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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Unterwegs in China – Das Essen

Von Ingrid Malhotra
© Text und Fotos

Essen ist hier richtig spannend …

Vor einiger Zeit war ich zu einem Vortrag im China-Institut, über Marco Polo, genauer gesagt, über die nach wie vor nicht so recht gelöste Frage „War er nun in China oder nicht?“

Spannendes Thema, spannende Frage, spannender Vortrag.

Aber sehr überrascht hat mich die Information des Vortragenden, dass Marco Polo in den chinesischen Annalen der Zeit nicht erwähnt wird. Gut, klar, Chinesen interessieren sich in erster Linie für China und andere Chinesen. Und im 13. Jahrhundert sowieso, ausländische Barbaren waren ja so unglaublich unwichtig …

Aber dennoch, angesichts des unbändigen Stolzes, mit dem viele Chinesen reagieren, wenn man Marco Polo erwähnt – schliesslich habe er die bedeutendsten Errungenschaften chinesischer Gourmetkultur, nämlich Nudeln und Teigtaschen, dem rückständigen und unwissenden Rest der Welt mitgeteilt -, ging ich eigentlich davon aus, dass der Besuch des Marco Polo sich ins kollektive Gedächtnis der Chinesen unauslöschlich eingebrannt hatte.

Muss aber wohl doch ein neueres Phänomen sein …

Die Gourmetkultur hingegen ist alles andere als neu!

Es ist nahezu unmöglich, in China schlecht zu essen!

Hier glauben ja immer noch erschreckend viele, chinesisches Essen sei dieses pseudo-eingedeutschte, pseudo-kantonesische Zeug. Es geht nichts über gesunde Vor- und Fehlurteile, nicht wahr? Denn DAS chinesische Essen gibt es ebenso wenig, wie es DAS europäische Essen gibt. Der Spannungsbogen reicht von Sichuan bis Beijing, von Shanghai bis Hohhot, von Hong Kong bis Xi’an.

Und die zahlreichen Regionalküchen unterscheiden sich nicht nur in Details der Zubereitung, sondern schon in den Grundzutaten. Im Süden Chinas wächst Reis, dort ist Reis dementsprechend auch immer dabei, als Beilage, als Bestandteil von Gerichten, als Reisnudel und als Reisbrei. Im Norden wächst Weizen, und natürlich ist der dann immer dabei, als Nudel, als Pfannkuchen, als Brei, als praktische Teigtasche für eine Vielzahl von delikaten Inhalten.

(Übrigens, unsere Lieblingsbeilage, die Kartoffel, gilt in China als Gemüse … Aber das ist ja auch leicht zu erklären, denn als die Kartoffel aus Südamerika sich anschickte, den Rest der Welt zu erobern, hatten die Chinesen schon längst leicht zuzubereitende Beilagen, bei uns sah das damals noch ein bisschen anders aus!)

Das hat den grossen Vorteil, dass man in den nordöstlichen Landesteilen schon zum Frühstück nicht nur den allgegenwärtigen Reiscongee bekommt, sondern auch leckere Teigtaschen mit den unterschiedlichsten Füllungen. So frühstücke ich gerne, manchmal gibt es sogar auch einen trinkbaren Kaffee dazu …

Congee ist übrigens ein dünnflüssiger Reisbrei, der intensiv nach gar nichts schmeckt. Deshalb mischen die Chinesen gerne eingelegte Gemüse, gebratenes Hackfleisch oder geschnetzeltes Lamm hinein, auch Fisch ist ziemlich beliebt. Aber mir macht es entschieden mehr Spass, über Mittag- und Abendessen nachzudenken. Vielleicht unternehmen wir einmal eine kleine Rundreise und schauen, was man an verschiedenen Orten so zu essen findet und was für die jeweilige Region typisch ist:

Am besten starten wir vielleicht in Hong Kong, denn erstens gehört Hong Kong trotz der Rückgabe an China irgendwie doch nicht so recht dazu, und zweitens ist Hong Kong ein einziger Gourmettempel: es gibt nichts, was es hier nicht gibt! Ein Spaziergang durch die verschiedenen Märkte ist ein gewaltiges Vergnügen, auch wenn es für europäische Augen gewöhnungsbedürftig ist, dass sogar die Teile der zerschnittenen Fische noch zappeln und auf dem Holzblock umherspringen. Aber die Zutaten müssen eben total frisch sein. Und manche Fische sind zu gross, um sie lebend in einem Plastiktütchen mit Wasser nach Hause zu tragen.

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Dim Sum in Hong Kong

Hier gibt es ganze Strassenzüge, die auf bestimmte Arten von Restaurants spezialisiert sind; hier gibt es nur Fast Food, dort gibt es ein japanisches Restaurant neben dem anderen, in der nächsten Strasse drängen sich Italiener oder Franzosen, aber überall gibt es Restaurants, welche Dim Sum anbieten, die ganz grosse Spezialität von Hong Kong. Kleine Taschen oder Umschläge aus Weizen- oder Reisteig mit überaus delikaten Inhalten: Garnelen, Jakobsmuscheln, Fisch, alle nur erdenklichen Fleischsorten mit den unterschiedlichsten Gewürzen. Auch Vegetarier werden fündig. Daneben gibt es dann noch eine Art Minikuchen aus Rettich, aus Taro, aus Lotos, einfach aus allem, was sich zu einem halbwegs stabilen Teig formen lässt.

Und dann gibt es ja auch noch die Nachtmärkte mit ihren improvisierten Restaurants. Als ich zum allerersten Mal in Hong Kong war, wusste ich noch nicht viel über chinesisches Essen und sah auf dem Nachtmarkt in der Temple Street eine Garküche, die gebratene Wurst anbot. Natürlich war ich neugierig und bat um eine kleine Scheibe zum Kosten. Und die Wirtsleute waren hochbeglückt über das Interesse der gelbhaarigen, kartoffeläugigen Langnase und gaben mir gleich einen ganzen Teller voll Wurstscheiben. Fleisch (salamiartig), viel Knoblauch und Zucker! Die Höflichkeit hat leider erfordert, dass ich den Teller leer aß, hätte lieber ganz schnell wieder ausgespuckt, aber der Gesichtsverlust …

Garküche auf dem Nachtmarkt

Garküche auf dem Nachtmarkt

Etwas allerdings hat mir gar nicht gefallen, und zwar nicht nur in Hong Kong, sondern in allen international angehauchten chinesischen Städten: wenn man zum Essen in den besten Restaurants gerne einen frischen deutschen Riesling trinken möchte, dann kommt nur ein bedauerndes Schulterzucken seitens der Sommeliers und der Hinweis, es stünden hervorragende französische, amerikanische, australische, chilenische, usw., usw., Weissweine auf der Karte. Deutschen Weisswein könne man nicht trinken – das sei ja alles nur Zuckerwasser! Irgendetwas läuft hier sehr, sehr falsch mit dem Marketing …

Da wir schon in Hong Kong sind, weit im Süden des Landes, werfen wir vielleicht noch einen kurzen Blick auf Hainan, Chinas phantastische Badeinsel. Grossartige Strände, herrliches Wasser, wenig Betrieb (Chinesen kommen überwiegend zum Einkaufen nach Hainan, der Strand wird nur für ein kurzes Erinnerungsfoto – vorzugsweise in einem knallbunten Hawaii-Anzug! – genutzt), hervorragende Hotels mit ebenso hervorragenden Restaurants, und dann natürlich die Strassenrestaurants. Hier muss man Todesurteile fällen, denn in den Tanks schwimmt und krabbelt alles herum, was dann auf die Teller kommen soll – alles an Seafood, was man sich nur vorstellen kann und noch einiges, was man sich bis dato nicht hatte vorstellen können.

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Strassenrestaurant Sanya

Die Zubereitung ist einfach, an grossartig dekorierte Teller denkt hier kein Mensch, aber alles ist so frisch, dass man das auch gar nicht braucht.

Auch Guangzhou, früher Kanton, ist essenstechnisch hochinteressant. Ein Gang über den grossen Lebensmittelmarkt ist zwar für empfindsame Gemüter nicht wirklich zu empfehlen, denn dort gibt es nun tatsächlich die vielbeschworenen Hunde, die man essen soll (die haben übrigens keinerlei Ähnlichkeit mit unseren Hunden, sind ziemlich unbehaart und haben schön viel Muskelfleisch – die allermeisten Chinesen ziehen aber doch Hunde als Haustiere vor), hier werden auch Kleintiere, die man in China für essbar hält, ziemlich brutal geschlachtet, wenn der Käufer bezahlt hat. Und getrocknete Tausendfüssler, Skorpione und alles mögliche Getier, das ich nicht identifizieren konnte und wollte, wirken auch nicht auf jeden appetitanregend.

Lebesnmittelmarkt in Guangzhou

Lebensmittelmarkt in Guangzhou

Aber die kantonesische Küche ist hervorragend, wenn auch deutlich anders als das, was hierzulande in den Restaurants als kantonesisch angeboten wird. Bemerkenswert ist, dass es hier auch grosse Braten gibt, z.B. ganz hervorragende Spanferkel, Enten und Gänse vom Feinsten, denn eine der wenigen Gemeinsamkeiten, die sonst fast alle Regionalküchen verbinden, ist die Tatsache, dass alles klein zurechtgeschnitten und schnell zu garen ist, denn Brennstoff ist schon seit Jahrtausenden Mangelware in fast ganz China.

Am besten bleiben wir erst einmal an der Küste und fahren nach Norden, nach Shanghai. Hier hat man die Qual der Wahl – möchte man in Xintindi, dem eleganten Einkaufsviertel in schicken Restaurants schlemmen,

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Speisekarte in Xintindi

oder sucht man sich in der Altstadt ein kleines Lokal, in welches normalerweise nur Einheimische finden. Auch hier gibt es herrliche Sachen aus Meeresfrüchten und Fisch,

shanghaii Garnelen

Shanghai Garnelen

aber auch delikate Erfindungen aus allen nur erdenklichen Fleisch- und Gemüsesorten. Irgendwie wirkt hier alles, was man bestellt, eleganter, leichter als anderswo; vielleicht hängt das mit der Shanghaier Lebensart zusammen, denn auch die ist eleganter und wirkt fröhlicher und leichter als die in vielen anderen Teilen Chinas.

Nun könnte man ins Landesinnere vorstossen, vielleicht nach Guilin? Guilin, die Stadt am Li-Fluss mit seinen kegelförmigen Karstbergen, den Kormoranfischern und der herrlich grünen Landschaft, hat eine Spezialität zu bieten, die man anderswo nicht so leicht findet: Schlangen.

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Schlangenrestaurant in Guilin

Wenn man durch die Stadt geht, findet man in Bassins vor den Restaurants Schlangen aller Art, in den Getränkeläden findet man Schlangen in Schnaps eingelegt, in den Apotheken findet man Schlangen als Medizin. Ich war bis jetzt erst einmal in Guilin, und ich muss gestehen, dass ich sehr neugierig war, denn man sagte mir, dass Schlangen sehr gut schmecken können. Aber auf dem Weg in das Spezialitätenrestaurant musste man durch einen Vorraum, in welchem die lebenden Lebensmittelvorräte gehalten wurden, tja, und da wurde dann nichts aus meinem Schlangenessen, denn ich bringe es beim besten Willen nicht fertig, ein Lebewesen zu essen, das ich vorher persönlich kennengelernt habe. Auch der Geruch war nicht wirklich danach …

Gehen wir schnell nach Xi’an, ziemlich in der Mitte des Landes. Hier sind meine liebsten Delikatessen Jiaozi und Baozi. Beides sind Teigtaschen. Baozi erhält man im muslimischen Viertel von Xi’an. Sie sind ganz schön schwierig zu essen, denn sie sind nicht nur mit Lamm, Rind oder Hähnchen gefüllt, sondern auch mit kochendheißer Brühe! Man sollte unter keinen Umständen empfindliche Kleidung tragen, wenn man Baozi essen geht. Aber es lohnt sich gewaltig, dass man sich die Mühe macht und lernt, wie man diese Teigtaschen isst (mit Stäbchen!!!!) Sie sind unglaublich gut.

Baozi

Baozi

Ganz anders sind Jiaozi, die Urform der Dim Sum, die sich aber in Xi’an auch weiterentwickelt haben, wenn auch in ganz anderer Art und Weise. Im Stadtzentrum von Xi’an, nicht weit von den grossen Hotels, den Sehenswürdigkeiten und natürlich dem grossartigen Museum, gibt es Restaurants, die sich auf Jiaozi spezialisiert haben. Man mietet dort eine Chambre Séparée und veranstaltet mit einer Gruppe von Freunden ein Jiaozi-Bankett. Das ist fantastisch: Teigtaschen in den merkwürdigsten Formen – mal als Frosch, mal als Huhn, mal als Ente,

Jiaozi

Jiaozi

mal als Walnuss, mal als kleiner Fisch, mal als Blumenkörbchen getarnt; die Form steht immer im Zusammenhang mit der Füllung. Und die Geschmacksrichtungen wechseln sich immer ab. Denn wenn die Geschmacksnerven sich langweilen, wird man zu schnell satt. Übrigens kommt in China die Suppe immer zum Schluss, damit sie eventuell noch vorhandene letzte leere Winkel im Magen ausfüllen kann. Und deshalb kommt auch bei einem Jiaozi-Bankett zum Schluss ein prachtvoll verzierter Feuertopf auf den Tisch, und wenn die Brühe darin kocht, geht das Licht aus, und beim geheimnisvollen Licht der Flammen gibt eine Kellnerin eine Anzahl winzig kleiner, gefüllter Teigtaschen, nicht grösser als eine Erbse, hinein. Und wenn die Lampen wieder angehen, müssen die Bankett-Teilnehmer in dem grossen Topf die kleinen Jiaozi suchen – mit Stäbchen. Ausländern gibt man aber auch schon mal einen Löffel, oder eine der Kellnerinnen sucht für uns.

Die Suppe zum Schluss

Die Suppe zum Schluss

Es gibt hier allerdings auch die Möglichkeit, diese Spezialität in einem Theater zu kosten. Dort ist die Auswahl nicht so riesig, die Qualität sicher auch nicht ganz so überragend, aber dafür hat man Gelegenheit, Tänze und Musik aus der Tang-Zeit zu geniessen – auch etwas, das man unbedingt einmal gesehen haben muss. Die Tänze sind atemberaubend schön (die Tänzerinnen übrigens auch!), und die Musik der Tang-Zeit kommt unserer europäischen Klassik näher als irgendeine andere asiatische Musikform.

Tänze aus der Tang-Zeit

Tänze aus der Tang-Zeit

Hier im Landesinnern hat eigentlich jede Stadt irgendeine Spezialität, und die Kenner fahren nicht wieder aus einer Stadt hinaus, ohne kurz anzuhalten und sich diese Spezialität einzuverleiben. In Lanzhou sind es Nudelsuppen, in Wuhan ganz besonders delikate kleine Flusskrebse, gebratene Nudeln mit Erdnüssen, Chili und Frühlingszwiebeln und Lotossuppe mit verschiedenen Fleischeinlagen – mir gefiel sie mit dem gepökelten Schweinebauch am besten …

Irgendetwas Besonderes gibt es überall.

Zu Hochzeiten und Geburtstagen muss man sich übrigens mit ganz besonders langen Nudeln abarbeiten, denn die bedeuten „langes Leben“. Natürlich auch, wie könnte es anders sein mit viel Schnaps, ausgeschenkt vom Brautpaar.

Feuchtfröhliche ländliche Hochzeit

Feuchtfröhliche ländliche Hochzeit (in der Bildmitte die Autorin)

Von Wuhan aus machen wir vielleicht noch einen Abstecher tief ins Landesinnere hinein, nach Sichuan. Hier gibt es sicher die würzigste Küche Chinas, manches ist sogar sehr scharf. Und auf jeden Fall steht hier immer noch ein Schälchen mit Chilipaste, lajiao, damit man ein wenig nachbessern kann. Zu den Favoriten gehören hier Schweinefleisch und Süsswasserfische, Hähnchen und Gemüse, insbesondere eingelegte Gemüse, die ganz unterschiedliche Aromen aufweisen. Mein Lieblingsgericht sind hier die Dan-Dan-Nudeln, ganz einfach nur frische hausgemachte Nudeln, al dente gekocht und mit eingelegten Gemüsen, Sesam und etwas kräftiger Brühe, schmeckt viel besser als es klingt.

Eine kleine Zwischenbemerkung, da ich gerade die hausgemachten Nudeln erwähnt habe: wenn Sie einmal nach China kommen, suchen Sie unbedingt eine Gelegenheit, einem chinesischen Nudelkoch zuzuschauen, wenn er Nudeln macht – es ist ziemlich faszinierend, wie aus einem Teigklumpen zunächst eine Art Teiglappen entsteht, dann Teigstreifen und dann immer dünnere Streifen, bis die Nudeln richtig sind, es hat etwas von einem Ballett …

Nudelkoch

Nudelkoch

Aber ich denke, jetzt wird es Zeit, nach Beijing zu fahren, der Hauptstadt, denn überall unterwegs anzuhalten und zu beschreiben, was es an Besonderem gibt, würde mehrere Bücher füllen. Dabei gibt es so viel, worüber ich noch berichten könnte, z. B. die merkwürdige Gewohnheit der Chinesen, beim Vorbereiten des Fleisches oder der Fische nicht im mindesten auf Lage und Richtung von Knochen und Gräten zu achten. Oder über die ganz besonders guten Suppen, die man in Garküchen kleiner Dörfer erhält.

Garküche im Dorf

Garküche im Dorf

Oder über die Bauern, die erntefrisches Obst vom Karren für wenige Yuan verkaufen, oder über die kleinen Lokale in den kleinen Städten, in denen niemand mit einer Ausländerin rechnet und wo dann die Mannschaft total ausrastet und sich fast überschlägt in ihren Bemühungen, z. B. in Tongli:

Bestellen in Tongli

Bestellen in Tongli

Oder die eigenartigen Brötchen, die auf den ersten Blick wie Schinkenbrötchen wirken, bis man sieht, dass sie mit Erdbeeren belegt sind, eine etwas andere Form des Plagiats …

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Brötchen in Shanghai

Oder über die Küchen in den Dörfern …

Dorfküche

Dorfküche

Aber das wird zu lang, viel zu lang!

Also, Beijing. Reis und Reisnudeln spielen hier nur eine Nebenrolle. Hier wächst Weizen, und aus Weizen werden die verschiedensten Nudeln, Fladenbrote und Pfannkuchen gemacht, unter anderem die sogenannten Mandarin-Pfannkuchen als Begleitung für die zu Recht berühmte Pekingente. Einem Touristen, der eine Gruppenreise nach Peking mitmacht, würde ich dringend raten, sich einen Abend von der Gruppe freizunehmen und einmal Pekingente in einem der besseren Spezialitätenrestaurants zu kosten, dort, wo Touristen normalerweise nicht hingehen. Natürlich kriegt jede Reisegruppe in Beijing auch eine Pekingente, aber, naja, es gibt so‘ne und so’ne. Die mageren Vögel, welche man in den Touristenlokalen hastig aufschneidet, wirken doch etwas lieblos, nur so ein bisschen …

Pekingente mit Koch

Pekingente mit Koch

Ganz besonders schön finde ich nach Einbruch der Dunkelheit einen Bummel durch die Hutongs, die wenigen verbliebenen Altstadtgässchen, die sich um einen künstlichen See gruppieren. Dort, am Seeufer, gibt es Restaurants, in denen man herrlich sitzt, die Aussicht auf den See und die knallbunte Beleuchtung ringsherum geniesst, Bier aus der Flasche trinkt (es gibt richtig gutes Bier in China!) und Fische aus dem See geniesst. Jedenfalls sagen sie, die Fische seien aus dem See …

Am See in Beijing

Am See in Beijing; Hutongs Restaurants

Hutongs Restaurants

Nicht vergessen darf ich die Food Street, die erst abends so richtig loslegt: ein Stand am anderen, alle mit roten Lampions und warmer rötlicher Beleuchtung, in der auch die Stäbchen mit gebratenen Skorpionen noch irgendwie appetitlich wirken. Für ängstliche Gemüter wie mich gibt es aber auch Harmloses zu essen.

Food Street

Food Street

Übrigens, wieder einmal ein kurzer Hinweis auf ein Getränk: Chrysanthemen-Tee ist in der Gegend von Beijing besonders beliebt, und es ist auch spannend zu beobachten, wie der heisse Tee auf eine geschlossene Chrysanthemenblüte gegossen wird, die sich dann wie von Zauberhand öffnet. Und das schmeckt auch noch gut!

Chrysanthementee

Chrysanthementee

In Beijing sind wir ja nun schon recht weit im Norden, deshalb heisst es ja auch „Nördliche Hauptstadt“. Es wird Zeit, nach Westen zu fahren, in die Landesteile mit Wüsten und unendlichem Grasland. Was wird man wohl hier bevorzugt essen?

Grasland = Weideland, Hochebene = kalte Winter: also gibt es viele, viele Eintöpfe mit Hammelfleisch. Wohlgemerkt, nicht Lamm, sondern Hammel. In den ersten zwei oder drei Tagen schmeckt das ganz gut, vor allem, weil es ja sehr unterschiedliche Gemüse dazu gibt, und auch die Gewürze abwechslungsreich sind. Und wenn alle um so einen „Steampot“ herumsitzen und sich die Brocken herausfischen, die ihnen am begehrenswertesten erscheinen, macht das auch einen Riesenspass (der reichlich fließende Schnaps hilft auch!). Aber nach einigen Tagen schmeckt der Hammel dann doch immer deutlicher hervor, und ich war den mongolischen Gastgebern ziemlich dankbar, dass jedes Essen mit einer reichlichen Gabe an Hochprozentigem eingeleitet wurde.

Immer mit Schnaps in der Hand

Immer mit Schnaps in der Hand

(Übrigens: Mongolen dürfen in China eigentlich nicht mehr in Jurten wohnen, sie mussten in Betonhäuser umziehen – unpraktisch für Nomaden, oder? Aber die Jurten werden an Touris vermietet, sollen bei japanischen Hochzeitspaaren enorm beliebt sein!)

Jurten

Jurten

Naja, ich hatte jetzt genug Hammel und genug Schnaps und ziehe schnell noch einmal nach Yünnan, im Südwesten Chinas. Auch dort sind die „Steampots“ sehr beliebt, aber es gibt sie auch mit anderen Fleischeinlagen, klar bewiesen durch ein Erlebnis, das ich in Shangri-La hatte. Am Rande des Kessels ragte in schwärzliches Ästchen aus der Brühe. Ich war sehr neugierig, was das sein könnte, kam aber nicht dran. Also zog jemand es für mich heraus: es war eine Hühnerkralle, mit allem …

An dem Tag habe ich ausnahmsweise einmal nicht zugenommen …

Aber in Yünnan ist es besonders empfehlenswert, während der Pilzsaison unterwegs zu sein. Es gibt dort alle Pilze, die wir hier auch kennen und noch eine ganze Menge unbekannter Arten. Und Zubereitungsarten, auf die wir hier nie gekommen wären. Allerdings empfiehlt es sich nicht zu erwähnen, dass man Pilze gerne isst, wenn man dort länger unterwegs ist – dreimal täglich Pilze, da fleht man zum Schluss auf Knien darum, keine Pilze mehr essen zu dürfen!

Pilze in Yünnan

Pilze in Yünnan

Sollte ich Tibet mit in meine Beschreibung aufnehmen? Ist das politisch korrekt? Ach ja, ich war ja mit chinesischen Freunden dort und musste mit ziemlicher Brachialgewalt durchsetzen, dass ich tibetisches Essen kennenlernen durfte. Überraschend schmackhaft, fand ich. Hier hört man ja immer nur von Tee mit ranziger Yakbutter und einem undefinierbaren Brei namens Tsampa, aber auch da gibt es wohl ein gewisses Vorurteil, was noch aus den Zeiten der ganz frühen Reisenden (Prä-Kühlschrank) stammt. Selbst in Tibet trifft man auf Gourmets. Gut, der Tee ist echt gewöhnungsbedürftig, selbst wenn die Butter nicht ranzig ist. Aber das gilt ja schliesslich auch für Tee mit Milch, wie man ihn in England liebt. Aber Tsampa gibt es in unzähligen Variationen,

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Lhasa Tsampa

ebenso wie die sogenannten Momos; beide werden aus Hochgebirgsgetreidesorten, wie z.B. Gerste und Hirse, beide vorzugsweise als Vollkornmehl, hergestellt, Fleisch vom Yak, vom Schaf und von der Ziege wird sehr variantenreich zubereitet.

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Tibetische Speisekarte

Und auf Joghurt verwenden die Tibeter enorm viel Phantasie. Die Gemüse erinnern dagegen eher an chinesische Rezepte, ausser bei den Suppen, die sind hier eher sämig – meine beste Karottensuppe bisher habe ich definitiv in Lhasa gegessen.

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Tibetische Karottensuppe

Zum Schluss möchte ich noch etwas ausführlicher auf Getränke und Trinkgewohnheiten in China zurückkommen. Ich habe ja schon erwähnt, dass Kaffee gelegentlich ein Problem darstellt, nicht in den Großstädten, aber in den kleineren Orten, insbesondere im Nordwesten ist man schon manchmal froh, wenn es wenigstens Pulverkaffee westlicher Provenienz gibt.

Tee hingegen, nun, die Chinesen haben ihn schliesslich erfunden, und das merkt man auch. Eine unglaubliche Vielfalt an Tees – darüber könnte man eigentlich auch einmal schreiben, sogar als Kaffeetante, hm, … Und die chinesische Teezeremonie ist zwar anders als die japanische, aber durchaus ein Erlebnis.

Und damit kommen wir zum ganzen Rest: Limonaden? Bitte nicht, viel zu süss und oft von recht merkwürdigem Geschmack (das gilt übrigens auch für das, was man in China unter der Bezeichnung „Schweizer Schokolade“ herstellt. Brrrr.

Wein? Nun, es gibt recht ordentliche Rotweine. Es muss ja nicht gerade „Great Wall“ sein, aber ein paar kleinere Weingüter unter französischer Leitung produzieren Weine, die man mit den mittleren Qualitäten in Europa vergleichen könnte. Bei Weisswein müssen wir wohl noch ein wenig warten, der ist noch nicht so weit, dass man ihn trinken kann. Aber es gibt ja einen bekannten deutschen Grosshandelsmarkt, in dessen chinesischen Filialen man auch gute Rieslinge (Le Sling „Kommandant Le“ auf Chinesisch) findet.

Damit kommen wir zu den bevorzugten Getränken der Chinesen: Bier und Schnaps. Vor allem Schnaps. Obwohl das Bier besser schmeckt. Das wird aber vielerorts in Schnapsgläsern serviert. Der Schnaps dafür in Wassergläsern. Was will uns das sagen? Dass es ziemlich unmöglich ist, von einem Bankett (d.h. Geschäftsessen, Essen mit Freunden, essen mit irgendwem, wenn es mehr als drei oder vier Leute sind) auch nur annähernd nüchtern nach Hause zu kommen. Sogar, wenn man gar keinen Schnaps mag. Das liegt am „Ganbei“, was nicht, wie ich früher einmal glaubte, „prost“ heisst, sondern „bottoms up“ (also ex!) Bei jedem Ganbei muss man aufstehen, allen tief in die Augen sehen, sein Glas erst erheben und dann in einem Zug leer trinken. Und jeder Teilnehmer muss mindestens ein Ganbei ausbringen, mindestens! Und wenn einer dabei ist, der das gerne öfter tut, müssen immer alle in der Runde der Reihe nach contra geben.

Aber das Essen ist wirklich sehr gut in China …

Ausser natürlich, wenn man auf einen SEHR verspäteten Flug wartet. Dann bekommt man das hier:

Das bekommt man, wenn der Flug mehr als 4 Stunden Verspätung hat

Das bekommt man, wenn der Flug mehr als vier Stunden Verspätung hat

– weitere Artikel von Ingrid Malhotra –


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