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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“ am Vorabend der Revolution

Der Reigen der „Kinder der Sonne“

Von Simone Hamm

Mateja Koležniks Inszenierung von Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“ für das Schauspielhaus Bochum wird im Mai nach Berlin zum Theatertreffen eingeladen, als eine der zehn bemerkenswertesten deutschsprachigen In-szenierungen.

Guy Clemens, Victor IJdens, Anna Blomeier (v. li.), Foto: © Matthias Horn

Man könnte Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“ als Komödie inszenieren. Als derben Spaß. Da ist der zerstreute Professor Pawel Protassow, der in seiner stinkenden Wohnung experimentiert und nichts als seine Reagenzgläser sieht: nicht seine traurige Frau Jelena, die sich um Kranke kümmert, und mit dem Regisseur Wagin flirtet, der sich in sie verliebt hat.

Nicht das Leid seiner Schwester Lisa, die er schlicht als „krank“ abtut und die ihre Medikamente nehmen soll. Nicht die Verliebtheit einer reichen Witwe, die nichts will, als ihm nahe zu sein und die ihr Geld für seine Experimente ausgeben möchte. Nicht die Gier des Hausbesitzers, der ihm Land abkaufen und sich an seinen kommenden Erfindungen bereichern will.

Er hört auch nicht die Proteste auf der Straße, nicht das Aufbegehren derer, die hungern und die die Cholera für eine Erfindung der Ärzte halten, um für die Heilung noch mehr Geld aus ihnen herauszupressen. Es ist der Vorabend der Revolution. Und im Professorenhaushalt wird pausenlos Tee getrunken. Pawel Protassow will eine Erfindung machen, die die Menschheit von allem Unbill befreien soll.

Maxim Gorki (sein Name ist ein Pseudonym und heißt der „Bittere“) schreibt derber, holzschnittartiger als sein Zeitgenosse Tchechow. Die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik inszeniert „Kinder Sonne“ dennoch behutsam, leise. Immer geht irgendwo eine Tür auf und jemand kommt auf die Bühne oder geht wieder ab. Immer sind die Schauspieler in Bewegung, das ist ein Reigen.

Mateja Koležnik ist eine wunderbare Choreografie gelungen. Raimund Orfeo Voigt hat dazu ein Bühnenbild voller Türen und Fenster, voller Tische und Stühle und Schränke, die auch hin und hergetragen werden, geschaffen. Ana Savic-Gecan hat Männer und Frauen in warme Brauntöne  gekleidet. Bühnenbild und Kostüme erinnern an die späten fünfziger, frühen sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Bernd Filter hat die Bühne perfekt ausgeleuchtet, sanfte Lichter gesetzt.

Das Ensemble in Bochum ist eines der besten in Deutschland. Und als Ensemble entfalten die Spieler eine ungeheure Wucht. Als Ensemble spielen sie, als Ensemble verneigen sie sich. Jede Rolle ist perfekt besetzt: von der seherischen leidenden Lisa bis hin zum sich in ihre Schicksal fügenden Dienstmädchen. Vom eitlen Hausbesitzer bis zum traurigen Tierarzt.

Dieser Tierarzt Tschepurnoi liebt Lisa, aber sie weist ihn ab, obwohl auch sie starke Gefühle für ihn hat. Er wird sich das Leben nehmen. Lisa ist traumarisiert, weil sie gesehen hat, wie Proteste auf den Straßen blutig niedergeschlagen worden sind, sie ahnt, dass die Entrechteten nicht mehr lange schweigen werden, sie durchschaut die scheinbare Idylle im Professorenhaushalt.

Lisa sieht Menschen, wo die anderen nur Bedienstete und Arbeiter sehen, die für sie da zu sein haben. Und sie sieht deren Not: „Der Haß unter den Millionen wächst … Eines Tages wird sich ihre Wut gegen euch kehren…Weil ihr satt und gut gekleidet seid … Der Haß ist blind, aber ihr seid gut zu sehen, er wird euch finden!“ Da wird es auch nicht helfen, dass die Professorinnengattin Jelena sich rührend um die Cholera Opfer kümmert. Auch sie ist satt und gut gekleidet.

Gorki hatte den Choleraaufstand von 1892 an der unteren Wolga im Kopf, als er „Kinder der Sonne“ schrieb. Und den Petersburger Blutsonntag von 1905, wo Zehntausende von Arbeitern für menschenwürdige Arbeitsbedingungen protestiert hatten. Vor dem Narwa Triumphbogen und vor dem Winterpapalast schoss die Armee auf sie. Tausende starben. Ein Massaker. Der Beginn der Revolution.

Auch „Kinder der Sonne“ endet im Tumult. Die aufbegehrenden Arbeiter sind zu hören, wie sie skandieren: „Raus aus dem Haus“ Fensterscheiben zerbrechen, Steine werden geworfen. Im Hintergrund lodert Feuer.

Was für ein eindrücklicher Abend! Was für eine grandiose Inszenierung! Welch ein wundervolles Ensemble!

„Kinder der Sonne“ ist noch am Schauspiel  Bochum zu sehen  am 24.2., 19.3. und am 25.3.2023.

 

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