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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

SHANGHAI

SHANGHAI – ein Zauberwort

Text und Fotografien: © Ingrid Malhotra

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Welche Vorstellungen habe ich nicht schon mit dem Namen dieser Stadt verbunden:

Opiumhöhlen?
Sünde pur?
Emigranten aus ganz Europa?
„geschanghaite“ Seeleute, die unangenehm überrascht waren, sich hart arbeitend auf einem fremden Schiff zu finden, wenn sie aus ihrem Rausch erwachten?
Kolonialstadt?
Verschlafenes Provinznest?

Ja, das schien die Stadt bei meinem ersten Besuch in China 1995 noch zu sein; den Chinesen war sie nicht einmal bedeutend genug, unter die „Highlights“ einer Chinareise aufgenommen zu werden.

Damals fand man es viel wichtiger, Kanton zu zeigen und die gewaltige Infrastruktur, welche zwischen Kanton und Hong Kong aufgebaut wurde – zur Vorbereitung der Rückgabe von Hong Kong an China.

Aber sechs Jahre später, bei meiner zweiten Reise, sah das völlig anders aus. Stolz wurde berichtet, dass in Shanghai jedes Jahr hundert Wolkenkratzer neu hinzu kommen, dass Shanghai eines der wichtigsten Handelszentren sei und ganz sicher die lebendigste und quirligste Stadt Chinas.

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Und heute?

Mehr denn je und mehr als irgendwo sonst gilt für Shanghai das „panta rhei“ – bei jedem Besuch findet man eine völlig neue Stadt vor. Natürlich gibt es ein paar Konstanten: den Bund,

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die Hochhauskulisse,

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die Gärten des Mandarins Yü, aber sonst? 2001 war die Nanjing Lu die wichtigste Einkaufsstrasse in Shanghai – hier bummelte man und freute sich über so manches exotische Angebot.

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Die Einheimischen waren der festen Überzeugung, dass es nichts gibt, was es hier nicht gibt, und man hatte nicht das Herz, ihnen ihren Irrtum zu erklären. Heute ist die Nanjing Lu eine Einkaufsstrasse unter vielen; überall entstehen ständig neue Zentren mit Kaufhäusern, Boutiquen und Restaurants.

2001 war ich auf der Jagd nach ein paar alten chinesischen Möbelstücken. Nach vielen Diskussionen brachte man mich zu einer grossen Werkstatt an einer der Ausfallstrassen. Dort gab es ein gewaltiges, überaus staubiges Lager, in dem sich alte und antike Möbel bis unter die Decke häuften. Ich suchte zwei Teile aus und schaffte es auch mit Hilfe meiner Freunde, dem Chef zu erklären, dass ich dieses staubige alte Zeug haben wollte – er hatte sie nur im Lager, um sie neu und modern nachbauen zu können und hätte mir viel lieber seine neuen Stücke verkauft. Es gab sehr viel beiderseitiges Kopfschütteln. Er: wie kann man das alte Zeug kaufen, wenn man doch glänzende neue Sachen haben könnte … Ich: wie kann man seine Vergangenheit so wenig schätzen. Als die Möbel dann ein halbes Jahr später eintrafen und ich sie gereinigt und poliert hatte, schüttelte ich wiederum den Kopf – warum habe ich nicht mehr gekauft, es hat ja alles fast nichts gekostet. Ich rief also meine Bekannte an und bat sie, noch einmal dort hin zu fahren und noch ein paar Teile für mich zu kaufen – da gab es die Werkstatt schon nicht mehr. Stattdessen ein riesiges Neubauviertel …

2001 ging man ins Peace Hotel, setzte sich dort in die altbekannte Bar, trank Cocktails und lauschte der legendären Jazzband. Das empfiehlt sich heute nicht mehr unbedingt. Die Band spielt das, wovon sie glaubt, dass Touristen das gerne hören, die Cocktails sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren – aber oben, auf dem Dach, da kann man jetzt in aller Ruhe seinen Cocktail schlürfen und dabei einen sensationellen Blick über den Bund und den Fluss und hinüber nach Pudong geniessen.

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Oder man geht in die Eisbar. Dort sollte man sich allerdings seeehr warm anziehen – alles ist aus Eis, ausser dem Barkeeper und den Getränken …

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Übrigens, der Barkeeper geht auch nur hinein, wenn er muss!

Oder in eine der vielen überaus chicen Bars in den Hotels und Stadtteilzentren …

Restaurants?

2001 gab es die Hotelrestaurants, ein paar für die Touristen mit Pseudo-Lokalkolorit und eine Menge Geheimtipps für Chinesen, in denen man als Ausländer allein völlig verloren gewesen wäre.

Heute? Nun, heute gibt es in der Shanghaier Restaurantszene wirklich nichts, was es nicht gibt – ob Pizza oder Bratwurst, Tapas, Steak oder Chili con Carne, man kann absolut alles finden, und das sogar häufig in erstklassiger Qualität. Gut, manchmal wirkt das Gebotene etwas ungewohnt,

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aber meistens bekommt man genau das, was man erwartet.

Aber mit Abstand am besten sind natürlich die chinesischen Restaurants! Man darf sich das allerdings nicht so vorstellen wie hier bei uns, wo alles doch ziemlich eintönig schmeckt. (Das ist leicht zu erklären: Chinesen sind höfliche Menschen, und als sie zuerst anfingen, hier Restaurants aufzumachen, fanden sie heraus, dass der Deutsche keine starken Gewürze mag – also haben sie die kantonesische Küche genommen, auch von dieser sehr milden Zubereitungsart noch die meisten Gewürze entfernt und durch reichlich Fett ersetzt, und schon hatten wir das, was hierzulande für chinesisches Essen gehalten wird. Nur komisch, dass Chinesen es nicht sonderlich mögen …)

In Shanghai gibt es Restaurants für all die vielen Regionalküchen, und wenn man sich darüber freut, wird man verständnislos angeschaut und gefragt: „Gehst Du zuhause in ein europäisches Restaurant mit europäischer Küche?“

Da gibt es die Nudelrestaurants in Bürovierteln mit unglaublichen Nudelvariationen;

… und die Xiao-Se-Restaurants (Xiao-Se = Dim Sum)
… und die mongolischen Restaurants
… und die Seafood-Restaurants (unvergesslich: Hummer in Xintiandi)
… und Hakka
… und Szechuan
… und Kanton (ähm, hier schmeckt das!)
… und, und, und …

Und dann gibt es die Luxusrestaurants, in welche man potentielle Geschäftspartner führt, die man beeindrucken möchte. Also, wir alle lächeln ja gerne ein wenig über die Aquarien in unseren China-Restaurants. In Shanghai treibt man das schon ganz gerne mal auf die Spitze. Da windet sich ein kleiner Bach durch die besten Plätze, und darin schwimmen Koi und Mandarinfische und sehen äusserst appetitlich aus, man darf sie aber nicht fangen …

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Und dann gibt es natürlich auch noch die Garküchen für den kleinen Hunger, der einen urplötzlich überfällt …

Mich wohl auch gerade – ich habe mich irgendwie am Essen festgebissen, also schnell das Thema wechseln.

Gestern ist mir wieder der alte Klassiker von Vicki Baum „Hotel Shanghai“ in die Hände gefallen. Ich weiss nicht mehr, wann ich es gelesen habe, aber ganz sicher lange, bevor ich Shanghai kennen gelernt habe. Jetzt muss ich es unbedingt noch einmal lesen und vergleichen.

Ja, es ist interessant, über die Orte zu lesen, die man kennt, wenn auch die Schreibweise nicht unbedingt der heutigen entspricht! Die Nanking Road ist heute die Nanjing Lu und war wohl schon damals, in den Dreissigern des vergangenen Jahrhunderts, eine sehr bedeutende Einkaufsstrasse.

Das Hotel Shanghai hat grosse Ähnlichkeit mit dem Peace Hotel – dieses hat wohl als Vorbild gedient.

Das International Settlement und das Französische Viertel werden immer noch gerne von Ausländern, aber mittlerweile auch von vielen Chinesen bewohnt.

Und die Chinesen erinnern sich noch heute zähneknirschend an das Schild am Zugang zur Bund-Promenade „Dogs and Chinese not allowed“.

Aber sonst?

Damals war Shanghai Ort der Hoffnung für die armen Chinesen der Region, Ort der Zuflucht für Vertriebene aus Europa und Russland und für verkrachte Existenzen aus aller Welt, Ort des Angriffs für die Japaner. Die Ausländer dort waren Besatzer, Versager, Ausbeuter, gehasst, verachtet und doch auch bewundert von den Einheimischen, und sie hegten wohl exakt die gleichen Gefühle für die unverständlichen Chinesen.

Heute ist Shanghai immer noch ein Ort der Hoffnung für arme Chinesen – hier gibt es Arbeit für Hunderttausende, aber die Ausländer sind jetzt da, um Fabriken aufzubauen und ebendiese Arbeitsplätze zu schaffen.

Allerdings, was die Masse der Chinesen, die sogenannten einfachen Leute, daüber denken – wer will das schon wissen?

Das im Roman geschilderte Kuli-Elend sieht man heute nicht mehr. Armut ja, natürlich, aber im Vergleich zu so manchem anderen asiatischen Land ist sie fast erträglich.

Pudong ist kein Fabrikviertel mehr, sondern der Stadtteil der Wolkenkratzer, Banken und mondänen Hotels.

Der Flughafen ist mittlerweile zum Inlandsflughafen herabgesunken. Der internationale gehört zu Pudong und ist über gewaltige Autobahnen und Brücken und – natürlich – über die Magnetschwebebahn erreichbar.

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Und rund um die Kernstadt, das alte und das eigentlich noch gar nicht so alte Shanghai, schiessen Industrieviertel, Gewerbebezirke, Wohnviertel – häufig sogenannte „Gated Communities“ oder „Compounds“, die von Ausländern bevorzugt werden, in die Höhe.

Vom Haus meiner Shanghaier Freunde dauert die Autofahrt zum Zentrum unter allergünstigsten Umständen auf der Stadtautobahn eine Dreiviertelstunde.

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Mir macht das ja nicht so viel aus – denn unterwegs gibt es zu allen Tages- und Nachtzeiten Interessantes zu sehen: Neubauprojekte, Märkte,

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erstaunliche Dekorationen am Strassenrand,

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bunte Leuchtreklamen, wunderliche Fassaden,

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prächtige Laternen, bemerkenswerte Verkabelungen, schwer beladene und absolut nicht TÜV-geeignete Lastwagen …

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Übrigens, die Fassade mit dem Loch darin ist in China kein seltenes Phänomen. Dieses Loch ist notwendig, damit der Drache, der in einem nahegelegenen Hügel wohnt, ungehindert zum Wasser kommt.

Wenn man dann in der Innenstadt ankommt, ist der erste Kamerachip schon voll, das Auge ist müde, aber es darf sich nicht ausruhen – es gibt so viel zu sehen: ein unglaubliches Menschengewimmel, noch höhere Hochhäuser,

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den Sendeturm (Pudongturm), modernste Architektur und alte Viertel, die Gärten des Mandarin Yü.

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In etwas älteren Fassaden aus billigem Glas spiegeln sich verzerrt geduckte alte Häuschen und moderne Hochhäuser.

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In Xintiandi gibt es restaurierte alte Gebäude und Gassen mit modernen exklusiven Geschäften und Feinschmeckerrestaurants.

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Am frühen Morgen treten die Angestellten in Formation vor den Geschäften an, turnen ein wenig, zeigen die Fingernägel vor …

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Es gibt Kunstausstellungen und Galerien – die Einheimischen entschuldigen sich tausend Mal dafür, dass der Standard nicht an den westlicher Künstler herankommt, eine Ansicht, die ich überhaupt nicht teilen kann. Aber man merkt schon auch, dass sie im tiefsten Innern vor Stolz fast platzen.

Dazu kommen moderne Stadien und Convention Centres.

Ich habe die Wahl zwischen Garküchen in Altstadtgassen

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und einem gepflegten Lunch im Geschäftsviertel, das Auge wandert vom dichten Autoverkehr über die Fussgänger zu dicht gedrängt geparkten Motorrollern und Fahrrädern, auf dem Huangpu wimmelt es von Schiffen, aber die alte Markthalle, in der sich der Textilmarkt noch vor wenigen Jahren befand,

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umgeben von engen Gässchen und erfüllt von Tradition und Abenteuer, existiert nicht mehr. Der Textilmarkt findet jetzt in einem heruntergekommenen Viertel im Freien statt und macht nicht mehr so richtig Spass. In der alten Halle ging man mit seinem Schneider, der dort auch Stoff verkaufte, auf die Suche nach dem genau Richtigen – hier gibt es keine Schneider mehr.

Shanghai war, ist und wird wohl immer bleiben eine Stadt der Gegensätze – unbeschreiblich, eine Stadt, die man nur selbst erleben kann.

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Und wenn man sich doch einmal von den vielen widersprüchlichen Eindrücken erholen muss, wäre es eine gute Idee, nach Suzhou zu fahren – dort gibt es ein wunderschönes und hochinteressantes Museum, das mit unserem Frankfurter „Tortenstück“ – dem Museum für Moderne Kunst – eines gemeinsam hat: Es ist selbst das grösste und schönste Kunststück; und es gibt einen berühmten alten Park, in dem man Ruhe und Musse findet.

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