home

FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Hector Berlioz: „Die Trojaner“ an der Oper Frankfurt

Tod zweier starker Frauen und Untergang ihrer Städte –
zwei fantastische Mezzosopranistinnen des Ensembles

Von Renate Feyerbacher
Fotos: Barbara Aumüller / Oper Frankfurt

Nach über 30 Jahren war die Grand Opéra in fünf Akten von Hector Berlioz wieder an der Oper Frankfurt zu sehen. Gefeiert wurde das Sängerteam bei der Premiere am 19. Februar 2017.

Hector Berlioz (1803 – 1869) war es nicht vergönnt, zu Lebzeiten eine vollständige Aufführung seiner Oper zu erleben. Es hat über 100 Jahre gedauert bis zur ersten vollständigen Gesamtaufführung an der Scottish Opera Glasgow (1969). Die Gesamtpartitur hatte bereits 1890 in Karlsruhe ihre Weltpremiere erlebt.

Schon als Kind las Berlioz, Sohn eines Arztes, unter anderem Texte von Goethe, Shakespeare und das Heldenepos „Aeneis“ des römischen Dichters Vergil (70 – 19 v. Chr.), der als Führer in der Unterwelt Dantes Werk (Divina Commedia) beeinflusste. Die Geschichte um den Trojanischen Krieg wirkte nachhaltig ein auf die Literatur des Mittelalters. Sie ist gleichsam eine Ansammlung menschlicher Gefühle und ihrer Folgen: Liebe, Hass, Verrat, Triumph, Täuschung, Verfluchung. Die „Aeneis“ erzählt von den Irrfahrten des Aeneas, Sohn der Venus, seiner Flucht aus Troja, seiner Ankunft im nordafrikanischen Karthago, wo Königin Dido regiert, und schliesslich von der Ankunft in Rom. Er wird der Stammvater Roms genannt. Dieser mythologische Stoff liess Berlioz zeitlebens nicht mehr los. Sein Vorname Hector, der gefallene Held der Trojaner, lässt auf seine Eltern schliessen. Der Komponist, der gerne in Deutschland auf Konzertreisen ging, wo seine Werke besonders geschätzt wurden, wurde durch Prinzessin Carolyne von Sayn-Wittgenstein in Weimar ermutigt, „Les Troyens“ („Die Trojaner“), sein letztes grosses Werk, in Angriff zu nehmen. Berlioz, der auch ein brillanter Schriftsteller war, schrieb das Libretto selbst nach Teilen aus den zwölf Büchern des Vergil.

In der Sekundärliteratur wird vom Dichterkomponisten gesprochen. „Die Synthese von Text und Musik ist perfekt“ … „Die Musik ist gleichsam der Dialog, den der Komponist mit seinem Text führt“ (Zitate aus „Berlioz, der Trojaner“ von Hermann Hofer im Programmheft).

vorne v.l.n.r. Martin Dvořák (Tänzer) und Tanja Ariane Baumgartner (Cassandre) sowie im Hintergrund Chor und Extrachor der Oper Frankfurt mit Chorgästen; Foto © Barbara Aumüller

Die ersten beiden Akte spielen in Troja. Das Volk bejubelt den vermeintlichen Abzug der Griechen. Mächtig ist der Auftritt des etwa hundert Personen umfassenden Chors. Hinter der Bühne – 20 Musiker – erschallen Trompeten. Das hölzerne Pferd der Griechen steht am Meeresstrand vor den Toren der Stadt. Cassandre (Kassandra), die Tochter des Priam (Priamos), Schwester des Hektor und Priesterin der Vesta, ist entsetzt über die Sorglosigkeit der Trojaner. Der königliche Hof – Priam, der letzte trojanische König, seine Frau Hécube (Hekuba), Sohn Hektor, Tochter Polyxène – feiert. Andromache, Witwe Hektors, und der kleine Sohn sind als stumme, mahnende Firguren dabei. Énée (Aeneas), Schwiegersohn des Priam, berichtet vom Schlangentod des Laokoon, der als Strafe für eine Schuld angesehen wird. Laokoon wollte das hölzerne Pferd vernichten, weil er eine Falle darin sah. Er sollte Recht behalten. Aeneas lässt es dagegen unter dem Jubel des Volkes in die Stadt führen, um die Göttin Athene zu versöhnen. Dem Bauch des Pferdes entsteigen Griechen, die ihren Truppen die Tore öffnen. Die Folgen dieses schrecklichen Fehlers sind bekannt. Priamos wird ermordet. Die Mythologie bietet verschiedene Versionen seiner Ermordung. Kassandra mahnt („Kassandrarufe!“), fleht ihren Verlobten, den asiatischen Prinzen Chorèbe, an, zu flIehen. Vergebens. Der Fluch der Unglaubwürdigkeit, die Vermutung krankhafter Psyche lasten auf ihr. Der verliebte Gott Apollon hatte ihr die Sehergabe verliehen, um die Liebe der schönen Kassandra zu gewinnen. Als sie ihn verschmähte, konnte er ihr diese Gabe nicht mehr nehmen, ihr aber den Fluch anhängen, dass ihr keiner Glauben schenken soll.

Der Librettist Berlioz zeichnet Kassandra, über deren Tod in der Mythologie verschieden berichtet wird, als Mahnende und als Liebende. Kassandra und Chorèbe, beeindruckend der kanadische Bassbariton Gordon Bintner, neu im Ensemble, sind ein Liebespaar und dokumentieren das durch ein gefühlvolles Duett. Chorèbe wird fallen. Aeneas, der von Hektors Schatten gemahnt wird, nach Italien zu fliehen, gelingt mit anderen die Flucht. Die trojanischen Frauen, angstachelt von Kassandra, begehen gemeinschaftlichen Suizid, um der Versklavung und Vergewaltigung durch die Griechen zu entgehen. In der Mythologie folgt Kassandra Achill als Sklavin und wird von Königin Klytemnestra ermordet.

vorne v.l.n.r. Bryan Register (Énée) und Daniel Miroslaw (Panthée) sowie Ensemble; Foto © Barbara Aumüller

In dem ersten Teil der „Trojaner“ hat die Regisseurin Kassandra in den Mittelpunkt gestellt. Auf dem Vorhang erscheint ihr ernstes Gesicht – alias Sängerin Tanja Ariane Baumgartner. Wie sie die Kassandra singt und spielt, ist eine Wucht. Fulminant ihre Stimme, von fein differenzierend bis verzweifelt rasend setzt sie sie ein, faszinierend ihr Spiel, ihre kleine Performance mit der Kriegsfigurine (Choreograf und Tänzer Martin Dvořák). Ihre schlanke, autoritär wirkende Figur überzeugt als Kassandra. Gelungen auch das Gewand, das ihr Kostümbildnerin Saskia Rettig anzog. Bei Didon (Dido) in ihrem Hosenanzug ist ihr das nicht gelungen. Erst später im Kleid ist Claudia Mahnke glaubwürdig. Und auch die kurzen Hosen der Trojaner sind seltsam.

Auf dem Vorhang erscheint ein Video, dass die Sängerin Claudia Mahnke beim Gang zum Opernhaus, im Gefolge die nubischen Krieger, zeigt. Wäre doch da auch nur Didos Gesicht erschienen.

Gefeiert wird zu Beginn des zweiten Teils (3. Akt) am Hofe der karthagischen Königin Dido. Sie dankt ihrem Volk, das prächtig dasteht. Sie, eine Immigrantin, floh aus Phönizien, als ihr Mann ermordet wurde. Sieben Jahre sind seitdem vergangen, dennoch will sie nur dem Gedächtnis ihres toten Mannes leben. Aeneas strandet nach der Flucht aus Troja mit seinen Schiffen in Karthago. Dido gewährt den Flüchtlingen Aufnahme und Schutz und verliebt sich in ihren Anführer Aeneas. Ihre Truppen besiegen gemeinsam den nubischen Feind. Dido erwartet, dass Aeneas König von Karthago wird. Aber ihn verfolgen Hektor und Merkur und mahnen ihn an das Versprechen, in Italien ein neues Troja zu gründen.

Anna, Didos Schwester, ermutigt sie, ihre Liebe zu Aeneas zuzulassen, sie werde über Aeneas Auftrag siegen. Das tut sie jedoch nicht. Hektor, Merkur, Kassandra, Chorèbe, Priamos, sie alle quälen ihn mit ihren Ermahrungen „Italie! Italie! Italie!“ Didos Flehen, ihr Wüten nutzt nichts. Aeneas verabschiedet sich nicht einmal von ihr, sondern sticht mit seinen Leuten in See. Dido ersticht sich mit Aeneas Schwert. Vorher rast sie und verflucht ihn.

Claudia Mahnke als Königin, die dem Volk offen gegenüber übersteht, seine Taten beim Fest lobt, hat sich durch die Liebesaffäre verloren, ihre Pflichten vernachlässigt. Sie kann nicht loslassen und scheitert im Endeffekt. Mahnke, wie Tanja Ariane Baumgartner Mitglied im Ensemble, wird von Anfang an stimmlich gefordert. Langsam steigert sie sich, um im fünften Akt, mit gebündelter Intensität Verzweiflung, Enttäuschung und Wut herauszulassen. Das ist wirklich grossartig, und in ihrer Darstellung gibt sie auch körperlich alles. Wunderbar!

Bryan Register (Énée) und Claudia Mahnke (Didon); Foto © Barbara Aumüller

Was für ein Glück für die Oper Frankfurt zwei solche Sängerinnen, die international agieren, in ihren Reihen zu haben und – hoffentlich – noch lange haben werden.

Für den amerikanischen Tenor Bryan Register ist der Abend ein doppeltes Debut: Er singt zum ersten Mal an der Oper Frankfurt, und Énée (Aeneas) ist sein Rollendebut. Auch er, international unterwegs, steigert sich, um im letzten Akt seine Stimme voll zur Entfaltung zu bringen. Der einzige Beifall auf offener Bühne.

Vorzüglich, man muss schon sagen wie immer, der Chor, der Extra- und der Kinderchor unterstützt von Sängerinnen und Sängern aus Bratislava, die von Tilmann Michael und Markus Ehmann einstudiert wurden. Fast die Hälfte aller Gesangsszenen sind ausschliesslich Chorpassagen, oder der Chor begleitet die Solisten. Durchgängig gewaltig ihr Auftritt, der durch Bewegung nicht in Statik verfällt.

Hector Berlioz‘ Grand Opéra verzichtet nicht auf grosse Bilder mit gewaltigen Klangfantasien, aber wie kaum ein anderer Komponist gelingt es ihm, in seiner Musik die Sehnsucht der Menschen nach Liebe, nach Geborgenheit, nach Schutz, aber auch ihre Verzweiflung über die Zwänge durch die Götter und die Ahnen, ihren Hass, ihre Wut auszudrücken. Das Lied des trojanischen Seemanns Hylas ist so ein Beispiel. Der Komponist ist ein Kenner der Psychologie des Menschen und ein Meister ihrer Umsetzung. Für einige Maler der damaligen Zeit war er der „Entdecker der Musikmalerei“, der „Christoph Kolumbus der Tonfarben“.

Der amerikanische Dirigent John Nelson, ein Kenner der Werke von Berlioz und speziell der „Trojaner“, sieht die Oper auf der Stufe mit Wagners „Ring“ und nennt sie den „französischen Ring“. Er dirigiert das Frankfurter Opern- und Museumsorchester furios und stürmisch, vor allem in den Kassandra- und Dido-Passagen, in den Momenten von Freude wie auch von Krieg, sanft und einfühlend in den Liebesduetten.

Das Bühnenbild von Jens Kilian gefällt in seiner Monumentalität auch als Drehbühne, aber sie dreht sich zu viel, manchmal sogar mitten in einer Arie. Auch die Videos von Bert Zander sind interessant, aber zu häufig und lenken vom Geschehen ab.

Eva-Maria Höckmayr – sie inszenierte in Frankfurt „A Village Romeo and Juliet“ – ist eine erfahrene, mehrfach ausgezeichnete Regisseurin. Sie verantwortet die Inszenierung dieser „Trojaner“. Sie beweist eine psychologisch einfühlsame Führung der Personen – vor allem von Kassandra, Dido und Aeneas. Geschickt bewegt sie den Chor. Einfallsreich, wie sie Geister- und Kriegsfigurinen Kassandra und Dido begleiten lässt. Nicht gefallen hat, dass sie die Abfahrt Aenaes‘ tänzerisch vorwegnimmt. Überhaupt, es wird zu viel getanzt. Schön wäre es, die Zwischenmusik einfach auf sich wirken lassen zu können, denn die Musik ist schön.

Trotz dieser Einwände ist das eine gelungene Inszenierung, die mit einem starken Sängerteam aufwartet und den Vergleich mit der Frankfurter Inszenierung von Ruth Berghaus 1983 nicht scheuen muss, obwohl diejenigen, die diese noch sahen, die Inszenierung nach dem Premierenabend in Frankfurt zum Teil komplett ablehnten. Ich denke, das ist nicht gerecht.

Weitere Aufführungen am 26. Februar sowie am 3., 9., 12.,18. und 26. März 2017, Beginn um 16 Uhr bzw. um 17 Uhr

 

Comments are closed.