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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Raffaela Zenoni: „Le quattro stagioni“

Klangfarben – Farbklänge

Von Erhard Metz

Lässt sich Malerei vertonen? Selbstverständlich, Modest Mussorgskis weltbekannter Klavierzyklus „Bilder einer Ausstellung“, dem Gemälde und Zeichnungen des russischen Künstlers Wiktor Hartmann zugrunde liegen, ist ebenso wie die nicht minder berühmte Orchesterbearbeitung des Werkes durch Maurice Ravel das wohl prominenteste Beispiel. Umgekehrt: Läßt sich Musik malen? Die Antwort lautet abermals ja. Paul Klee, Ernst Wilhelm Nay oder Jack­son Pollock schufen Werke nach der Musik. Wassily Kandinsky setzte im Jahr 1911 das „Neujahrs-Kompositionskonzert“ von Arnold Schönberg in seine „Impression III“ um. Außer Betracht bleiben sollen hier zumeist gegenständliche Darstellungen etwa von Musi­kern, Musikinstrumenten oder Konzert­situationen.

Serie „Die vier Jahreszeiten“, 2017/2018, Acryl auf Leinwand, jeweils 140 x 200 cm (Atelieransicht)

„Die Musik und die Malerei haben verwandte Seelen“ sagte einmal der Schauspieler und Maler Armin Müller-Stahl. Und Johann Wolfgang Goethe formulierte in seiner Farbenlehre: „Vergleichen lassen sich Farbe und Ton untereinander auf keine Weise, aber beide lassen sich auf eine höhere Formel beziehen …“ So unterscheiden sich denn auch beide Künste: Das gemalte Bild auf seinem Malgrund ist in seiner räumlichen Existenz und materiellen Beständigkeit stets ein Original. Gespielte Musik hingegen verklingt immateriell und vergänglich in Raum und Zeit, die individuelle, stets erneut interpretierende Wiedergabe einer Komposition durch einen Musiker bildet das wenn auch flüchtige Original (Komponist als „erster“, Interpret als „zweiter“ Künstler). Wobei hier als „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ (Walter Benjamin) selbstverständlich weder abbildende Vervielfältigungen noch Tonträger in Betracht stehen. Doch nicht hiervon möchten wir im näheren handeln, sondern von Raffaela Zenonis malerischen Arbeiten „Le quattro stagioni“.

Antonio Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ (Le quattro stagioni) aus dem Jahre 1725 ist das bekannteste und populärste Werk des venezianischen Violinvirtuosen und Komponisten. Es handelt sich um Programmmusik (im Gegensatz zur absoluten Musik). Die vier jeweils dreisätzigen Violinkonzerte stellen musikalisch-programmatisch Frühling, Sommer, Herbst und Winter vor. Raffaela Zenoni malt nun die genannten Jahreszeiten nicht als gängige Genres, vielmehr läßt sie sich von Vivaldis Musik inspirieren und artikuliert diese Inspiration im Prozeß innerer Verarbeitung in Gestalt von Malerei. Im Verlauf der vier kalendarischen Jahreszeiten entwickelt sich diese Malerei von anfänglich noch abstrahierter Gegenständlichkeit (Frühling und Sommer) zu weitgehender Abstraktion (Herbst und Winter).

Unserer geschätzten Leserschaft schlagen wir vor,
parallel zur Lektüre die Komposition über einen parallelen Tab
bei Youtube (AVROTROS Klassiek) anzuhören
eine Aufzeichnung vom Internationalen Kammermusikfestival Utrecht aus dem Jahr 2014

mit der Amsterdam Sinfonietta und der fantastischen Violinsolistin Janine Jansen
und dabei die malerische Umsetzung der Musik in den Werken Raffaela Zenonis nachzuvollziehen.

 

„Tulpen spielen Frühling“

La Primavera – Der Frühling – leitet mit den drei Sätzen Allegro, Largo und wieder Allegro den musikalischen Jahreskreislauf ein. Vivaldis programmatischem Titel entspricht die künstlerische Empfindung des Frühlings in Gestalt „spielender“ Tulpen. Die ab März bis weit in den Juni hinein erblühenden Blumen – sie gelten in ihrer Schönheit vielen als die „Stars“ unter den floralen Frühlingsboten – sind bereits abstrahiert dargestellt, was die Bildaussage vom Konkreten (Blumenporträt) in ein übergeordnetes Universelles (Frühling) führt.

Zunächst aber fällt die strenge Komposition des Bildes auf mit einer markant aufsteigenden doppelten Diagonale von links unten nach rechts oben, die stilisierten Tulpenblüten in der rechten unteren und linken oberen Bildfläche stabilisieren die Konstruktion und führen zu einer ausbalanciert-harmonischen Bildgestaltung. Deren zum Teil wuchtiger Dynamik stehen in einem reizvollen Kontrast spielerisch-bewegte Momente, erzeugt durch eine lebhafte, äußerst differenzierte Farbgebung, gegenüber.

Bei der Betrachtung des Bildes sind nun neben dem Kopfsatz auch die nachfolgenden zwei Sätze des Frühlingskonzerts einzubeziehen. In ersterem, dem einführenden Allegro, kann man im Anschluß an die Kantilene ein „Vogelgezwitscher“ mehrerer Violinen hören sowie kleine, im aufkeimenden Frühlingsgrün plätschernde Bächlein assoziieren, auch ein – für den Monat April bekanntes und typisches – gewittriges Aufbrausen des Wetters mit Blitzen, Donnern und Graupelschauern, dem wiederum eine heitere Stimmung mit erneutem Vogelgezwitscher folgt. Der mittlere Satz, ein leises Largo, wird der Gattung der Pastorale zuzuordnen sein, also der in der barocken Tradition stehenden Hirten- und Schäfermotivik. Vergleichbares gilt für das abschließende Allegro im Zwölfachtel-Takt, vielfach als „Danza pastorale“ charakterisiert.

Kehren wir zum Werk der Künstlerin „Tulpen spielen Frühling“ zurück: Die starken Kontraste in Form und Farben des Bildes können sehr wohl als ein Widerspiel zu lesen sein zwischen dem Aufstreben der zarte bis kräftige Akzente setzenden elegant-hochstieligen Tulpen und ihrem Schwanken in gewittrigen Windstößen zur rechten Bildhälfte hin. Nahezu betörend erscheint die Palette der Farben in den Blütenkelchen, die den frühlingshaften Wuchs, das bevorstehende Werden und Wachsen der Natur nach erfrischendem Frühjahrsregen erkennen lassen. Im fast tänzerischen Spiel der Blüten selbst sehen wir ein kommunikatives, im Dialog verschränktes Miteinander der in einer Gruppe gesetzten Pflanzen. Können Tulpen „spielen“? Raffaela Zenonis Zauberkünste flüstern dem Betrachter ein „Ja, wieso denn nicht?“ zu. Ebenso kann in „spielenden“ Tulpen ein pastorales Schäfermotiv erkannt werden wie auch die Bedeutung der Tulpen in der „Blumensprache“ Schenkender, in der die schlanken Schönheiten erste frühlingshafte Zuneigung und Liebe symbolisieren.

„Frau Baum im Sommer“

L’Estate – Der Sommer – wird von Vivaldi mit einem Allegro non molto, dem folgenden Adagio und dem abschließenden Presto in Klänge gesetzt. Raffaela Zenoni verbindet den Sommer mit einer allegorischen Gestalt namens „Frau Baum“, einer Art „Urmutter“ des Lebens, auf einen angedeuteten schwärzlich-roten Stamm komponiert sie einen weiblichen Kopf, das Gesicht scheint in einem überhellen Weiß zu erstrahlen, umrahmt von einem feurigen Haarschopf – ein gleißend hochsommerlicher Licht- und Sonnenball in starkem Kontrast zu einem ungegenständlichen, in verschiedenen Rottönen wie ein verlöschendes Kaminfeuer dunkel-erglühenden Umfeld.

Vivaldis schleppend-langsames Allegro vermittelt eine sommerliche, die Natur zum Erliegen bringende flirrende Hitze, unterbrochen von einem unvermittelt aufblitzenden virtuosen Violinspiel. Man kann einen Kuckucksruf und andere Vogelstimmen erahnen, bevor sich ein Sommergewitter anzukünden scheint. Das schleichende Adagio, oft im Pianissimo, könnte wiederum eine Schäferidylle vermitteln, in die erste Stürme des herannahenden Unwetters hereinbrechen, das mit Blitzschlag, Starkregen und Hagelschauern im abschließenden Presto wütet.

Raffaela Zenonis „Sommer“ will, wie bereits vermerkt, keinesfalls unmittelbar Gewitter oder Hagelschauer nachbilden. Vielmehr wächst uns aus dieser Leinwand eine explosiv-dynamische Energie entgegen, wie andererseits eine eigenartige, kaum zu erklärende Schwere auf ihr ruht. Im dunkelroten Hintergrund mit leicht helleren und einigen fast weißen Farbtupfen spiegelt sich im Abglanz der Feuerschein wider, der vom Kopf der „Frau Baum“ ausstrahlt. In der Zuscheibung des „Sommers“ als weiblich und hernach, wie wir sehen werden, derjenigen des Herbstes als männlich scheint uns die Schöpfung, der Urgrund des Lebens in eben jenen beiden sich gegenseitig bedingenden Geschlechtern zu begegnen. So kann man es sehen, muss dies aber nicht, wir erinnern uns an ein Credo der Künstlerin „Wir sehen in einem Werk das, was wir selber zulassen“.

L’Autunno – Der Herbst – beginnt mit einem Allegro-Satz, dem ein Adagio und abschließend erneut ein Allegro folgt. Die Malerin entspricht dem musikalischen Geschehen mit der Allegorie eines Mannes „Herr Baum – Der Herbststurm“, wobei ein Sturm wiederum konnotiert ist mit Begriffen wie Kraft und Stärke, Macht und Gewalt.

Im einleitenden Allegro soll sich ein Trinklied verbergen, das vielfältig variiert wird, die Sologeige vollführt mit zunehmendem Weingenuss aberwitzige Kapriolen – auch dies passte durchaus zur Allegorie eines „Herr Baum“. Am Ende schläft der Zecher ein, im folgenden Adagio wird ihm ein Schlummerlied gesungen. Das Allegro im akzentuierten Dreiachtel-Takt kehrt nun wieder ganz den Mann und Jäger heraus – das Pizzicato der Streicher suggeriert sogar Gewehrschüsse.

Erneut prägt eine Diagonale den Aufbau des mit kraftvollem, dynamischen Farbeinsatz orchestrierten, nunmehr weitgehend abstrakten Gemäldes, sie könnte neben ihrer Bedeutung für die Bildkomposition als ein dunkelgrüner, im Sturm nach rechts gedrückter Baum gelesen werden. Das kompositorisch ausgleichende Gegengewicht bildet ein das obere linke Bildviertel fast zur Gänze einehmendes trommelartiges Gebilde, man könnte an einen roten Leuchtkörper denken, der in die wildbewegte Szenerie strahlt, auch an in der Zeit der Ernte rot gereiftes Obst. Oder es stellen sich Assoziationen ein an das warme Licht rot gefärbten Herbstlaubs in einem durchsonnten „goldenen Oktober“.

„Herr Baum – Der Herbststurm“

L’Inverno – Der Winter – ist das letzte Konzert des musikalischen Zyklus mit den Sätzen Allegro non molto, Largo und Allegro. Raffaela Zenoni gibt ihrem entsprechenden Werk den Titel „Wintergeheimnis“.

Der das Konzert einleitende Allegro non molto-Satz steht für frostige Kälte und eisigen Wind, während das Largo Gefühle winterliche Gemütlichkeit am wärmenden Kamin aufkommen läßt. Eher spielerisch geht es im Schlußsatz zu – ein Eisläufer zieht seine Bahnen, bis ein eisiger Wintersturm allem Treiben ein Ende bereitet.

Unschwer und sinnfällig ist der Leinwand das winterliche Motiv von weißem wie auch fleckigem Schnee und bläulich schimmerndem Eis zu entnehmen. Geheimnisvoll mit scharfer Nase blickt die stark abstrahiert dargestelle Figur in der linken Bildhälfte. Ob sie, dem Eindruck nach in eine befremdlich abweisende Bekleidung verhüllt, in einem Zusammenhang mit dem Eisläufer steht, diesen vielleicht beobachtet, bleibt rätselhaft. In ihrer Geschlossenheit eignet ihr etwas Stummes, Eingefrorenes, Statuarisches. Noch geheimnisvoller vielleicht erscheint das nur schemenhaft erkennbare, wie von einer weißen Löwermähne umrahmte Gesicht im oberen rechten Bildviertel. Schaut da etwa Uller, der nordische Gott des Winters, auf sein Werk herab, die schnee- und eisbedeckte Erde?

„Wintergeheimnis“

Goethes Farbenlehre wurde – wohl als einzigem seiner Werke – vielfach ein gewisser Dilettantismus nachgesagt, auch wurden manche Ergebnisse dieser naturwissenschaftlichen Studie in Zweifel gezogen. Zumindest in der Aussage, Ton und Farbe ließen sich auf eine „höhere Formel“ beziehen, hat der forschende Dichterfürst natürlich recht. Wie sehr, erleben wir im Angesicht der „Quattro Stagioni“ der sensiblen, fantasievollen wie begabten Malerin Raffaela Zenoni. Ihr ist es gelungen, mit ihrem Bilderzyklus jene „höhere Formel“ (wieder)zuentdecken, ja zur Sicht- und Erlebbarkeit zu erheben und ebenso zu einer neuen „Hörbarkeit“ des kompositorischen Meisterwerks von Antonio Vivaldi.

Der Komponist schrieb zu einem jeden der vier programmatisch festgelegten Konzerte ein „Erklärendes Sonett“, sie können in italienischer Sprache mit Übersetzung ins Deutsche unter diesem Link aufgerufen werden. Nicht jeder wird sich allerdings auf diese aus heutiger Sicht fast kleinlich-peinlich anmutenden, zu sehr ins Detail gehenden Erläuterungen einlassen wollen, scheinen sie doch eher geeignet, den Hörer zu bevormunden und ihn im Genuss des einzigartigen musikalischen Werkes zu beeinträchtigen.

Bei allen Bemühungen um eine der Malerei Raffaela Zenonis entsprechende Web-Wiedergabe des Jahreszeiten-Zyklus bleibt festzuhalten, dass sich dessen Qualität, Sinnlichkeit und Wirkmächtigkeit erst im persönlichen Gegenüber mit den einzelnen Werken erschließt. Die motivisch wie malerisch-handwerklich beeindruckend ausgeführten vier Großleinwände (140 x 200 cm) kämen, ihrem Anspruch gemäß, vor allem in einer Folge an einer entsprechend dimensionierten Wandfläche angemessen zur Geltung. So wäre es wünschenswert, dass der Zyklus das Atelier verlassen und einem größeren Kreis eines kunstgesinnten Publikums vorgestellt werden könnte.

Die weltweit gastierende niederländische Violinvirtuosin Janine Jansen, Solistin in der unsere Betrachtungen musikalisch begleitenden Videoaufnahme, genießt das außergewöhnliche Privileg, seit 2016 für die Dauer von zehn Jahren auf der Violine „Rivaz, Baron Gutmann“ von Antonio Stradivari aus dem Jahr 1707 spielen zu können. Das wertvolle Instrument wurde ihr aus dem Bestand der Stiftung Dextra Musica zur Verfügung gestellt.

Abgebildete Werke © Raffaela Zenoni; Fotos: Erhard Metz

→ Raffaela Zenoni: Malerei, Skulptur

s.a.: → Auch zur 53. Biennale Arte 2009: Venedig im Zeichen der Musik

 

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