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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

„Geile Welt“ – „heile Welt“? Sandra Mann in der Frankfurter Oberfinanzdirektion

Von Erhard Metz

Wer als Künstlerin oder Künstler zur Eröffnung einer Ausstellung den stets umtriebigen ehemaligen MMK-Direktor Jean-Christophe Ammann ordert, muss sich auf manches gefasst machen, neben willkommenen Streicheleinheiten beispielsweise auch auf kritische Worte. So geschah es Sandra Mann zur Eröffnung ihrer Foto-Ausstellung „Geile Welt“ in der Frankfurter Oberfinanzdirektion. Nein, die Texte, die die Künstlerin neben ihren Fotografien drapiert, hielt er nicht unbedingt für ratsam oder gar notwendig. Vielmehr solle sich Sandra Mann, so riet der Kunstprofessor, auf die Bildsprache ihrer Arbeiten verlassen, denen er, vollkommen zu Recht, eine eindrucksvolle Präsenz und hohe Qualität bescheinigte.

„Geile Welt“ reimt sich irgendwie auf „heile Welt“, so dachten wir, als wir uns auf den Weg zur Ausstellung machten  – schön wäre es, wenn wir es bei diesem Wortspiel belassen könnten. Dem aber ist nicht so, denn Sandra Manns Welt ist mindestens so unheil wie vielleicht eben gerade noch heil. Aber sehen Sie selbst, liebe Leserinnen und Leser:

Vielleicht, wir wissen es nicht, hat die amerikanische Fotokünstlerin Taryn Simon bei Sandra Manns Bild- und Textkompositionen ein wenig Pate respektive Patin gestanden – bei Simon bilden die sorgfältig verfassten und optisch gestalteten Texte einen integralen Bestandteil des Gesamt-Bild-Text-Kunstwerks. Machen wir die Probe auf’s Exempel: Wie hätten wir es bei „Weil beten nicht hilft“ lieber, mit oder ohne Text? Ein Motiv, das sehr berührt, auch aufrührt. Das Denk-Räume eröffnet, wo Heil und Unheil sich begegnen. Das Zweifel – den stillen Bruder der Verzweiflung – weckt. Unsere Antwort: ohne ist besser. Denn wir wollen arbeiten, wenn wir uns der Kunst stellen, nicht konsumieren.

Jesus with Money (Mexico City), 2004, Vintage Pigment Druck auf Leinwand

Ein Prozent genetischer Unterschied (London), 2010, Vintage Pigment Druck auf Leinwand

Sandra Mann lenkt mit ihrer gleichsam leisen Fotografien unseren Blick auf das Wesen der Dinge, auf die eigentliche Welt hinter der uns sichtbaren. Eine eigentümliche Stille und Ruhe liegt über ihren Motiven, die bei anderer Betrachtung Empörung und Zorn über so manche gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse provozieren müssten. Die Künstlerin ergreift in ihrer Fotografie auf eine sehr sensible Weise Partei, vermeidet die lautstarke Plakativität. Umso eindringlicher gelingt es ihr, uns mit ihrer Kunst ihre Botschaften zu vermitteln.

Al Kaida (Paris), 2004, Vintage Pigment Druck auf Leinwand

Chaneltüte (Frankfurt am Main), 2002, Vintage Pigment Druck auf Leinwand

Eine eigene Faszination entwickeln Sandra Manns Fotografien durch den Pigmentdruck auf Leinwand und die anschliessende Rahmung. Die Fotografie erfährt eine neue künstlerische Dimension und wird vom Betrachter in ihrer veränderten Bildhaftigkeit in einem anderen Kontext wahrgenommen. Die Schönheit, ja Musealität des neu entstandenen Werkes steht in einem spannungsreichen Kontrast zur mitunter abgründigen Realität der fotografischen Aussage: dem Wohlstandsmüll, der weltweit wachsenden Diskrepanz zwischen Arm und Reich, der damit einhergehenden Spaltung der Gesellschaft, der vom Menschen vergewaltigten Natur, dem zum Spielzeug pervertierten Kriegsgerät, der Erniedrigung der Frau zum Sexobjekt in der Werbung.

Puttinggreen (Worfelden), 2007, Vintage Pigment Druck auf Leinwand

Skiny (Mexico City), 2005, Vintage Pigment Druck auf Leinwand

Seduction / Attack Helicopter (Wien), 2011, Vintage Pigment Druck auf Leinwand

„Geile Welt“? Ach ja, auch diese, im vermutlich engeren Sinn, kommt nicht zu kurz: in Foto-Collagen mit den Herren Dominique Strauss-Kahn, Silvio Berlusconi, Arnold Schwarzenegger und Roman Polanski.

Sandra Mann, Jahrgang 1970, studierte an der Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Kunstgeschichte und anschliessend an der Hochschule für Gestaltung HfG Offenbach Visuelle Kommunikation (Malerei, Bildhauerei, Digitales Bild, Experimentelle Raumkonzepte und Freie Fotografie) mit dem Diplom Visuelle Kommunikation. Seit 1998 stellt die Künstlerin regelmässig aus, in den letzten fünf Jahren neben Frankfurt am Main und  den grösseren Städten Deutschlands unter anderem in Antwerpen, Helsinki, Istanbul, Kapstadt, Los Angeles, Mailand, Rom, Washington und Wien. Sie erhielt zahlreiche Preise und Stipendien. Werke befinden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen, unter anderem im Frankfurter Museum für Moderne Kunst und in der Kunsthalle Mannheim.

Eine überaus sehenswerte Ausstellung in der Oberfinanzdirektion Frankfurt, bis 6. Oktober 2011. Das Künstlergespräch mit Sandra Mann am 25. August 2011, 17 Uhr, sollte man nicht versäumen.

(© VG Bild-Kunst, Bonn, Fotografien: Archivbilder Sandra Mann, gerahmte Ausstellungsansichten Erhard Metz)

→  Sandra Mann zum Jubiläum “10 Jahre Galerie Perpétuel”

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