Rheingauer Literaturpreis 2026 für einen vielschichtigen „Wenderoman“ an den Schriftsteller Lukas Rietzschel
3 Generationen Lausitzer Weltbürgerfiguren
Von Petra Kammann
Der mit 111 erlesenen Flaschen Wein aus den Kellern des Verbandes Deutscher Prädikatsweingüter(VDP) Rheingau und mit 11.111 Euro dotierte Rheingau Literatur Preis 2026 ging in diesem Jahr an den Romanschriftsteller Lukas Rietzschel für seinen Roman „Sanditz“ (dtv). Die Auszeichnung wurde im Rahmen des diesjährigen Rheingau Literatur Festivals zum 33. Mal verliehen, diesmal im Fürst-von-Metternich-Saal auf Schloss Johannisberg. Das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur sowie das Rheingau Musik Festival e.V. stifteten je 5.000 Euro des Preises, der vom Relais & Chateaux Hotel Burg Schwarzenstein um 1.111 Euro ergänzt wird. Die so kenntnis- wie anspielungsreiche Laudatio hielt Andreas Platthaus, stellvertretender Feuilletonchef der FAZ.

Rheingau Literatur-Preisträger 2026 Lukas Rietzschel, Foto: Petra Kammann
Mit gutem Wein und bester Literatur ist der Rheingau Literatur Preis verbunden. Das spricht für eine treffende Parallele, beides muss ausgereift sein. Zu den bisherigen Preisträgern zählen nicht ohne Grund Schriftsteller wie Peter Stamm, Bodo Kirchhoff, Robert Gernhardt, Clemens Meyer, Antje Rávic Strubel, Ursula Krechel, Saša Stanišić oder auch Robert Seethaler dazu.

Bei heiterster spätsommerlicher Stimmung wurde der Preis von Rheingau Musik-Festival Chef Michael Hermann (links von Rietzschel) im Fürst-von-Metternich-Saal verliehen, Foto: Petra Kammann
In seinem dritten Roman, angesiedelt in der fiktiven Lausitzer Kleinstadt Sanditz, beleuchtet der sächsische Autor Lukas Rietzschel die Geschichte der Familie Wenzel von den 1970er Jahren bis hin zur Corona-Pandemie und dem Beginn des Ukraine-Krieges. Mit seinem Roman erweitert Rietzschel das Genre der Wenderomane um die Zeit großer Transformationen nach 1990.
„In diesen Zeitraum fallen die gesellschaftlichen Umbrüche in der DDR, die in die Wiedervereinigung mündeten, aber auch die Enttäuschungen, die die aufbruchsbereiten Bewohner der fiktiven Ortschaft Sanditz danach erleben und die daraus resultierende Skepsis gegenüber den Errungenschaften der neuen Epoche. Fokussiert auf drei Generationen der Familie Wenzel, bietet Rietzschel eine exemplarische Studie des Auseinanderfallens einer Gemeinschaft, in der sich ausgehend vom erzählerischen Brennpunkt Sanditz die Atmosphäre des Romans immer mehr erhitzt. Die Tradition der Wenderomane wird dadurch sowohl fortgeschrieben als auch um jene Transformation erweitert, die nach 1990 einsetzte. Rietzschel gelingt ein wahrnehmungsweitendes deutsches Porträt: ausgreifend nach Osten und dabei weit über die deutschen Grenzen hinaus – und über alle Klischees. Seine Wenzels sind Lausitzer Weltbürgerfiguren“, heißt es in der Jurybegründung.

Lesung mit Wein-Preis – Lukas Rietzschel las zwei Kapitel aus seinem Roman „Sanditz“, Foto: Petra Kammann
Hessens Kulturminister Timon Gremmels (SPD) bezeichnete den Autor als „eine kraftvolle und wichtige literarische Stimme des Ostens“, der in Sanditz Sagen der Lausitz mit Familiengeschichten der Gegenwart verwebe. Dabei zeige er pointiert, warmherzig und mit einem beeindruckenden Sprachgefühl, wie Erfahrungen aus einem untergegangenen Staat Generationen bis heute prägen, ohne ins Klischee abzudriften.

Hessens Kulturminister Timo Gremmels freut sich über die spitzbübische Verwendung des Wein-Preises, Foto: Petra Kammann
Und was macht der Preisträger Lukas Rietzschel mit sage und schreibe 111 Flaschen erlesenen Weines, die Teil des Preises sind und heute oft vom Umfang her schon eine kleine Wohnung sprengen? Er, so verkündete Rietzschel, werde seinen Erfolg gerne mit anderen teilen und am 4. Oktober mit dem gewonnenen Wein im Kunstmuseum Magdeburg feiern. Rheingau Musik Festival-Leiter Michael Hermann fügte eine weitere kostbare Flasche Riesling hinzu und Minister Timo Gremmels steuerte für den kleinen Weinabend sogar noch eine Kiste Wein von der Hochschule Geisenheim, für die er verantwortlich ist, bei. Denn der Wein wird in Magdeburg an diesem Abend kostenlos ausgeschenkt und stattdessen wird das Publikum animiert, freiwillig etwas zu spenden. Die Spenden gehen dann an gemeinnützige Vereine in das derzeit so heftig diskutierte Sachsen-Anhalt.
Intellektueller Höhepunkt der Preisverleihung war indes ohne Zweifel die Laudatio von Andreas Platthaus, der die drei Romane von Rietzschel miteinander verglich und differenziert die innere Entwicklung und Vernetzung der Romanfiguren aufzeigte.

Andreas Platthaus, Leiter von „Literatur und literarisches Leben“ der FAZ und Präsident des Rheingau Literaturfestivals
Platthaus beschrieb darin auch die Genese des Romans, der in der Coranzeit seinen Anlauf nahm, wo schon die Folgen der Pandemie unterschwellig allgegenwärtig waren. „Doch da im Verlauf des Geschehens nicht nur Rückblicke zu den Erlebnissen von Toms Eltern in der ausgehenden DDR und dem frühen wiedervereinigten Deutschland zwischengeschaltet sind, sondern auch über Weihnachten und Silvester hinübererzählt wird ins erste Halbjahr und bis in den Sommer des Jahres 2022, musste sich Lukas Rietzschel dem stellen, was bei der Konzeption von ,Sanditz‘ noch unabsehbar gewesen war, aber dem Buch eine Coda bescherte, die der Romankomposition das bloß Regionale nahm und sie ins Universale weitete. Der Krieg ist zurück in Mitteleuropa, und was Gegenwartsliteratur genannt werden will, ist gezwungenermaßen mittendrin.“
Besonders eindrücklich seien u.a. auch die Passagen, die sich mit dem Alter befassten, wenn wir etwa erfahren, dass Tom, der Held oder Antiheld „diesen wohl zweiunddreißigjährigen Toten mit jenen Menschen vergleicht, die er selbst geliebt hat: mit seiner Familie. … Es ist nicht nur das eine Leben, das er hier beendet hat. Es ist das Leben von ihnen allen.“ Und in diesem Alter von ein- oder vielleicht zweiunddreißig, mit dem hier lauter Einschnitte markiert sind, die große Bedeutung haben für das Geschehen von ,Sanditz‘, sei der Autor Lukas Rietzschel Vater geworden und habe seinen Figuren „erst das literarische Leben geschenkt, das Tom am Ende von sich abschneidet. Und dadurch selbst zur unvergesslichen Figur wird.
Toms Aufbruch in die Ukraine war ein Ausbruch, „er erklärt der eigenen Vergangenheit den Krieg“. Seine Liebe habe ihn enttäuscht, alles sei ihm verlorengegangen: seine Liebe, sein Beruf, seine Familie. „Nichts hält ihn mehr in Sanditz, der fiktiven ostsächsischen Stadt des gleichnamigen Romans, also sucht er sich einen neuen Halt, den Zusammenhalt an der ukrainischen Front, wo er das explosive Potential des Geschehens von Beginn an thematisiert.“
Platthaus analysierte die Vulkanmetapher, derer sich Rietzschel schon in seinem Debütroman in der Figur des Tobi in „Mit der Faust in die Welt schlagen“ bedient, den der Autor als einen „Entflammten“ beschreibt, der am liebsten die Welt in Brand setzen würde, während Tom aus seinem zweiten Roman „Raumfahrer“ schon ein „Verbrannter“ sei. In der Verteidigung der Freiheit aber werde Tom dann genauso zum Täter wie Tobi. Oder wie Putin. Es gebe kein Schwarz und Weiß in dem Roman ,Sanditz‘, so Platthaus‘ Kommentar.
Die Verschwundenen, Weggezogenen – das sei ein „weiteres untergründiges Zentralmotiv des Romans ,Sanditz‘ und ein Zentralmassiv der ostdeutschen Problemlage nicht nur im ländlichen Raum.“
Wobei Sanditz sowohl kompositorisch als auch inhaltlich ein zärtliches Buch sei, betonte der Laudator: eines, das von einer Liebe zu den Schauplätzen und Figuren getragen werde, die ihren Grund wiederum in biographischen Erfahrungen seines Autors habe. Da steht etwa Toms Großmutter Erika Wenzel, mit der ein Jahrhundert zu Ende geht, als letztes Bindeglied zwischen Lebenden und Toten. Die Musikerin, die für die Begräbnismusik auf dem Lande sorgte, habe ihr Vorbild in Lukas Rietzschels eigener Großmutter gehabt, die er als junger Mann übers Lausitzer Land zu den weit verstreuten Trauerfeiern gefahren habe. Ihr verdanke er im übrigen das fiktive Sanditz.
Aber es geht auch bruchstückhaft um Roland, den verlassenen Liebenden, „der sich im Roman gegen den Fatalismus des Vergessens stemmt“ , oder um den Nesthocker Dirk, den ein Kuss das kalte Meer hat vergessen lassen, in dem er knöcheltief stand. Diese Dirk-Kapitel zum Ende von „Sanditz“ hin seien die einzigen im Roman, in denen sich die Zeitebenen mischten, in denen der Vergangenheit mit der Gegenwart „durch diese“ begegnet und auch geheilt werde, so Platthausens Schlussfolgerung. Es seien Kapitel, die hoffnungsfroh stimmten, in einem Buch, „das uns erzählt von dem, was verlorengegangen ist in Ostdeutschland, und das es auf eine so persönliche Art tut, dass die dortigen Erfahrungen allgemeingültig erscheinen. Wir sprechen viel über das, was vorgeht im Osten der Republik. Lukas Rietzschels ,Sanditz‘ erzählt, was dort vorgegangen ist, vorausgegangen.“
Und, so möchte man ergänzen: Er tut es sehr anschaulich aus den unterschiedlichen Blickwinkeln mit detailreichen Beobachtungender sich verändernden Umwelt unbd der handelnden Personen, für deren Verständnis er wirbt.
CV Lukas Rietzschel
Rietzschel wurde 1994 im sächsischen Räckelwitz geboren. Er studierte Politikwissenschaft, Germanistik und Kulturmanagement in Kassel und Zittau/Görlitz. In seinem ersten Roman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ (2018), erzählt er eine Familiengeschichte von Wendeverlierern und Rechtsradikalen und erregte damit Aufmerksamkeit. Der Roman wurde verfilmt. 2021 erschien sein zweiter Roman ‚Raumfahrer‘.
Lukas Rietzschels Romane und Theaterstücke wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Gellert-Preis, dem Sächsischen Literaturpreis und dem Literaturpreis „Text & Sprache“. Sein Bestsellerroman ‚Sanditz‘ ein Bestseller wurde für den Deutschen Buchpreis 2026 nominiert.
Die Jury
des Rheingau Literatur Preises setzt sich unter der Leitung von Andreas Platthaus (Leiter des Ressorts „Literatur und literarisches Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Zeitung) zusammen aus Prof. Dr. Heiner Boehncke, Dr. Viola Bolduan (ehemalige Feuilletonchefin des Wiesbadener Kuriers), Dr. Alf Mentzer (Literaturredakteur des Hessischen Rundfunks) und Shirin Sojitrawalla (Literatur- und Theaterkritikerin).
