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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Starke Stücke im Schauspiel Frankfurt (5)

Spielzeit 2012 /2013

Von Renate Feyerbacher

Kleiner Mann – was nun?
Der Meister und Margarita
Wir lieben und wissen nichts
Bouncing in Bavaria
Swing again

Nicht nur am Schauspiel Frankfurt, sondern auch an anderen Bühnen ist es seit einiger Zeit Usus geworden, Romane in Stücke zu pressen und auf die Bühne zu bringen. Mal gelingt die Aneignung, mal nicht.

„Kleiner Mann – was nun?“

KLEINER MANN, WAS NUN?
Regie Michael Thalheimer; Henrike Johanna Jörissen (Emma Mörschel, genannt Lämmchen), Nico Holonics (Johannes Pinneberg); Bildnachweis Schauspiel Frankfurt, Foto © Birgit Hupfeld

Absolut, geradezu eindringlich gelungen, ist das bei dem Roman „Kleiner Mann – was nun?“ von Hans Fallada (1893 bis 1947), Pseudonym für Rudolf W. F. Ditzen.

Das Buch erschien 1932 bei Rowohlt. Nach dem Vorabdruck in der Vossischen Zeitung folgten 50 weitere Tageszeitungen mit dem Abdruck, mehr als 750 Rezensionen, eine Hörspielfassung, kurz darauf viele Übersetzungen und zwei Verfilmungen in Deutschland und den USA.

Zwei Jahre später hatte Fallada wieder einen Welterfolg geschrieben „Wer einmal aus dem Blechnapf frass“ und nach dem Krieg „Jeder stirbt für sich allein“.

Autobiografische Züge sind in Falladas Romanen immer eingeflossen.

Selbst das Pseudonym, das sich der Autor zugelegt hatte, scheint auf sein Leben zugeschnitten zu sein. Er wählte den Hans aus dem Grimmschen Märchen „Hans im Glück“ und das Pferd Falada aus der „Gänsemagd“.

Der Autor kam aus gutem Hause. Der Vater, zunächst Landrichter, dann an den Kammergerichten Berlin und Leipzig aktiv, wollte für den Sohn die Juristenlaufbahn, die dieser ablehnte. Der Vater verachtete ihn.

Der junge Ditzen war ein Aussenseiter. Als 18jähriger überlebte er bei einem als Pistolenduell getarnten Doppelsuizidversuch. Der Freund starb, er wurde angeklagt, aber freigesprochen. Das Gymnasium verliess er ohne Abschluss, zog freiwillig in den Ersten Weltkrieg, wurde wegen seiner Alkohol- und Morphiumsucht als untauglich befunden und verbrachte die Zeit immer wieder in Heilanstalten. Erste Romanversuche kamen nicht an, er jobbte da und dort. Wegen Unterschlagung, um seine Sucht zu finanzieren, musste er erneut hinter Gitter. Danach lernte er die Arbeiterin Anna Issel kennen. Gegen die Einwände ihrer Familie heirateten sie. Ihr Einfluss prägte den späteren erfolgreichen Schriftsteller Hans Fallada.

Das Bühnenstück

Anna ist Vorbild für die Figur des „Lämmchens“ in diesem bedeutenden Roman über die Arbeitslosigkeit in Deutschland nach der Weltwirtschaftskrise und nach dem amerikanischen Börsencrash. Es ist die Geschichte von Johannes Pinneberg und Emma Mörschel am Ende der Weimarer Republik.

Dieser 80 Jahre alte Roman hat aktuelle Brisanz durch Meldungen über Insolvenzen – zur Zeit sehr stark im medialen Bereich -, über drohende Werksschliessungen wie bei Opel in Bochum, über Entlassungen bei der Commerzbank und und und. Die „neue Verwundbarkeit“ hält an.

Emma wird von Johannes Pinneberg, dem Roman- beziehungsweise Bühnenhelden, liebevoll Lämmchen genannt. Die junge Frau, charakterstark und mutig, ist Näherin bei einer reichen Familie. Er ist Angestellter. Mehrfach verliert er seinen Job: einmal, weil er sich weigert, die Tochter des Chefs zu heiraten. Er entscheidet sich verantwortungsvoll für die schwangere Emma. Ein andermal verbiegt er sich als Verkäufer in einem Herrenkonfektionsladen. Er wird gefeuert, weil er die Verkaufsquote nicht erfüllt. Dazu kommt, dass er beim Verkaufsgespräch den Filmschaupieler Schlüter, den er im Film bewundert, angefleht hatte, etwas zu kaufen. Woraufhin dieser sich über ihn wegen Belästigung beschwert. Pinnberg begreift nicht, dass Filmgestalt und reale Person nicht identisch sind. Auch bei dem Versuch, den Näherinnenlohn seiner Frau abzuholen, wird er gedemütigt. Die Familie hat kein Einkommen und lebt illegal in einer Schrebergartenkolonie. Die soziale Situation wird sich nicht verbessern, aber ihre Liebe zueinander macht sie erträglich.

Michael Thalheimer (am 14. April 2012); Foto: Renate Feyerbacher

Michael Thalheimer, vielfach ausgezeichneter Regisseur, auch gefeiert in seiner Geburtsstadt Frankfurt („Ödipus /Antigone“, „Maria Stuart“, „Medea“) hat zusammen mit Dramaturgin Sibylle Baschung den Roman bühnenfähig gemacht. Das Stück besticht durch seine knappen Dialoge, durch zeitgeschichtliche Andeutungen.

Und wie Thalheimer das Stück inszeniert, ist auch beeindruckend.

Henrike Johanna Jörissen als Lämmchen steht zu Beginn auf der Bühne beziehungsweise auf einem Steg vorne am Bühnenrand, der Emma und Johannes zur Aktion bleibt. Zunächst ist sie sehr ernst, dann wird ihr Gesicht weich, sie lächelt. Kein Wort, keine Aktion eine Weile lang. Unglaubliche Stille im Saal, die während der zwei Stunden Aufführungsdauer anhält.

Hinter dem Steg geht es hoch. Oben auf der Höhe des Bühnenhügels nebeneinander aufgereiht, sind die Eltern, Freunde, Gegner, Arbeitgeber, Kollegen, alle mitspielenden Figuren – eine menschliche Mauer. Kalt sind die Worte, die von dort oben auf die beiden einschlagen. Gelegentlich verlassen sie ihre statische Position und kommen runter.

Henrike Johanna Jörissen, Fotoprojektionen in der U-Bahn-Station Willy Brandtplatz (24. Mai 2012); Foto: Renate Feyerbacher

Henrike Johanna Jörissen, die zum Frankfurter Ensemble gehört, spielte im „Faust I“ das Gretchen – teilweise ausgeflippt. Emma kommt wie Gretchen aus kleinen Verhältnissen. Emma lässt sich nicht verbiegen, sie ist stark, realistisch,optimistisch. Glaubwürdig wird sie von Jörissen realisiert. Erstaunlich ist die Wandlungsfähigkeit dieser jungen Schauspielerin.

Nico Holonics spielt den Johannes Pinneberg. Das ist eine Sensation. Beifall während der Aufführung. Der junge Schauspieler ist auch an den Münchner Kammerspielen engagiert, unterrichtet am Mozarteum in Salzburg und wurde 2010 mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet.

Die kleineren Rollen sind vorzüglich besetzt.

KLEINER MANN, WAS NUN?
Regie Michael Thalheimer; Henrike Johanna Jörissen (Emma Mörschel, genannt Lämmchen), Nico Holonics (Johannes Pinneberg); Bildnachweis Schauspiel Frankfurt, Foto © Birgit Hupfeld

Stück, Inszenierung und Darstellung sind gleichermassen sehenswert.

Weitere Vorstellungen am 11. und 20. Februar 2013.

„Der Meister und Margarita“

Michail Bulgakow (1891 bis 1940) schrieb an seinem Roman bis zu seinem Tod – zwölf Jahre lang. Gedruckt wurde er in Moskau erstmals 1966/67 in verstümmelter Version in der Zeitschrift „Moskwa“. Auf der letzten Frankfurter Buchmesse wurde eine Neuübersetzung vorgestellt.

Dieser Jahrhundert-Roman hat auch heute noch international magische Wirkung.

Aus diesem „russischen Faust“ wurde ein Bühnenstück gezimmert. Thomas Reschke hat es aus dem Russischen übersetzt.

Der Teufel kommt als Magier Voland nach Moskau, um zu ergründen, wie sich die Menschen verhalten, wie sie sich entwickeln. Er logiert an der Bolschaja Sadowaja Wohnung Nr.50, in der sich heute ein Bulgakow-Museum befindet.

Im Moskau der 1930er Jahre gibt es keinen Glauben mehr, daher tritt der Teufel den Gottesbeweis an und kämpft um seine Berechtigung. Ein monströser Stoff mit vielen Strängen, eine teuflische Abrechnung mit dem stalinistischen System.

Dann gibt es noch die Geschichte von Pontius Pilatus und die vom Meister und Jesus, und von Margarita. Es sind Sinnfetzen, die nicht zusammenkommen und eine konkrete Aussage verhindern. Geschichten werden erzählt.

DER MEISTER UND MARGARITA
Regie Markus Bothe; Mit Michael Goldberg (Voland) u.a.; Bildnachweis Schauspiel Frankfurt, Foto © Birgit Hupfeld

Auf einem überdimensional grossen roten Sowjetstern wird manchmal flott, witzig, manchmal zäh, langweilig agiert. Das liegt sicher nicht an den Schauspielern, die von Regisseur Michael Bothe geführt wurden.

Michael Goldberg ist ein scharfsinniger Teufel, glatt, gefährlich, sympatisch. Sascha Nathan und Volker Tremmel sind seine kuriosen Gesellen. Torben Kessler, der Meister und Jesus, beschert grosse Momente, und Bettina Hoppe als Margarita verzehrt sich in glühender Leidenschaft. Die Nebenrollen – die Schauspieler übernehmen mehrere Rollen – sind treffend besetzt.

Die Musik, die Songs komponierte Konstantin Gropper („Get Well Soon“), einer der Shooting-Stars der Pop-Szene. Sie ist wohlklingend, zieht einen aber nicht in ihren Bann.

Alles in allem: des Zuschauers Vorstellungskraft ist aufs Äusserste gefordert.

Weitere Vorstellungen am 15. und 27. Februar 2013.

„Wir lieben und wissen nichts“

Moritz Rinke (*1967) ist Journalist, Dramatiker, Romanautor, Filmemacher, Schauspieler und Spieler in der Fussballmannschaft der Schriftsteller.

In seinem Stück, das in den Frankfurter Kammerspielen uraufgeführt wurde, bringt er traurige Menschen auf die Bühne, über die man lachen kann. „Wir sind doch alle irgendwie tragikkomisch“. Melancholie und Witz gehen hier Hand in Hand.

Die Entfernung zwischen den Menschen werde immer grösser, heisst es einmal in dem Stück. Eine Ursache: der Computerwahnsinn: „… nichts zu fressen, aber vernetzt …“

Zwei Paare haben für eine gewisse Zeit einen Wohnungstausch verabredet. Charakteristisch für beide Paarbeziehungen sind Ignoranz, fehlende Aufmerksamkeit beziehungsweise Zuneigung. Sie reden aneinander vorbei.

WIR LIEBEN UND WISSEN NICHTS
Regie Oliver Reese; Oliver Kraushaar (Roman), Claude De Demo (Hannah), Constanze Becker (Magdalena),  Marc Oliver Schulze (Sebastian); Bildnachweis Schauspiel Frankfurt, Foto © Birgit Hupfeld

Hannah (Claude De Demo) ist mit Sebastian (Marc Oliver Schulze) zusammen. Sie unterweist Banker im ZEN, er ist Kulturhistoriker. Roman (Oliver Kraushaar) ist Computerspezialist für Datenübertragungssysteme, seine Frau Magdalena (Constanze Becker) ist Physiotherapeutin für Pferde.

Hannah und Sebastian hauen sich gegenseitig immer wieder beleidigende, demütigende Wortfetzen um die Ohren, unterbrochen durch die entscheidende Frage, ob der Entsafter in die andere Wohnung mitgenommen werden soll. Das andere Paar, sie einfältig, er beherrschend. Ein Partnertausch scheint sich anzubahnen.

Wortwitz, Komik, Tragik, das alles liegt in Rinkes Satzkaskaden. Psychologische Tiefe fehlt.

Hausherr und Intendant Oliver Reese („Phädra“ und „Eine Frau, die gegen Türen rannte“) hat Regie geführt: locker, ohne ins Boulevardtheater abzugleiten, die Problematik durchaus vertiefend.

Diese vier exzellenten Darstellerinnen und Darsteller überspielen die Momente, wo es abzugleiten droht: Erstaunlich die Wandlungsfähigkeit der beiden grossen Frankfurter Tragöden, Constanze Becker und Marc Oliver Schulz („Ödipus /Antigone“, „Medea“). So war die Becker, die den Gertrud Eysoldt-Ring 2012 für ihre Darstellung in Medea erhält, bisher nicht zu erleben. Claude De Demo, die in „Minna von Barnhelm“ und „Einsame Menschen“ gefiel, beticht durch ihr natürliches Spiel. Sie und Constanze Becker führen die Männer vor.

Weitere Vorstellungen am 6., 11. und 27. Februar 2013.

„Bouncing in Bavaria“

Ein persönliches Kammerspiel besonderer Art.

BOUNCING IN BAVARIA
Regie Auftrag:Lorey (Stefanie Lorey und Bjoern Auftrag); Felix von Manteuffel, Traute Hoess; Bildnachweis Schauspiel Frankfurt, Foto © Birgit Hupfeld

„Barönchen“ alias Felix von Manteuffel und Traute Hoess haben in Zusammenarbeit mit Auftrag:Lorey dieses Stück entwickelt – eine Uraufführung. Regie und Konzepte stammen von Stefanie Lorey und Bjoern Auftrag, die sich am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen trafen und seit 2001 gemeinsame Projekte verwirklichen.

„Ich erinnere mich …“, so beginnen immer wieder die Erinnerungs-Schipsel aus dem Leben von Traute Hoess (*1950) und Felix von Manteuffel (*1945), die von Oberbayern aufbrachen und grosse Schauspieler wurden.

Das Spiel Stadt-Land-Fluss dient als Form. „stopp L“: da erinnern sie sich an ihre erste grosse Liebe; „stopp S“: an die (Buchstaben)Suppe. Sie stehen nebeneinander, barfuss auf einem Stück Silberfolie. Gelegentlich fassen sie sich an.

Sie erinnert sich daran, wie der Busen hüpfte, weil sie keinen BH trug. An Brause, an Zwieback wird gedacht, an politische Ereignisse auch neueren Datums.

Die älteren Zuschauer können die Zeit Revue passieren lassen, die jungen haben ihre Freude an dem lockeren „Geschichtsunterricht“. Die Präsenz dieser beiden Schauspielergrössen ist Garantie für einen interessanten Theaterabend.

Weitere Vorstellungen am 2. und 3. Februar 2013.

„Swing again“ – eine Zusammenrottung zur Verübung gemeinschaftlichen Unfugs

Swing tanzen und spielen war im Dritten Reich verboten. Für die Nazis war es „Entartete Kunst“, „Niggermusik“.

Jazzlegende Emil Mangelsdorff (*1925), ein Frankfurter Bub aus der Ernst May-Siedlung, war einer der Heros. Er kam aus einem sozialdemokratischen Elternhaus. Die Nazis verhafteten ihn und schickten ihn an die Kriegsfront. Heute noch geht der bald 88jährige in Schulen und erzählt über diese Zeit. Es war nicht nur die Liebe zum Swing, sondern auch die Ablehnung des Nazi-Systems, was den jungen Emil für seinen weiteren Lebensweg bewog.

War der Swing für die meisten anderen Jugendlichen damals mehr ein Gag, ein Modetrend? Wie hätten wir uns damals verhalten, fragen sich die zehn jungen Darsteller zwischen 15 und 23 Jahren. Hätten wir Zivilcourage gezeigt? Die Fragen nach Opportunismus, Macht, Ohnmacht, Freiheit, Repression beschäftigen sie.

SWING AGAIN
Regie Martina Droste; Bildnachweis Schauspiel Frankfurt, Foto © Birgit Hupfeld

Die nachdenklichen Gespräche werden aufgelockert durch flotte Tanzeinlagen auf dem ständig rotierenden Bühnen-Plattenteller. Es kommt keine Langeweile auf. Lebendig, temporeich und gekonnt agieren die zehn Darsteller.

Für die jungen Leute ist dieses Stück eine gelungene Geschichtsaufarbeitung, für ältere Auffrischung und Erinnerung, damit sie nie wiederkehre, diese Diktatur.

Das Projekt des Jungen Schauspiels Frankfurt, das Tina Müller und Theaterpädagogin Martina Droste, die auch Regie führte, kreiert haben, basiert auf Gesprächen mit Zeitzeugen.

Premierenfeier in der Kantine am 6. Januar 2013: Tina Müller und Martina Droste, vor ihnen Zeitzeugen Hilde Kremer und Wolfgang Lauinger; Foto: Renate Feyerbacher

→  Starke Stücke im Schauspiel Frankfurt / 1

→  Starke Stücke im Schauspiel Frankfurt / 6

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