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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

E. R. Nele in der Frankfurter KunstKulturKirche Allerheiligen

„halt dich warm“

so lautet der Titel E. R. Neles jüngster Ausstellung in Frankfurt am Main: in der KunstKulturKirche Allerheiligen in der Nähe des Frankfurter Zoologischen Gartens.

„Halt dich warm“ – eine Aufforderung, sich zur Ausstellungseröffnung in winterlicher Jahreszeit mit wärmender Kleidung zu versehen? Wohl kaum. Vielleicht der Rat, in Zeiten neoliberalistischer gesellschaftlicher und menschlicher Kälte – auf dem Weg zur Kulturkirche hat man hinreichend Gelegenheit, auch im nachweihnachtlich-illuminierten Strassenbild einige Lagerstätten von Obdachlosen wie auch Billigst-Kaufhäuser zu passieren, in denen Menschen sichtbar an der Armutsgrenze oder diese unterschreitend ein- und ausgehen, – Geist und Seele mit einem stählernen Schutzmantel zu verschliessen, um innerer Wärme gewahr zu werden, falls sie sich denn einstellt?

Im Kirchenraum finden wir unter anderem einige der bekannten Mantelskulpturen aus dem fast benachbart gelegenen Atelier der europa- wie weltweit beachteten Stahlbildhauerin E. R. Nele, über deren diesjährige Jubiläumsausstellungen zum 80. Geburtstag wir berichteten. Die Mäntel, die wir hier antreffen, sind hohl, jedoch innerlich besetzt: von Menschen, die wir zwar nicht sehen, deren Anwesenheit wir aber wohl erahnen, fühlen können. Es sind Mäntel, die nicht wärmen, sondern den Betrachter zunächst erschauern und frieren lassen.

Die Mäntel stehen für Menschen, menschliche Schicksale. Für Lebende, für Tote. Und damit für das Leben wie für den Tod selbst. Sie stehen neben dem Altar. Sie sind zugleich mitten unter uns, sitzen, in gespenstig-stiller Kommunikation vertieft, auf Boulevardstühlchen neben den Kirchenbänken, bedrängen uns gar in unheimlicher Nachbarschaft auf der Bank. Fürchten wir uns nicht vor ihnen, möchten wir nicht fliehen vor einer Annäherung? Oder hätten sie uns, wenn wir uns ihnen in einigem Vertrauen nähern wollten, manches zu erzählen?

Eine Mantelfigur stösst gegen ihr Abbild im mannshohen Spiegel, diesen zerbrechend. Eine andere Figur stürzt sich, mit Ellenbogen und Knien aufschlagend, voller Verzweiflung in ein Rettung verheissendes Boot, doch dieses zerbirst.

Es sind ruhige Bilder, und doch sind deren Botschaften leidenschaftlich ausgreifend und bedrängend. Den Fragen, die sie uns stellen, können wir nicht ausweichen, selbst wenn wir dies wollten.

E. R. Nele, „halt dich warm“, KunstKulturKirche Allerheiligen, bis 6. Januar 2013 (Montag bis Samstag von 10–18 Uhr und sonntags von 14–18 Uhr ausser während der Gottesdienste).

(Abgebildete Werke © E. R. Nele; Fotos: FeuilletonFrankfurt)

 → Hommage an E. R. Nele: Im Zentrum der Mensch (1)

 

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