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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Elisabeth-Norgall-Preis 2013 des International Women’s Club an Cornelia Fischer

Familia Amurtel – ein Kinderheim im rumänischen Panatau

Von Renate Feyerbacher

Cornelia Fischer, Trägerin des Elisabeth-Norgall-Preises 2013 des International Women‘s Club of Frankfurt (IWC); Foto: Renate Feyerbacher

Es war keine rationale, sondern eine Bauchentscheidung“, erzählte Cornelia Fischer, als sie am 13. März 2013 den mit 6.000 Euro dotierten Elisabeth-Norgall-Preis des International Women‘s Club of Frankfurt (IWC) für ihr seit mehr als 20 Jahren währendes Engagement im rumänischen Kinderheim Panatau entgegennahm.

Damals hatte die Schweizerin eine Asien-Rucksack-Reise unternommen und bekam Kontakt mit der Hilfsorganisation Amurt, die sich weltweit um Strassenkinder kümmert.

Es waren die verlassenen Kinder in den rumänischen Kinderheimen, um deren willen die gelernte Krankenschwester spontan ihre Schweizer Heimat verliess und seitdem in Panatau lebt, einem abgelegenen Dorf fast 150 Kilometer und gute vier Auto-Stunden von Bukarest entfernt. Ab 1991 leitete sie den Aufbau des Kinderheims von Amurtel. 1995 zogen die ersten ein: Kinder aus ungewollten Schwangerschaften, aus Kliniken und Heimen zurückgelassene Kinder. 22 waren es anfangs, die aufgenommen wurden.

Ankunft der Kinder und Eröffnungsfeier; Foto: © Kinderheim Amurtel Panatau/Cornelia Fischer

Zur Erinnerung: Die Bilder von notleidenden, abgemagerten, sterbenden Kindern in rumänischen Kinderheimen nach dem Sturz des Diktators Nicolae Ceaușescu (1918 bis 1989) sind heute noch präsent. 1990 wurden etwa 140.000 vernachlässigte Kinder in Kinderheimen und 100.000 Strassenkinder in Rumänien geschätzt. Die Familienpolitik des Herrschers, der per Dekret Verhütungsmittel und Schwangerschaftsabbruch verbot und unter Strafe stellte, wollte die Einwohnerzahl des rumänischen Volkes steigern. Tausende Frauen starben bei illegalen Abbrüchen. Die Familien konnten die vielen Kinder nicht ernähren.

Zum ersten Mal spürten die 22 Kinder, die aufgenommen wurden, Liebe und Geborgenheit. Diese Kinder sind noch heute traumatisiert, einige sind lerngestört. Alle sehnen sich nach Zärtlichkeit.

Foto: © Kinderheim Amurtel Panatau/Cornelia Fischer

Auch Cornelia Fischers Team ist schon seit der Gründung des Heimes dabei: eine Erzieherin, Lehrerin, Köchin, Buchhalterin/Sekretärin, Raumpflegerin/Wäscherin sowie ein Mechaniker/Chauffeur/Melker in einer Person; ferner ein Psychologe der zweimal die Woche kommt. Sie alle versuchen, diesen Jugendlichen beziehungsweise jungen Erwachsenen beizubringen, wie sie ihr Leben trotz dieser seelischen und körperlichen Blessuren meistern können. Themen sind das Zusammenleben mit den Mitbewohnern, das Lösen von Konflikten, die Selbstmotivierung, das Erlernen von Selbstvertrauen, der Umgang mit Freizeit und Geld, Ordnung, Sauberkeit, Pünktlichkeit und vieles mehr.

Foto: © Kinderheim Amurtel Panatau/Cornelia Fischer

Zur Zeit leben noch dreizehn Jugendliche im Alter von 14 bis 22 Jahren im Heim. Andere bezogen inzwischen eine Wohnung in Bukarest und haben einen Arbeitsplatz. Es ist jedoch nicht einfach, den Übergang in ein selbständiges Leben zu meistern, nicht einfach, selbstständiges Wohnen und Sich-Versorgen zu realisieren. Jederzeit können sie daher nach Panatau zurückkehren. Sie kommen dann in der Aussenwohngruppe Bucor Obor unter, einem eigenen Projekt des Heims, das leichtere, individuell angepasste Arbeitsplätze anbietet. Dort ist ein ständiges Kommen und Gehen. Aber es gibt in jedem Fall immer wieder kleinere Erfolge.

Cornelia Fischer erzählt, einem Jungen falle es schwer aufzustehen, wenn es regnet; dadurch verpasse er manchmal die Berufsschule. Da müsse ihm ein Lernschritt vermittelt werden. Oder ein anderer Junge habe keine Kontakte nach draussen. Nie gehe er aus, weil er seine ganze Kraft auf die Arbeitsstelle fokussieren müsse. Da müsse an der Beziehungsstörung gearbeitet werden. Wieder ein anderer sei oft bis in die Morgenstunden unterwegs und dabei bereits überfallen worden; die Grossstadt überfordere ihn. Elena gehe auf das Gymnasium und nehme dafür einen Schulweg von einer Stunde in Kauf. Auch die Schulaufgabenhilfe gehöre zum täglichen Angebot. Das veraltete rumänische Schulsystem, das sich nun langsam verändere, sei bisher lediglich auf das Auswendiglernen festgelegt.

Das Heim beherbergt eine grosse Familie, zu der auch zwei geistig Behinderte gehören: in der gelernt werden muss, häusliche Pflichten wie die tägliche Küchenarbeit und das Putzen, Aufräumen und manches andere zu übernehmen.

Foto: © Kinderheim Amurtel Panatau/Cornelia Fischer

Zum Heim gehört ein Stück Landwirtschaft für den Eigenbedarf mit Apfel- und Pflaumenbäumen. Die Früchte werden nach der Ernte eingekocht oder auch verkauft. Und im kleinen Sommerhaus in Poieni gibt es seit diesem Jahr eine Gemüsegärtnerei, deren Ertrag wöchentlich nach Bukarest an Einzelbezieher geliefert wird.

Foto: © Kinderheim Amurtel Panatau/Cornelia Fischer

Schliesslich erhalten 45 Schülerinnen und Schüler aus armen Familien der Grossgemeinde Panatau, die aus neun Dörfern besteht, im Schülerhort eine warme Mahlzeit.

Es gibt also viel zu tun.

Heimleiterin Cornelia Fischer wird vom Verein Kinderheim Panatau mit Sitz im schweizerischen Erlenbach finanziell unterstützt. Deshalb wird sie einige neue Projekte in Angriff nehmen können, zum Beispiel werden im Heim demnächst auch volljährige Mädchen auf die Anforderungen der Arbeitswelt vorbereitet.

Ein weiteres Projekt ist der Bau der Touristen-Pension „Pensuine Valea Lupului“. Bald können Interessenten dort in einer wunderschönen Landschaft mit Wäldern, in denen noch Wölfe und Bären leben, ihren Urlaub verbringen. Die Erlöse aus dem Pensionsbetrieb kommen dem gemeinnützigen Zweck zugute. Gymnasiastin Elena hat sich schon als Aushilfs-Managerin für das Haus beworben, und auch andere Bewohner des Heimes hoffen dort auf einen Arbeitsplatz.

Die bald fertiggestellte Touristenpension; Foto: © Kinderheim Amurtel Panatau/Cornelia Fischer

Alles in allem: Gratulation an Cornelia Fischer, die verlassenen Kindern eine Zukunft bot und bietet und zeigt, was Eigeninitiative bewirken kann. Sie hat nicht nur eine Oase der Menschlichkeit geschaffen, sondern auch eine, die Arbeitsplätze bietet und den Menschen hilft, sich selbst zu verwirklichen.

Schweizer Konsul Urs Schnider, Annette Haag, IWC-Präsidentin, Preisträgerin Cornelia Fischer, Sigrid Volk, Vorsitzende des Norgall-Komitees, und Stadträtin Renate Sterzel; Foto: Renate Feyerbacher

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