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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Hommage an E. R. Nele : Im Zentrum der Mensch (2)

Karussell, 2008, Corten Stahl, 230 cm

Am Eingang des Frankfurter Instituts für Stadtgeschichte im ehemaligen Karmeliterkloster – wir berichteten über das dort im Kreuzgang installierte, titelgebende Hauptwerk der Jubiläumsausstellung für E. R. Nele „Yesterday & Tomorrow“ – empfängt den Besucher das „Karussell“, eine der typischen, dreh- und begehbaren Arbeiten der Künstlerin. Wie selbstverständlich befinden sich Menschen in Gestalt weitgehend abstrahierter Skulpturen in der in einem heiteren Hellgrün lackierten Vorrichtung, denn Menschen stehen im Zentrum des Neleschen Œuvres. Menschen, hier im Karussell des Lebens?

Ebenso begehbar der „Hölderlinturm“, eine Hommage Neles an Friedrich Hölderlin und eine geistreiche Anspielung auf den Tübinger Hölderlinturm, in dessen erstem Stockwerk der grosse Dichter nach seiner Entlassung aus psychiatrischer Behandlung 36 Jahre lang bis zu seinem Tod (1843) lebte und wirkte. Die schwenkbare Tür lässt sich leicht öffnen, wir nehmen auf dem einfachen, blau lackierten Stuhl – eine Reminiszenz an die bescheidene Ausstattung des Hölderlinschen Turmzimmers – unter flackerndem Licht Platz. Jetzt, nach dem Schliessen der Tür, fühlen wir die Enge des Räumchens, können wir nachsinnen über „Genie und Wahnsinn“. Und wir registrieren erleichtert, dass sich diese Tür nicht verriegeln lässt.

Hölderlinturm, 1991, Stahl, Handschriftenfaksimiles der Frankfurter Hölderlin-Aushabe, Stremfeld Verlag, Lichtinstallation, Holzstuhl, 280 cm, Ø 100 cm

Nele in ihrem Hölderlinturm

Auch die „Rotationsfigur“ im Kreuzgang unter einem der gewaltigen mittelalterlichen Fresken von Jerg Ratgeb (um 1480 bis 1526) lässt ein Mitwirken des Betrachters zu – wir können sie mit etwas Schwung in eine nur langsam wieder abnehmende Drehbewegung versetzen. Ganz wohl ist uns dabei nicht, allzu sehr erinnert uns die menschliche Figur auf der Marterscheibe an den Kruzifixus.

Rotationsfigur, 2003, Stahl, Edelstahl, Holz, Ø 200 cm

Neles skulpturales, überwiegend figuratives Werk umfasst neben den grossvolumigen Arbeiten eine Vielzahl kleinerer, filigraner, meist auf dünnen Stäbchen balancierender Statuetten, am bekanntesten sind ihre „Europeans“. Die leider schon in den nächsten Tagen endende Parallelausstellung in der Galerie Heike Strelow zeigt eine Reihe dieser fein gearbeiteten Werke.

Im Mittelpunkt ihrer Arbeiten steht der Mensch, sei es dass er in seiner Individualität allein, sei es dass er in Gruppen als ein soziales Wesen erscheint. Vielfach tritt er in ihren Skulpturen aus der geschlossenen Fläche des Materials heraus, entfaltet sich suchend, emanzipierend und erobernd im Raum. Hier erhebt er über seinen Kopf eine zu filigraner Struktur gewachsene Koralle; dort steht er als Jäger in einem kleinen Boot, mit seinem Speer auf bewegten Wassern die Balance haltend. Nele zeigt den Menschen in seiner Entwicklung aus dem Archaischen in die Welt von heute. In ihren Skulpturen interagiert er, auf Grundmuster abstrahiert und reduziert, mit seiner eigenen kulturellen Geschichte und Identität.

Korallentänzer, 1999, Bronze, Stahl, Koralle, 170 cm (Galerie Heike Strelow)

Boat, 1999, Bronze, Stahl, 170 cm (Galerie Heike Strelow)

Europeans (Ausstellungsansicht,Detail, Galerie Heike Strelow)

Human Tower, 2009, Edelstahl, 200 cm (Galerie Heike Strelow)

E. R. Nele – wir wissen um ihren Namen Eva Renée Nele Bode -, 1932 als Tochter des berühmten Kasseler Künstlers, Kurators und Hochschullehrers Arnold Bode geboren, dem Neugründer der Kasseler Kunstakademie nach Ende des zweiten Weltkriegs und Gründer der weltgrössten Schau für Gegenwartskunst documenta, wuchs in der nordhessischen Kunst- und Residenzstadt auf. Sie studierte bei Professor Hans Uhlmann an der damaligen Hochschule für Bildende Künste Berlin, bei Richard Hamilton an der Central School of Arts and Craft in London sowie am Pariser Studio Lacourière. Nele lehrte an den Sommerakademien Salzburg und „Schwäbischer Kunstsommer“ sowie an den Fachbereichen Kunstpädagogik der Universitäten in Frankfurt und Gießen. Nele erhielt zahlreiche Kunstpreise, zuletzt unter anderen den Hessischen Kulturpreis, den Bayerischen Staatspreis und die begehrte Goetheplakette der Stadt Frankfurt am Main. Die grosse Zahl ihrer Ausstellungen und ihrer Arbeiten im öffentlichen Raum wird auch die Künstlerin selbst nicht mehr überblicken können. Interessant und lesenswert ihr Interview mit Karin Wittstock im vom Frankfurter Kulturamt und dem Institut für Stadtgeschichte herausgegebenen Katalog, in dem sie manchen persönlichen Einblick in die Stationen ihres bewegten Künstlerlebens erlaubt. Weltweit bekannt wurde Nele durch ihre Arbeiten als Metallbildhauerin, aber jedermann weiss, dass sie sich auch als Grafikerin, Goldschmiedin, Schmuckkünstlerin und Designerin einen grossen Namen gemacht hat.

Bei Nacht entfaltet sich im vom Kreuzgang umschlossenen Klostergarten ein gaukelndes und irrlichterndes Leben: Die „Prinzessin“ zeigt sich in einem strahlenden Reifrock-Gewand, rotleuchtende Gestalten tanzen unter den Blicken der „Walking Heads“ einen fröhlichen Reigen, ein Paar trägt eine liegende Figur über seinen Köpfen.

Prinzessin, 2009, Edelstahl, 270 cm, Ø 200 cm

Nächtlicher Klostergarten, Ausstellungsansicht, links: Sardegna, 2007, Stahl, Lack, 200 cm, Ø 130 cm

Im Klostergarten: Trag mich, 2008, Stahl, Lack, 165 cm

“E. R. Nele. Yesterday & Tomorrow, Skulpturen und Installationen”, Institut für Stadtgeschichte, Karmeliterkloster, Garten und Kreuzgang, bis 20. Mai 2012

“E. R. Nele, Leben – Eine Hommage”, Galerie Heike Strelow, bis 24. März 2012

(abgebildete Werke © E. R. Nele; Fotos: FeuilletonFrankfurt)

→ Hommage an E. R. Nele: Im Zentrum der Mensch (1)

→ E. R. Nele in der Frankfurter KunstKulturKirche Allerheiligen

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