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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Manfred Stumpf in der Galerie Martina Detterer

Geht das Kamel durchs Nadelöhr?

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Manfred Stumpf: Modell einer Skulptur vor dem Gebäude der Europäischen Zentralbank; Foto: der Künstler

„Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“ Fast wortgleich stimmen die drei synoptischen Evangelisten Markus, Lukas und Matthäus in der Wiedergabe einer der markantesten Aussagen Jesu überein, hier zitieren wir Markus.*

Nun – Kamel und Nadelöhr als Skulptur des renommierten Künstlers und Kunstprofessors Manfred Stumpf vor dem Neubau der Europäischen Zentralbank, der EZB, dem zentralen Geldtempel Europas? Das stiesse manchen Finanzern und Bankern, wenn sie denn insoweit „bibelfest“ wären, wohl säuerlich auf – dem künstlerischen Genius entlockte es ein Schmunzeln. Und so wird wohl nicht mit Sicherheit darauf gerechnet werden können, dass  diese geniale Idee in eine Auftragsarbeit der Bank mündet. Nun hat Manfred Stumpf vorgebaut: Um ein solches Werk dennoch finanzieren und realisieren zu können, gibt er – nicht ganz ohne Augenzwinkern und in Gestalt zweifarbiger Siebdrucke – „Entry into E.C.B. – Wertpapiere“ aus, jeweils zum Nennwert von 1000 Euro mit Ausgabekurs (will sagen Galeriepreis) 400 Euro – ein Schnäppchen, höchst „sophisticated“! Zumal es sich um sehr fein ausgeführte Arbeiten mit Sammlerwert handelt.

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Der Künstler mit seinem Kamel …
… und neben seinem „Nadelöhr“ in Gestalt eines Bodyscanners

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Kamel und Bodyscanner, 2014, Gips, Styrodur, Spanplatte, ca. 120 x 300 x 110 cm und 255 x 115 x 105 cm; Fotos FeuilletonFrankfurt

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„Entry into E.C.B.-Wertpapiere“, 2014, zweifarbiger Siebdruck, je 70 x 50 cm, Auflage 100; Foto Galerie

Nun kann man über Grösse wie Kleinheit von Kamel und Nadelöhr trefflich diskutieren – das in der Galerie präsentierte Tier müsste erst um einiges abnehmen, bevor es durch das neben ihm aufgebaute Bodyscanner-Nadelöhr schlüpfen könnte -, das auf der Musterkarte zu eher Mäuschenformat geschrumpfte Kamel hingegen passte zweifellos durch das Öhr der Riesennadel. Was im Umkehrschluss betrachtet das Jesuszitat in Frage stellen könnte: Wenn das Kamel durchs Nadelöhr ginge, kämen Reiche auch ohne weiteres in das Reich Gottes?

Über die zwei monumentalen Arbeiten hinaus begegnen wir in der Galerie vor allem den bekannt feinen Bleistift- und Rapidograph-Arbeiten sowie einer Plexiglas-Skulptur, auf der Basis des Grundmotivs („Ikone“) des Künstlers, dem Einzug Jesu in Jerusalem, dem jährlich am „Palmsonntag“ gedacht wird.

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↑  Ohne Titel, 2013, Rapidograph auf Papier, 29,7 x 21 cm; Foto Galerie
↓  Grüner Einzug, 2013/2014, Plexiglas, ca. 183 x 120 cm; Foto FeuilletonFrankfurt

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Seit Jahren ein Grundmotiv: Ein bärtiger „Heiliger“, mit Nimbus versehen, reitet im sogenannten Damensitz, also beide Beine auf einer Seite, auf einem vorantrabenden Esel. Hier fällt auf, dass der Reiter auf dem Rücken des Tieres sein linkes Bein unter das rechte  einschlägt, während das rechte Bein über dem Unterschenkel des linken herabhängt – es ergibt sich ein sozusagen halber Schneidersitz. Zum rechten Bildrand hin erhebt sich eine stilisierte Palme, die in ihrer Spitze Wedel bzw. Palmblätter trägt. In seiner linken Hand hält der Reiter einen Palmwedel, dessen Spitze er mit seiner rechten hoch zum Gesicht führt. Ein ungleichmässiges Rechteck bringt die Zeichnung in eine ausbalancierte Harmonie, im Falle der Plexiglasskulptur ingriert es sich in den Palmenstamm. Es könnte sich wiederum als ein abstrahiertes „Nadelöhr“, einen Bodyscanner deuten lassen.

Der Jesus-Reiter erinnert an die trügerische Spannweite menschlicher irdischer Existenz. Er kann, abseits des christlichen Glaubens, für anfänglichen Triumph und späteres Scheitern stehen. Dem Lobpreis des „Hosanna in der Höhe“ folgt nur allzubald das „Kreuzige ihn“. Seit biblischen Zeiten hat sich daran bis auf den heutigen Tag wenig geändert.

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Ohne Titel, 2005, Bleistift auf Papier, 29,7 x 21 cm; Foto Galerie

Die Elemente des Grundmotivs (Ikone) „Einzug in Jerusalem“ vereinzelt der Künstler zu eigenständigen Werken und entwickelt sie darin weiter. Der Esel: ein Sinnbild für Bescheidenheit, Genügsamkeit und Gewaltlosigkeit, die Palme hingegen steht für Heiligkeit, Sieg und Leben. Auch das Grundmotiv des Reiters greift Stumpf in immer neuen Variationen auf: hier zum Beispiel in der Apfelschuss-Sage, die in mehreren europäischen Überlieferungen wurzelt und in Friedrich Schillers Drama „Wilhelm Tell“ ihren bekannten Höhepunkt findet. Der Mensch ist, von Adams Zeiten an und wie einst Jesus vor Pontius Pilatus, an die Geissel- oder Martersäule gefesselt, der Apfelschuss mit der geringen Chance, dass es gut ausgeht, sein schicksalhaftes Ausgeliefertsein.

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↑  Adam Sebastian Tell, 1987, Rapidograph auf Papier, Plexiglas-Passeprtout, 72 x 40 cm (aus der Bordfensterserie); Foto Galerie
↓  Ohne Titel, 1989, Rapidograph auf Papier, 29,7 x 21 cm; Foto Galerie

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Eine weitere Version ist der Mensch als den Weltraum ergründen wollender Kosmonaut: Der Nimbus des Heiligen gerät zum Raumfahrerhelm. Im Zuge der „Bordfensterserie“ wird die Zeichnung von einem Passepartout aus Plexiglas eingerahmt; der Blick verengt sich auf die Aussicht aus kleinen Flugzeugfenstern.

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Der heilige Kosmonaut, 1983, Feder auf Papier, Plexiglas-Passepartout, 72 x 40 cm (aus der Bordfensterserie); Foto Galerie

Abschliessend eine Installation mit dem Titel „Kapillar“. Die Kapillaren als allerkleinste Blutgefässe bewirken den zum Leben von Mensch und Tier notwendigen Stoffaustausch zwischen dem Blut und dem Gewebe. Und wieder begegnen wir den stilisierten Palmwedeln, zwölffach und sternförmig um die Objektmitte herum drapiert. Die „Zwölf“: eine von Symbolik aufgeladene Zahl. Wir denken – hier seien nur einige Beispiele genannt – an die Zwölferrunde der Götter in der griechischen Mythologie, die zwölf Stämme Israels, an das römische Zwölftafelgesetz, an die zwölf Jünger Jesu.

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Kapillar, 2014, Kupfer, Kork, Rose, Collage, Masse variabel; Totale und Detailansicht; Foto FeuilletonFrankfurt

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Manfred Stumpf, 1957 im hessischen Alsfeld geboren, studierte an der Städelschule bei Professor Thomas Bayrle, an der Cooper Union in New York sowie bei Bazon Brock an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien. Seit 1995 ist er Professor für Aktzeichnen und Konzeptionelles Zeichnen im Fachbereich Visuelle Kommunikation an der Hochschule für Gestaltung HfG Offenbach. In Frankfurt am Main ist er unter anderem durch die künstlerische Ausgestaltung der U-Bahn-Station Habsburgerallee bekannt.

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* Wir lassen hier die textkritische Bibelforschung einmal aussen vor. Die Gelehrten streiten über mögliche Schreib- oder Übersetzungsfehler: von κάμιλος (kamilos) =  Schiffstau, Seil zu dem aufgrund des Itazismus (Aussprache des Griechischen) gleichlautenden Begriff κάμηλος (kámêlos) = Kamel, Karawane. Nun – gehuppt wie gedupt – durchs Nadelöhr gingen weder das eine noch das andere. Eine Interpretation des Jesus-Wortes geht übrigens dahin, das „Nadelöhr“ sei im biblischen Jerusalem eine schmale Gasse hin auf ein enges Tor gewesen, das ein Kamel – das damalige Tansportmittel – nur kniend und mit wenig Ladung auf dem Rücken hätte passieren können. Auch eine hübsche Anspielung auf die EZB.

„Manfred Stumpf“, Galerie Martina Detterer, bis 5. Juli 2014

Abgebildete Werke © Manfred Stumpf

 

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