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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Corinna Mayer – Wandmalereien oder: Die Frucht vom Baum der Erkenntnis

Uralt ist die Wandmalerei – wir kennen sie aus dem Neolithikum vor rund sechs Jahrtausenden, aus dem Alten Ägypten, aus der klassischen Antike, aus den Meisterwerken eines Michelangelo oder Raffael, aus nahezu allen Erdteilen. Aber auch in dem, was wir Moderne nennen, lebt die Wandmalerei ein Stück weit fort.

Frühere Wandmalereien sollten Zeugnisse ablegen, die Menschenleben, Generationszyklen überdauern. Ihre Narrationen gleichen Geschichtsbüchern. Anders als ein Tafelbild begegnen sie dem Betrachter als Teil der in Stein verfestigten Architektur. Auch heute noch eignet ihnen etwas Archaisches, erheben sie einen Anspruch auf fortdauernde Gültigkeit.

Die Frankfurter Künstlerin Corinna Mayer – wir kennen sie von unserem früheren Porträt her – pflegt die Wandmalerei in Gestalt der Seccotechnik. Mit Acryl und Öl bearbeitet sie den trockenen Grund. So jüngst wieder in der Frankfurter Galerie Perpétuel. Annähernd lebensgross erscheinen ihre Figuren. Wir treffen auf ihren unverwechselbaren Stil, die unverwechselbaren Farben ihrer Palette.

Aber wir sind irritiert: Die in feiner malerischer Ausführung entwickelten Darstellungen werden eine Lebensdauer von nur sechs Wochen nicht überschreiten. Sie sind endlich in unserer eigenen endlichen Zeit. Der Galeriebetrieb wird sie im Zuge der nächsten Ausstellung so oder so von der Wand entfernen, herunterwaschen, überstreichen, zerstören. Wenig nur wird bleiben: einige Fotografien, eine Erinnerung.

Warum tut sie das, fragen wir uns. Was will Corinna Mayer uns zeigen?

„I’ll be your mirror“ betitelt die Künstlerin ihre Ausstellung.

Da ist zunächst eine Szene mit Adam und Eva, im Zentrum die Frucht vom Baum der Erkenntnis, hier einem Ei ähnelnd – Keimzelle allen künftigen Lebens; wir kennen dieses Motiv von früheren Arbeiten der Künstlerin. Eva hält Adam ein langstieliges Blätterwerk vor, der Pflanzenstengel verbindet unübersehbar beide Figuren. Adam statisch, Eva dynamisch, die Plattform betretend, auf der er steht. Ihre Blicke treffen sich  nicht, und auch nicht die des Betrachters. Adam schaut auf Eva, diese jedoch wendet ihren Blick seitlich auf ein gleichermassen ausserhalb von Bild und Betrachter liegendes Ziel.

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Corinna Mayer rekurriert auf die bekannte biblische Erzählung, wie der Mensch im Zusammenspiel von Mann und Frau die Fähigkeit erlangt, Gut und Böse zu erkennen – das entscheidende Schlüsselereignis in der Geschichte der Evolution. Sie fügt die Erzählung zu einer ebenso zärtlich-erotischen wie zugleich geschlechterkritischen Darstellung. Was fühlt Eva in der Umarmung durch Adam? Können Adam und Eva – Mann und Frau – in ihrem tiefsten Wesen jemals wirklich zueinander finden?

Gänzlich anders und doch wieder mit der ersten verwandt die zweite Szenerie: erotisch-sapphistische Frauen mit Kindern, eine androgyne erwachsene Gestalt, eine ebensolche kindliche, eine zeitlos erscheinende, in eine unbestimmbare Ferne blickende bekleidete Frau …

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Scheint sich die Narration von rechts nach links zu lesen oder umgekehrt? Wieviel ruhende Geborgenheit in der nackten rechten weiblichen Gruppe, wieviel zweifelnde Selbstreflexion in der Gruppierung der bekleideten Gestalten zur Linken? Welche Ahnungen spiegeln die Gesichter der Kinder?

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Corinna Mayer legt in der Galerie einen Schlüssel aus, der den Zugang zu einer annähernden Auseinandersetzung mit ihren Wandgemälden, ja ihrer künstlerischen Arbeit insgesamt ermöglichen kann: ihre Skizzenbücher der Jahre 1994 bis 2009. Wir schlagen sie auf, Seite für Seite, und wir sind berührt, fühlen uns ein wenig als Voyeuristen ertappt, so intim muten uns manche ihrer schriftlichen und bildlichen Aufzeichnungen an. Fast entsteht eine Scheu vor unerlaubtem Weiterschauen. Sollen wir, wollen wir es überhaupt so genau wissen?

„I’ll be your mirror“ – oder eine Art Zwischenbilanz, im Jahr des vierzigsten Geburtstags – Zwischenbilanz auf einem künstlerischen Weg, nicht in steinerne Architektur graviert, sondern als ein Moment im Vorübergehen unseres Lebens?

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Galerie Perpétuel, Oppenheimer Strasse 39, 60594 Frankfurt am Main; bis 24. April 2009.

(Bildnachweis: © Corinna Mayer; Fotos: FeuilletonFrankfurt)

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