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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Mozarts „Zaide“ in einer Frankfurter Inszenierung: Urbild grausamer Herrschaft

Regisseur David Hermann verzichtet auf direkte politische Anspielungen und Bezüge – Großartige Musik als Trost

Von Uwe Kammann

Wie verschieden doch die Reaktionen ausfallen können! Fade sei die Regie, dem Tiger hätten die Krallen gefehlt, es mangele an aktuellen Bezügen, politisches Potential werde damit verschenkt, das war nach der Premiere des Mozart-Singspiels „Zaide“ aus dem Publikumskreis zu hören, auch an kritischer Stelle zu lesen. „Eiskalte Funktionalität“ bescheinigt hingegen ein anderer Kritiker dem 1780 entstandenen Stück, das ein Fragment geblieben ist, von manchen als Vorläufer der Oper „Die Entführung aus dem Serail“ eingeordnet, also mit türkischer Historie verwoben.

Peter Marsh (Soliman), Karolina Bengttson (Zaide) Pete Thanapat (Osmin), Foto: Barbara Aumüller

Der Kern der so gelesenen Geschichte ist klein: Ein brutaler Herrscher, Soliman, begehrt eine Sklavin, Zaide, die sich jedoch einem anderen Sklaven, Gomaz, innig verbunden fühlt. Eine Flucht misslingt, beide sind der Rachsucht des Tyrannen ausgeliefert, werden gefoltert. So hört das Stück in Frankfurt auch auf, es wird nichts von dem angedeutet, was an anderer Stelle vermutet wird: keine Begnadigung, keine Erlösung.

Dies spielt die Inszenierung von David Hermann in eineinhalb Stunden gnadenlos durch, verleiht somit dem Singspiel-Fragment eine überzeitliche Deutung und Bedeutsamkeit. Es braucht keine Entwicklung, keine psychologische Ausleuchtung, keine umkreisende Annäherungen an eine Person, weder an den grausamen Herrscher noch an das in Liebe verbundene Paar. Es geht Hermann um eine Ursituation, ein Modell der machtgierigen Unterwerfung, welche Grausamkeit und Unerbittlichkeit ohne jeden Skrupel ausübt, sich dabei der völlig hörigen Schergen bedient.

Das Ensemble in der Arena, Foto: Barbara Aumüller

Schon dieses Grundmodell ist beim Betreten der düster ausgelichteten Spielstätte, des Bockenheimer Depots, zu erahnen. Denn das Publikum geht an zwei Seiten an der langestreckten Bühne vorbei, die an die Grundform des römischen Zirkus Maximus erinnert, um dann auf U-förmigen Tribünen Platz zu nehmen, ganz nah am Geschehen. Die Bühne birgt im Inneren, etwas vom Publikum entfernt, das von George Petrou fulminant dirigierte Frankfurter Opern-und Museumsorchester, das an Präsenz nicht zu übertreffen ist. Und eine perfekte Einheit bildet es mit dem Spiel der Akteure.

Schnell wird ersichtlich, was dieses von Jo Schramm entworfene Bühnenbild vermittelt: nämlich die maschinenartige Abhängigkeit der Unterdrückten. Sie werden beim Lauf auf den treppenartig gestuften Arenabahnen an einem die Grundform spiegelnden Schienensystem geführt, sind gleichsam über vertikale Stahlbänder gefesselt, die mit dem Körper über panzerartige Westen verbunden sind. Farblich wird an American Football erinnert, auch die Schuhe und Beinmanschetten zitieren eine Sportausrüstung und damit das Masseninstrument Brot und Spiele. Die personifizierte Macht hingegen, also Herrscher und Schergen, sind von Kopf bis Fuß sand- bis schlammfarben gewandet, mit einer spätestens seit Gestapo- und Gulag-Zeiten gefürchtetem Urform der Bekleidung: einem schwingenden Mantelumhang aus feinstem geschmeidigen Leder.

Karolina Bengttson (Zaide), Michael Porter (Gomatz), Foto: Barbara Aumüller

Dunkle Halbmasken verbergen jede Individualität, lassen die Herrschaft als anonym erscheinen. Es ist ein geschlossenes System, das uns Bühnenbild, Kostüme (Sibylle Wallum) und Regie in klarer Disposition ohne jede Abweichung vermitteln, im Ganzen zu äußerster Abstraktion verdichtet. Das, was die Kritiker an politischen Direktbezügen vermissen, ist vielmehr die große Stärke dieser Inszenierung. Sie zeigt eindrücklich, in unerschütterlicher Direktheit, das Grundmuster von absoluter Herrschaft und Unterdrückung, ein Mechanismus, der auch nicht durch die Liebe zweier Menschen aufgebrochen werden kann. Es gibt keinen Ausweg, die Düsternis ist umfassend, die Konsequenz der kalten Mosdulation eines seit Menschengedenken exekutierten Modells nimmt das Publikum gefangen und schlägt es in den Bann.

Pete Thanapat (Osmin), Karolina Bengttson (Zaide), Michael Porter (Gomatz), Foto: Barbara Aumüller

Die Musik Mozarts hüllt dieses Geschehen in manchen Momenten fast tröstend ein, treibt aber die Handlung ansonsten in geschmeidiger Dynamik voran, in hoher Intensität, bei stets hörbarer Transparenz. Eine Präsenz auf gleicher Höhe vermittelt das Gesangsensemble, mit einer herausragenden Karolina Bengtsson (Sopran) in der Rolle der Zaide und einem liebevoll-innigem Michael Porter als ihr Geliebter Gomaz. Peter Marsh lässt den Herrscher in einer klanglichen Neutralität aufgehen – doch von der Grundkonzeption dominieren eigentlich nicht die Stimmen (bei spärlichen Texten) in dieser Inszenierung, sondern es sind, gerade auch bei Stereotypen, die Bilder, zu denen auch zwei, dreimal eine vielbrüstige Löwin (Rom-Mythos, Todesspiele?) gehört, die unterhalb der Arenabahnen hinter Gitterstäben ihre Kreise zieht.

Auch hier die starke Botschaft: Es gibt kein Entrinnen, das System ist etabliert, Auswege sind nicht in Sicht, das Bild der Existenz ist grundiert mit düsteren Farben. Es ist ein Urbild. Hier allerdings gibt uns die kraftvolle Schönheit der Musik Mozarts Halt. Für eineinhalb Stunden.

Viel Beifall gab’s zum Schluss für die Solisten, Foto: Petra Kammann

 

Nächste Vorstellungen im Oktober 2026:

3. 10. , 7.10.,9.10., 11.10.,14.10,, 16.10., 18.10.,

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