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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Valentina Stanojev: Animierte Scherenschnitte im 1822-Forum

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Plakat zur Ausstellung

Ins Varieté wollten wir eigentlich nicht, sondern ins Kunstforum; und überhaupt, was soll das, Scherenschnitte? Wir leben doch nicht mehr im 19. Jahrhundert, wo solches einmal „modern“ war!

Nun steht „Contemplation“ auf dem Plakat, und weiter lesen wir, dass uns wohl unheimliche, seltsame, exotische, quälende Erzählungen erwarten

. Und greift da nach dem so voll unendlicher Melancholie dreinschauenden Clown – es ist die Künstlerin selbst – nicht ein schwarzknochiges Skelett?

Also begeben wir uns hinein in Max Pauers Zauberkabinett, ins 1822-Forum. Im Blick zurück auf die Tür, die wir soeben geschlossen hatten, gewahren wir, wie auch am Fenster zur Strasse, grossformatige schwarze Scherenschnitte. Vegetatives, Urwaldliches scheinen sie zu verkörpern, auch Bedrohliches, wir denken sofort an die Venusfliegenfalle, jene aus Sicht der Insekten und Kerbtiere berüchtigte wie gefürchtete Pflanze.

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Den Galerieraum teilen weisse, transparente, von der Decke herabhängende Vorhänge, auf dem Boden verschiedene Leuchtkästen, ihr gelbliches Licht verdanken sie jeweils einer einzigen Warmton-Glühbirne, die Motive – wir sehen Assoziationen an den Heiligen Sebastian, den Pfeil des numidischen Bogenschützens im Bauch, ein Bild eines unbekannten Meisters aus dem Kreis von Perugino, oder an Hokusais legendäre Grosse Welle vor Kanagawa – verweisen bereits auf die uns erwartenden Projektionen der ganz besonderen Art.

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Sind es Szenen aus Märchen, die da als Schwarz-Weiss-Projektionen vor unseren Augen herruckeln? Der Besucher tut gut daran, ein wenig auf der Fensterbank zu verweilen und sich den jeweils kurzen, wenngleich alles andere als kurzweiligen Katalog-Texten von Frank Hatami-Fardi und Professor Jean-Christophe Ammann zuzuwenden. So wird er erfahren, dass die filmischen Scherenschnitt-Stories inspiriert sind von Donatien Alphonse François Marquis de Sades stets Zensur-verfolgten Skandal-Romanen „Justine ou les Malheurs de la vertu“ und „Histoire de Juliette, ou les Prospérités du Vice“ aus den Jahren 1787 und 1796. Juliette, die Hure, und Justine, die Heilige – bei de Sade zwei unheilvolle Schwestern; „Heilige und Hure“ – eine von Männerfantasien auch heute noch gespeiste Projektion als „Idealbild“ einer Frau? Die Künstlerin scheint in ihrer filmischen Scherenschnitt-Protagonistin beide zu vereinigen und den pfeilgespickten Heiligen Sebastian gleich mit dazu. Und so schreibt Hatami-Fardi: „Valentina Stanojev spielt sowohl mit unseren Erwartungen als auch mit den von ihr selbst geschaffenen Gegebenheiten. Und sie bricht sie. Jedoch tritt sie hierbei nicht als allwissende Autorin auf, sondern scheint die Geschichten mit uns zu durchleben. Kein Wunder also, dass sie selbst auch stets Protagonistin ihrer Filme ist. So schweift sie mit uns gemeinsam durch, im wahrsten Sinne des Wortes, traumhafte Bildwelten, die immer überraschende Assoziationsfelder eröffnen“.

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Und so fährt die Protagonistin-Künstlerin mit ihrem geliebten Hündchen auf dem von Gevatter Tod durch die vollmondbeschienene Nacht gelenkten Leichenwagen über Hokusais Meereswogen.

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Und Gevatter Tod, das Hündchen in seinen Armen, führt die Protagonistin zum Baum mit der grässlichen Spinne, die sich jedoch in eine Juliette-Julienne-Frau, einen gemarterten Heiligen-Sebastian-Jüngling und alsbald in einen wollüstigen bepelzten Kobold verwandelt.

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Valentina Stanojev, 1970 in Köln geboren, studierte von 1994 bis 2000 an der Frankfurter Städelschule bei den Professoren Jörg Immendorff und Peter Angermann. Von „Hause aus“ Malerin, beschäftigt sie sich derzeit mit Schere, Skalpell und schwarzem Karton. Eine Puzzle- und Geduldsarbeit: aus 500 Scherenschnitten entsteht eine Minute Film. Die Künstlerin, deren Ausstellung im 1822-Forum man keinesfalls versäumen sollte, lebt und arbeitet in Frankfurt am Main und Offenbach.

Scherenschnitt-Installation von Valentina Stanojev, 1822-Forum, nur noch bis Samstag, 20. September 2014 (14 bis 18 Uhr, am Samstag 13 bis 16 Uhr)

Fotos Installationsansichten: FeuilletonFrankfurt

 

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