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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer

Von Paulina Heiligenthal

„Wenn Du ein Schiff bauen willst,
dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen,
Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen,
sondern lehre die Männer
die Sehnsucht
nach dem weiten, endlosen Meer.“

Antoine Saint-Exupéry, 1900 – 1944

Antonia, ein prächtiges und elegantes Plattbodenschiff, wurde im Jahr 1913 geboren. Sie hat eine stattliche Länge von 27,5 Metern, die Masten ragen 24 Meter in den Himmel. Der Zweimastklipper wartet ungeduldig in Harlingen, einer Hafenstadt in der Provinz Friesland in den Niederlanden, auf unsere erste Begegnung.

In den Grachten von Frieslands Provinzhauptstadt; Foto: Paulina Heiligenthal

Der Treffpunkt offenbart sich als maritimes Freiluftmuseum mit der größten „braunen Flotte“ Europas. Die Harlinger sind stolz darauf, Heimathafen von mindestens 70 historischen Holzschiffen zu sein. Darunter sind nicht nur Klipper wie Antonia, sondern auch sogenannte Tjalks: Sie beeindrucken vor allem mit ihren braunen Segeln, die mit Cashew, einem Farbstoff aus der Rinde von Tropenholz, gefärbt wurden.

Die reiche nautische Geschichte der Stadt, die am Weltnaturerbe Wattenmeer liegt, ist überall erkennbar. Seemannsatmosphäre prägt den selbstbewussten Charakter von Frieslands einziger Seehafenstadt. Die vielen sorgfältig renovierten Monumente und Lagerhäuser, die Patrizierhäuser an den Grachten und die lebendigen Binnenhäfen, zu denen auch ein Gezeitenhafen gehört, zeigen das sichtbare Erbe ihrer besonderen Handelsgeschichte. Der Fischereihafen ist immer noch von wirtschaftlicher Bedeutung.

Im Herzen der Stadt Harlingen ziehen historische Schiffe alle Aufmerksamkeit auf sich; Foto: Paulina Heiligenthal

In Harlingen kokettiert und prunkt man sogar im Winter mit der Flotte, wenn sie charmant mit vielen Lichtern beleuchtet in einem der Häfen der Stadt eine einzigartige Kulisse bietet.

„Du wirst die Welt niemals richtig genießen, bis nicht das Meer durch Deine Adern fließt, Dich der Himmel zudeckt und die Sterne Dich krönen.“
Thomas Traherne, engl. Poet, 1636 – 1674

Behende steuert die souveräne Skipperin Heidy am ersten Morgen ihr Schiff Antonia durch den schmalen Hals des Noorderhafens von Harlingen. Der Himmel wartet mit strahlendem Blau und weißen Wolkenkissen auf, als wir auf Entdeckungsreise ins Wattenmeer stechen. Eine junge Gehilfin gibt Anweisungen vor, während und nach dem Segeln. Viele helfende Hände werden benötigt beim Leinen lösen, beim Entrollen und Setzen der Segel, genauso wie beim Einrollen und Festsetzen der Segel und Befestigen des Schiffes.

Plattbodenschiffe ruhen im seichten Watt, das jetzt trockenfällt; Foto: Paulina Heiligenthal

Wir gleiten so lange übers Wasser, bis Antonia auf das Watt „trockenfällt“. Wann und wo das passiert, ist an erster Stelle abhängig von der Windstärke und Windrichtung sowie natürlich von den Gezeiten.

Unter den eindrucksvollen Segeln des Zweimastklippers erlebe ich den perfekten Gegensatz zum Alltag. Unbeschreiblich, die Entschleunigung durch das sanfte Wogen der Wellen auf der Melodie des Meeres. Unbeschreiblich, das Aufsaugen der unendlichen Weite der Meerhimmellandschaft. Das Wellenrauschen scheint dem Atemrhythmus zu entsprechen. Geschmack und Geruch salziger Luft stimulieren das Immunsystem. Windhauch. Sonnenlicht. Sinnlichkeit pur. Momente zum Festhalten!

„Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen“ (Aristoteles); Foto: Paulina Heiligenthal

Täglich wird der Törn aufs Neue geplant, jeder Tag bietet erfreuliche Überraschungen.

Auf unserer Fahrt von Harlingen und zurück beindrucken mich zunächst die Inseln im Wattenmeer. Allerdings auch das Lauwersmeer, eine seit 1969 eingedeichte Bucht, die nicht zum Wattenmeer gehört. Wir erreichen diesen See tuckernd über einen Kanal. Er begeistert mit einem unvergesslichen Sonnenuntergang: das Lagerfeuer kann den Wettbewerb mit der flammenden Abendröte nicht gewinnen. Eine atemberaubende Stimmung in ungeahnter Stille in diesem Nationalpark, auch als „Sky Dark Park“ bekannt. Ein seliges Gefühl, als wäre ich alleine auf der Welt…

Die ehemalige Hauptstadt Nes der Insel Ameland wartet mit liebevoll restaurierten Häusern auf; Foto: Paulina Heiligenthal

Die erfahrene Skipperin hat genau berechnet, dass wir vor der ersten angesteuerten Watteninsel Ameland im Schlick liegen werden. Fast die Hälfte des niederländischen Wattenmeeres fällt trocken bei Niedrigwasser, was günstig für Robben und Wattvögel ist. Der Name Wattenmeer stammt vom niederländischen Adjektiv „doorwaadbaar“ ab, das seicht und untief bedeutet. Man kann es also „durchwaten“. Wegen der geologischen und ökologischen Werte stehen der niederländische und der deutsche Teil des Wattenmeeres seit 2009 als Weltnaturerbe unter dem Schutz der Unesco. Der dänische Teil folgte in 2014. Die Landschaft ist dynamisch gebildet vom Wind und den Gezeiten. Es leben mehr als 10.000 Tierarten im gesamten Wattenmeer, ein einzigartiger und weltweit wichtiger Biodiversitätshotspot.

Das Schlick schenkt der Vogelschar reichlich Nahrung und bildet einen Klangteppich von Schmatzmelodien; Foto: Paulina Heiligenthal

Das niederländische Wattenmeer besteht aus acht Inseln, von denen fünf bewohnt sind. Das Inselgefühl macht sich sofort bemerkbar, sobald ich an Land gehe. Kostbare Erinnerungen an die Erzählungen meiner Mutter, die alle bewohnten Inseln besucht und quadratmeterweise bewandert hat, werden wach. Immer wieder taucht die Federzeichnung auf, schönes Mitbringsel von Ameland, das im Esszimmer an der Wand einen Platz fand. Jetzt laufe ich am Deich und finde ihre Beschreibungen wieder: die üppige Vogelschar, die reichhaltig Nahrung im glitzernden Schlick vorfindet, die wogenden Dünen-Enziane im Wind, wie Kerzen hoch und schlank, das satte Grün des Deiches und der Polder, die endlose Weite bis zum Horizont, die herrliche Frische der Brise, die mit den Haaren spielt.

Das glitzerende Watt ist ein idealer Nährboden für viele Vogelarten; Foto: Paulina Heiligenthal

Ich atme tief, sehr tief ein…

Die Perle Ameland ist eine gelungene Mischung aus angenehmer Ruhe und sommerlicher Lebendigkeit: Sanddünen, Strand, eine sumpfige Naturlandschaft, ein Fahrradweg von 90 km Länge. Touristen können nur per Boot anreisen, da kein Autoverkehr erlaubt ist. Bereits im achten Jahrhundert n. Chr. lebten hier Menschen. Im Laufe der Jahrhunderte hat das Meer große Teile von Ameland weggeschlagen. Die verbliebenen vier authentischen Dörfchen, alle mit eigener Identität und Geschichte, strahlen Behaglichkeit aus. In den monumentalen Häusern lebten einst Kapitäne und Walfänger. Nes, die ehemalige Hauptstadt, ist zentral gelegen und mit 1200 Einwohnern der größte Ort der Insel. Der majestätische Glockenturm aus 1664 ragt hinter romantischen Häusern aus der gleichen Ära empor. Das Städtchen ist anmutig und friedvoll: Ein hübsches Angebot an kleinen Restaurants, gemütlichen Cafés und geschmackvollen Geschäftchen flicht sich harmonisch zwischen die alten denkmalgeschützten Kommandeurshäuser ein.

Dank der Deiche und Polder ist Ameland eine geschützte Insel mit einer hohen Anzahl an Pflanz- und Vogelarten und ein Paradies für Natur- und Wasserliebhaber. Ca. 50 Vogelarten haben hier ihre idealen Brutstätten gefunden, darunter 2.000 brütende Kiebitzpaare. Millionen von Zugvögeln dient das Wattenmeer als Kinderstube und Futterplatz.

Grasende Schafe auf dem Kamm des Deiches schauen neugierig in die Kamera; Foto: Paulina Heiligenthal

Die Weiterfahrt mit der Antonia, abseits des Wattenmeeres, führt über Kanäle, an Wasseririsfeldern, grasenden Tierherden und einem Wurtendorf entlang. Wir fahren durch bewegliche Brücken hindurch, die nach dem Passieren wieder mit den Straßen verschmelzen, bis zur Provinzhauptstadt Frieslands Leeuwarden, in der westfriesischen Sprache Ljouwert genannt. Mit seinen 600 denkmalgeschützten, historischen Häusern, seinen alten Grachten, sehenswerten Museen, der verkehrsarmen Innenstadt, seinen zahlreichen Bars auf Booten und kleinen Brücken ist Leeuwarden eine besuchenswerte Stadt mit Charme für eine gelungene Ladies’ Night.

Der rote Leuchtturm hat eine stattliche Länge von 44 Metern; Foto: Paulina Heiligenthal

Von weitem begrüßt uns der beliebte Brandaris, ältester Leuchtturm der Niederlande, auf der dritten von uns besuchten Insel Terschelling. Der Legende nach spülte hier einst ein amerikanisches Schiff nach Schiffbruch eine Tonne mit Cranberries, den sogenannten Kranichbeeren, an. Der enttäuschte Strandgutjäger Piter Sipkes Cupido warf sie achtlos in die Dünen, wo sie perfekte Bedingungen vorfanden. Die ersten Cranberries in Europa! Seemannsgarn? Auf jeden Fall vorstellbar.

Hinter dem ersten Dünengürtel haben hier in 1845 die ersten Bio-Kranichbeeren in Europa ihre Wurzeln geschlagen; Foto: Paulina Heiligenthal

Heute verwandeln die Früchte die Dünentäler zur Erntezeit im Herbst in ein sensationelles Rot. Auf ca. 80 ha Fläche wachsen die köstlichen Superfrüchte, die zu den Heidekrautgewächsen gehören, in den puren Elementen der Natur. Die handgepflückten Beeren werden zu herrlichen Regionalprodukten verarbeitet. Ein Rezept der Insel ist Rotkohl mit Cranberries, Chilischote, rosa Pfeffer und Thymianzweigen. Eine andere Spezialität ist Sweet & Sour Cranberry Suppe mit roter Zwiebel, einer Möhre und Rinderbrühe. Es gibt Siepeltjespot, ein delikates Ofengericht aus Sauerkraut, Rinderhack, Kartoffelstampf und Cranberries. Wildente wird auf Terschelling mit vielen Beeren zubereitet, mit Cranberry-Essig abgelöscht und mit Cranberry-Likör verfeinert.

Auf Grund ihrer Größe ist diese Insel nicht verkehrsarm. Es liegen jedoch wesentlich mehr Schiffe im Hafen als fahrende Autos auf den Straßen. Eine imposante Kulisse, die das bedeutende Oerol-Kulturfestival gebührend einrahmt.

Wer einmal eine Insel besucht, kommt wieder, sagen die Inselbewohner.

Liebe auf den ersten Blick an einem Januarabend im Sehnsuchtsort Schiermonnikoog; Foto: Paulina Heiligenthal 

An einem eisigkalten Wintersamstag im Januar besuche ich die kleinste der Watteninseln Schiermonnikoog. Ein Bus bringt mich vom Kai der Fähre durch das gleichnamige Städtchen, das still und verschlafen wirkt, zum verlassenen Strand. Der beißende Winterwind hält mich nicht von einem ausgedehnten Spaziergang ab. Die schier endlose Ausdehnung von Europas breitestem Strand, die endlose Weite des Horizonts, die unendliche Stille der Sandlandschaft lassen mein Herz schneller schlagen. Liebe auf den ersten Blick.

In der Natur von Schiermonnigoog kann man die Stille hören; Foto: Paulina Heiligenthal

Heute jubelt mein Herz, dass ich wieder Gast sein kann in diesem Sehnsuchtsort, das mit Superlativen nur so punktet: auserwählt zum allerschönsten Ort der gesamten Niederlande. Der 18 km lange Strand ist der schönste von ganz Europa, behaupten Kenner. Die fahrradfreundlichste Kommune in ganzen Land, sagt der Fietserbond. Außerdem gehört Schiermonnikoog, die Insel der grauen Mönche mit ihrer äußerst geringen Lichtverschmutzung zur dunkelsten Stelle im Land. Hier kann man in unbewölkten Nächten über 3.000 Sterne am Sternenhimmel sehen. Seit 1989 erhielt die gesamte Insel den offiziellen Status eines Nationalparks. Auch hier sind keine Fahrzeuge von Touristen erlaubt. Eine wohltuende Ruhe, eine spürbar reine Luft sind das erfreuliche Ergebnis.

Poesie des Meeres im Licht der Dämmerung; Foto: Paulina Heiligenthal

Die Insel besteht aus nur einer einzigen Kommune, die nördlichste und kleinste des Landes mit einer Einwohnerzahl von 944 Personen. Die Einwohner nennen ihr Dorf liebevoll Aisterbun, der Dialektname für Oosterburen, was Ostnachbarn bedeutet. Aisterbun wurde 1719 erbaut, nachdem das Dorf Westerburen allmählich im Meer versank. Alle Straßen wurden gezielt von West nach Ost parallel zueinander angelegt, um den Wind zu verringern.

Sorgfältig restaurierte Häuser prägen den bezaubernd schönen Ort. Fröhliche Flaggen im doppelten Rot-Weiß-Blau der niederländischen Fahne, mit einem grünen Streifen in der Mitte, der die Natur Schiermonnikoogs symbolisiert, begrüßen die Besucher. Um die eigene Inselsprache lebendig zu halten, hat der kulturhistorische Verein 2010 eine Sprachroute eröffnet. Über die ganze Insel verteilt findet man an neun markanten Plätzen Gedichte im ursprünglichen Dialekt in Stein verewigt.

Wunderschöne grüne Alleen mit großem Baumbestand und Grasflächen umsäumen die typischen, beschaulichen Inselhäuser. Seit 1853 besitzt die Insel zwei sehenswerte Leuchttürme. Der weiße Leuchtturm am Rande des Dorfes dient jetzt als Wasserturm. Der rote Noorderturm ist rund um die Uhr im Einsatz. Er hat eine stattliche Länge von 44 Metern und ist nordwestseits an Muschelbruchpfädchen in den Dünen gelegen. Ein Phänomen der Insel ist, dass ihre Sanddünen immer wieder neu nachwachsen.

Damals, nach dem Krieg, als die Kinder für ihre Gesundheit täglich einen Esslöffel scheußlich schmeckendes Walöl schlucken mussten, fuhr Kapitän Klaas Visser neunmal mit einem Fabrikschiff von dieser kleinen Watteninsel aus auf eine Expeditionsreise in die Antarktis zum Walfang. Der Unterkiefer eines Blauwals als Skulptur im Zentrum des Dorfes zeugt von seinen Unternehmungen.

Verträumter Blick in die Ferne; Foto: Paulina Heiligenthal

Die ersten Bewohner der Insel siedelten sich im Mittelalter an. Es waren Zisterziensermönche des Klosters Claercamp aus der Provinz Friesland. Den in grauen Kutten gehüllten Mönchen verdankt die Insel ihren Namen: schier = grau, monnik = Mönch, oog = Insel (altniederländisch) sowie Auge. Graue Mönchsinsel.

Dem Schriftsteller Cees Nooteboom diente die Insel mit den wilden Schaumkronen der Nordsee als Inspirationsquelle. Sein bildmächtiger Lyrikband „Mönchsauge“, in dem man Wasser und Wind spüren kann, nahm hier an Wintertagen seinen Anfang. Quasi wie aus dem Nichts heraus, wie er selbst bekundet. Vervollständigt wurde sein Gedichtband auf Menorca, seinem mediterranen Sommersitz. Auch er ein Liebender des bildschönen Refugiums, das im Winter begann!

Einst bedroht kehrt der Dünenenzian langsam wieder zurück; Foto: Paulina Heiligenthal

Jährlich im Frühling entfalten sich wilde Orchideen in den Dünentälern und leuchten von rosa bis lila um die Wette. Bis in den Herbst hinein wechseln sich üppig blühende Blumenteppiche ab. Dann schießen Pilze aus dem Boden. Die Dünen sind für viele Arten von Sing- und Wattvögeln attraktiv. Die bunten Beerensträucher wie Sand- und Maidorn bieten ihnen genügend Nahrung. Für Hunderttausende Zugvögel aus Grönland, Sibirien und Skandinavien ist Schiermonnikoog ein unverzichtbarer Zwischenstopp auf ihrer langen Reise in den Süden.

…weil es die Schönheit ist, durch welche man zur Freyheit wandert,“ sagt Schiller.

Atemlose Stille am Nationalpark Lauwersmeer; Foto: Paulina Heiligenthal

Die Einmaligkeit dieses Juwels liegt in ihrer intakten, ehrlichen Identität im Einklang mit der unnachahmlichen Unberührtheit der Natur. Die Zeit scheint hier einen anderen Wert zu haben. Irgendwann, in einer lauen Sommernacht werde ich mich in die Dünen legen, das Wunder der Dunkelheit genießen und mit der Wahrnehmung aller Sinne die Sterne ihre Geschichten erzählen lassen. Jetzt breite ich weit meine Arme aus. Eine Umarmung, ein Aufsaugen, eine Ehrerbietung für ein großartiges Kunstwerk, signiert von Mutter Natur.

 

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