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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

φῶς, phos, Licht, γράφειν, graphein, zeichnen: Die photographischen Lichtgemälde von Nicole Ahland

Photographien – wir schreiben fortan Fotografien – können, bereits seit vielen Jahrzehnten, begehrte Kunstwerke sein, denen Ausstellungen, Sammler und Museen gerade in jüngerer Zeit wieder verstärkt ihre Aufmerksamkeit zuwenden. So gibt etwa in diesen Tagen das Städel Museum bekannt, ein Konvolut an Meisterwerken aus der renommierten Fotografiesammlung der DZ BANK mit Arbeiten unter anderem von Richard Avedon, Andreas Gursky, Cindy Sherman und Richard Prince zu erwerben. Das Museum für Moderne Kunst MMK präsentierte unlängst eine national wie international Aufsehen erregende Schau fotografischer Werke der Amerikanerin Taryn Simon. Es eröffnet derzeit eine Ausstellung des fotografischen Oeuvres von Miroslav Tichý. Einige aktuelle Beispiele nur, die den Stellenwert der Fotokunst untermauern mögen.

Leider viel zu kurz – nur noch bis zum übermorgigen Samstag – zeigt die Frankfurter Galerie Greulich fotografische Arbeiten der 1970 in Trier geborenen Künstlerin Nicole Ahland. Länger – bis zum 27. April 2008 – bleibt ihre Installation „Samuel“ im Dommuseum Frankfurt am Main zu sehen, auf die wir in einem weiteren Beitrag zurückkommen werden.

Bevor Ahland an der Fachoberschule für Gestaltung und anschliessend an der Akademie für Bildende Künste der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz studierte, hatte sie sich auf umfangreiche Forschungsreisen nach China und Vietnam begeben. Mehrere Ausstellungen sowie Stipendien und ein Förderpreis begleiteten ihre künstlerische Entwicklung in den zurückliegenden Jahren. Heute lebt und arbeitet sie in Wiesbaden.

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Nicole Ahlands Arbeiten – Colorprints im Format 100 mal 100 Zentimetern – überzeugen durch ihren architektonisch-geometrischen Aufbau und ihre mitunter impressionistisch anmutende Lichtführung. Die Künstlerin arbeitet ausschliesslich ohne beleuchtungstechnischen Aufwand sowie in analoger Technik, mithin ohne jene Effekte, die eine digitale Fotografie ermöglichte. Ahland verzichtet, im Gegensatz etwa zu Taryn Simon, grundsätzlich auf eine Inszenierung ihrer Motive. Ebensowenig stellt sie mittels textlicher Komponenten Zusammenhänge her, noch bietet sie auf solche Weise Deutungsmuster an. Als einzige Mittel, mit ihren Motiven umzugehen, bleiben die Positionierung der stativgestützten Kamera, ferner Über- oder Unterbelichtungen sowie die Arbeit mit der Tiefenschärfe.

Die Motive, es sind formal betrachtet Architekturen in Gestalt von Innenräumen in einem menschenleeren, herrenhaus-schlossähnlichen Ambiente, erscheinen in weichen Konturen, in zartesten pastellenen Tönungen im Miteinander und im Wechselspiel von diffusem Licht und hauchartigen Schatten. Ahland vermeidet schlaglichtartige Effekte und starke Kontraste. Die Fotografien sind von malerischer Anmutung, erst auf den zweiten Blick überzeugt man sich von ihrer wahren Materialbeschaffenheit als Farbdrucke. Ihre Oberflächen sind matt, unverglast, der Betrachter kann sich nicht in ihnen spiegeln. Umso mehr hat er das Gefühl, in die fotografisch vermittelte Welt einbezogen zu sein.

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Die Künstlerin verweilt in den von ihr ausgewählten Räumen, deren Belegenheit oder Funktion in der Realität keine wesentliche Bedeutung zukommt, sie begiebt sich in die von ihr gesuchte Stille und nimmt sie in sich auf. Die Zimmer, Flure, Hallen und Säulengänge, die auf Türen, Fenster oder Nischen hinführen, sind ihr Resonanzräume, sie nimmt diese Schwingungen auf und hält sie in ihren Bildern in Momenten des Lichteinfalls fest, wie sie sich oft nur für die Dauer weniger Augenblicke ergeben. Diese Räume, sagt sie, sucht sie in aller Regel anschliessend kein weiteres Mal auf.

Im Mittelpunkt steht das Licht, wie es die Künstlerin erlebt, Licht in seiner Körperlichkeit, ja Materialität, wie jene von der Quantenphysik – Licht als Welle-Teilchen-Dualismus – bestätigt wird.

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Ahland geht es bei ihrer Fotografie keinesfalls um Abbildung oder Dokumentation. Gleichwohl – oder vielmehr – offenbaren ihre Arbeiten einen spirituellen Schwebezustand zwischen einem möglichen Abbruch und Neubeginn, zwischen Vergangenem, Verlassenem und Zukünftigem, Verheissungsvollem: Fallen diese Räume, entmöbliert und menschenleer, dem Abriss zum Opfer, oder erwarten sie ihre Restaurierung, um zu irgendeinem Zeitpunkt, wohnlich hergerichtet, wieder Menschen zu umfangen, zu beherbergen? Der Schleier dieses Zaubers zwischen dem Einst und dem möglichen Irgendwann scheint auf den Fussböden, Wänden und Decken zu liegen, er breitet sich vor den von reinem Licht erfüllten Fenstern und den meist verschlossenen Türen aus, die aber mitunter durch einen kleinen Spalt, eine schmale Ritze hinter ihnen scheinendes Licht erahnen lassen.

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Von besonderer, eigenartiger Anmutung ist ein vorgefundenes Zimmer, in dem Musikanten ihre Notenständer hinterlassen zu haben scheinen, eine Schauspielertruppe ihre Garderobe. Haben sie sie nach ihrem imaginären Spiel vergessen? Oder werden sie wieder zurückkehren, ihr Stück weiterzuspielen?

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Wohltuend wirken die Ruhe, die Entschleunigung, die Zeit, der sinngebende Ablauf von Zeit, wie sie sich uns in der von Spiritualität getragenen Fotografie Nicole Ahlands erschliessen. Ob dieser Fotografie eine religiöse, auch von christlicher Lichtmetaphorik geprägte Dimension innewohnt, muss der Betrachter für sich selbst im Dialog mit dem Werk ergründen. „auch über den atem“ und „warte nicht auf mich“ heissen die Bilderzyklen. Treffendere Namen wären uns nicht eingefallen.

(Bildnachweis: © VG Bild-Kunst, Bonn)

⇒⇒⇒  Samuel

 

Ein Kommentar zu “φῶς, phos, Licht, γράφειν, graphein, zeichnen: Die photographischen Lichtgemälde von Nicole Ahland”

  1. Heier
    17. Mai 2010 22:13
    1

    Diese „toten“ räume

    entzünden immer wieder

    die Phantasie – es sind Fotos von nachhaltiger Wirkung!