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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Aris Kalaizis im Dommuseum: „Das Martyrium des Hl. Bartholomäus oder das doppelte Martyrium“

Dem scheidenden Direktor des Dommuseums im Frankfurter Kaiserdom St. Bartholomäus, Professor August Heuser, verdankt die Stadtgesellschaft eine Vielzahl herausragender Präsentationen zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler. Ihren Platz haben diese Wechselausstellungen im „Quadrum“, einem überdachten quadratischen Raum im an der Nordseite des Doms gelegenen Kreuzgang. Vertraute Sehgewohnheiten aufzubrechen, die Besucher mit überraschenden und ungewohnten theologisch-künstlerischen Perspektivwechseln zu konfrontieren – dazu fühlte sich der Theologe, Pädagoge und Kunsthistoriker berufen.

Zum Abschied in den Ruhestand fordert Heuser jetzt das Publikum zu einer Auseinandersetzung mit einem grossformatigen Leinwandbild der besonderen Art heraus: „Das Martyrium des Hl. Bartholomäus oder das doppelte Martyrium“ heisst die 2,50 x 2,85 Meter messende Arbeit des Leipziger Künstlers Aris Kalaizis. Der Maler ist in Frankfurt am Main kein Unbekannter: Erst im vergangenen Jahr faszinierte wie irritierte er die Besucher des Quadrums mit seinem ebenfalls grossformatigen, damals keineswegs unumstrittenen Gemälde „make/believe“, das den emeritierten Papst Benedikt XVI. in einem überraschenden Spannungsverhältnis zu Würdenträgern der Kurie, präsentierenden Soldaten der Schweizer Garde und einem mit Engelsflügeln versehenen Mann in zeitgenössischem Strassenanzug darstellt, welcher die in den Raum greifende, imperial anmutende Geste des Papstes abzuwehren scheint.

„Das Martyrium des Hl. Bartholomäus oder das doppelte Martyrium“ nun ist – so werden es viele Betrachter empfinden – ein „furchtbares, entsetzliches Bild“. Doch nicht das Bild als künstlerisches Werk ist „furchtbar oder entsetzlich“, sondern das dargestellte Geschehen – ein Interview des Künstlers am Ende dieser Ausführungen verdeutlicht diesen Unterschied.

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Bartholomäus, einer der zwölf Apostel, Namenspatron des Frankfurter Kaiserdoms – dort erinnern vor allem eine Reliquie und der Bartholomäusfries aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts an den Heiligen -, verkündigte, wie es die Überlieferung vermittelt, das Evangelium im Gebiet des heutigen Iran, vielleicht auch in Albanien, Armenien, Indien oder Ägypten, wobei er auch den Text des Matthäus-Evangeliums hinterbracht haben soll. Er erlitt den Märtyrertod, indem er der Legende nach bei lebendigem Leib gehäutet und mit dem Kopf nach unten gekreuzigt wurde (seine Attribute sind entsprechend das Messer, das Buch oder die abgezogene Haut). Historisch gesichert ist die Art, wie er zu Tode kam, nicht.

Es ist eine entsetzliche Szene, die das Gemälde darstellt. Zwei Folterknechte, mittig und rechts im Bild, Männer aus heutiger Zeit, mit freiem Oberkörper, die Arbeitshosen von Hosenträgern gehalten, verrichten mit handwerklich-professionell anmutenden Handgriffen ihr „Werk“: den Körper des mit den Füssen an eine Leiter gefesselten Heiligen über einen Seilzug, dessen Mechanik ausserhalb des Bildes himmelwärts liegt, kopfunter aufzurichten. Der dritte Schächer, links im Bild, gekleidet wie die beiden anderen, den Blick lustvoll auf den zu Marternden gerichtet, zückt sprungbereit das Messer, dessen Klinge bereits von ersten, die Haut an der Lende abhebenden Schnitten blutverschmiert ist. Es ist die kühle Sachlichkeit der ersten beiden Henkersknechte, gepaart mit der puren, sadistischen Lust des dritten am Foltern und quälenden Töten, die erschüttert. Es ist ein Bild unmittelbar aus Vergangenheit wie Gegenwart dieser rund um den Globus und in allen Zeitaltern von Sadismus und Mordlust des Menschen heimgesuchten Welt, das dessen schwärzeste, abgründigste Seite zeigt. Die Unmenschlichkeit. Es ist die Negation aller menschlichen Würde, die Negation all dessen, was man zivilisatorischen Fortschritt nennen könnte, und vor allem die Negation des Evangeliums, der „Frohen Botschaft“. Und es geschieht vergleichbar auf diesem Globus Tag um Tag, wie uns die Nachrichten lehren.

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Das Geschehen im Bild vollzieht sich an einem grün bewachsenen Meeresstrand. In der Bildmitte versinkt die Ruine eines Kirchengebäudes im Wasser, sie ist der Ruine einer Kirche in Wachau nahe Leipzig nachempfunden, die im Zweiten Weltkrieg durch Bomben und nachfolgend durch Wind und Wetter zerstört wurde. An einem kreisrunden Feuer verbrennen Bücher in blauem Einband – Symbol für das von Bartholomäus seinerzeit mitgeführte Matthäusevangelium. Unweit des Ausstellungsortes, auf dem nahen Römerberg, verbrannten am 10. Mai 1933 nationalsozialistische Dozenten und Studenten unter Mitwirkung eines evangelischen Hochschulpfarrers einen riesigen Berg von aus der Universität herangekarrten Büchern.

Der Himmel ist mit schwarz-blauen Wolken verhangen, eine verdunkelte Sonne wirft einen blassen Strahlenkranz auf das Wasser. Am Horizont der feurige Ausbruch eines Vulkans.

Es ist das Scheitern, sagt Christopher Paul Campbell in seiner Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung. „Wir müssen uns klar sein, dass hier ein Missionar – ein Glaubender – gezeigt ist, der am Nullpunkt seiner Mission ist, der gerade krachend und blutig total scheitert.“ Und weiter: „Aris Kalaizis hat keine Lust, der Kirche mit einem weiteren Bildnis ihrer herrlichen Märtyrer zu schmeicheln, von denen im Dom ohnehin viele weitere Darstellungen vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert zu sehen sind. In den Malereien von Aris Kalaizis finden wir keine erlöste Welt. Ganz im Gegenteil: Alles steht auf der Kippe … Überall aber auch Zeichen der Hoffnung“.

Hoffnung? Was lesen wir dazu aus Kalaizis‘ Werk?

Da ist der Vierte im Bild: Er steht, mit einem Lendenschurz bekleidet und dem grauenvollen Tun den Rücken kehrend, im Wasser, in den erhobenen Händen hält er der Kirchenruine eines der bereits brennenden blauen (Evangeliums)-Bücher entgegen. Ein Triumph über die Niederlage, über das Ende der „Frohen Botschaft“? Oder Revolte gegen das satanische Treiben hinter ihm, ein Zeichen gar der Hoffnung, dass das Brennende siegt?

Der rote Horizont über dem Meer: versinkendes Licht des letzten Tages (der Menschheit) oder Ankündigung des bevorstehenden, den neuen Tag einleitenden Sonnenaufgangs?

Die Kirchenruine: Versinkt sie in den Fluten oder beginnt sie sich aus ihnen zu erheben? Immerhin: es finden wieder Ereignisse in der insoweit gesicherten Wachauer Ruine statt: Trauungen und Taufen, Führungen und kulturelle Veranstaltungen.

Der Künstler stellt mögliche Antworten zur Disposition des Betrachters.

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Christopher Paul Campbell und Aris Kalaizis

„Unsicherheit. Bitternis. Hoffnung, zu der man sich durchringen muss, trotz der Klinge am Fleisch. Bejahung am absoluten Nullpunkt und scheitern und leiden mit dem Gott, der dich liebt … Eigentlich ist diese Vision pervers. Dem Martyrium den gesicherten Boden der Tradition zu entziehen und ihm einen doppelten Boden zu verpassen. Eine perverse unglaublich bittere Vision der Hoffnung. Und darin die eminente Grösse“ sagt Christopher Paul Campbell. Und weiter: „Was auf der Kippe steht, was am seidenen Faden hängt, ist die Ankunft der Botschaft – was auf der Kippe steht ist die Möglichkeit, sich zu ihr durchringen zu können. Ist Hoffnung gerechtfertigt? Vielleicht. Vielleicht nicht.“

„Kalaizis spannt in seinem Gemälde einen weiten geschichtsphilosophischen Bogen“, schreibt Professor August Heuser, „belässt die Bartholomäus-Legende nicht alleine in der Vergangenheit, sondern überführt sie in die Gegenwart, gar in das Zukünftige. In einer düster gezeichneten Zukunft liegen die Evangelien auf dem Boden unserer Kultur, in seinem Entwurf sind die Kirchen keine prunkvollen Gebäude mehr, selbst die Wege zu ihnen scheinen verwaist. Und dennoch rinnt aus den Fugen des Kircheninneren neues Leben. Überhaupt: Handelt es sich um einen anbrechenden oder untergehenden Tag? Kündigt dieses vielschichtige Gemälde nicht auch von der Sorge des Menschen vor einer Welt ohne Transzendenz und Jenseitserfahrung?“

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August Heuser mit einem kleinen Besucher vor dem Gemälde

Aris Kalaizis wurde 1966 in Leipzig als Kind griechischer Eltern geboren, die ihrerseits nach dem Ende des griechischen Bürgerkriegs (1946 – 1949) als Kinder, von ihren Eltern getrennt, in die damalige Sowjetische Besatzungszone Deutschlands verbracht worden waren. Er absolvierte zunächst eine Lehre als Offsetdrucker, als ihm sein Vater eine selbst gebastelte Staffelei schenkte. Nach dem Fall der Mauer begann er das Studium an der renommierten Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, das er mit dem Diplom und als Meisterschüler von Professor Arno Rink abschloss. Kalaizis erhielt mehrere Preise und Stipendien und nahm 2010 an der Architektur-Biennale in Venedig und 2011 an der Guangzhou-Triennale (Guangdong Art Museum) teil. Der Künstler, der der Neuen Leipziger Schule zugerechnet wird und für dessen Werk die US-amerikanische Kunsthistorikerin Carol Strickland den Begriff des „Sottorealismus“ prägte, lebt und arbeitet in Leipzig.

Kalaizis plant seine Bilder sorgfältig, entwickelt sie an Modellen im Atelier und in der freien Natur. Die Arbeit an dem monumentalen Gemälde „Das Martyrium des Hl. Bartholomäus oder das doppelte Martyrium“ begann der Künstler, der jährlich nur einige wenige Bilder fertigt, im Sommer 2014. Ende Januar 2015 vollendete er das Werk. Es wird diskutiert, das Gemälde künftig im Frankfurter Dom zu belassen.

Interview mit dem Künstler

Wie kamen Sie zu der Idee, sich der Bartholomäus-Legende malerisch anzunähern?

Recht früh, im Zuge meiner Ausstellung im Dommuseum 2014. Professor August Heuser machte mit mir einen Rundgang durch das Innere des Kirchenschiffes. Anschliessend tranken wir einen Kaffee und er stellte mir eher halbernst die Frage, ob ich mir vorstellen  könne, mich an den Bartholomäus heranzuwagen. Ich antwortete ihm, dass ich kein Fremdenführer sei und niemals die Orte des Vergangenen unreflektiert zu begehen gedenke. Ich sagte ihm aber auch, wenn ich aber das Gefühl habe, den Bartholomäus-Stoff in unsere Zeit zu transformieren, so dass ich, meine Zeit und die Kirche in ihrer Zeit darin vorkommen, könne ich mir schon vorstellen, die Bartholomäus-Legende sozusagen nach vorne zu erzählen. Schauen wir mal, was über die Präsentation meines Bildes im Dommuseum geschieht, schauen wir einmal, was der Stadtdekan Frankfurts zu diesem Bild sagt, denn schliesslich besteht die Option, dass es darüber hinaus im eigentlichen Kirchenschiff verweilen kann. Ich bin sehr gespannt, wie die Frankfurter auf dieses Gemälde reagieren werden.

Kannten Sie die Bartholomäus-Legende?

Als  Freund Stefan Lochners sowie als ein noch grösserer Freund des spanischen Barockes war mir die Bartholomäus-Gestalt sehr wohl bekannt. Bis zum heutigen Tage sehr nahe sind von jeher die gewaltigen Darstellungen Jusepe de Riberas. Als ich mich dann entschloss, das Bild zu malen, hatte ich aber zwei Probleme zu überwinden: Den alten Zauber, den du so nicht noch einmal aufzuführen brauchst, und die Schwierigkeit im Umgang mit Figuren der Zeitgeschichte. Ein schwieriges Feld, weil man zum einen sehr schnell glorifizierend, zum anderen verklärend werden kann. Beides wollte ich nicht. Wie in meinem Papstbild „make/believe“ hat mich ein dritter Weg interessiert, ein Weg für diejenigen, die ohne vorschnelle Ablehnung und Befürwortung andere Möglichkeitspfade suchen. Es gab aber noch ein wichtiges Moment, das Bartholomäus-Gemälde anzugehen: Der Geschichtslosigkeit unserer Zeit malend zu entgegnen. Auch dafür schien mir der Bartholomäus gut geeignet.

Gibt es im Inneren des Frankfurter Doms Darstellungen, die Sie angeregt haben, wie etwa das Gemälde von Onghers?

Nein, der Onghers hat mich nicht im Geringsten interessiert. Über die Schändungs- und Todesarten gibt es in Bezug zum Hl. Bartholomäus  die wildesten Erzählformen. Ich habe mich des Themas unter der Prämisse angenommen, ein letztlich formal zwingendes Bild zu erschaffen. Ohne diese Voraussetzung können Sie als Maler gleich im Bett liegen bleiben. Ob dabei der überlieferte Stoff hilfreich oder weniger hilfreich und überhaupt als historisch zu bezeichnen ist, war für mich stets von sekundärer Natur. Viel wichtiger war von Anbeginn, dass man das Bartholomäus-Martyrium  so überzeugend malen muss, als hätte es sich so und nicht anders ereignen können.

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Aris Kalaizis im Dommuseum

Lässt sich mit Ihrem Bartholomäus-Gemälde ein innerer Bezug zu Ihrer eigenen Lebensgeschichte herstellen?

Selbstverständlich, denn meine Lebensgeschichte ist doch eng mit meiner eigenen Bildergeschichte verwoben. Ich verknüpfe immer sehr viel mit meinen Bildern. Anders ausgedrückt: Ich lebe meine Bilder. Es gibt in meinem Atelier nicht drei, vier oder sonst wie viele Bilder. Es gibt immer nur eine einzige Leinwand und diese befindet sich auf der Staffelei. Damit ist eigentlich schon ausgedrückt, dass ich einen intensiven, beinahe kontemplativen Bezug zu meinem Wunschbild entwickeln muss, um überhaupt auf meiner Höhe arbeiten zu können. Das schlägt sich auch in meinem Leben nieder. Ich habe nicht viel davon, da und dort mit diesem oder jenen zu sprechen. Ich habe aber sehr viel davon, wenn sich in der Vertrautheit des Einzelgespräches so etwas wie Offenbarung niederschlägt, aus der ich viel Kraft für meinen Alltag beziehe – ganz im Sinne Senecas: „… Wer überall sein möchte, ist nirgendwo“.

Aris Kalaizis, „Das Martyrium des Hl. Bartholomäus oder das doppelte Martyrium“, Dommuseum Frankfurt am Main, bis 15. März 2015

Abgebildetes Werk © VG Bild-Kunst, Bonn, Fotos: Aris Kalaizis und FeuilletonFrankfurt

Ausstellungen im Quadrum des Dommuseums:

→ Nicole Ahland, Samuel
→ Marielies Hess-Kunstpreis 2013 an Bea Emsbach

 

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