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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Die Ambivalenz des Fliegens – Kyra Claydon in der Galerie der Frankfurter Heussenstamm-Stiftung

In leuchtenden Farben und grossem Format geht es derzeit in der Galerie der Frankfurter Heussenstamm-Stiftung zu: Die Malerin Kyra Claydon lässt ihre – meist lebensgrossen – Figuren fliegen. „Modan Garu“ – eine wohl aus dem Japanischen stammende Verballhornung von „modern girls“ – betitelt sie ihre Ausstellung, die (nur) noch bis zum 7. März 2008 zu sehen ist. Man sollte sich deshalb beeilen, die Galerie in der Braubachstrasse aufzusuchen.

Kyra Claydon präsentiert dort eine Werkschau, die sich dem Betrachter trotz – oder gerade wegen – ihrer exponentiellen Farbigkeit und Figurativität nicht auf den ersten Blick erschliesst, sondern ihn im Gegenteil auf interpretatorische Irrwege führen kann, vermutlich auch will. Was hat es mit dem Fliegen auf sich?

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La Fee, Öl auf Leinwand, 200 mal 140 cm

„Eine meiner Großtanten war begeisterte Segelfliegerin. Eine junge Pilotin und Künstlerkollegin, Simone Aaberg Kaern, flog 2002 allein und in 50 Stunden von Kopenhagen nach Kabul und schaffte den Weltrekord auf dieser Strecke mit einer kleinen, 1937 in Lock Haven hergestellten Piper Colt: Sie dringt heimlich und auf die Gefahr hin abgeschossen zu werden mit ihrer Maschine in die afghanische Kriegszone ein, und es gelingt ihr auch, den Hindukusch zu überfliegen“, schreibt Kyra Claydon.

Sind es allmächtige Göttinnen, die alles mögliche können, auch schweben? Sie hielten sich ähnlich wie männlich gedachte Gottheiten im Olymp, auch in allen möglichen Himmelsdimensionen auf, erklärt dazu die Malerin. Sind es selbstbewusste Herrscherinnen, oder flügellose Engel, die so elegant und mit federhafter Leichtigkeit vor den weissen Wölkchen eines lichtblauen Himmels dahinschweben, selbstbezogen, unsterblich zwischen den Sphären, fern des Bodens, ohne Schatten zu werfen? Oder sind es moderne Frauen der Jet-Set-Generation, nicht frei von emanzipatorisch-autobiografisch Narrativem? Barbarellas der Lüfte, modern girls eben, „Modan Garu“?

„Die junge Frau jettet mit ihren Aposteln durch die Welt, über Dächer und Städte hinweg … Frösche sind bei mir zwar auch Verwandler, aber keine Prinzen, sondern Apostel oder Assistenten, Kompagnons, kurz Jungs für alles“, erklärt die Künstlerin zu ihrem Bild Jet-Set

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Jet-Set, Öl auf Leinwand, 200 mal 140 cm

Die Bilder sind farbenfroh, man könnte sagen poppig-flippig, voller Figuren und Gegenstände, also Apostel und Assistenten, wie Kyra Claydon sagt, inspiriert von südamerikanischen und indischen Einflüssen. Die Gemälde mögen entfernt an die um die Wende zum 20. Jahrhundert in Paris entdeckte, seit den 50er Jahren in Kroatien auf andere Weise wieder aufblühende Naive Malerei erinnern. Sie zitieren in manchem die Bildkraft von Werbeplakaten, vor allem der Tourismusindustrie, dann wieder meinen wir Märchenhaftes zu entdecken, zum Beispiel den Froschkönig. Und Mangas umgeben und begleiten gerne die fliegenden Reisenden.

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Amica, Petra und Bym, Öl auf Leinwand, 100 mal 70 cm

„Kein Bild aber führt tiefer als bis zu seiner Grundierung. Betrachten und bedenken wir also die Hintergründe … Aber die Hintergründe helfen, keine Geschichte zu finden. Ohne Kontext freilich sind die Bilder nicht. Nur liest er sich so leichtfüßig schwer wie ein Text, in dem der eine Satz auf einem roten Teppich daherkommt und der nächste ihm diesen Teppich mit lachender Ironie wieder wegzieht“, urteilt Hans-Joachim Strauch.

Und Hubert Beck schreibt über die Malerin: „Wie Engel, wenn auch ohne Flügel lässt die Künstlerin ihre Figuren fliegen; sie werfen keine Schatten … Das erste reale ‚Flying Girl‘, unsere erste Pilotin in Deutschland, war Melli Beese. Sie war wie viele andere bereits ein Modan Garu (modern girl), wie die Japaner den Typus der in den zwanziger Jahren aufkommenden neuen Frauenfigur nennen. Das Wesen der Engel ist das Anderssein, sie sind Transmitter, Vermittler (Boten) zwischen den himmlischen und irdischen Sphären. Sie sind unsterblich und Inbegriff geschlechtlicher Ambiguität.“

Überraschend wirkt die fliegende Hexe, ganz anders als die sonnenhungrigen Amicas, Petras umd Byms (handelt es sich bei diesen Namen nicht zugleich um Frauenzeitschriften?) von blasser Hautfarbe vor schwärzlichem Hintergrund, wie sie von Rosen begleitet wird oder jene in ihrem Fluge hinterlässt. Sie, die Hexe, benötige zum Fliegen keinen Besen, das sei sehr wichtig, sagt Kyra Claydon. Den Besen, man spürt es, hat diese Hexe wirklich nicht mehr nötig.

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Fliegende Hexe, Öl auf Maltuch, 140 mal 100 cm

Die 1966 in Frankfurt am Main geborene Kyra Claydon ist eine Malerin, die es in vielem noch zu entdecken gilt. Namhafte Professoren begleiteten ihre künstlerische Ausbildung: Christa Näher und Thomas Bayrle an der Frankfurter Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule – , Christian Boltansky an der École National Supérieure des Beaux Arts in Paris, wo sie sich 1988 im Rahmen eines Stipendiums aufhielt. Nach einem Studienaufenthalt 1990 in New York folgte 1992 der Abschluss an der Städelschule. Weitere mehrjährige diverse Studiengänge schlossen sich an.

Im Jahr 2002 stellte Claydon in Königstein aus, 2004 in Kronberg sowie in der Frankfurter Ausstellungshalle 1A. Es folgten bis heute weitere Präsentationen in Frankfurt, Bad Soden, Königstein und Hofheim.

„Alles andere als malerische Bescheidenheit strahlen die Gemälde Kyra Claydons aus“, schreibt Andreas Greulich. „Da malt eine Künstlerin offensichtlich so, wie sie muss, und das ist gut so … Die Menschen scheinen losgelöst, ganz bei sich selbst zu sein. Zuweilen schauen sie dabei knapp am Betrachter vorbei. Auf irgendein Ziel hin. Und dann beginnt das erzählerische Moment der Gemälde zu wirken. Die Künstlerin entwickelt dabei eine eigene Bildsprache, die es zu erschließen gilt … Was allerdings nicht klar wird ist, welches Weltbild in diesen Bildern eigentlich vermittelt wird. Nach verschiedenen Seiten offen lesbar ist auch das Frauenbild, das uns die Malerin vermittelt. Selbstbewusstsein und Oberflächlichkeit sind die beiden Begriffe, zwischen denen die jungen Frauen in ihrer ‚Selbstdarstellung‘ mäandern … Man weiß nicht genau, ob eine kritische Haltung oder Wohlgefallen an den Motiven die Thematik beherrscht. Es ist kurios und zeichnet diese Arbeiten aus, dass sie auf der malerischen Seite sehr deutlich und kompromisslos, inhaltlich aber nicht leicht zu fassen sind. Für mein Empfinden ist dieser Gegensatz aber wesentlich für diese Arbeiten.“

Galerie der Heussenstamm-Stiftung, Braubachstraße 34, 60311 Frankfurt am Main; www.heussenstamm-stiftung.de; Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 12 bis 18 Uhr, Samstag 12 bis 17 Uhr. Die Ausstellung dauert bis zum 7. März 2008.

(Bildnachweis: Galerie der Heussenstamm-Stiftung; © Kyra Claydon)

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