Was FeuilletonFrankfurt- Autoren und Autorinnen besonders in 2025 auf- und gefiel…
2025, Dezember 29.Bon Courage, Engagement und Durchhaltekraft fürs nächste Jahr

Petra Kammann wünscht sich mehr Mut, um für ein paar europäische Errungenschaften gerade zu stehen.
Alles in Europa auf verlorenem Posten? Doch wo bleiben unsere besonderen Errungenschaften, auf die wir stolz sein können, etwa auf die Deutsch-französische Freundschaft, oder auf das Medium Film, wenn wir so etwas nicht mutig verteidigen? Haben wir keine Träume und Utopien mehr? In Filmen scheinen sie neben viel Realität immer wieder auf. Das hat sich auf grandiose Weise der Präsident der Deutsch-Französischen Gesellschaft (DFG) Christophe Braouet mit seiner Equipe, dem Institut français (IFRA) und dem Arthouse Kino Cinéma zunutze gemacht und nicht nur die 25. Französische Filmwoche mit Premieren und Diskussionen organisiert, dazu auch noch ein launiges Gala-Diner in Anwesenheit des georgisch-französischen Regisseurs Akaki Popkhadze. Nebenan in der Alten Oper wurde die Verleihung des Hessischen Film-und Kino-Preises fürs nächste Jahr abgeblasen. Klar müssen wir alle sparen. Aber manchmal braucht eine Kulturstadt wie Frankfurt auch ein wenig Glamour. Das gehört zum Film, nicht zuletzt, um so herausragende Leistungen zu würdigen wie den packenden Thriller „Brule le sang“ von Akaki Popkhadze – diese Mélange aus Familienliebe, Exilleben, Realität, Gewalt, Heimweh und tief verwurzelter Religiosität jenseits der Côte- d’Azur-Postkartenidylle von Nizza. Hinzukommt: Die Französische Filmwoche lockte über 1000 Besucher an und bescherte der DFG zudem neue Mitglieder.

Roter Teppich für den französischen Film v.li.: Frankreichs Generalkonsul Nicolas Bergeret mit Gattin, Stadtverordnete Ina Hauck, Regisseur Akaki Popkhadze, DFG-Präsident Christophe Braouet und IFRA-Kulturbeauftragte Dominique Petre, Foto: Petra Kammann

Walter H. Krämer liebt das Theater
Wir leben in finsteren Zeiten. Wer hätte gedacht, dass das Drama „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert wieder ein Stück „der Stunde“ werden könnte? Umso bemerkenswerter, dass es zwei Frankfurter Ensembles / Häuser aus der Freien Szene der Stadt sind, die dies auf den Spielplan setzten. Nicht als museale Veranstaltung, sondern mitten ins Herz heutiger Zuschauer*innen. Dem grandiosen Spiel von Eric Lenke im Kulturhaus Frankfurt – inszeniert von Anna-Sophie Sattler – kann man sich nicht entziehen. Hier wurde der Text genau gelesen und Kriegsheimkehrer Beckmanns Alptraum in seiner Bildhaftigkeit auch lautmalerisch in Szene gesetzt. Linus König inszenierte das Stück in den Landungsbrücken – mit großem Ensemble und Jochen Döring als Beckmann. Ihnen zur Seite Sven Marco Schmidt, der in seiner Rolle als Dramaturg immer wieder das Spiel und die Geschichte unterbricht, um die Bedeutung für uns heute und deren Umsetzung auf der Bühne zu hinterfragen. Beides auch und gerade in ihrer Unterschiedlichkeit großartige und absolut sehens- und hörenswerte Arbeiten, die zeigen, dass die Frankfurter Freie Szene lebendig und sich ihrer gesellschaftspolitischen Verantwortung durchaus bewusst ist. Sich den finsteren Zeiten entgegenstellt und trotzdem / gerade deshalb das Leben feiert.

Noch immer oder schon wieder aktuell Borcherts Drama: „Draußen vor der Tür“

Margarete Berghoff blickt hinter die Kulissen der Regie
Drei Namen – Ein Mensch – Es geht um die Feministin und Sozialreformerin Bertha Pappenheim. Deren Krankengeschichte die Vorlage für Sigmund Freuds Fall „Anna O“ wurde und die unter dem Pseudonym P. Berthold veröffentliche. Der Text von Carolin Millner kommt mit wenigen eindringlichen Worten und Sätzen aus und sagt dabei mehr als ein ganzes Buch. Eine Regie, die aus wenig viel macht, voller zündender Ideen, die einfach umgesetzt werden, aber genau ins Schwarze treffen. 70 Minuten Theater vom Besten! Regie, Bühne und Kostüm durchdringen meisterhaft Themen wie Kampf für mehr soziale Gerechtigkeit, Widerstand gegen bestehende destruktive Normen und explizit gegen den damals grassierenden Mädchenhandel.
Choreografiertes Sprechtheater mit den beiden „brillanten“ Schauspielerinnen Mariann Yar und Judith Altmeyer. Intelligent, engagiert, assoziativ, informativ und interessant! Geplant sind außerdem weitere Aufführungen in Berlin, Frankfurt und Wien.

Ich bin kein Fall /Die Leben von Anna O., Bertha Pappenheim und P. Berthold. „Produktionshaus Naxos“ in der Naxoshalle Frankfurt

Uwe Kammann wünscht sich mehr Schönheit in der Stadt
Frankfurt und seine Stadtgestalt: Was wird uns das neue Jahr zu diesem Thema bringen? Viele von uns treibt um, dass sich vieles nicht zum Positiven entwickelt. Umso dringlicher und wichtiger, dass sich die Bürgerschaft einbringt, wie es so schön heißt, je intensiver, umso besser. Gut deshalb, dass die einzigartige Institution des Deutschen Architekturmuseums (DAM) auch 2026 ein zentrales Forum für wesentliche Debatten bieten wird, und dass es Anschauung vermittelt, in welche Richtung es mit vorbildhafter Architektur gehen sollte und könnte, so beim DAM-Architekturpreis.
Den Rück-Umzug in das angestammte Villen-Haus am Schaumainkai im Juni mögen manche bedauern, weil das Zwischenquartier im Ostend mit seinem rauen Industriecharme auch Vorzüge bot. Aber das im Inneren schneeweiße Haus hat mit seiner Strenge auch vieles für sich: Vor allem Konzentration. Für überzeugte Frankfurter daher eine Empfehlung ohne jede Einschränkung: das DAM zu besuchen – und sich jederzeit gedanklich auf einen der Diskussionsstühle zu setzen. So wie in jener Runde, als es um die Nachhaltigkeit in der Architektur und Stadtplanung ging – und nicht zuletzt um die Schönheit der Stadt.

Auf diesen Stühlen finden im DAM immer interessante Diskussionen statt, Foto: Uwe Kammann

Paulina Heiligenthal mit neugierigem, auch fotografischem Blick in der Welt unterwegs
Es ist der letzte Abend meiner Kulturreise in Italien, als sich eine Tür der Basilika in Padua öffnet und zur Besichtigung oder auch zur Hl. Messe einlädt. Drinnen erklingten mystischer Gesang, und Gebete, die zur Erhöhung der Spiritualität beitragen. Ich bin ganz beim Hl. Antonius. Bat ihn schon als Kind um seine Hilfe, wenn ich etwas verloren hatte.
Die monumentale Basilika mit romanischen und gotischen Stilelementen, 1232 grundgelegt, erhebt sich über dem Grab des hier verstorbenen Heiligen und enthält viele Kunstschätze und Reliquien, wie die unversehrte Zunge des Heiligen. Nach und nach wurde die kleine Kirche mit Seitenschiffen, zahlreichen Kapellen, Kuppeln und Türmen erweitert. Und mit Fresken und Basreliefs, die begeistern. Verschönert mit einem wunderschönen Weihwasserbecken mit der Statuette von Johannes dem Täufer aus Marmor von Tullio Lombardo ( 1455 -1532.) Aber, oh Schreck, das heilige Wasser befindet sich im Becken in einer billigen Porzellanschale. Eindrucksvoll und würdig für den wortgewandten, charismatischen Prediger dagegen die Innengestaltung aus Carrara-Marmor in Weiß und Gold, die das Grabmal fast überirdisch zum Leuchten bringt. Der Weg des um 1190 in Lissabon in eine portugiesische Adelsfamilie hineingeborenen Antonius, der in Coimbra die Priesterweihe empfing, führte nach Marokko, krankheitsbedingt nach einem Schiffsbruch schließlich nach Sizilien und ganz Italien.. Nach Rückkehr aus Padua fand ich einen längst verloren geglaubten goldenen Ohrhänger wieder. Grazie, San Antonio, Du Glorreicher!

Die monumentale Basilika von 1232 mit romanischen und gotischen Stilelementen, Foto: Paulina Heiligenthal

Simone Hamm liebt die Literatur, gelesene und gesprochene
Die Schauspielerin Angela Winkler hat ihre Erinnerungen „Das blaue Zimmer“ als Hörbuch eingelesen. Mit ihrer dunklen, vollen sanften Stimme. Es ist eine außergewöhnliche und großartige Lesung, weil vieles von dem, was sonst bei Hörbuchproduktionen weggeschnitten wird, bleibt. Das macht den Charme dieses Hörbuchs aus.
Angela Winkler seufzt, lacht, trinkt einen Schluck Wasser. Sie kommentiert ihre Erinnerungen. Sie liest vom Tod und schiebt ein – „Übermorgen gehe ich auf die Beerdigung meines Bruders“. Sie erzählt von schwierigen Inszenierungen, privaten Sorgen. Sie gibt sich nicht als Star. Sie schont sich nicht. Erzählt, wie der eine Hund an einer Raststätte versehentlich vergessen worden ist, der andere weglief und ins Tierheim kam. Sie hat ihn nicht abgeholt. „Gemein“ fügt sie hinzu.

Angela Winkler: „Mein blaues Zimmer“. Gelesen von Angela Winkler. speak Low, Berlin 2025. 240 Min., 1 MP3-CD, 22,– €.
