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FeuilletonFrankfurt

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PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Städel zeigt Emil Nolde-Retrospektive (1)

Großer Farbenmagier mit braunen Flecken

Von Hans-Bernd Heier

Nolde-Sonderausstellungen hat es in Deutschland in den letzten Jahrzehnten immer wieder gegeben. Kaum ein anderer Vertreter der klassischen Moderne ist, wie Städel-Direktor Max Hollein betont, in deutschen Museen und Ausstellungshäusern derart allgegenwärtig. Umso überraschender ist, dass Noldes Werk in Deutschland seit über 25 Jahren nicht mehr in einer Retrospektive gewürdigt wurde. Das holt jetzt das Städel mit einer fulminanten Schau nach. Das Museum am Schaumainkai widmet sich in einer umfangreichen Ausstellung dem Schaffen Emil Noldes (1867-1956), eines der bedeutendsten deutschen Expressionisten. Zu sehen sind bis zum 15. Juni 2014 rund 140 Arbeiten, darunter 90 Gemälde, beispielsweise Meisterwerke wie „Frühling im Zimmer“ (1904), „Das Leben Christi“ (1911/12) oder „Kerzentänzerinnen“ (1912), aber auch einige bisher nicht außerhalb von Seebüll gezeigte Gemälde und Grafiken des Künstlers.

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„Frau T. mit roter Kette“, 1930, Aquaell auf festem Japan, 47,9 x 35,5 cm; Nolde Stiftung Seebüll, © Nolde Stiftung Seebüll

Die monografische Präsentation wird von der Nolde Stiftung Seebüll, die die umfangreichste Sammlung an Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen, Druckgrafiken und Plastiken des Künstlers besitzt, sowie von einer Reihe von Sammlern unterstützt. Die Leihgaben ermöglichen es, einen Überblick über die Vielfalt von Noldes reichhaltigem Werk zu geben. „Die Retrospektive wirft anhand aktueller Forschungsergebnisse einen frischen Blick auf einen der bekanntesten Künstler, in dessen Œuvre es noch vieles neu zu entdecken gibt“, erklärt Felix Krämer, Kurator der Ausstellung und Leiter der Sammlung Kunst der Moderne im Städel.

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„Kanal (Kopenhagen)“, 1902, Öl auf Sackleinen, 65,5 x 83 cm; Nolde Stiftung Seebüll, © Nolde Stiftung Seebüll

Die Werkauswahl reicht von expressionistischen Landschaften über rauschende Berliner Nachtszenen und exotische Südseemotive bis hin zu religiösen Darstellungen. Einer lockeren Chronologie folgend, umfasst die Retrospektive Gemälde, Aquarelle und Druckgrafiken aus allen Schaffensphasen eines der Hauptvertreter des Expressionismus.

Noldes Früh- und Spätwerk, das in früheren Ausstellungen oft weniger Beachtung fand, kommt im Städel besondere Aufmerksamkeit zu. Es wird erkennbar, wie der Künstler mit verschiedenen Malweisen experimentierte, bevor er zu seinem charakteristischen Stil fand.

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Christian Ring, Direktor der Nolde Stiftung Seebüll, Max Hollein, Direktor des Städel Museums, und Kurator Felix Krämer stellen sich bei der Pressekonferenz den Fragen der Medien; Foto: Hans-Bernd Heier

„Frankfurt am Main zählt nicht zu den Städten, in denen sich der große Farbenmagier Emil Nolde länger aufgehalten hat“, sagt Christian Ring, Direktor der Nolde Stiftung Seebüll. Auch sind keine Frankfurter Ansichten in seinem Werk zu finden. Dennoch ist die Mainmetropole laut Ring mit Noldes künstlerischem Durchbruch und seiner Anerkennung eng verbunden. Es waren insbesondere der Sammler Carl Hagemann, der seine Sammlertätigkeit mit dem Erwerb von zwei Noldes begann, die Kunstliebhaber Rosy und Ludwig Fischer sowie der Kunsthändler Ludwig Schames, die seine Arbeiten bereits sehr früh schätzten und für sie eintraten. Auch das Städel war eines der ersten Museen in Deutschland, das Werke dieses herausragenden deutschen Expressionisten in seine Sammlung aufgenommen hat. „Dementsprechend hoch ist ihr Stellenwert für das Haus“, sagt Hollein.

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„Großer roter Mohn“, undatiert, Aquarell, 34,5 x 46,5 cm; Nolde Stiftung Seebüll, © Nolde Stiftung Seebüll

Die Retrospektive – in zwölf Themenbereiche gegliedert – zeigt auf beiden Stockwerken des Ausstellungshauses das Gesamtwerk des Künstlers in der ganzen Bandbreite seiner thematischen wie auch medialen Vielfalt: Die Ausstellung beginnt chronologisch mit Noldes Frühwerk. Sein erstes Gemälde, „Bergriesen“ von 1895/96 aus der Nolde Stiftung Seebüll, zeigt bereits seine Begeisterung für das Fantastische und Groteske, die sich wie ein roter Faden durch sein Werk zieht. Hier spiegelt sich der Einfluss des Schweizer Malers Arnold Böcklin wider, für den Nolde schwärmte und den er für einen der bedeutendsten Maler hielt.

Der künstlerische Durchbruch gelang Nolde mit Blumen- und Gartenbildern, in denen er mit dem ungeheuren Potenzial der Farbe experimentieren konnte. „Innerhalb von zwei Jahren entstehen in rascher Folge 28 dieser mit vibrierendem Pinselduktus gemalten Bilder“, schreibt Krämer in dem exzellenten Katalogbuch.

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Selbstbild, 1917, Öl auf Sperrholz, 83,5 x 65 cm; Nolde Stiftung Seebüll, © Nolde Stiftung Seebüll

Der Künstler wird am 7. August 1867 als Hans Emil Hansen im Dorf Nolde im deutsch-dänischen Grenzgebiet geboren. Nach der Volksschule absolviert er eine Lehre als Holzbildhauer, parallel dazu nimmt er Unterricht in gewerblichem Zeichnen. Ab 1892 ist er Fachlehrer für farbliches und ornamentales Zeichnen am Industrie- und Gewerbemuseum in St. Gallen. Durch den großen kommerziellen Erfolg seiner Bergpostkarten ist es ihm möglich, 1897 als freier Maler nach München zu gehen. In den folgenden Jahren bis 1902 nimmt Nolde an unterschiedlichen privaten Kunstschulen in München, Paris und Kopenhagen Mal- und Zeichenunterricht.

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„Herbstmeer VII“, 1910, Öl auf Leinwand, 73 x 89 cm; Nolde Stiftung Seebüll, © Nolde Stiftung Seebüll

Mit der Heirat mit der dänischen Schauspielerin Ada Vilstrup im Jahre 1902 ändert er mit behördlicher Genehmigung seinen Nachnamen nach seinem Geburtsort, um wohl seine Herkunft als auch seine Heimatverbundenheit zu betonen. Der Künstler, dessen Werke als genial gelobt und ebenso heftig kritisiert wurden, hatte Krämer zufolge einen „facettenreichen Charakter“ und war eine „komplexe Persönlichkeit“ – rastlos zudem, wie die zahlreichen Wohnortwechsel belegen. Er wurde im Sommer 1906 Mitglied der Künstlergruppe Brücke, die er aber schon 1907 verließ. 1908 trat er der Berliner Secession bei. Nach einem Zerwürfnis mit dem Präsidenten Max Liebermann, bei dem es um die richtungsweisenden Stile Expressionismus contra Impressionismus ging, wurde Nolde bereits 1910 aus der Secession ausgeschlossen und deutschlandweit als „Skandalkünstler“ bekannt.

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„Herbstmeer XII“, 1910, Öl auf Leinwand, 73 x 89 cm; Sammlung Deutsche Bank, © Nolde Stiftung Seebüll

Der mit Abstand erfolgreichste deutsche Künstler seiner Generation erzielte auch mit expressiven Landschaftsbildern große Erfolge. Die sogenannten „Sehnsuchtsbilder“ mit weitem Himmel, tiefliegenden Horizonten und einsam gelegenen Gehöften sind Ausdruck des Wunsches nach einem einfachen, naturnahen Leben. Es handelt sich dabei um idealisierte Landschaften, gemalte Utopien. Auch das Motiv der wilden See beschäftigte den großen Koloristen bis ins hohe Alter. In der Serie „Herbstmeere“ (1910) zeigt sich Noldes Annäherung an die Abstraktion. Die tosenden Wogen unter dräuendem Himmel entstanden auf der Ostseeinsel Alsen, in einem Bretterverschlag, den sich der Künstler direkt am Strand baute.

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„Grablegung“, 1915, Öl auf Leinwand, 86,5 x 117 cm; Nolde Stiftung Seebüll, © Nolde Stiftung Seebüll

In diesem „Atelier“ fertigte der deutsch-dänische Künstler auch einige seiner frühen biblischen und Legendenbilder. Denn Nolde wollte mehr sein als ein Maler von Landschafts- und Blumenbilder. Die religiösen Sujets gehören nach seiner Selbsteinschätzung zu den „Marksteinen“ in seinem Gesamtwerk. Er setzte Szenen des Alten und Neuen Testaments, wie beispielsweise in der „Grablegung“ (1915), mit leuchtenden Farben und flächigem Farbauftrag um.

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„Das Leben Christi“, 1911/12, Öl auf Leinwand, Mitteltafel 220,5 x 193,5 cm; Seitentafeln je 100 x 86 cm; Nolde Stiftung Seebüll, © Nolde Stiftung Seebüll

Dem bedeutenden Altarwerk „Das Leben Christi“ von 1911/12 widmet das Städel einen eigenen Ausstellungsraum. Das neunteilige, an einen mittelalterlichen Flügelaltar erinnernde Polyptychon durfte aus Anlass der Retrospektive ausnahmsweise Seebüll verlassen. Das Monumentalwerk hat eine dramatische Vergangenheit: Nachdem die Nationalsozialisten den neunteiligen biblischen Zyklus aus dem Museum Folkwang in Essen beschlagnahmt hatten, wurde Noldes Hauptwerk spektakulär im ersten Saal der Münchener Femeschau „Entartete Kunst“ ausgestellt und mit beißendem Spott bedacht. Da es sich bei dem Gemälde, das Nolde ohne konkreten Auftrag gemalt hat, um eine Leihgabe von ihm handelte, erhielt der Künstler es nach Protest bei Reichspropagandaminister Joseph Goebbels zurück.

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„Tänzerin in rotem Kleid“, 1910, Aquarell auf Japan, 348 x 288 mm; Kunsthalle Emden, © Nolde Stiftung Seebüll

Noldes Bildfindungen sind von thematischen Wiederholungen geprägt. Den religiösen Bildern folgen seine Beobachtungen aus Berlin. Dort verbringt er ab 1905 jeweils die Hälfte des Jahres. Meisterwerke des deutschen Expressionismus wie „Im Café“ (1911) aus dem Essener Museum Folkwang oder „Tänzerin in rotem Kleid“ (1910) aus der Kunsthalle Emden porträtieren das bunte Nachtleben der Metropole. In leuchtenden Farben und mit wenigen schwungvollen Pinselstrichen bannt er das Geschehen auf Leinwand und Papier. Erstmals werden diese Arbeiten gemeinsam mit Noldes politischen und sozialkritischen Gemälden, wie „Soldaten“ (1913) oder „Schlachtfeld“ (1913), im Städel präsentiert.

Über den Ausstellungsparcours im Obergeschoss werden wir an Hand ausgewählter Exponate in einer weiteren Folge berichten.

„Emil Nolde. Retrospektive“, Städel Museum, bis 15. Juni 2014

Bildnachweis (soweit nicht anders bezeichnet): Städel Museum

→  Städel zeigt Emil Nolde-Retrospektive (2)

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