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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Ein europäisches Märchen

10 Männer, ein Grieche, ein Italiener, ein Franzose, ein Portugiese, ein Spanier, ein Zypriot, ein Finne, ein Österreicher, ein Holländer und ein Deutscher, treffen sich regelmässig zum Essen.

So war es auch wieder neulich. Die Rechnung für alle zusammen betrug stets genau 500 Euro, denn man speiste schon gern auf hohem Niveau.

Die Gäste bezahlten die Rechnung, so wie wir unsere Steuern, und das sah so aus:

Vier Gäste, der Grieche, der Portugiese, der Spanier und der Italiener, zahlten nichts.

Der Zypriot zahlte 1 Euro,
der Franzose 5 Euro,
der Österreicher 50 Euro,
der Finne 80 Euro,
der Holländer 100 Euro und
der Deutsche 264 Euro.

Das ging schon eine ganze Weile so. Immer wieder trafen sich die zehn zum Essen.

Alle waren zufrieden, bis der Wirt Unruhe in das Arrangement brachte, als er vorschlug, den Preis für das Essen um 50 Euro zu reduzieren. „Weil Sie alle so gute Gäste sind!“ Wie nett von ihm! Jetzt kostete das Essen nur noch 450 Euro.

Nun wollte die Gruppe unbedingt weiter so bezahlen, wie das bisher üblich war. Dabei änderte sich für die ersten vier nichts, sie assen weiterhin kostenlos. Wie sah es aber mit den restlichen sechs aus? Wie konnten sie die Ersparnis von 50 Euro so aufteilen, dass jeder etwas davon hatte?

Die sechs stellten schnell fest, dass 50 Euro geteilt durch 6 rund 8,33 Euro ergibt. Aber wenn sie diese Summe von den sechs einzelnen abzögen, bekämen der 5. und 6. Gast noch Geld dafür, dass sie überhaupt zum Essen gehen.

Also schlug der Wirt den Gästen vor, dass jeder etwa prozentual so viel weniger zahlen sollte, wie er insgesamt zu dem Gesamtbetrag beisteuere. Er setzte sich also hin und begann, das für seine Gäste auszurechnen.

Heraus kam folgendes:

Der Zypriot, ebenso wie die ersten vier, zahlte nun nichts mehr (100 % Ersparnis),
der Franzose zahlte 3 Euro statt 5 (40 % Ersparnis),
der Österreicher zahlte 45 Euro statt 50 (10 % Ersparnis),
der Finne zahlte 72 Euro statt 80 (10 % Ersparnis),
der Holländer zahlte 90 Euro statt 100 (10 % Ersparnis) und
der Deutsche zahlte 239 Euro statt 264 (11 % Ersparnis).

Jeder der sechs kam bei dieser Lösung günstiger weg als zuvor, und die ersten vier assen wie früher immer noch kostenlos.

Aber als sie vor dem Lokal noch einmal nachrechneten, war das alles doch nicht so ideal, wie sie dachten.

„Ich habe nur 2 Euro von den 50 bekommen“, sagte der Franzose und zeigte auf den Deutschen, „aber er kriegt 25!“

„Stimmt“, rief der Zypriot, „ich habe nur 1 Euro gespart und er spart mehr als 20 Mal so viel wie ich!“

„Wie wahr“, rief der Österreicher, „warum kriegt er 25 Euro zurück und ich nur 5? Alles kriegen mal wieder die reichen Deutschen!“

„Moment mal“, riefen da der Grieche, der Portugiese, der Spanier und der Italiener wie aus einem Munde, „wir haben überhaupt nichts bekommen. Das System beutet die Ärmsten aus!“

Wie aus heiterem Himmel gingen die neun gemeinsam auf den Deutschen los und verprügelten ihn.

Beim nächsten Mal erschien der Deutsche nicht mehr zum Essen. Also setzten sich die übrigen neun zusammen und assen ohne ihn.

Aber als es an der Zeit war, die Rechnung zu bezahlen, stellten sie etwas Ausserordentliches fest: Alle zusammen hatten nicht genügend Geld, um auch nur die Hälfte der Rechnung bezahlen zu können!

Und wenn sie nicht verhungert sind, wundern sie sich noch heute!

(Ein Internet-Wurm, Autor unbekannt; so schön kann Europa sein; wir bleiben dennoch Europäer!)

 

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