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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Natalie Goller: „Der Orte reine Seele“

Es geht ein paar Stufen hinab, in die Frankfurter Galerie DAS BILDERHAUS. Ein schwarz lackiertes Klavier harrt in einem der Räume der Hände eines Spielkundigen. Kleine gepolsterte Bänke laden zu gesprächigem Verweilen ein. Eine Galerieküche wartet zur Vernissage fast familiär mit allerlei Freundlichkeiten und natürlich Wein auf, rotem und weissem, versteht sich. Eine Atmosphäre, die neben einem treuen und zuweilen neuen Publikum auch Künstler anzieht, selbst wenn sie gerade nicht dort ausstellen.

Aber nicht allein deshalb haben wir uns zum BILDERHAUS begeben. Sondern ganz und gar wegen der Malerei von Natalie Goller.

Eine Weile überlegen wir, indem wir durch die Räume gehen, und wir kommen zu dem Schluss, dass eben diese Räume diese Malerei in einer bestimmten Weise umfangen, vielleicht sogar umsorgen.

Brückenstrasse, 2008, Öl auf Leinwand, 100 x 100 cm

Natalie Gollers Arbeiten treten leise auf, nach geglückter Hängung in der Galerie strahlen sie ruhig und verhalten in den Raum hinein aus. Sie wollen nicht, Effekt haschend, aufmerksam auf sich machen, sondern wahrgenommen werden. Wie überhaupt eigentliche Schönheit passiv und nicht aggressiv ist. Auf den ersten Blick erschliesst sich, dass Architekturen den Motiven zugrunde liegen, Statisches also, jedenfalls zunächst. Wie also verhält es sich nun, wenn Malerei sich mit architektonischen Elementen befasst? Ob es helfen mag, sich mit dem auseinanderzusetzen, was Architektur ist oder sein kann? Für die allermeisten ein Produkt allein von Menschenverstand und Menschenhand, wir aber sind skeptisch gegenüber allzu viel Anthropozentrismus. Denn warum sollten Bienenstöcke, Ameisenhügel oder Termitenbauten keine architektonischen Leistungen sein? Und sind Natalie Gollers Architekturen nur rein zufällig fast gänzlich menschenleer?

Und immer kommen die alten Fragen, was Malerei soll, will oder kann: das die Künstlerin umgebende Sein reflektieren, oder die eigene künstlerische Befindlichkeit und Existenz, oder das Materielle wie Immaterielle der Malerei selbst?

Ecke Schulstrasse, 2008, Öl auf Leinwand, 100 x 100 cm

Vertraute Sujets zunächst, Frankfurt-Sachsenhausen, Brückenstrasse, Schulstrasse: Die Fassaden scheinen bei aller „Heimatlichkeit“ unwirtlich, teilweise gefliest, um einiges heruntergekommen, morbide, allein die Korbmarkisen, hier ein blasses Grau-Beige, dort ein verwittertes Weinrot, zeugen von menschlicher Anwesenheit. Oder eine Hotelreklame in trostloser Umgebung, hinter einer hässlichen Mauer, der Bogen spannt sich weit, wohl ins argentinische Iguazu, hier jedoch im Vordergrund ein freundliches, fast lächelndes menschliches Antlitz, ein Hauch von mattroten Blüten kommt hinzu, unter einem unklar-trüben Himmel. Sind das Orte, sind es Un-Orte?

Erinnern wir uns an den Ausstellungstitel „Der Orte reine Seele“. Wir werden darauf zurückkommen.

Iguazu, 2010, Öl auf Leinwand, 100 x 120 cm

Morbidität, und doch sind Mauern strukturiert, weisen Fenster hin zum Licht.

Durchbrüche (links), Innenraum Russland (rechts), jeweils 2008, Öl/Collage auf Leinwand, 120 x 40 cm

Ein grosses Fenster öffnet sich in unwirtlicher, un-örtlicher Umgebung. Aber nur knapp zur Hälfte begrenzt eine Mauer den Blick, der frei nach oben schweifen kann. Rechts neben dem verwitternden Fenstergesims eine menschliche Gestalt, unsere Fantasie kleidet sie ein mit einem Vollbart, einer turbanähnlichen Kopfbedeckung, einem gestreiften Wams, einem Paar über die Schultern laufender Träger. Ein kleiner Mensch neben einem riesigen Fenster. Es ist die jüngste Arbeit der Künstlerin, noch ein wenig feucht war das Öl, als das Bild das Licht der Galerie erblickte. Führt es in eine andere, eine neue Welt?

Ein gutes Bild ist, so lautet eine Weisheit, wenn es mehr Fragen stellt als Antworten gibt.

Fenster, 2013, Öl auf Leinwand, 120 x 100 cm

Auf einem Mal lichtet sich das Dunkle der bislang vorwiegend im Braunen und Grauen getönten Palette, der Raum öffnet sich weit und die Farbe Rot drängt signifikant auf die Leinwand: eine Sicht auf die Frankfurter S-Bahn-Station Ostendstrasse. Linien stürmen in fast barocker Wucht und Entfaltung empor, Menschen gleiten die Rolltreppe nach oben, der Hochhauskulisse entgegen.

Ostend, 2013, Öl auf Leinwand, 120 x 100 cm

Wir scheinen an einem Wendepunkt angelangt. Und entsprechend wenden wir uns einer erweiterten Technik wie anderen Formaten der Künstlerin zu.

Neben ihren mittelformatigen Tafelbildern erkundet Natalie Goller mit kleinformatigen Arbeiten – sie messen 30 x 30 oder 30 x 40 cm – den Raum: Sie appliziert die bemalte Leinwand auf Holzkästen, in Tischlerqualität verzinkt. Im Idealfall sollten sie bündig an die Wand gehängt werden. Die Technik erinnert ein wenig an das alte Guckkastenbild, das sie ironisch zu kommentieren scheint, indem sie die Darstellung umgekehrt ausserhalb des Kastens auf dessen Rückseite aufbringt.

Zwei Arbeiten aus der Berlin-Reihe, 2012, jeweils Öl auf Leinwand auf Holzkästen, 30 x 30 cm

Hangar (links), Tempelhof2 (rechts) aus der Berlin-Reihe, 2012, jeweils Öl auf Leinwand auf Holzkästen, 30 x 30 cm

Natalie Goller, die sich selbst als ruhelos beschreibt, reist viel, im Inland wie im Ausland. Sie fotografiert dabei Szenen aus städtischen Agglomerationen, „die weltweite architektonische Verwüstung und Entstellung der Metropolen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg“. Dabei geht es ihr nicht so sehr um Dokumentation oder gesellschaftliche Kritik noch gar um Ruinenromantik. Es geht vielmehr um die Umsetzung des Gesehenen – und Gesuchten – mittels künstlerischer Fantasie und Gestaltungskraft in Malerei: „ihre Malerei“. Scheint es in Gollers Bildern zunächst noch eine Anlehnung an fotografisch festgehaltene architektonische Strukturen zu geben, so löst sich die Malerin in ihren neueren Arbeiten mehr und mehr von diesen zugunsten einer stärkeren Abstraktion und künstlerischen Freizügigkeit, bei aller kompositorischen Strenge und Disziplin und ohne figurative Elemente gänzlich aufzugeben. Das Räumliche, Architektonische wandelt sich zum bildtragenden „Guck-„Kasten. Eine zunehmende Rolle spielt dabei, bei aller seidenmatten Verhaltenheit, das Licht, in das sich die Strukturen mehr und mehr aufzulösen scheinen, und auch die – eine gewisse frühere Melancholie verlassende – neuere Farbigkeit.

Und so werden wir sie in den Arbeiten Natalie Gollers, wenn wir nur recht hinschauen, hier wie dort erkennen: „Der Orte reine Seele“.

Köln (links), Ring (rechts), jeweils 2011, Öl auf Leinwand auf Holzkästen, 30 x 30 cm

Natalie Goller, 1972 in Ludwigsburg geboren, studierte, nach einer Ausbildung zur Grafik-Designerin an der Stuttgarter Johannes-Gutenberg-Schule, von 1994 bis 2002 freie Malerei an der Akademie der bildenden Künste in Stuttgart bei Professor Moritz Baumgartl und Professorin Cordula Güdemann. Seit 2002 lebt und arbeitet sie in Frankfurt am Main. Die Künstlerin ist in Frankfurt und Umgebung, wie auch in Baden-Württemberg, durch zahlreiche Ausstellungen bekannt.

Hattersheim, 2011, Öl auf Leinwand auf Holzkasten, 30 x 30 cm

Natalie Goller, „Der Orte reine Seele“, Galerie DAS BILDERHAUS, bis 17. Mai 2013

(abgebildete Werke © Natalie Goller; Fotos: die Künstlerin und FeuilletonFrankfurt)

 

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