home

FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

„nichts – und alles“ und „eine/r aus siebzehn“ im Museum Wiesbaden

Kompakte Werkschau von Vordemberge-Gildewart und spannender Querschnitt junger zeitgenössischer Kunst

Von Hans-Bernd Heier

Aus Anlass des fünfzigsten Todestags des De-Stijl-Künstlers Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899 bis 1962) präsentiert das Museum Wiesbaden die Ausstellung mit dem Titel „nichts – und alles“. „Dieses Zitat aus dem Gästebuch des Künstlers aus dem Jahre 1937 lässt sich auf sein Werk übertragen, dessen klarer Ausdruck verborgener Komplexität bis heute junge Künstler inspiriert“, sagte Kurator Roman Zieglgänsberger bei der Ausstellungseröffnung.

Friedrich Vordemberge-Gildewart, K (Komposition) 199, 1953, Öl auf Leinwand, 50 x 60 cm, © Museum Wiesbaden; Foto: Museum Wiesbaden

Friedrich Vordemberge-Gildewart gehörte der ersten Stunde des deutschen Konstruktivismus sowie mehreren avantgardistischen Künstlerkreisen an. Unter anderem wurde er international bekannt, als er sich 1925 der einflussreichen holländischen Künstlergruppe De Stijl um Piet Mondrian und Theo van Doesburg anschloss. Im Dritten Reich wurden seine Kunstwerke als entartet diffamiert und der Künstler erhielt in Deutschland Ausstellungsverbot. Er ging 1937 mit seiner jüdischen Ehefrau Ilse Leda ins Exil nach Amsterdam. Während dieser Zeit arbeitete er im Umkreis von Max Beckmann. Mit ihm diskutierte er oft über die Farbe schwarz, da diese Farbe in beider Werken eine grosse Rolle spielte.

Friedrich Vordemberge-Gildewart, K 116 („Das blaue Bild“), 1940, Öl auf Leinwand, 60 x 60 cm, © Museum Wiesbaden; Foto: Museum Wiesbaden

An seinen Erfolg in Deutschland konnte der De-Stijl-Künstler nach dem Weltkrieg als Leiter der Abteilung „Visuelle Kommunikation“ an der von Max Bill mitbegründeten Hochschule für Gestaltung in Ulm ab 1954 anknüpfen; ausserdem durch die Teilnahme an den Biennalen in Venedig (1952) und São Paolo (1953) sowie an der documenta in Kassel in den Jahren 1955 und 1959. Darüber hinaus waren seine Werke in zahlreichen internationalen Ausstellungen zu sehen. Auf Grund der hervorragenden Qualität, der für den Konstruktivisten typischen handwerklichen Präzision und der Vielseitigkeit seines Œuvres wurden Friedrich Vordemberge-Gildewarts Werke auch von renommierten internationalen Museen angekauft.

Friedrich Vordemberge-Gildewart, T (Typografie) 79 (Der vorbildliche Werbedruck), 1927, © Museum Wiesbaden; Foto: Museum Wiesbaden

Die Schau in Wiesbaden vermittelt einen kompakten Überblick über das vielseitige Schaffen eines der wichtigsten Vertreter der konkreten Kunst. Es wird, wie Kurator Zieglgänsberger betont, das Beste aus dem Bestand des Museums präsentiert – ergänzt um teils bisher noch unveröffentlichte Objekte und Dokumente, um die ganze künstlerische Bandbreite Vordemberge-Gildewarts – nicht nur als Maler, sondern auch als Innenarchitekt, Baugestalter und Typograf – vorzustellen.

Im grossen Ausstellungssaal sind 14 herausragende abstrakte Gemälde aus den zwanziger bis fünfziger Jahren zu sehen. „Vordemberge-Gildewart schafft es immer wieder, mit seinen wenigen geometrischen Elementarteilchen“ – wie Drei- und Vierecken – „eine geschlossene Bildwelt zu schaffen“, erläutert Zieglgänsberger. Im anschliessenden Raum werden typografische Arbeiten gezeigt. Da der Künstler vom Verkauf von Gemälden und Zeichnungen nicht seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte, wandte er sich der Gestaltung von Werbeplakaten und Broschüren zu. Eine Reihe exemplarischer Arbeiten, wie der vorbildliche Werbedruck für die Druckerei Osterwald, werden in Petersburger Hängung präsentiert. Schliesslich sind noch Aquarelle sowie Entwürfe für Innenarchitektur sowie sein aufwendiges Gesellenstück zu sehen, mit dem Vordemberge-Gildewart seine Ausbildung zum Tischler abschloss.

Ausstellungsansicht; Foto: © Museum Wiesbaden

Begleitet wird die Ausstellung von einem reich illustrierten Katalog – deutsche und englische Ausgabe (Preis: 25 Euro). Katalogbuch und Präsentation werden von der Vordemberge-Gildewart-Stiftung gefördert.

Die sehenswerte Schau „nichts – und alles“ ist noch bis zum 26. Mai 2013 in Wiesbaden zu sehen und anschliessend in Vordemberge-Gildewarts Geburtsstadt Osnabrück im Felix-Nussbaum-Haus.

Vordemberge-Gildewarts biographisch-künstlerischen Nachlass im Museum Wiesbaden

Das Landesmuseum Wiesbaden, das den grössten Gemäldebestand des universalen Künstlers beherbergt, hat bereits in mehreren Ausstellungen Werke von Vordemberge-Gildewart präsentiert und sich intensiv um die wissenschaftliche Aufarbeitung des Œuvres dieses bedeutenden konstruktivistischen Malers, Zeichners, Typografen und Gestalters gekümmert. Aus diesem Grunde hat sich die seinem Andenken gewidmete Vordemberge-Gildewart-Stiftung in Rapperswil, Schweiz, im Jahre 1997 zu einer grosszügigen Schenkung des biographisch-künstlerischen Nachlasses an das Museum Wiesbaden entschlossen. Das Landesmuseum besitzt aus Friedrich Vordemberge-Gildewarts Nachlass unter anderem 35.000 Archivalien.

Stiftung Vordemberge-Gildewart vergibt jedes Jahr hochdotiertes Stipendium

Die Stiftung Vordemberge-Gildewart fördert seit 1983 Künstlerinnen und Künstler bis zum Alter von 35 Jahren in verschiedenen Ländern Europas, indem sie jährlich ein hochdotiertes Stipendium (40.000 Euro) vergibt. Sie erfüllt damit den Auftrag der Stifterin Ilse Leda. Das grosszügig bemessene Stipendium soll der bzw. dem ausgezeichneten Künstler(in) ein sorgenfreies Arbeiten während eines Jahres ermöglichen.

Jedes Jahr tagt die Jury an einem anderen Ort. Dabei wird jeweils aus der Umgebung des Juryortes die Preisträgerin oder der Preisträger ermittelt. Die Wahl der Materialien, Themen und Medien steht den Künstlern frei, so dass junge Kunstproduktion in allen Facetten vorgestellt werden kann.

Zweimal tagte die Jury bereits im Museum Wiesbaden. Im Jahr 1997 ging das Stipendium an Katja M. Schneider, 2004 wurde das Stipendium Angela Glajcar zuerkannt.

Ankabuta mit Vordemberge-Gildewart-Stipendium 2012 ausgezeichnet
„eine/r aus siebzehn“ – Querschnitt junger zeitgenössischer Kunst

Die Jury des Vordemberge-Gildewart-Stipendiums hat Ankabuta mit dem Stipendium 2012 ausgezeichnet. In der Begründung der Jury, die unter Vorsitz des international anerkannten Malers Gotthard Graubner in Wiesbaden tagte, heisst es: „Die Künstlerin wählt als Metapher durch ihren Namen das Bild der Spinne, die Raumdimensionen verbindet. In der Wettbewerbspräsentation bevölkern Ameisen Teile der Museumsarchitektur auf rätselhaft poetische Weise. Ihre Arbeit kennzeichnen aber nicht nur Fleiss und Kunstfertigkeit, sie verbindet diese Eigenschaften mit Improvisation und Reflexion, mit einem hohen Mass an Humor. Mit poetischer und erzählerischer Kraft bringt sie in einer offenen und vernetzten Welt Fantasie in räumliche Visionen, die den Betrachter gefangen nehmen und ihn befähigen, sie weiter zu spinnen“.

Ameisen-Installation von Ankabuta im Museum Wiesbaden; Foto: Hans-Bernd Heier

Ankabuta wurde 1980 in Korea geboren; die Künstlerin lebt und arbeitet in Wiesbaden.

Die Vordemberge-Gildewart Stiftung hat in diesem Jahr neben dem Stipendium auch einen Anerkennungsbeitrag an Daniela Kneip Velescu vergeben.

Daniela Kneip Velescus Videoinstallation „Arrangement in Weiss und Schwarz“; Foto: Hans-Bernd Heier

Die 1982 in Bukarest, Rumänien, geborene Künstlerin, die jetzt in Frankfurt lebt und arbeitet, erhält für ihre Videoinstallation „Arrangement in Weiss und Schwarz“ von 2011 die Auszeichnung. Daniela Kneip Velescu stellt in einem Video „scharf Gegliedertem, exakt Gestreiftem, kühler Gestaltung, steifer Haltung und stereotyper Aktion eine zweite Hälfte voller Unschärfe und malerischer Qualität entgegen. Es wächst“ – in den parallel auf einem Monitor ablaufenden Streifen – „ein abstraktes Bild. Ausfransende Farbfelder lassen keine Sicht auf konkrete Motive zu. Auch hier sieht die Jury des Vordemberge-Gildewart-Stipendiums grosses Entwicklungspotential in der Arbeit der Künstlerin“, so die Jury-Begründung. Der besondere Reiz der Installation besteht darin, dass diese zwei sehr verschiedenen Videoclips parallel auf einem Bildschirm abgespielt werden.

Alle 17 teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler mit Kurator Jörg Daur (links) auf der Bühne des Vortragssaals des Landesmuseums; Foto: Hans-Bernd Heier

An der Preisverleihung und Ausstellungseröffnung „eine/r aus siebzehn“ nahmen alle siebzehn Künstlerinnen und Künstler teil, die die Jury auf Vorschlag des Museums Wiesbaden nominiert hatte. Die Ausstellung zeigt einen spannenden Querschnitt junger Kunst von Kunstschaffenden aus dem Rhein-Main-Gebiet. Versammelt sind klassische Medien wie Malerei, Skulptur und Zeichnung neben Videoarbeiten und Installationen. Jede künstlerische Position ist dabei durch zwei bis drei unterschiedliche Arbeiten vertreten. Den jeweiligen Hintergrund beleuchtet ein gemeinsamer Katalog. Die Überblicksschau „eine/r aus siebzehn“ wird noch bis zum 13. Januar 2013 gezeigt.

Den Künstlerinnen und Künstlern, die bei der Preisverleihung leer ausgegangen sind, gab Museumsdirektor Alexander Klar mit auf den Weg: Im Landesmuseum könne nicht jeder ausstellen, und „die Präsentation Ihrer Arbeiten im Rahmen einer Sonderausstellung ist schon etwas Besonderes“.

Die „Siebzehn“: Ankabuta, Viola Bittl, Christiane Feser, Moritz Frei, Özlem Günyol & Mustafa Kunt, Sandra Havlicek, Sebastian Heinrich, Daniela Kneip Velescu, Astrid Korntheuer, Levent Kunt, Xue Liu, Sebastian Meschenmoser, Judith Röder, Anika Rosenberg, Julia Lia Walter, Jonas Weichsel und Eva Weingärtner

Noch bis zum 6. Januar 2013 ist ausserdem im Steinsaal des Museums Wiesbaden die beeindruckende Schau „Inspiration Cranium“ – Dietmar Buchelts Sicht auf Tierschädel zu sehen.

Schreib´ einen Kommentar