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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Neue Arbeiten von Meyer Vaisman im Frankfurter Portikus

Vexierspiel mit der Geschichte – Innen und Außen

Petra Kammann

besuchte die Ausstellung mit Meyer Vaismans jüngsten Werken im Portikus

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Portikus Ausstellungshalle, Deckenansicht

Jahrelang hatte man vom Star der New Yorker Kunstszene nichts mehr gehört, der einst die legendäre Galerie „International With Monument“ im East Village mitbegründet hatte, in der so bekannte New Yorker Künstler wie Laurie Simmons ausstellten, die seit den 1970er Jahren ein Œuvre entwickelte, das die sozialkritische Inszenierung von Alltagswelten mit ihren Prototypen zum Thema hat. Von der Kunstkritik wurde der 1960 in Caracas geborene venezolanische Künstler Meyer Vaisman nicht nur hoch gelobt, sondern in einem Atemzug mit Jeff Koons, Ashley Bickerton und Peter Halley genannt. Sie galten als die „Fantastischen Vier“.

In den 1980er Jahren hatte Meyer Vaisman sein eigenes Zimmer in einer Hütte aus roten Ziegelsteinen als venezolanische Slumbaracke nachgebaut: – außen pfui, innen hui - mit dem möglichen Blick auf das aufgeräumte wohlbestallte Kinderzimmer im Innern. Mit diesem „Green outside, red inside“ wollte er auf die sozialen Widersprüche des Landes aufmerksam machen. Für den venezolanischen Pavillon auf der Biennale in Venedig sollte Meyer Vaisman eine ähnliche Installation zeigen, wurde jedoch kurzfristig wieder ausgeladen.

Schwerwiegende psychische Probleme begleiteten ihn in den folgenden Jahren.

Nach der lebensgroßen Darstellung seiner eigenen Psychiaterin, die ein Harlekin-Kostüm in der Hand hielt, das aus Kleidern seiner Eltern geschneidert war, verließ er endgültig New York, um der Kunstwelt zu entfliehen und nach Barcelona zu ziehen. Dort wiederum experimentierte der unstete Künstler mit Drogen, besann sich aber schließlich auf seine rumänisch-ukrainischen und jüdischen Wurzeln und fand schließlich in der Religion, die er bis heute sehr ernst nimmt, einen neuen Halt. Die Religion jedoch legt ihm das Bilderverbot nahe. Aus der Auseinandersetzung damit entstand eine ganz neue Schaffensphase für den Künstler. Er wendete sich von einer figurativen Arbeitsweise ab, hin zu einer neuen abstrakten und konzeptionellen.

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↑ Artist’s Signature ylbmowT yC (Partly – Red), 2015, AGFA UVI Tinte auf Pappelschichtholz, 300 x 180 cm
↓ Artist’s Signature esseH avE (Vertical) und (Horizontal), jeweils 2015, AGFA UVI Tinte auf Pappelschichtholz, 200 x 210 cm

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Meyer Vaismans jüngste Werke sind nun erstmalig in Europa unter dem Titel „In History – In Future – Meyer Vaisman – Meir Ben David – 5774“ im Portikus zu sehen. Sie dokumentieren den neuen Abstand des Künstlers zu sich und seiner Individualität bei gleichzeitiger Reflexion seiner Geschichte. Der neue alte Name Meir Ben David verweist dabei auf den religiösen Namen, während die Zahl 5774 nach dem jüdischen Kalender für das Entstehungsjahr seiner neuen Arbeiten steht.

An den Wänden des Portikus hängen scheinbar abstrakte Bilder verkehrt herum, wie es auf den ersten Blick aussieht, denn die üblichen Keilrahmen wurden auf die Vorderseiten montiert. Signiert sind sie auf den sichtbaren Seiten des Rahmens und nach dem jüdischen Kalender auf den Rückseiten datiert. Verkehrte Welt? Oder handelt es sich dabei um ein Selbstporträt des Künstlers? Die Signatur, die der Künstler ständig wiederholt und bis zur Unkenntlichkeit staucht und verzerrt, spielt dabei eine große Rolle. Die teils farbigen Drucke auf Holz wirken wie unmittelbare Malerei und erinnern in ihrer Ausdruckskraft an Action-Paintings.

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Artist’s Signature in Chaos (Negative), 2015, AGFA UVI Tinte auf Pappelschichtholz, 110 x 100 cm

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Under His Thumb (Negative), 2015, AGFA UVI Tinte auf Pappelschichtholz, 180 x 210 cm; Foto: © Helena Schlichting/Portikus

Auch die großformatigen Strukturen seines Daumenabdrucks können ebenso sehr als Teile eines Selbstporträts gelesen werden wie auch die textbasierten Arbeiten mit dem Umkehrspruch und dem Hinweis auf die Begrenztheit der kurzen Phase des Kunstmachens – Lebens: „ars brevis, vita longa“.

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Ars Brevis, Vita Longa, 2015, AGFA UVI Tinte auf Pappelschichtholz, 200 x 240 cm

Meyer Vaisman gaukelt eine Konstruktion vor, die man für echt halten könnte, dabei hat er die Arbeit von einer Assistentin herstellen lassen. Einzigartigkeit, so die Botschaft dieser Bilder, ist im Zeitalter der Reproduktion nichts weiter als eine Illusion. Historische und überlagerte historische Erfahrungen schmelzen zu einer Art von Palimpsest zusammen.

Die streng angeordneten, fast minimalistischen Arbeiten Meyer Vaismans wirken dabei farblich frisch und gleichzeitig in der strengen Architektur des Portikus hoch konzentriert. Zugleich wird der Blick des Besuchers nach innen wie nach außen gelenkt und treibt mit ihm ein Vexierspiel. Die Augen nehmen – bedingt durch den Ausschnitt des Fensterrahmens, so, als hätte der Portikus-Architekt Mäckler ihn bewusst dafür entworfen – den Main und die Natur wahr. Das gesamte Environment lässt den Betrachter im Gewimmel der Stadt neuen Atem schöpfen.

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Ausstellungsansicht; in der Mitte auf dem Boden: Untitled Flower (Magenta), 2015, AGFA UVI Tinte auf Pappelschichtholz, 5 Teile jedes 75 x 102 cm, 1 Teil 40 x 40 cm

Die Ausstellung von Meyer Vaisman wird bis zum 19. April 2015 im Portikus gezeigt, der Eintritt ist frei

Fotos (soweit nicht anders bezeichnet): FeuilletonFrankfurt und Petra Kammann

Frühere Ausstellungen im Portikus:

→Mike Bouchet & Paul McCarthy im Portikus: “Powered A-Hole Spanish Donkey Sport Dick Drink Donkey Dong Dongs Sunscreen Model”
Lutz Bacher im Portikus
Matthew Brannon im Frankfurter Portikus
Mit Att Poomtangon auf Fischfang im Frankfurter Portikus
Drunter und drüber, drüber und drunter im Frankfurter Portikus
“Light Lab” von Olafur Eliasson bleibt im Frankfurter Portikus
Haegue Yangs Installation “Siblings and Twins” im Frankfurter Portikus
Cocktail Party im Regenponcho – Paola Pivi im Frankfurter Portikus
“Mengeles Schädel – Der Aufstieg der forensischen Ästhetik”
Nicht nur auf den Hund gekommen: Sergej Jensen und seine “Dog Show Painting Show”
Absolventenausstellung 2009 der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule

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