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„Legal Limbo“: Radierung und Lithografie von Dominik Gussmann im Ausstellungsraum EULENGASSE

Von Volker Steinbacher
Dozent für Freie Druckgrafik an der Hochschule für Gestaltung (HfG) Offenbach

Das Werk von Dominik Gussmann umkreist Themen abendländischen Denkens im Spannungsfeld von klassisch-humanistischem Ideal und seiner Kehrseite in Form militärischer Gewalt.

Sein Medium ist die Druckgrafik, insbesondere die Radierung und die Lithografie. Bei ihm wird erkennbar, welche Wandlungen die traditionellen drucktechnischen Verfahren im Verlaufe der letzten Jahrzehnte genommen haben. Waren früher die rechteckige Druckformen obligatorisch, zerlegt, teilt und formt Gussmann seine Radierplatten neu, so dass sie meist der Kontur des Dargestellten folgen. Auch die Lithografieplatten zeigen Formen jenseits des Bildgevierts: Es sind zerbrochene Steine, gelegentlich auch mit einem Hammer zertrümmerte Stücke, die auf der Presse zum Drucken erneut zusammengefügt werden. Die Bruchlinien bleiben erkennbar und thematisieren das inhaltliche Anliegen Gussmanns.

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↑ „Mythos und Aufklärung (Odysseus)“, 2016, Fotoradierung, 90 x 60 cm
„Judith und Holofernes“, 2015/2016, Fotoradierung, 100 x 70 cm

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Zwei Themenkreise konfrontiert er in seinen Arbeiten. Zum Einen zeigt er in die Druckgrafik übertragene Abbildungen meist mythologischer Charaktere, aber auch auch Helden und Philosophen des klassischen Athen und Rom. Auf der anderen Seite ein Arsenal von Höllenmaschinen, die den Schreckenskammern des 20. und 21. Jahrhunderts entnommen sind: Die erste Atombombe mit dem zynischen Namen „Little Boy“, das Räderwerk der Verschlüsselungsmaschine „Enigma“, nebst smarter Waffen wie Drohnen und anderem Überwachungs- und Mordgerät, auch eine Lenkwaffe namens Polyphem. Hier findet der Übergang moderner Technik zum Mythischen statt, gesellt sich doch zu jener Waffe der antike Protagonist, der einst Polyphem bezwang: Odysseus. Der Meister der List und der Hinterlist, dem es mit einem einzigen Wort – mein Name ist NIEMAND – gelang, der rohen Gewalt des Zyklopen zu enfliehen.

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↑ „Mythos und Aufklärung (Sperlonga-Gruppe)“, 2016, Fotoradierung, 90 x 60 cm
„Mythos und Aufklärung (Polyphem I)“, 2016, Fotoradierung, 90 x 60 cm

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Mythos und Aufklärung, so der Name der Werkgruppe, ist auch der Titel eines Textes von Theodor W. Adorno über die Janusköpfigkeit des Rationalen. Gussmann folgt dieser Diktion und spürt die Doppelbödigkeit unserer geistigen Grundlagen in seinen grafischen Montagen auf: Ein Langstreckenbomber über einer Klosterruine, die einem Gemälde C. D. Friedrichs entnommen ist, die zerstückelte Büste des von kaiserlicher Seite zur Selbsttötung befohlenen Senecas und viele andere Motive.

Der Beschau der Blätter scheint in der Schönheit seiner grafischen Reize betörend und verlockend, seine philosophischen Implikationen führen den Betrachter aber an Abgründe der eher weniger komfortablen Art.

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↑ „Mythos und Aufklärung (Fat Man)“, 2016, Fotoradierung, 90 x 60 cm
„Der Tod des Seneca“, 2015, Fotoradierung, 100 x 70 cm

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Domenik Gussmann, 1989 im hessischen Lich geboren, schloss unlängst sein Studium der Visuellen Kommunikation mit den Schwerpunkten Zeichnung und Druckgrafik an der Hochschule für Gestaltung (HfG) Offenbach mit dem Diplom ab. Während des Studiums war er bereits studentische Lehrkraft im Bereich Zeichnen und Animation; seit 2014 lehrt er als Dozent für Zeichnen und Druckgrafik an der Freien Kunstakademie Frankfurt.

„Legal Limbo“, vielleicht am besten mit „rechtliche Grauzone“ übersetzt; dem Begriff liegt das lateinische „limbus“ zugrunde, die spekulative Annahme einer „Vorhölle“, an der sich Seelen aufhalten, die – jedenfalls zunächst – ohne eigenes Verschulden vom Himmel ausgeschlossen sind. Dante greift sie in seiner Divina Commedia (Göttlichen Komödie) auf.

„Legal Limbo“: Radierung und Lithografie von Dominik Gussmann im Ausstellungsraum EULENGASSE, bis 28. August 2016

Am 21. August 2016, 17 Uhr, Künstlergeschräch über Dominik Gussmanns „Untersuchung der utopiegründenden Schichten in der Philosophie Ernst Blochs“

Abgebildete Werke © Dominik Gussmann; Bildnachweis: Ausstellungsraum EULENGASSE

 

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