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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Reichlich schräg in der Frankfurter Westend Galerie: Italienische Architekturen von Siegbert Jatzko

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Ricordo di Fivizzano (Massa Carrara), 2009, 52,4 x 72,5 cm

Von Erhard Metz

Hat hier gerade ein Erdbeben die Horizontale verrückt? Oder hat sich bei uns nach dem Genuss einer Flasche bestem Brunello di Montalcino nebst zwei, drei Grappe di Moscato d’Asti die Optik etwas verschoben?

Nein, wir stehen in der Frankfurter Westend Galerie, kerzengerade und auf sicherem Boden vor den Zeichnungen von Siegbert Jatzko. Was wären denn, Hand auf’s Herz, diese Zeichnungen, wenn sie der Künstler der strengen Renaissance-Perspektive unterworfen hätte? Nett, aber nicht aufregend. Und was ist eines ihrer Geheimnisse, der Geheimnisse ihres Erfolgs? Ihre wundervolle perspektivische Verzeichnung, die ihnen – obgleich oder gerade weil die Szenerien menschenleer sind – eine besondere Art von Leben einhaucht. Die Baulichkeiten gewinnen eine eigene Dynamik, sie setzen sich gewissermassen in Bewegung und es scheint, als wollten sie auf uns zukommen.

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Der Altan (Venedig), 2008, 44,6 x 37,3 cm

Kommen in den Zeichnungen wirklich keine Menschen vor? Wir nehmen sie indirekt wahr: In den mit allerlei Blumen und Grünzeug bepflanzten Terracotta-Töpfen auf Altanen und in Fenstern zum Beispiel. Und natürlich sind die Architekturen von Menschenhand geschaffen: mal streng konstruiert in eine städtische oder dörfliche Struktur eingebettet, mal scheinen sie – wir spüren die besondere und charmante italienische Fähigkeit zur Improvisation – mit einem vor strengem Baurecht zugekniffenen Auge an Vorhandenes angefügt. Vielleicht besteht der Reiz dieser Arbeiten von Siegbert Jatzko in jenem stets kreativen Spannungsfeld zwischen teutonisch-ordnungsbewusster Strenge und dem, was wir so gerne als südländische Leichtigkeit des Lebens apostrophieren.

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Due ponti – Zwei Brücken (Venedig), 2008, 53,4 x 70,3 cm

Wie sein Lehrer Heinz Battke, der 1935 nach Florenz zog und 1956 an die Frankfurter Städelschule berufen wurde, wandte sich Jatzko im Schwerpunkt seines Schaffens der Bleistift-Zeichnung zu. Seine zumeist von architektonischen Motiven dominierten Studien und Szenerien italienischer Städte und Dörfer  – weitab vom Charakter enzyklopädischer Dokumentation einerseits, aber auch des kunsthandwerklichen, bis hin zum Kitschigen strapazierten Abbilds als Reisesouvenir andererseits – öffnen dem Betrachter auf eine spezifische Art den Blick auf das Dargestellte.

Die absichtsvoll verzeichnete und damit verfremdete Perspektive hinterfragt das Beobachtete, sie destabilisiert das Statische der Architekturen und stellt diese in einen umfassenderen Lebens- und Sinnzusammenhang. Bemerkenswert sparsam koloriert Jatzko lediglich einige Details mit laviertem Farbstift. Der Künstler entzieht sich der Versuchung, die nicht selten von einem überbordenden Tourismus heimgesuchten Paläste und Kirchen, Treppen- und Platzanlagen, pittoresken Gässchen und Winkelchen der Renaissance und des Barock zu glorifizieren, sondern er lässt sie vor unserem Auge – in diffusem Licht und unter Verzicht auf urlaubserwünschten Sonnenschein – in all ihrer Schönheit als menschlich dimensionierten Lebensraum erstehen. Dass er dabei auf menschenleere Szenerien rekurriert, kann freilich fast als ein Protest gegen jene touristische Überforderung verstanden werden.

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Das Stadttor (Fivizzano/Massa Carrara), 2009, 52,5 x 71,7 cm

Siegbert Jatzko, 1937 in Görlitz geboren, absolvierte zunächst eine Maurerlehre und von 1955 bis 1958 ein Architekturstudium an der Ost-Berliner Ingenieurschule für Bauwesen. Im Anschluss an seine Übersiedlung nach Frankfurt am Main studierte er dort von 1959 bis 1964 an der Staatlichen Hochschule für Bildende Kunst – Städelschule – freie Grafik und wurde Meisterschüler von Heinz Battke. Studienreisen führten ihn in viele Länder Europas und Südamerikas. In zahlreichen Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen im In- und Ausland – und bereits 2004 in der Frankfurter Westend Galerie – präsentierte er seine Arbeiten. Jatzko lebt und arbeitet als freischaffender Maler und Grafiker in Frankfurt am Main.

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Giardino communale (Monte San Savino), 2009, 52,9 x 67,9 cm

Die Ausstellung in der Frankfurter Westend Galerie der Deutsch-Italienischen Vereinigung läuft noch bis zum 11. Juni 2010. Und wir freuen uns auf eine neue Flasche Brunello di Montalcino und unsere nächste Reise nach Italien.

(Alle Arbeiten: Bleistift, Farbstift und Deckweiss auf Papier; Bildnachweis: Frankfurter Westend Galerie; © Siegbert Jatzko)

 

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