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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Corinna Mayer und Lionel Röhrscheid in der Frankfurter Oberfinanzdirektion

Das Künstlerpaar sendet „Grüsse aus Lascaux“

Ob Corinna Mayer und Lionel Röhrscheid in Lascaux waren, gar in der dortigen Höhle mit den weltweit unvergleichlichen jungsteinzeitlichen Höhlenmalereien – wir wissen es nicht. Immerhin lassen die beiden aus diesem Ort grüssen. Worüber noch nachzudenken wäre. Gewiss aber ist: Das Künstlerpaar stellt derzeit im Eingangsbereich sowie im Foyer, Saal und Kabinett der Oberfinanzdirektion Frankfurt am Main aus, die am Standort „Zum Gottschalkhof“ in Sachsenhausen die seit langen Jahren gepflegte Tradition fortsetzt, junge (und auch nicht mehr ganz so junge) Positionen vorwiegend heimischer Künstlerinnen und Künstler zu präsentieren.

↑  Lionel Röhrscheid, Ohne Titel, 2011, Öl auf Nessel, 70 x 60 cm
↓  Corinna Mayer, Bootsfahrt, 2012, Öl auf Holz, 100 x 100 cm

Ein Künstlerpaar: Das ist nicht ohne Risiko. Jeder der beiden verkörpert in seinen Arbeiten seine künstlerische Individualität. Der eine mag die Öffentlichkeit vielleicht suchen, der andere eher meiden. Der eine hat „am Markt“ Erfolg, der andere vielleicht weniger. Man wird sich mitunter streiten, so wie man miteinander zu beiderlei Vorteil und Weiterentwicklung diskutieren wird. Man wird sich schätzen und lieben und vielleicht auch manchmal hassen. Im glücklichen Falle wird man einander ergänzen, im Leben wie im künstlerischen Werk.

Letzteres möchten wir annehmen: bei Corinna Mayer und Lionel Röhrscheid, die gemäss Ausstellungstitel aus der Höhle grüssen. Vielleicht haben sie ja dort Platons Höhlengleichnis nachgestellt; sich in der – gedanklichen – Abgeschiedenheit einer steinzeitlichen Höhle auf eine Selbsterforschungsreise begeben, miteinander gerungen und sich am Ende jeweils des Richtigen vergewissert. Herausgekommen ist dabei eine bemerkenswerte, ja einzigartige Gemeinschaftsausstellung.

← Lionel Röhrscheid, Ohne Titel, 2012, Öl auf Nessel, 70 x 60 cm;
→ Corinna Mayer, Festhalten, 2012, Öl auf Holz, 50 x 49 cm

Künstlerin und Künstler in der Vernissage

Das Künstlerpaar: Er 1966, sie 1969 geboren. Beide absolvierten die Städelschule, beide als Meisterschüler von Professor Hermann Nitsch. Und doch: Gegensätzlicher könnte das Werk der beiden nicht sein, so könnte man auf den ersten Blick vermuten. Man sollte genauer hinschauen. Begegnen sich nicht, in beiderlei Sinne des Wortes, Corinna Mayers figurative, in vielem altmeisterlich anmutende und Lionel Röhrscheids meditative, „transfigurative“ (wie der Künstler sagt) Malerei in einem tieferen Miteinander?

↑  Lionel Röhrscheid, Ohne Titel, 2013, Schnitzerei in Pappelsperrholz / Acryl, 70 x 60 cm
↓  Corinna Mayer, Reiten, 2012, Öl auf Nessel, 140 x 170 cm

↑  Lionel Röhrscheid, Ohne Titel, 2011, Öl auf Nessel, 140 x 100 cm
↓  Corinna Mayer, Prima Vera, 2012, Öl auf Nessel, 60 x 80 cm

Über Corinna Mayer an dieser Stelle Näheres auszuführen, hiesse Eulen nach Athen zu tragen; wir erlauben uns, auf unsere Darstellungen  „Corinna Mayer – Wandmalereien oder: Die Frucht vom Baum der Erkenntnis“ sowie das Porträt „Corinna Mayer“ zurück zu kommen.

Lionel Röhrscheid, geboren in Madison/Wisconsin, getauft in „San Pietro in Vaticano“,  haben wir mit einer ungewöhnlich monumentalen – und dennoch für ihn typischen – Arbeit „draussen vor der Tür“ vorgestellt. Seinen Gemälden sind wir in der Frankfurter Ausstellungsszene schon oft begegnet, die kleine, feine Galerie Appel führt ihn als einen ihrer Künstler.

Was nun ist das für eine Malerei? „Transfigurativ“ nennt Lionel Röhrscheid sie, wir vergewissern uns der Vorsicht halber noch einmal, dass unter dem Begriff „Transfiguration“ die „Verklärung des Herrn“ verstanden wird, wie sie die drei synoptischen Evangelisten beschreiben: „Und da er [Jesus] betete, ward die Gestalt seines Angesichts anders, und sein Kleid ward weiss und glänzte“ (Lukas); „und er verklärte sich vor ihnen [Petrus, Jakobus, Johannes]. Und seine Kleider wurden hell und sehr weiss wie der Schnee“ (Markus); „und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiss wie ein Licht“ (Matthäus). Unter Transfiguration wird aber auch ein Offenbarungsgeschehen in einem allgemeineren Sinne verstanden, eine Erscheinung, eine Erleuchtung, wie sie auch nichtchristliche Religionen in Anspruch nehmen.

In der Tat sind Röhrscheids Bilder – und auch seine Holzobjekte – von einem eigenartigen, ungewöhnlichen Licht erfüllt, dessen mögliche Herkunft den Betrachter in einige Irritationen zu versetzen vermag. Je länger man sie anschaut, umso „immaterieller“ können sie uns erscheinen. Sie werden zu weichen, wolkenartigen, auf geheimnisvolle Weise beschienenen Flächen und zugleich zu einer gewebeartigen, von Vertiefungen gezeichneten Struktur. Alles scheint mit allem verknüpft. Mit diesen, dem Betrachter eine Dreidimensionalität suggerierenden Vertiefungen assoziieren wir – mit den Mitteln der Malerei sichtbar gemachte – Gravitationsfelder, Räume von energetischer Kraft und Substanz, die bei langem Hinschauen zudem in eine Art „immaterielle“ Bewegung zu geraten scheinen.

Neben der Fläche und dem Raum setzt sich Röhrscheid in seiner akribischen Malerei und Schnitzerei zugleich mit dem Phänomen der fliessenden, vergehenden und doch immer wieder aus Urgründen neu entstehenden Zeit auseinander, als „ewige Wiederkehr des immer Anderen“, wie er einmal sagte. Wieviel an Lebenszeit mag vergehen, wenn er aus einer Holzplatte hunderte von annähernd gleichgrossen, kreisförmigen Vertiefungen herausarbeitet oder solche mit Pinsel und Ölfarbe perfekt illusionistisch auf die Leinwand bringt. Geduld, Disziplin, Konzentration, Verzicht, Askese, Versenkung, Hingabe – kurz: Meditation. Und Liebe. Nichts Geringeres als dies alles scheint uns in Röhrscheids Kunst vereint zu sein.

↑  Lionel Röhrscheid, Ohne Titel, 2009, Öl auf Nessel, 210 x 140 cm
↓  Corinna Mayer, Unterwegs, 2013, Öl auf Nessel, 90 x 110 cm

↑  Lionel Röhrscheid, Ohne Titel, 2009, Öl auf Nessel, 70 x 60 cm
↓  Corinna Mayer, Rudern, 2013, Öl auf Nessel, 100 x 80 cm

Transfiguration und Liebe – letztere spricht uns besonders auch aus den Menschenbildern Corinna Mayers an. Die Arbeiten der Künstlerin und des Künstlers kommunizieren und wechselwirken miteinander. Nur wenige Bilder Corinna Mayers weichen von ihrer bekannten, von einem dominanten Rot und Blau regierten, um ein tiefes Schwarz ergänzten Palette ab. Ein demgegenüber sanftes, verhaltenes, mitunter oszillierend-diffuses Rot oder Blau bestimmt jeweils auch die Mehrzahl der Leinwände Lionel Röhrscheids, mag sein auf ähnlicher farbpsychologischer Basis. Unbeschadet der – auf die in vier recht unterschiedlichen Präsentationsräumlichkeiten verteilten – Hängung kann ein Betrachter individuell zu „seinen“ Paarungen gelangen.

Eine rundum gelungene, sehr sehenswerte Ausstellung. Für einen Besuch sollte dem Vormittag oder frühen Nachmittag der Vorzug gegeben werden; bei Sonnenschein am späten Nachmittag lagert ein orangeroter, Zero Reiko Ishiharas wunderbarer Fensterarbeit geschuldeter Schatten auf Wand und Kunstwerken des langen Ausstellungsflurs.

↑  Lionel Röhrscheid, Ohne Titel, 2008, Öl auf Nessel, 160 x 120 cm
↓  Corinna Mayer, Drei Grazien, 2012, Öl auf Pressspan, 124 x 124 cm

„Grüsse aus Lascaux“, Oberfinanzdirektion Frankfurt am Main, bis 10. Mai 2013

Abgebildete Werke © Corinna Mayer bzw. Lionel Röhrscheid; Fotos: FeuilletonFrankfurt und Corinna Mayer

 

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