, „putzig“ finden, in ihre Körperlichkeit hineinblicken, den Horizont unserer Erinnerungen nach ähnlich Gesehenem, dabei Empfundenen, gar nach Vertrautem abtasten?

L1230569-600

Weiterlesen

“New Frankfurt Internationals” 2015: “Solid Signs” (2)

2015, April 4.

„Survival Upgrade“ – „YOU WILL NEVER BE SAFE“ des Künstlerduos Pennacchio Argentato im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden

Von Erhard Metz

Was am Vormittag des 24. März 2015 um 10.41 Uhr bei Le Vernet in den französischen Alpen geschah, konnte sich zuvor niemand vorstellen und auch nicht das italienische Künstlerduo Pennacchio Argentato. Und doch mutet uns die mehrteilige Installation „Survival Upgrade“ von Marisa Argentato und Pasquale Pennacchio aus dem Jahr 2013 wie eine düstere Vorahnung dieses Unvorstellbaren an.

L1240119-600

YOU WILL NEVER BE SAFE – leg#1, arm#2, feet#1, chest#1, 2013; digitale Projektion, Carbon-Kevlar, Harz; Courtesy T293 Gallery, the artists Weiterlesen

„New Frankfurt Internationals“ 2015: „Solid Signs“ (1)

2015, Februar 18.

Doppelausstellung im Frankfurter Kunstverein und im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden

Von Erhard Metz

Eine geballte Ladung Englisch im Titel und eine gemeinsam konzipierte Doppelausstellung der Kunstvereine von Frankfurt am Main und Wiesbaden: Die aktuellen „New Frankfurt Internationals“ – es ist seit 2010/2011 die zweite Veranstaltungsreihe dieser Art – setzen mit Unterstützung durch den Kulturfonds Frankfurt RheinMain ein besonderes Ausstellungsprojekt fort, das seinerzeit, vom Frankfurter Kunstverein initiiert, mit dem Museum für Moderne Kunst MMK als Kooperationspartner und damals noch unter Mitwirkung der Städelschule und der FAZ-Rhein-Main-Zeitung begonnen wurde (FeuilletonFrankfurt berichtete auszugsweise, s. Liste entsprechender Beiträge am Ende).

Lautete damals der Titel „Stories and Stages“ – Wandel und Zukunft des Erzählerischen im Bereich der bildenden Kunst als inhaltlicher Fluchtpunkt – , so heisst heute das Ausstellungsthema „Solid Signs“ – solide, feste Zeichen also, Signale, Manifestationen, Wegmarken, wobei der künstlerische Umgang mit Material und Techniken im Fokus steht.

Bereits die programmatischen Ausführungen der neuen Direktorin des Frankfurter Kunstvereins, Franziska Nori, liessen aufhorchen: Schon länger sei ein Interesse vieler Künstler an der „physischen Präsenz von Kunstwerken und der Wiederbelebung traditioneller Techniken und Materialien“ zu beobachten. „Gerade eine jüngere Künstlergeneration setzt sich wieder verstärkt mit der Materialität von bildnerischen Mitteln und deren jeweiligen Ausdrucksqualitäten auseinander. Dabei hat für sie die stoffliche Dimension die gleiche Wichtigkeit wie die Ausführung und der Inhalt eines Kunstwerkes“, betonen die Kuratorinnen Lilian Engelmann und Elke Gruhn.

!cid_FCD957AD-44C7-42F6-BE59-E0082C951623@Speedport_W723_V_Typ_A_1_01_009-SB-400

(v.l.) Lilian Engelmann, Kuratorin des Frankfurter Kunstvereins, Elke Gruhn, Vorstandsvorsitzende, künstlerische Leiterin und Kuratorin des Nassauischen Kunstvereins Wiesbaden, und Franziska Nori, seit November 2014 Direktorin des Frankfurter Kunstvereins; Foto: Hans-Bernd Heier

Eine Wieder-Betonung physischer Präsenz von Objekten und Dingen in der Kunst erscheint in vielem als ein Gegenentwurf zu einer Kunst, die sich mehr und mehr von digitaler Technik bestimmter Mittel und Methoden bedient Weiterlesen

“Vom Dasein & Sosein. Skulptur, Objekt & Bühne” im Frankfurter Kunstverein / 6

2014, April 7.

Andrea Winkler weist uns den Weg – und versperrt ihn

Absperrpfosten, wohin wir schauen. Dazu die von Flughäfen bekannten ausziehbaren Gurte, hier in den Farben Schwarz, Rot und Blau. Das sind – wir staunen und erlauben uns diesen kleinen Exkurs – die Farben der Flagge Ostfrieslands (auf ostfriesisch „Oostfreesland“). Ob die Künstlerin, im hauptstädtischen Berlin sowie im hanseatischen Hamburg wohnend, einen Bezug zu dieser etwas entlegenen und mitunter belächelten Gegend herstellen wollte? Spekulieren wir nicht – und Flughäfen gibt es dort im Ostfriesischen ja auch eher weniger.

Gold- beziehungsweise messingfarbene Ketten wirken um einiges gediegener als die Bänder, erinnern an Absperrungen von Zonen in Museen oder Kirchen, die vom Publikum nicht betreten werden sollen. Zwei blaue „Beachflags“ lassen ein Gefühl von Leichtigkeit und Reisestimmung aufkommen. Dann aber wieder ein garstig anmutendes Scherengitter auf Rollen, schwarz und gelb lackiert, den Farben, die vor Gefahren warnen und in denen sperrige Maschinen oder Baustellenfahrzeuge lackiert sind. (Aber Schwarz-Gelb ist doch bereits seit einigen Monaten passee in unserer Republik …?) Ach, wir schweifen ab – ein wenig „Schuld“ daran geben wir auch der Künstlerin, die ihre früheren Ausstellungen schon mal mit Titeln wie „Du kannst die Polizei belügen, aber nicht mich“ oder  „Das gefährlichste Büro der Welt“ oder „Wir schaffen es von hier nicht mehr an die Erdoberfläche“ versah.

L1190247-430

Short Lets Considered, 2014, Mixed Media, Grösse variabel; diverse Installationsansichten; Courtesy the Artist and Gerhardsen Gerner

Andrea Winkler besetzt, strukturiert und öffnet zugleich mit ihren Installationen den Ausstellungsraum im Untergeschoss des Gebäudes Weiterlesen

“Vom Dasein & Sosein. Skulptur, Objekt & Bühne” im Frankfurter Kunstverein / 5

2014, April 1.

Simon Rübesamen: Handschmeichler im XXL-Format

L1190263-430

o. T., 2010, GFK, Lack

Man möchte es gern und darf es nicht: mit den Händen, Lustgewinn suchend, über die wunderbar geschwungenen, sorgsam geglätteten Oberflächen fahren – der Himmel ist hoch und der Zar ist weit, wie es die altrussische Weisheit lehrt (wobei der scheidende Kunstvereinsdirektor Holger Kube Ventura in diesem Spielvergleich den Zaren geben müsste) Weiterlesen

“Vom Dasein & Sosein. Skulptur, Objekt & Bühne” im Frankfurter Kunstverein / 4

2014, März 8.

Maria Anisimowa und Sabine Kuehnle

Von Erhard Metz

Wo sind Papa und Mama?
Und: Wollten wir uns nicht immer schon mal in die finnische Mythologie entführen lassen?

Ja, vielleicht ist es eine Neigung, eine Schwäche: sich gern entführen, sich mit auf Reisen nehmen zu lassen. Also nicht so banal-real, nicht vom ClubMed, nein, sondern in der Fantasie, gar von Zaubermächten der Poesie beflügelt, in die weiten luftigen Gespinste aus Träumen und Erinnerungen, Ängsten und Sehnsüchten. Wer aber nun könnte uns dabei an die Hand nehmen, wenn nicht die eigentlichen Zauberinnen und Zauberer dieser Welt, die Künstlerinnen und Künstler also mit ihren Werken?

Maria Anisimowa stellt uns im geräumigen Treppenhausabsatz des Frankfurter Kunstvereins Tamara und Valentin vor. Erzählerische Arbeiten von feiner Poesie und bestechender Ästhetik.

L1190260-430

Tamara, 2011, Spiegelglas, Holz, Stoff, Grösse variabel, Courtesy the Artist Weiterlesen

„Vom Dasein & Sosein. Skulptur, Objekt & Bühne“ im Frankfurter Kunstverein / 3

2014, Februar 8.

Reisen und Bleiben, Verharren und Verändern: Sandra Havlicek

L1190297A-430

Die Künstlerin und ihre Arbeit „Die grosse Freiheit, 4. Versuch“

Man kann dem allen nicht entrinnen: Sandra Havliceks wundervollen Arbeiten sowieso nicht, konkret nun erst recht nicht der „Grossen Freiheit, 4. Versuch“. Und nicht einmal seinem eigenen Spiegelbild Weiterlesen

„Vom Dasein & Sosein. Skulptur, Objekt & Bühne“ im Frankfurter Kunstverein / 2

2014, Februar 2.

Thomas Moecker: Trouble Stand Sculpture

Was ist das für ein Apparat? Gross ist er, bald vier Meter lang, viereinhalb Meter hoch. Eine Maschine, ein Maschinenteil? Kann man damit etwas herstellen? Kann man mit diesem Ding überhaupt etwas anfangen? Schiessen? Röntgen? Bestrahlen? Den Lauf der Sterne bestimmen, gar beeinflussen? Schaut das Ding nicht irgendwie gefährlich, bedrohlich aus? Sollte man sich vielleicht besser entfernen?

L1190277B-430

Thomas Moecker, Trouble Stand Sculpture, 2014, diverse Ausstellungsansichten, Holz, Acryl, Wachs, 375 x 300 x 450 cm, Courtesy of Galerie Emanuel Post

Nun, all das wissen wir nicht so genau, aber eines wissen wir: es ist ein Kunstwerk Weiterlesen

„Vom Dasein & Sosein. Skulptur, Objekt & Bühne“ im Frankfurter Kunstverein / 1

2014, Januar 29.

Was machen so eigentlich ein Kunstvereinsdirektor, zumal wenn er kuratiert, und seine Mitkuratorin? Eine schwierige Frage, nähern wir uns ihr einmal andersherum und antworten: Jedenfalls machen sie es kaum jemandem recht. Schon gar nicht all den Kunstgurus, seien es grosse oder kleine, lokale oder überregionale, echte oder selbsternannte – und nicht zu vergessen die Vereinsmitglieder! Was die einen gut finden, finden die anderen schlecht. Und was machen dann die von den Ausstellungsmachern Kuratierten? Liebe Künstlerinnen und Künstler: pfeifft auf die Antworten und macht Euer „Ding“! (Na ja, sei ’s zugestanden, über eine lobende Erwähnung freut man sich denn doch.)

Wir gestehen es und „outen“ uns: Wir haben dieser Tage wieder mal von einem Künstler ein Bild erworben. Eine Arbeit auf Leinwand. Soso, hören wir schon einen Ober-Guru uns mitleidvoll entgegnen, und das hängen Sie jetzt wohl an die Wand? In welchem Jahrhundert leben Sie eigentlich? Wissen Sie denn nicht um die wahre Kunst, wissen Sie nicht, wer letztes Jahr in Venedig den Goldenen Künstler-Löwen erhalten hat?

Kein Wunder also, dass wir uns mit dem Chef des Frankfurter Kunstvereins darüber freuen, endlich einmal nicht nur Raunen und Stammeln am Boden Liegender, nicht nur Verkopftes und Digitales, elektronisches Geflimmer und Bildschirmrauschen, sondern Greifbares und Materielles vor unseren Augen und Sinnen zu haben, etwas, was „da ist“ und „so ist“. Und so gingen wir nicht ohne vorfreudige Erwartung in die neue Ausstellung „Vom Dasein & Sosein. Skulptur, Objekt & Bühne“. (Über Sinn und Charme des Kaufmanns-„&“ kann man, wenn man sonst nichts Wichtigeres zu tun hat, füglich streiten.)

L1190290A-450a

Lilian Engelmann und Holger Kube Ventura, Direktor des Frankfurter Kunstvereins, in der Pressekonferenz

Zu Recht sprechen Holger Kube Ventura und Lilian Engelmann, die die Ausstellung kuratieren, von einer „Dingkrise“ Weiterlesen

Es regnet im Frankfurter Kunstverein

2013, April 23.

Rivane Neuenschwander, „Chove chuva / Rain Rains“, 2002 (obige und folgende beiden Abbildungen: Ausstellungsansichten, Details und Totale), Aluminiumeimer, Wasser, Stahlseile, Leiter, Courtesy the artist, Tanya Bonakdar Gallery, New York, Stephen Friedman Gallery, London und Fortes Vilaça, São Paulo

Es tropft und tropft und tropft. Entgegen ersten Befürchtungen befinden wir uns hier jedoch nicht im grossen Foyer der Städtischen Bühnen, wo man sich vor dem Chagall-Saal bereits an den Anblick einiger Eimer gewöhnt hatte, die von der Decke durchtropfendes Wasser auffangen, sondern im Frankfurter Kunstverein. Und zu dessen Ehrenrettung sei zugleich vermerkt, dass die Decke des oberen Ausstellungssaals zumindest bis jetzt noch alles Regenwasser zurückhält. Weiterlesen