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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Museum für Moderne Kunst MMK: Cady Noland im Haupthaus Domstraße

Von Erhard Metz

Die Erwartungen stiegen von Monat zu Monat und waren am Ende hoch: Welchen Fußabdruck wird der erste Auftritt der neuen MMK-Direktorin Susanne Pfeffer in der reich bestückten Frankfurter Kunstmuseumslandschaft hinterlassen? Die Neue, die ihr Amt bereits zu Jahresbeginn antrat, nahm sich bis zu diesem Oktoberende Zeit für ihre Premiere. Das Warten hat sich gelohnt: Der zeitgleiche Auftritt in allen drei Häusern MUSEUMMMK, ZOLLAMTMMK und TOWERMMK (wie sie fortan firmieren) dieses europa- wie auch weltweit große Beachtung findenden Museums für zeitgenössische Kunst gelang furios. Er mischt das Angebot an derzeitigen Sonderschauen der großen, bildende Kunst ausstellenden Museen in der Stadt – Lotte Laserstein und Victor Vasarely im Städel, „Medeas Liebe …“ im Liebieghaus sowie Wilhelm Kuhnert/“König der Tiere“ und „Wildnis“ in der Schirn Kunsthalle – mit einer überraschenden, breitgefächerten und überaus spektakulären Präsentation an kontemporärer Kunst auf.

MMK-Direktorin Susanne Pfeffer in der Eröffnungs-Pressekonferenz

Es ist schon eine besondere Leistung der neuen MMK-Direktion, für die drei genannten Spielstätten des Museums zur gleichen Zeit sehr unterschiedliche und eigenständige Präsentationen zu entwickeln, von denen jede für sich allein stehen kann. Und dennoch wölbt sich über die drei Werkschauen das Dach einer verbindenden, gemeinsamen und höchst aktuellen Thematik: zum einen der Ausdruck struktureller Gewalt in allgegenwärtigen Objekten sowie im gesellschaftlichen Handeln, zum anderen die ebenso allgegenwärtigen räumlichen wie ideologischen Grenzziehungen und Ausgrenzungen.

Bemerkenswert: Susanne Pfeffer – sie verstand und versteht sich im Grunde als Kuratorin – kuratierte selbst und allein die Ausstellungen im Haupthaus und im Zollamt, lediglich diejenige im Tower gemeinsam mit Anna Sailer. Und nicht minder bemerkenswert: Im Haupthaus und im Zollamt sind mit Cady Noland und Marianna Simnett zwei Künstlerinnen vertreten, im Tower kommt die Mehrzahl der gezeigten elf künstlerischen Positionen aus Frauenhand – ein starkes Zeichen!

Was Susanne Pfeffer mit der Hauptpräsentation im Stammhaus gelang, mutet geradezu sensationell an: Sie bewegte die US-amerikanische Künstlerin Cady Noland dazu, zum ersten Mal wieder seit dem Jahr 1996 einer Ausstellung ihrer Werke zuzustimmen.

Cady Noland, Tower of Terror, 1993/1994, Glenstone Museum, Potomac, Maryland (Totale und Details)

Cady Noland wurde 1956 in Washington D.C. als Tochter des für seine Farbfeldarbeiten berühmt gewordenen Kenneth Noland geboren. Der Künstler und Kunstdozent stellte mehrfach auch in Deutschland aus, insbesondere 1968 zur Kasseler documenta 4 noch unter der Leitung von Arnold Bode. Auch Cady Noland war später auf dieser alle vier Jahre stattfindenden Welt-Kunstausstellung vertreten, der documenta IX im Jahr 1992. Zu ihr publizierte die studierte Soziologin ihre 1987 verfaßte, zur documenta überarbeitete Schrift „Towards a Metalanguage of Evil“ (Zu einer Metasprache des Bösen, Hatje Cantz und documenta IX), worin sie die amerikanische Gesellschaft als „empathielos wie ein Psychopath“ kritisierte. Ihre Werke erzielten, wie zu lesen ist, auf Auktionen hohe einstellige Millionenbeträge. Das MMK besitzt zwei ihrer Arbeiten, die weiter unten gezeigte „Mutated Pipe“ von 1989 und ein unbetiteltes Werk aus dem Jahr 1996. Letzterer Umstand war, wie Susanne Pfeffer andeutete, wohl auch einer der „Türöffner“, die zurückhaltende und publikumsscheue Künstlerin zu der aktuellen Ausstellung im MMK zu bewegen, zu der sie dann auch selbst einige Arbeiten aus eigenem Besitz beisteuerte. Pfeffers Einfühlsamkeit, Geschick und Überzeugungsgabe war es schließlich ebenso zu verdanken, dass weltweit zahlreiche Leihgeber bereit waren, aus Privatbesitz wie öffentlichen Sammlungen Exponate zur Verfügung zu stellen.

Cady Noland, Publyck Sculpture, 1994, Glenstone Museum, Potomac, Maryland

Obwohl fast sämtliche der über 80 ausgestellten Arbeiten aus der Zeit bis 1996 rühren, verblüfft – ja verstört und erschreckt – die Aktualität dieser Retrospektive auf ein singuläres Werk den Betrachter. So versteht sie sich auch zu Recht als eine Schau kontemporärer Kunst, wie es der Aufgabe eines Museums für moderne – also zeitgenössische – Kunst entspricht. Ein großes Thema im künstlerischen Lebenswerk Nolands ist die Entlarvung des Mythos vom „American Dream“, vom „amerikanischen Traum“, wie er in der Unabhängigkeitserklärung von der Britischen Krone (The Unanimous Declaration of The Thirteen United States of America) vom 4. Juli 1776 angelegt ist: der Überzeugung von unveräußerlichen Menschenrechten des einzelnen oder das Recht eines Volkes, eine alte ungerechte durch eine neue Regierungsform zu ersetzen. Es gibt Beispiele in der Literatur wie auch in der Kunstgeschichte, dass Autoren und Künstler mit ihren Werken mitunter ihrer Zeit weit voraus sind und zukünftige Entwicklungen erahnen. So sind Nolands Themen – die strukturelle Gewalt in der Gesellschaft, die Entlarvung des „amerikanischen Traums“, die allgegenwärtigen Grenzziehungen und Ausgrenzungen – bereits in der Mitte (im „Middle West“!) der US-amerikanischen Gesellschaft angelegt gewesen, manifestieren sich jedoch signifikant und aktuell zu Zeiten der gegenwärtigen Administration in verbaler Aggressivität, Verbreitung von Haßrethorik, Spaltung der Gesellschaft und Ausgrenzung von Bevölkerungsgruppen. Der geplante Bau einer Mauer entlang der über 3000 km langen Grenze zwischen den USA und Mexiko, die Trennung von Flüchtlingskindern von ihren Eltern an dieser Grenze, die kürzliche, politisch motivierte Briefbombenserie in den USA oder jüngst die furchtbare Bluttat eines Schwerbewaffneten in der Synagoge in Pittsburgh belegen eine fehlgeleitete Entwicklung und lassen Nolands Arbeiten in geradezu beängstigender Weise aktuell erscheinen.

Cady Noland, 12’6“ Chainlink Fence, 1992, Collection Larry Gagosian

In Cady Nolands Arbeiten spiegeln sich diese Entwicklung – wie auch durchaus etwa der seinerzeitige Folterskandal im Abu-Ghuraib-Gefängnis oder die fortdauernde Situation im Gefangenenlager Guantanamo – wider. Ihre bevorzugten Materialien sind das abweisende Metall, die ein Gefühl von Härte und Kälte erzeugenden Aluminiumflächen. In „Tower of Terror“ läßt sich unschwer ein dreifacher Pranger erkennen: jeweils fünf Löcher sind für Kopf, die Arme und die Beine bestimmt. Die das Gerät schließende Schraubkurbel sichert ein Vorhängeschloß, zusätzliche Ketten hindern die zur Schau Gestellten und der öffentlichen Ächtung Preisgegebenen an einer Flucht. Bedrückend der Vergleich, der sich aufdrängt, mit den heutigen sogenannten Sozialen Medien, ihren Bloßstellungen und Shitstorms, die über einzelne hereinbrechen können.

„Publyck Sculpture“ assoziiert zunächst eine wiederum dreifach angelegte, einfache Kinderschaukel aus Autoreifen, die als Sitzgelegenheit dienen, zugleich aber auch einen mittelalterlichen Galgen, wie er in bester Erhaltung noch bei Beerfelden im Odenwald als „Kulturdenkmal“ und Touristenziel besichtigt werden kann. Maschendrahtzäune sybolisieren Grenzen und damit zugleich Ab- und Ausgrenzungen. „Gibbet“ – wiederum ein Pranger – bezieht die „Stars and Stripes“, die US-amerikanische Nationalflagge mit ein, die fünf runden Bohrungen wirken zudem wie Schußlöcher großkalibriger Waffen. „Frame Device“ erinnert an mit Stangen untereinander verbundene Gehhilfen, die wiederum ein Areal für Alte, Gebrechliche und Behinderte und damit in der Gesellschaft nicht mehr Leistungsfähige abgrenzen.

Cady Noland, Gibbet, 1993/1994, Courtesy The Brant Foundation, Greenwich, Connecticut (oben Vorder-, unten Rückseite)

Cady Noland, Frame Device, 1989, Courtesy The Brant Foundation, Greenwich, Connecticut

MMK-Direktorin Susanne Pfeffer erläutert die Ausstellung „Cady Noland“ im Haupthaus MUSEUMMMK

Kehren wir zurück zum Mythos vom „American Dream“, vom Traum einer von Individualität und dem Streben nach Glück und Erfolg geprägten Leistungsgesellschaft, in der ein jeder „vom Tellerwäscher zum Millionär“ aufsteigen kann. Die Realität sieht anders aus, man kann sie im Middle West und im Rust Belt, der dortigen Arbeitslosigkeit und Kriminalität und dem urbanen Verfall studieren.

Was aus dem „amerikanischen Traum“ geworden ist, verkörpert Noland mit ihren Readymades und „gefundenen Objekten“: Stützen, Krücken und Stangen, ein umgeworfener Grill, Bierdosen, Brötchen und Kartoffelchips, Metallgitter, Cowboyzeug wie Kuhglocken und abgetragene Pferdesättel und natürlich immer wieder die amerikanische Flagge. Der Traum von Gleichheit der Chancen, vom angeblich möglichen gesellschaftlichen Aufstieg für jedenmann – er scheint ausgeträumt.

Cady Noland, Deep Social Space, 1989, Sammlung Udo und Anette Brandhorst, München (Totale und Detail)

Cady Noland, Mutated Pipe, 1989, Ehemalige Sammlung Rolf Ricke MUSEUMMMK für Moderne Kunst, Frankfurt am Main, Kunstmuseum, St. Gallen, Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz

Wiederkehrende Motive: Pistolen, Revolver, Zaumzeug, Paradestock, Lederschnallen und Karabinerhaken und natürlich die „Stars and Stripes“. Ein ausgeschnittenes Pressefoto von November 1963, als Siebdruck auf Aluminium: Lee Harvey Oswald, der mutmaßliche Mörder John F. Kennedys, wird wiederum von seinem Mörder Jack Ruby vor laufenden Kameras erschossen, Anlaß für bis heute andauernde Kontroversen um die Tathintergründe und für Verschwörungstheorien. Ein starker Akzent: In seinem Mund stecken wie ein Knebel die amerikanische Flagge und ein Coca-Cola-Trinkbecher!

Cady Noland, (links) Percussion and Cartridge Revolvers, 1984, Collection Larry Gagosian; (rechts) The Mirror Device, 1987, Collection Larry Gagosian

Cady Noland, Oozewald, 1989, Glenstone Museum, Potomac, Maryland

Mit der Eröffnung der Ausstellung präsentiert sich das im Sommer renovierte Haupthaus an der Domstraße in neuem – lichten, weißen – Glanz. Die exzeptionellen Räume des Hollein-Baus bestückt Susanne Pfeffer oft mit nur wenigen großformatigen Werken; umso eindringlicher – aber auch bedrohlicher – wirken diese auf den Betrachter. So steht in der ersten Ebene „Publyck Sculpture“ monumental-allein in der großvolumigen Haupthalle, mit „Tower of Terror“ in der Spitze des riesigen Dreiecksaals wird der Besucher allein gelassen. Der für Noland typische Minimalismus, die abstrakt-entfremdete Dinglichkeit der Exponate mit ihren gewählten Oberflächen lassen diese umso härter und kälter, brutaler und abweisender erscheinen.

Susanne Pfeffer bekennt sich – nicht unerwartet – zu einer „politischen“ Kunst, denn Kunst sei im Grunde immer politisch, wie sie sagt. Es ist keine „Wohlfühl“-Kunst, die wir sehen, ebenso wenig wie die Präsentationen im Zollamtssaal und im Tower dies sind und sein wollen. Aufgabe der bildenden Kunst ist es – zumindest auch – , das gesellschaftliche und politische Geschehen kritisch zu reflektieren und damit einen notwendigen Beitrag im demokratisch-gesellschaftlichen Diskurs zu leisten. Vergleichbares läßt sich auch für Theater, Film und Literatur feststellen. Nun wird man – ja gewiß, ein „alter Hut“ – einwenden können: Derjenige Teil der Bevölkerung, der sich auf einem gewissen Bildungsniveau aktiv und durch Qualitätsmedien über das Weltgeschehen informiert, weiß doch ohnehin um all das Böse und Schlechte in der Welt und bedarf dazu keiner Kunstausstellung, und der andere, leider größere Teil besucht ohnehin keine Qualitätsmuseen wie das MMK. Was ist es also, das bei allem an dieser Ausstellung fasziniert und uns den Appell „unbedingt hingehen und anschauen“ an alle richten läßt? Nicht (allein) das Kriterium des „Politischen“. Es ist – bei all ihrer Nützlichkeit wie Unnützlichkeit – das ästhetische Moment der Kunst, das Haptische, das Sinnliche, das Betörende, das Öffnende, das Überwältigende, das uns über alle Jahre und Jahrzehnte das MMK aufzusuchen bewegte und immer wieder neu bewegt. Oder wie Goethe es sah: „Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen“.

MUSEUMMMK für Moderne Kunst, „Cady Noland“, bis 31. März 2019

Abgebildete Werke © Cady Noland; Fotos: Erhard Metz

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