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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Felix Gonzalez-Torres: Retrospektive im Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main (3)

In diesen Tagen ist „Halbzeit“ im Frankfurter MMK, konkret der grossen Retrospektive auf das Œuvre von Felix Gonzalez-Torres, und damit verbunden auch „Seitenwechsel“, um erneut die Fussballsprache zu bemühen: Mit Tino Sehgal löst ein – in der Sammlung des MMK vertretener – Künstler Elena Filipovic in der Aufgabe des Kurators ab. Sehgal wird der seit ihrer Eröffnung am 28. Januar 2011 gezeigten Ausstellungsversion durch eine sozusagen Re-Installation ein neues interpretatorisches Gepräge geben. Teile der Ausstellung sollen täglich neu eingerichtet werden. Das war von Anfang an so geplant und gewollt und liegt im Verständnis des früh verstorbenen Gonzalez-Torres selbst begründet, der seine Werke nicht als in statischer Gegenständlichkeit verhaftet, sondern als in stetem Wandel befindlich und mit der Subjektivität künftiger Betrachter korrespondierend verstanden wissen wollte.

Heute präsentieren wir noch einmal einige Ausstellungsansichten aus der ersten Phase der Werkschau.

„Untitled“ (Orpheus, Twice), 1991, Spiegel, gesamt 190,5 x 139,7 cm, zwei Teile je 190,5 x 64,7 cm, Privatsammlung

Immer wieder symbolisiert Gonzalez-Torres Paare, Paarbeziehungen, so auch in dieser Arbeit, bei der zwei gleich grosse Spiegel bündig in die Wand – und damit unverrückbar und in ihrer Paarsituation unverbrüchlich – eingelassen sind. Es erstaunt immer wieder, wie der Künstler mit minimalen Mitteln, hier im Grunde alltäglichen Spiegeln, den Betrachter, der sich seinem Spiegelbild nicht entziehen kann, ganz unmittelbar und sinnlich in das künstlerische Geschehen einbezieht.

„Untitled“ (Blood), 1992, je nach Installation unterschiedliche Masse; François Pinault Collection

Ähnlich im Falle der Arbeit „Blood“ – wir konnten eine Variante bereits in François Pinaults fantasischem Museum „Punta della Dogana“ in Venedig erleben – : Der Betrachter durchschreitet Vorhänge aus leuchtenden Perlenschnüren, diese gleiten in sanfter Berührung über ihn hinweg. Sie vermitteln ihm das Gefühl, sich in einen anderen Erlebnisraum zu begeben. Um diesen wieder verlassen und sich in die „Normalität“ zurück begeben zu können, muss er ein weiteres Mal durch den Vorhang schreiten. Zwar sind auch diese Materialien „banal“, doch denken wir kaum an die bunten Perlenvorhänge vor Campingmobilen oder Küchen südländischer Kneipen: Zu sehr gemahnt uns das „Blut“ an die bekannte AIDS-Erkrankung des Künstlers, die er uns in seiner sensiblen künstlerischen Sprache wiederum so sinnlich vermittelt.

„Untitled“, 1990, Druck auf rotem Papier, unlimitierte Auflage, 73 x 56,6 cm, ideale Höhe 71,1 cm, Centre National des Arts Plastiques – Ministère de la Culture et de la Communication, FNAC, Frankreich



„Untitled“, 1990, Details

Politischer und mitunter agressiver viele seiner skulpturalen „Papierstapel“-Arbeiten: als Beispiel der Stapel tiefroter Blätter mit dem Aufdruck „Himmler, Hate, Hole, Helms“ und umseitig dem Aufschrei „How many times? For how long? Why?“

Wiederum mit einfachsten Mitteln und auf sensible Weise bringt Gonzalez-Torres seine Verachtung gegenüber dem Nationalsozialisten Heinrich Himmler oder dem 2008 verstorbenen, erzkonservativen republikanischen US-Senator Jesse Alexander Helms zum Ausdruck, der für seine agressive, rassistische und ausfällige Politik gegen Minderheiten, vor allem Homosexuelle und Lesben, und gegen die Gleichberechtigung von Farbigen und Weissen im öffentlichen Leben berüchtigt war.

Und wiederum dürfen und sollen die Betrachter Blätter von den Papierstapeln mitnehmen: zum Zeichen einer Auseinandersetzung mit den politischen Positionen des Künstlers, ja deren Aneignung; durch den ständigen Zu- und Abtrag der Stapel: Zeichen zugleich für Wachsen, Werden und Vergehen.

(Fotos: FeuilletonFrankfurt)

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