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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Yoko Ono in der SCHIRN Kunsthalle Frankfurt

YOKO ONO. HALF- A- WIND SHOW.
EINE RETROSPEKTIVE

Von Erhard Metz

Im Scheinwerferlicht: SCHIRN-, Städel Museum- und Liebieghaus-
De facto-Generaldirektor Max Hollein

… und mit der Meisterin

„Yoko Ono ist eine besondere, ja geradezu mythische Figur nicht nur in der Kunstszene, sondern auch in der Musik, der Friedensbewegung und dem Feminismus. Jeder kennt und erkennt sie, doch die wenigsten wissen genau, welches hervorragende künstlerische Werk sie geschaffen hat. Yoko Onos 80. Geburtstag bietet uns nun den idealen Anlass, dies zu ändern“ freut sich SCHIRN-Direktor Max Hollein.

Schon John Lennon hatte seine Künstlerin-Ehefrau 1971 anlässlich ihrer ersten Museumsausstellung als „berühmteste unbekannte Künstlerin“ bezeichnet.

Und Ingrid Pfeiffer, die Kuratorin der Ausstellung, erläutert: „Ein Werk, das häufig zur Immaterialität neigt, dessen Material weniger aus Objekten und Installationen, sondern in grossen Teilen aus Ideen und Texten besteht, ist nicht leicht zu präsentieren. Umso mehr freut es mich, dass es uns in enger Zusammenarbeit mit Yoko Ono und ihrem Kurator Jon Hendricks gelungen ist, die prägnanten Themen und inhaltlichen Leitmotive dieser einzigartigen Künstlerin in der SCHIRN Kunsthalle vollständig erlebbar zu machen.“

Zunächst nehmen uns in der SCHIRN-Rotunde Yoko Onos „Morgenstrahlen“ in Empfang: wie aus einer kleinen fernen Energiequelle ausbrechend breiten sie sich im Rund aus, über einen aus Flusskieselsteinen symbolisch dargestellten Bachlauf, den die Künstlerin am Vormittag der Pressekonferenz in tänzerischem Gestus überquert.

Morning Beams / Riverbed, 1996/1997/2012, Nylonseile, Steine

Die Präsentation in der SCHIRN Kunsthalle zeigt sodann rund 200, meist unmittelbar die sinnliche Wahrnehmung anregende Exponate, in Gestalt von Objekten und Installationen wie auch von Musikstücken, Fotografien, Zeichnungen oder der berühmten Textarbeiten der Künstlerin. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf ihrem künstlerischen Schaffen in den 1960er und 1970er Jahren sowie auf Installationen aus jüngerer Zeit. In einigen dieser Installationen fordert die Künstlerin das Publikum auf ebenso gesellschaftskritische wie homorvolle Art zur unmittelbaren Interaktion mit ihren Arbeiten, sprich: zum Mitmachen und Mitgestalten auf. Das museale Prinzip „nicht berühren“ wird aufgebrochen. Und Yoko Ono interpretiert zugleich Joseph Beuys‘ Credo „Jeder Mensch ist ein Künstler“ auf ihre eigene, besondere Weise.

Aufgewachsen in Japan und in den USA war Yoko Ono, lange bevor sie gemeinsam mit John Lennon zu einer Ikone der Pop-Kultur und der Friedensbewegung wurde, eine Wegbereiterin damals noch kaum verbreiteter künstlerischer Medien wie Film und Performance oder der Konzeptkunst, und sie nahm nicht nur teil an der Fluxus-Bewegung, sondern gehörte zu deren Protagonistinnen. Gleiches gilt für ihr Œuvre im Bereich der musikalischen Avantgarde. Und schon früh befasste sie sich mit der gesellschaftlichen und politischen Rolle der Frau. Ihr Einfluss sowohl auf nachfolgende Generationen von Künstlerinnen und Künstlern als auch auf die Frauen- und Feminismusbewegung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Balance Piece, 1997/2010, Möbel, Küchenutensilien, falscher Magnet; Privatsammlung

Das Leben in eine Balance bringen bzw. zurückbringen, Gegensätze ausgleichen: In „Balance Piece“ ziehen energetische Kräfte, symbolisiert durch einen grossen Hufeisenmagneten, die Gegenstände des Raumes nach links. „This will be a good balance for your mind which is going to the right a little in time“ schreibt Yoko Ono 1958 in einer ihrer „Instructions“. Faszinierend der Einsatz von Schwarz und Weiss!

Eine weitere Schlüsselarbeit, „Half-a-Room“: Von den Gegenständen ist jeweils nur die Hälfte ausgeführt, von Paaren fehlt eines der zueinandergehörigen Teile; Aufgabe des Betrachters ist es, sei es durch irgendwelche Handlungen oder rein in Gedanken, die andere Hälfte „hinzuzufügen“, also das von der Künstlerin Begonnene zu vervollständigen, es erst zu einem vollständigen Ganzen zu machen. Will sagen: Der Mensch ist der „Balance“, der „Ganzheit“ verlustig gegangen, doch bleibt die Sehnsucht nach der „Vollkommenheit“.

Half-a-Room, 1967, Möbel und weitere in Hälften geteilte Objekte, weiss bemalt, Privatsammlung

Corner painting, ca. 1966 – 1971, Leinwand auf Holz mit vergoldetem Rahmen, Privatsammlung; Chair painting, Holzstuhl, Leinwand, vergoldeter Rahmen, Collection of Barbara Goldfarb

Lion Wrapping Event, Trafalgar Square, London, 3. August 1967; Fotos: Nigel Hartnugs; Konzept: Sammlung der Künstlerin

Eine begeh- und ertastbare, individuell wie auch kollektiv ergründbare Arbeit: Man zieht die Schuhe aus und begibt sich in die schmalen Gänge eines Irrgartens aus Plexiglas. Man muss sich vorsichtig darin bewegen, tut gut daran, den Weg oder Nicht-Weg mit den Fingerspitzen vorab zu ertasten, um eine schmerzhafte Begegnung von Nase oder Stirn mit der „unsichtbaren“ Wand zu vermeiden. Das aussen stehende Publikum nimmt teil an der tastenden Suche nach dem Ziel.

Ein Tisch, zwei Stühle, alles weiss lackiert, dazu ein Schachspiel mit lediglich weissen Feldern und weissen Figuren. Das Publikum ist eingeladen zum höchste Konzentration erfordernden Spiel.

Beide Arbeiten verlangen vom Betrachter Präsenz und aktive Handlung, den Einsatz seiner Sinne, seines Verstandes und seines Körpers.

Telephone in Maze, 1971/2011/1913, Plexiglas, Metall, Holz, Telefon, Privatsammlung

Besucherin beim Vexier-Gang im gläsernen Irrgarten

… und Besucher beim schwierigen Spiel.

„White Chess Set“, 1966/2013, Tisch, zwei Stühle, Schachspiel aus weiss bemaltem Holz, Ausstellungskopie, Konzept: Sammlung der Künstlerin

Das Mitdenken des Publikums fordern auch die Arbeiten „Four Spoons“ und „Three Spoons“: Wo ist der fehlende vierte Löffel, warum fehlt er, was hat es mit ihm auf sich? Was geschieht mit dem vierten, überzähligen Löffel im Kasten aus Plexiglas, in dem doch eigentlich nur drei hätten sein sollen?

Es sind zum Teil konkret ausführbare, zum Teil utopische Aktionen, die dem Betrachter angesonnen werden, dies alles in betont ruhigen, „schönen“, oft  poetisch bzw. poesievoll anmutenden Objekten und Installationen. Allem liegt eine Philosophie des Ausgleichs der Gegensätze zugrunde, der Wunsch nach Vereinigung, die Suche nach dem idealen Zustand der Dinge, innerhalb der menschlichen Gesellschaft, im Verhältnis zwischen Mensch, Natur und Kosmos.

↑  Four Spoons, 1988, Patinierte Bronze, Privatsammlung
↓  Three Spoons, 1987, Silberlöffel auf Plexiglassockel mit Silberschild, Plexiglashaube, The Gilbert and Lila Silverman Collection, Detroit

Yoko Ono erläutert ihre Kunstphilosophie, umrahmt von Kuratorin Ingrid Pfeiffer und Max Hollein

Die von der SCHIRN Kunsthalle konzipierte Retrospektive wird anschliessend im Louisiana Museum of Modern Art im dänischen Humlebæk, in der Kunsthalle Krems sowie im Guggenheim Museum Bilbao zu sehen sein.

YOKO ONO Half-a-Wind-Show. Eine Retrospektive; SCHIRN Kunsthalle Frankfurt, bis 12. Mai 2013

Abgebildete Werke © Yoko Ono; Fotos der Ausstellungs- und Datailansichten: Erhard Metz

 

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