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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Mike Bouchet & Paul McCarthy im Portikus: „Powered A-Hole Spanish Donkey Sport Dick Drink Donkey Dong Dongs Sunscreen Model“

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Spätestens jetzt müsste es bei Ihnen „klingeln“, verehrte Leserinnen und Leser: da war doch schon etwas … Ja, genau: die „Cooking Show“ von Mike Bouchet und Paul McCarthy in der Städelschule, besonders in der „Filmküche“ von Professor Douglas Gordon. Im Grunde verhält es sich nun umgekehrt: Das Grundwerk ist die Ausstellung im Portikus, die jetzt am 20. April 2014 endet, die „Cooking Show“ war als Performance ein Begleitprojekt, nicht zuletzt in zeitlicher Verbindung mit dem diesjährigen „Rundgang“ durch die Kunsthochschule.

Bereits von Ferne locken die riesigen, mehr oder weniger aufgeblasenen, aus den Fenstern hängenden „Würste“ – andere Assoziationen müssen wir unserer Leserschaft überlassen – den Besucher zum markanten Haus auf der Maininsel. Dort bleibt ihm der Zutritt durch den Eingang des Ausstellungshauses allerdings verwehrt: er muss sich die Wendeltreppe hinunter auf die Insel begeben, über einen sauber gezimmerten Holzsteg die Fassade passieren, dann die steile Treppe hinauf den Hintereingang erklimmen und sich durch kräftige Schläge gegen die Tür den Einlass erbitten. Dort erwartet ihn dann eines der aufregendsten Spektakel, die der Portikus seit seinem Bestehen erlebt hat. Nicht allein das komplette Portikus-Büro nimmt die Ausstellung in Beschlag, sondern alle drei Ebenen des Hauses einschliesslich also des sonst nicht der Öffentlichkeit zugänglichen Spitzbodens.

Fangen wir unten an: Im Haupsaal liegt eine Riesenskulptur, sie symbolisiert ein zerschossenes Kriegsschiff, das in seinen Aufbauten dem Guggenheim-Museum Bilbao ähnelt, es liegt auf einer Unmenge von hölzernen Böcken, die an „Spanische Reiter“ erinnern, jene berüchtigten Folterinstrumente der ebenso berüchtigten spanischen Inquisition und vieler anderer Herrscher in Europa und anderswo bis ins 19. Jahrhundert hinein. Ein wuchtiges, in Luftpolsterfolie eingeschlagenes Plakat zeigt den Filmschauspieler Liam Neeson in der Rolle des Admiral Shane im kultigen Science-Fiktion-Film „Battleship“.

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Über die Empore geht es treppauf auf den – eigentlich nur temporär eingezogenen -, als Obergeschoss dienenden Zwischenboden, und es öffnet sich ein Bogen zur „Cooking Show“: grosse Mengen ekeliger Würste und vergammelter Speisereste mannigfacher Art in verklebten Kochtöpfen und auf verschmierten Kochplatten, das Ganze arrangiert auf zwei langen, wiederum von „Spanischen Reitern“ getragenen Tischplatten, zwischen denen ein Prachtexemplar jener aufgeblasenen Würste (oder an was man sonst denken soll) liegt, die aus den Fenstern heraushängen und deren aufwändige Befestigungen nebst Gebläsen nun studiert werden können. Gleich zu Beginn aber der „Schocker“: inmitten von Kochtöpfen das Klosett, dessen Abgang knapp das Rohr verfehlt, das durch die Decke hindurch in den Schornstein des Kriegsschiffes im Hauptsaal mündet.

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Und höher hinauf über die steile Treppe geht es in den Spitzboden, und wieder erwartet den Besucher ein „Schocker“: die Hinterlassenschaften einer orgiastischen Feier. Ein Chaos.

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Und dann: Hinter dem schwarzen, raumteilenden Vorhang das kopfüber abgestürzte Flugzeug mit dem Namen Aleph I! Aleph – der erste Buchstabe des hebräischen Alphabets. Das Flugzeug – schlagen wir einen Bogen zurück zum Film „Battleship“: Ein unbekanntes Flugobjekt kollidiert darin mit einem Satelliten im Orbit und stürzt mitten in Hongkong ab.

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Und bei allem und immer wieder das A-Hole-Sport-Drink-Gebräu, das auch als Pseudo-Ausstellungssponsor auftritt: Parodie auf Fitness-Wahn, die Produkte der Nahrungsergänzungsmittel-Industrie und auf allgegenwärtiges Sponsortum, wie im Sport so auch im Kunstbetrieb.

Mike Bouchet und Paul McCarthy – ersterer 1970 im kalifornischen Castro Valley geboren, er lebt und arbeitet in Frankfurt, letzterer 1945 in Salt Lake City geboren, er lebt und arbeitet in Los Angeles – jeder für sich ein weltweit bekannter Künstler, pflegen seit längerem den Gedankenaustausch und arbeiten jetzt mit ihrer ortsspezifischen Ausstellung im Portikus ein erstes Mal zusammen. Sie gestalten ein Werk von beissender Kritik an Konsum, Verschwendung und Masslosigkeit der vom Finanzkapitalismus beherrschten, vor allem westlichen Welt. Eine grandiose Tour d’Horizon durch die Themen unserer Zeit, zugleich eine künstlerische „Tour de Force“, die den Portikus „in ein wild wucherndes Gesamtkunstwerk“ verwandelt. Auch Kritik und Spott an den „vielschichtigen Exzessen zeitgenössischer Kunstproduktion und Kommodifizierung“ (Portikus). Dies alles mit spielerischen und den Mitteln der Ironie, mit Opulenz und Sinnlichkeit.

Mike Bouchet & Paul McCarthy: „Powered A-Hole Spanish Donkey Sport Dick Drink Donkey Dong Dongs Sunscreen Model“, Portikus, nur noch bis 20. April 2014

Abgebildete Werke © Mike Bouchet und Paul McCarthy; Installationsansichten, Fotos: FeuilletonFrankfurt

→  Städelschule: Rundgang 2014 (5)

 

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