home

FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Hauptwerke von Matisse und Bonnard demnächst im Städel

2017, August 17.

„Mein lieber Matisse“, „Mein lieber Bonnard“ – „Mein lieber Freund“

In knapp einem Monat ist es soweit. Da werden vom 13. September 2017 an bis zum 14. Januar 2018 zwei herausragende Protagonisten der Klassischen Moderne erstmals gemeinsam in Deutschland im Frankfurter Städel ausgestellt sein: Henri Matisse (1869–1954) und Pierre Bonnard (1867– 1947). Die Ausstellung ist der Künstlerfreundschaft zweier Pioniere der Modernen Kunst gewidmet und sie beleuchtet neue Perspektiven der Entwicklung der europäischen Avantgarde, vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Der bisweilen erstaunlich enge Austausch zwischen den Künstlerkollegen zeigt sich vor allem an ihrer intensiven Auseinandersetzung mit so zentralen Themen wie dem Interieur, dem Stillleben, der Landschaft und dem Akt. 

Die hochkarätigen Exponate aus international bedeutenden Sammlungen, u.a. aus dem Art Institute of Chicago, der Tate Modern in London, dem Museum of Modern Art in New York, dem Centre Pompidou und dem Musée d’Orsay in Paris, aus der Eremitage in Sankt Petersburg sowie aus der National Gallery of Art in Washington sind allesamt Zeugen eines langjährigen Dialogs zwischen den beiden französischen Malern, darunter auch „Großer liegender Akt“ von Matisse.
→ Der Katalog erscheint bei Prestel.

Von Petra Kammann

↑ An der Côte d’Azur tauschten sich die Künstler Henri Matisse und Pierre Bonnard aus: Matisse bewohnte bis zum Ende seines Lebens  diese Villa aus dem 18. Jahrhundert inmitten der Olivenhaine von Cimiez. Dort befindet sich heute im ersten Stock das Matisse-Museum von Nizza

↓ 1926 kauft sich Pierre Bonnard ein Haus in Le Cannet oberhalb von Cannes. Er zieht sich dort von 1939 bis zu seinem Tode 1947 zurück. In der Abgeschiedenheit und Ruhe der letzten Lebensjahre entstanden hier besondere Werke. Heute kann man in dem kleinen Bonnard-Museum auf dem Hügel in Le Cannet einige anschauen (Alle Fotos: Petra Kammann)

  Weiterlesen

Georg Baselitz: „Die Helden“ im Städel Museum Frankfurt

2016, August 2.

Helden, die nicht Kopf stehen

Helden faszinieren die Menschheit seit jeher. So auch den Künstler Georg Baselitz, doch auf seine Weise. Anders eben. Vor fünfzig Jahren, zwischen 1965 und 1966 schuf er, bevor er 1969 seine Gestalten auf den Kopf stellte und mit diesem Kunstgriff als „junger Wilder“ weltberühmt wurde, einen untypischen und heute weniger bekannten Helden-Zyklus, dem das Städel Museum in Frankfurt bis zum 23. Oktober 2016 eine Sonderausstellung widmet. Eine Begegnung im Museum mit Georg Baselitz und seinen gewaltigen Bildern

Von Petra Kammann

!cid_E36E7B1A-E85E-4181-B615-C79E3F151056@Speedport_W_921V_1_39_000-650

Georg Baselitz neben: „Der Baum“, 1966, Öl auf Leinwand, Privatbesitz; Foto: Petra Kammann

Noch im Jahre 1979, also 34 Jahre nach Kriegsende, hielt der Bildhauer Arno Breker in einem Interview mit André Müller an der Faszination von Heldengestalten mit ihren kraftvollen, muskulös durchgestalteten Körpern fest, hatten sie ihm doch durch die Protektion Adolf Hitlers den Aufstieg in die Künstlerhierarchie des Dritten Reiches bis hin zum Vizepräsidenten der Reichskammer der bildenden Künste beschert. Auf die Frage, ob es in der Nachkriegszeit für ihn nicht noch viel Schlimmeres gebe als den persönlichen finanziellen Ruin, nämlich die Vernichtung seiner Ideale, an die er zehn Jahre lang während der NS-Zeit geglaubt hatte, bekannte er klar und deutlich: „Ja, die waren kaputt. Meine Ideale, also das, was mich zur Monumentalplastik getrieben hatte, das war kaputt.“ Diese Äußerung zeigt, dass in Deutschland sogar nach Jahrzehnten vieles noch unaufgearbeitet und nicht im Lot war. Weiterlesen

„Maniera“: Kunst in der aristokratischen Republik Florenz im Städel Museum

2016, März 25.

Mit rund 120 bedeutenden Leihgaben und insgesamt 50 Gemälden sowie 81 Zeichnungen, Skulpturen und zusätzlichen Exponaten zeigt das Städel Museum in seiner interessanten Schau „Maniera“ erstmals in Deutschland ein zentrales Kapitel der italienischen Kunstgeschichte in seiner ganzen Bandbreite: den Florentiner Manierismus in der Hochrenaissance. Da sind Werke u. a. von Jacopo Pontormo, Agnolo Bronzino, Andrea del Sarto, Rosso Fiorentino und Giorgio Vasari, der den Begriff „Maniera“erfunden hat, zu sehen.

Petra Kammann

hat sich im Städel umgesehen

L1290771B-450

Empfängt ihre Besucher bereits im Treppenaufgang des Ausstellungshauses: Städel-Ikone „Dame in Rot“, beiläufig auch als Dame mit dem Hündchen bekannt; Foto FeuilletonFrankfurt

Typische Merkmale der Renaissance: Der Mensch steht in seiner Individualität im Mittelpunkt. Das Individuum gehört so sehr zu dem Spezifikum dieser Epoche zwischen Mittelalter und Neuzeit wie die Rückbesinnung auf die Architektur der Antike mit ihren Gesimsen, Säulen, Nischen und den dem Menschen gemäßen „Goldenen Schnitt“. Alles dies finden wir in der Kunst dieser Zeit wieder, was vom ersten Kunstkritiker und Literaten Giorgio Vasari, der selbst Maler der Medici und Architekt der Uffizien in Florenz war , beschrieben wurde. Sein Schicksal ist in jeglicher Hinsicht eng mit dem der Medici verwoben, die als Herzöge von Florenz eine Art Musterdiktatur errichteten, in welcher die Kunst dem Ruhme des Hauses dienen sollte. Sein eigentliches Werk besteht vor allem aber aus seinen Schriften über die Kunst der anderen, über deren Leben ohne Vasaris biographischen Annäherungen die Nachwelt wohl keine Vorstellung hätte. Vasari hatte natürlich auch seine Maßstäbe, für das, was er für die wahre Kunst hielt: Weiterlesen

„John Baldessari. The Städel Paintings“ im Frankfurter Städel Museum

2015, November 8.

Schnipselmann & Schnitzeljagd –
John Baldessaris ironische Meisterwerk-Kommentare

Krönender Abschluß „200 Jahre Städel“

!cid_3B12BD87-02AC-4409-BBC4-046FD0936BE5@Speedport_W_921V_1_39_000-600

Kurator Martin Englert und Städelchef Max Hollein vor John Baldessari (*1931) Movie Scripts/Art: A hand suddenly grips railing, 2014, Diptychon; Inkjet-Print und Acrylfarbe auf Leinwand, 273,7 x 189,2 cm, Marian Goodman Gallery © John Baldessari; Foto: Petra Kammann

Von Petra Kammann

Meisterwerke von Genies können etwas Einschüchterndes haben, in der Kunst wie in der Literatur. Wie wollte man Goethe übertrumpfen? Man muss nur selbstbewusst und respektlos genug mit den Meistern umgehen. So etwa hat sich der Pop-Artist Andy Warhol frech aus dem berühmten Tischbein-Porträt den Kopf mit Hut herauskopiert, stark vergrößert und ihn mit grellen und frischen Farben neu aufgebaut. Entstanden ist so eine neue Ikone im „Zeitalter der Multiplizierbarkeit“, ohne die man das Tischbein-Gemälde kaum mehr denken kann … Und jemand wie der DDR-Autor Ulrich Plenzdorf wollte Goethe auch nicht allein den Ruhm für „Die Leiden des jungen Werther“ überlassen. Wie der Autor den „ollen Werther“ in sein eigenes Werk „Die neuen Leiden des jungen W.“ einbaut, ist so provokativ wie witzig: Held Edgar sitzt im Dunklen auf der Toilette und findet kein Papier. Also missbraucht der ein dünnes Büchlein, von dem er Titel- und Deckblatt sowie die letzten paar Seiten als Toilettenpapier gerade zur Hand hat. Dass es sich dabei um Goethes Werther handelt, kann er zwar nicht mehr feststellen, liest das Buch dann doch noch, lässt jedoch kaum ein gutes Haar daran. Das Aufmüpfige, das dem Autor Probleme mit der Zensur verursacht hat, der respektlose Umgang mit traditionellen Kultwerken, hatte in der westlichen Welt weniger dramatische Folgen.

So war dem kalifornischen, inzwischen 84-jährigen Künstler John Baldessari, der als Vater der Konzeptkunst gilt, mehr Erfolg und Anerkennung beschieden. Er erhielt nicht nur unzählige Auszeichnungen, sondern auch Ausstellungen in renommierten Museen wie dem Metropolitan Museum in New York oder der Tate Modern in London. Und er wurde mit dem Goldenen Löwen der 53. Biennale von Venedig und 2012 mit dem Kaiserring der Stadt Goslar ausgezeichnet. Als Pionier der Konzeptkunst hatte Baldessari schon Mitte der 1960er Jahre alles infrage gestellt: die Malerei, den Markt, den Mythos des Künstlergenies – und auch den guten Geschmack oder das, was Kunstkenner wohl dafür hielten. Der Maler schlug einen radikalen Weg ein. So wurde er 1970 so richtig durch seine provokative Tat bekannt, als er nämlich seine Gemälde, die er bis 1968 geschaffen hatte, offiziell in einem Krematorium verbrennen ließ. Weiterlesen

„Dialog der Meisterwerke“ im Städel: Eröffnungsansprache von Daniel Kehlmann

2015, Oktober 24.

Das Bild im Bild
Verdoppelung und Transformation der Wirklichkeit

Von Petra Kammann

Tout Francfort hatte sich im unteren Gartensaal des Städel, in dem die zeitgenössischen Künstler ihre neue Heimat gefunden haben, versammelt, um die Eröffnung der zweiten großen Jubiläumsausstellung im Frankfurter Städel „Dialog der Meisterwerke“ zu begehen. Der „hohe Besuch“, den sich für diesen Moment das Städel als Festredner eingeladen hatte, war weder ein Künstler noch ein Kunsthistoriker, sondern ein Autor, nämlich der Wiener Schriftsteller Daniel Kehlmann, bekannt durch seine „Die Vermessung der Welt“ sowie seinen jüngst verfilmten Roman „Ich und Kaminski“.

!cid_33CBC02E-8AE1-4D04-BD84-D173B451600F@Speedport_W_921V_1_39_000-BB

Begrüßung durch Städel-Chef Max Hollein

Der Titel seiner Rede lautete „Der Apfel, den es nicht gibt – unordentliche Gedanken über Bilder und Wirklichkeit“. Würde er auf die zeitgenössischen Werke dabei Bezug nehmen? Ja und nein. „Natürlich ist es frivol, hier zu stehen. Wer in diesen Tagen eine Ausstellung schöner Dinge eröffnet, muss auch von den hässlichen reden. Wer laut über Schönheit nachdenkt, muss im Verdacht der Gefühllosigkeit stehen, als wollte er sie mit Gewalt nicht sehen, die Fliehenden, die überfüllten Boote, die in Lastwagen Erstickten, die Menschen hinter Stacheldrähten und die Mordbanden, die im Namen der Religion Köpfe abschneiden …“

!cid_62A6CE5E-C7D5-453B-892B-2696220FD97F@Speedport_W_921V_1_39_000-BB

Der Schriftsteller setzte sich höchst konzentriert und philosophisch mit dem Vorgang des Malens und der Darstellung der Realität innerhalb der Malerei auseinander Weiterlesen

200 Jahre Städel (7) Max Beckmanns Stillleben mit Saxophon

2015, April 23.

Petra Kammann stellt ihre ganz persönlichen Schätze im Städel vor (5)

Den in Leipzig geborenen Bildhauer und Maler Max Beckmann hatte es nach Frankfurt gezogen. Hier war er von 1917 bis 1930 Professor an der Frankfurter Städelschule, ab 1925 leitete er dort ein Meisteratelier und wohnte bis 1937 ganz in der Nähe, an der Schweizer Straße 3. Hier malte er nicht nur 1919 sein rätselhaftes Bild von der roten Synagoge mit der Grünspankuppel am Börneplatz, den Frankfurter Hauptbahnhof, den Eisernen Steg, das Nizza und etliche andere berühmte ausdrucksstarke Gemälde mehr. Frankfurt war in den 1920ern und frühen 1930er Jahren neben Berlin die turbulente Metropole mit internationalem Kultur-und Nachtleben.

Durch seine Gemälde erleben wir, dass in der Stadt am Main zwischen 1925 und 1931 auch improvisierter Hot-Jazz zu hören war. Der weltoffene Geist des damaligen Frankfurter Oberbürgermeisters Ludwig Landmann zog internationale Künstler hierher. Sogar am „Dr. Hoch’s Konservatorium“ wurde plötzlich Jazz gelehrt, Beckmann ist so fasziniert von dieser für europäisch geprägte Ohren neuartige Musik, dass er das charakteristische Instrumentarium einer Jazzband in seinem fast kubistisch angelegtem „Stillleben mit Saxofonen“ von 1926 auf besonders kontrastreiche Weise und in voller Breite „lautstark“ in schrillen Farben porträtierte. Die rhythmisch angeordneten Gegenstände Saxofon, Klarinette, Trommeln, Notenblätter, Spiegel, Blumen scheinen ein eigenartiges Eigenleben zu führen.

Die Aufschrift auf dem linken Saxofon „Bar African“ erinnert an eine Frankfurter Jazzkneipe der Zeit, während der Hinweis New York auf der rechten Bildseite auf einen Sehnsuchtsort, den Ort seiner ersten Ausstellung oder den seiner späteren Emigration, verweist. „Hörst Du den Lärm meiner Bilder?“ fragt Beckmann in einem Brief an seine junge Frau Quappi. Er liebte den Jazz. Das Stillleben wurde schon ein Jahr darauf von Museumsdirektor Georg Swarzenski mit Mitteln der Frankfurter Künstlerhilfe für die Städtische Galerie erworben. Die Situation sollte sich schnell ändern, da nicht nur die „verjudete Niggermusik“ bei den Nazis verfemt war. Schon 1936 gerät das Bild in die Ausstellung „Entartete Kunst“ nach München und wird als „kulturbolschewistisches Machwerk“ beschlagnahmt. Beckmann wird aus dem Lehramt entlassen, Swarzenski als Direktor ebenfalls. 76 weitere Gemälde verschwinden aus dem Museum. Dass einige seiner Gemälde heute wieder im Städel zu sehen sind, ist eine andere Geschichte und ein Glück für Frankfurt.

Wie gut, dass der in Frankfurt so produktive Max Beckmann in der ständigen Sammlung nun in einem eigenen Raum sowie in einem neuen Kontext gezeigt wird. So wird heute beispielsweise seine Rolle als Lehrer an der Städelschule thematisiert mit Bildern von Beckmann-Schülern oder von dessen Freunden, mit Arbeiten aus Beckmanns künstlerischem Umkreis sowie mit Gemälden und Fotografien von Künstlern der Neuen Sachlichkeit.

→   200 Jahre Städel (1)
Petra Kammann stellt ihre ganz persönlichen Schätze im Städel vor

→  200 Jahre Städel-Stiftung – Städel Museum Frankfurt am Main

→ Max Beckmanns Faust-Zyklus im Museum Wiesbaden

200 Jahre Städel (6) – Tischbeins Goethe als Inspirator

2015, März 28.

Petra Kammann stellt ihre ganz persönlichen Schätze im Städel vor (6)

Panorama-Goethe

Die Ikone unseres in Frankfurt geborenen Dichterfürsten gehört auf jeden Fall an eine zentral exponierte Stelle im Städel: Tischbeins „Goethe in der römischen Campagna“ von 1787, wenngleich dieses Bildnis bei näherer Betrachtung durchaus irritierend ist. Es stellt Goethe über lebensgroß dar, in einer kaum wahrnehmbaren Unterperspektive.

Der so mächtig thronende wie nachdenklich dreinblickende Dichter mit dem großen Schlapphut und gehüllt in ein ecrufarbenes Gewand, lagert mit seinen leicht verdrehten Beinen und linken Füßen (man musste die Schuhe damals erst als rechten und linken Schuh einlaufen) auf den Überbleibseln einer antiken Kulisse: den Resten eines ägyptischen Obelisken, eines griechischen Reliefs, eines römischen Kapitells, die kampanische Landschaft im Rücken Weiterlesen

200 Jahre Städel (3) – Sandro Botticellis Bildnis der Simonetta Vespucci

2015, März 14.

Petra Kammann stellt ihre ganz persönlichen Schätze im Städel vor

Sie war die schönste Frau von Florenz: Simonetta Vespucci. Und der italienische Renaissance-Maler Sandro Botticelli hatte sie 1485/86 im Auftrag von Lorenzo di Pierfrancesco de‘ Medici als „Die Geburt der Venus“, als Huldigung an die Liebe verewigt, ein heiteres Bild, das für mich schon aus meinen ganz frühen Besuchen als Kind in den Uffizien von Florenz vertraut und auch der Inbegriff der inspirierten Schönheit war. In ihrer natürlichen Anmut scheint die langhaarige Blonde leichtfüßig auf der Muschel zu schweben, die „Venus, die geboren wird, mit den Lüftchen und Winden, die sie auf die Erde bringen …“, wie sie der Künstlerbiograf Giorgio Vasari beschrieb. Da Simonetta in der Nähe des Ateliers von Botticelli wohnte, tauchen ihre Gesichtszüge in einigen seiner Gemälde immer wieder auf. Doch nicht allein Heiterkeit bestimmen seine Gemälde.

Als junge Erwachsene zog ich dann nach Frankfurt und war umso erfreuter, als ich der Schönen bei meinem ersten Städelbesuch wieder begegnete. Doch diesmal erschien mir die makellose vornehme Blasse im Profil mit der gebändigt geschmückten Haarpracht auf den ersten Blick statuarischer. Doch wäre Botticelli nicht der Künstler, der er war, hätte er dem Haar nicht die bewegenden Wellen hinzugefügt und die Haarpracht mit einem geflochtenen Perlennetz und einer kühn gesteckten Feder versehen. So scheint auch hier ein Hauch von Lüftchen durch das Portrait auf neutralem schwarzem Grund zu wehen.

botticelli-a

Sandro Botticelli (1444/45-1510), Weibliches Idealbildnis (Sandro Botticelli als Nymphe), Pappelholz, 81,8 x 54 cm, Frankfurt, Städel Museum, Foto: Ursula Edelmann – Artothek

Zwar ist die feine Dame ganz nach Florentiner Mode der Zeit und züchtiger als die „Venus“ gekleidet Weiterlesen

200 Jahre Städel, Yves Kleins Schwammrelief „Kleine Nachtmusik“ (2)

2015, März 8.

Petra Kammann stellt ihre ganz persönlichen Schätze im Städel vor

Als ich den Roman „Infanta“ des Frankfurter Schriftstellers Bodo Kirchhoff las, war ich überrascht, dass mir an einer Stelle ein Bild entgegensprang, das auch für mich selbst bedeutsam ist. Im Roman macht der eher heimatlose Protagonist Kurt Lukas immer wieder Zwischenlandungen in Frankfurt, geht ins Museum und setzt sich vor Yves Kleins Schwammrelief „Kleine Nachtmusik“. Das Bild an einem /diesem Ort nimmt ihn zwar gefangen, gibt ihm jedoch Raum für sich selbst und zwingt ihm vor allem keine bestimmten Gedanken auf.

Nach der Lektüre eilte ich gleich ins Städel, um meine eigenen Empfindungen zu überprüfen, faszinierte mich doch immer schon dieses Bild, von dessen Ultramarinblau eine sonnenähnliche Strahlkraft ausgeht. Meine Enttäuschung war umso größer, dass just zu diesem Zeitpunkt das Bild nicht zu sehen war. Ein Wärter sagte mir, es sei im Depot oder werde gerade restauriert. Der Romanheld Kurt Lukas sah bei seinen Kurzbesuchen im Städel so etwas wie Heimat in dem Bild. Durch die Abwesenheit des Bildes mit dem unnachahmlichen Blau, das auf mich einen ähnlichen Sog ausübt, wie es die blaue Blume der Romantiker wohl getan haben mag, sehnte ich mich nach diesem Stückchen verlorengegangener „Heimat“. Weiterlesen

200 Jahre Städel (1) Das Paradiesgärtlein

2015, März 3.

Petra Kammann stellt ihre ganz persönlichen Schätze im Städel vor

Es ist ein kleines Bild, kaum größer als ein DIN A 4-Blatt, das mich wieder und wieder in seinen Bann zieht, wenn ich das Städel besuche. Es tröstet mich, wenn ich darüber sinniere, dass Nichts zu Nichts mehr in meinem Leben zu passen scheint. Es verkörpert in seiner Heiterkeit für mich die Anmut pur und das schiere irdische Glück, besonders vielleicht in diesen Tagen, wo der Friede an den verschiedensten Stellen der Erde eher bedroht ist. Es ist ein offenes Paradies, in dem sich Menschen in einer Mauerecke, geschützt gegen eine feindliche Außenwelt zusammenfinden. Nur der Baum mit den „Vögeln des Himmels“ überragt die hohe gezackte Mauer, die zu einer Seite hin nicht abgeschlossen ist. Das Gemälde zeigt eine lesende Gottesmutter samt Jesususkind, das auf einem Psalter spielt, umgeben von einem Engel und mehreren Heiligen in einem Garten, welcher durch eine detailreiche Tier- und Pflanzendarstellung belebt ist.

Paradiesgärtlein-650

Oberrheinischer Meister, Das Paradiesgärtlein, um 1410-1420, Mischtechnik auf Eichenholz, 26,3 x 33,4 cm, Städelsches Kunstinstitut in Frankfurt am Main, Foto: © Städel Museum – ARTOTHEK

Pflanzen, Tiere und Menschen sind lebendig hier auf kleinstem Raum versammelt Weiterlesen