Soundwalks und Aufforderung zum Hinhören im Museum-Sinclair-Haus in Bad Homburg v.d. Höhe
TIERSTIMMEN. Kontakt durch Klang
Von Corinne Elsesser
Nach „Nachtleben“ und „Vogelperspektiven“ nimmt die neue Ausstellung im Museum Sinclair Haus in Bad Homburg nun die Stimmen der Tiere in den Blick. „Tierstimmen“ zeigt ein breites Spektrum an Kommunikationsformen, an „Kontakten durch Klang“ anhand einer großen Bandbreite an künstlerischen wie auch naturwissenschaftlichen Exponaten.

Ylla, Kamel, 1936, Fotografie, © Pryor Dogde, Foto: Ylla
Zur visuellen kommt in dieser Ausstellung eine akustische Dimension dazu. Es klingt, es ruft, es zirpt und knackt allenthalben in den Räumen. Der Betrachter wird zum Hören aufgefordert, er soll teilnehmen oder dies zumindest anhand der Objekte nachvollziehen. Hinschauen, zuhören, sich einfühlen in artfremde Sprachen bis hin zu einem Gespräch mit einem Raben.
Die Kuratoren Jessica und Martin Ullrich bearbeiteten die Thematik aus kunsthistorischer und aus musikwissenschaftlicher Sicht. Jessica Ullrich ist Professorin für Kunstwissenschaft und Ästhetik an der Kunstakademie Münster, Martin Ullrich Professor für Interdisziplinäre Musikforschung an der Hochschule für Musik in Nürnberg mit Schwerpunkt Human Animal Studies.
Der Rundgang beginnt mit eindrucksvollen Schwarzweissfotografien von Ylla (Camilla Henriette Koffler), die in den 1930er Jahren in den Zoos von London und Whipsnade Tiere im Moment ihres Rufens fotografierte. Hörbar werden andere Tierstimmen in drei Videoarbeiten, die verschiedene Klanglandschaften vorstellen, eine Oase um Mitternacht (Chris Watson) oder einen Wald im Nordosten Polens (Izabela Dłużyk). Selbstgebaute Lockpfeifen von Leena Saarinen ermöglichen ein Ansprechen der Tiere und die „Songs for Birds“ sind als Zusammenarbeit des tschechischen Künstlerkollektivs CMUK mit Papageien entstanden.
Unter die Oberfläche des Ozeans führt die „Nereida Capsule“, ein von Ariel Guzik entworfenes Forschungsgerät, das unter Wasser Wale anspricht. Die Hornistin Abigail Sanders transkribiert deren Stimmen für das Horn, der Jazzmusiker David Rothenberg musiziert zusammen mit ihnen auf dem Meer. Beide Musiker berufen sich auf frühe Forschungen des Biologen und Bioakustikers Roger Payne, der 1970 erstmals Buckelwalgesänge aufgenommen und damit unsere Aufmerksamkeit auf deren Kommunikation gelenkt hat. Besonders hörenswert ist eine akustische Unterwasserwelt, die die Klangkünstlerin Jana Wilderen 2009 vor der Küste Norwegens aufgezeichnet hat: „The Noisiest Guys on the Planet“.

Ars Electronica Futurelab, Corpus Corax, 2025, interaktive Installation, KI, © Foto: Anna Weiss
Und „Corpus Corax“, eine Installation von Ars Electronica Futurelab, lädt ein, sich an einen futuristisch arrangierten Esstisch zu setzen, um dort nicht nur Antworten auf Fragen aus der Sicht eines Raben zu erhalten, sondern auch Aufschluss darüber, wie präzise Artificial Intelligence heute angewendet werden kann. Mit einer VR-Brille übernimmt man im nächsten Raum die Flugperspektive einer nachts durch den Wald fliegenden Fledermaus, die sich in der Dunkelheit mittels für Menschen nicht wahrnehmbarer Unltraschallwellen orientiert („Batopia“ von Yiou Wang).
Mit dem Nachahmen und Darstellen von Tierlauten beschäftigte sich schon 1650 Athanasius Kircher in seiner Schrift „Musurgia universalis“, in der er die Gesänge der Vögel wissenschaftlich untersuchte. Die tschechische Künstlerin Olga Karlíková übertrug in den 1970er Jahren Tierstimmenmelodien in eine Zeichensprache auf Papier. Auch einige Komponisten liessen sich von Vögeln inspirieren. Emily Doolittle schrieb „Night Black Bird Song“ 1998 angeregt vom Gesang einer Amsel. Olivier Messiaen bezog in seinen Klavierzyklus „Catalogue d’oiseaux“ 1958 authentische Vogelstimmen mit ein. Umgekehrt übersetzte der amerikanische Fotograf William Wegmann das Bellen und Knurren seines Weimaraners in menschliche Mimik. Und Marcus Coates vermittelt sein Nachahmen von 86 Vogelstimmen in „A Guide to the British Non-Passerines“ so täuschend echt, als würde er fast selbst zum Vogel.

Tuomas Laitinen, Haemocyanin, 2019, Installation © Dr.Corinne Elsesser
Dem Verstummen der Vogelstimmen als düsterer Zukunftsvision widmet sich Alice Q. Hargrave in ihrem Langzeitprojekt „Last Calls – Pink Noise“. Mittels Spektogrammen zeichnet sie die Stimmen bedrohter Vogelarten ähnlich Partituren auf. „Birdsong“, ein Zeichentrickfilm von Michelle Cheng, wie auch ein vom Komponisten Alexander Liebermann 2021 in Notenschrift übertragener Gesang widmen sich dem ausgestorbenen hawaiianischen Vogel Kaua’i’O’o und lassen Kunst schliesslich zum Archiv werden.
Wie aber verständigen sich Tiere in den lautlosen Tiefen des Ozeans? Schillernd leuchtende Glasobjekte geben in einem dunkelblauen Raum den Blick frei auf einen Oktopus, der ein solches Objekt erkundet. Im Video „Haemocyanin“ von Tuomas A. Laitinen werden die tastenden Bewegungen seiner Tentakel zu einer Art Zeichensprache jenseits unserer sinnlichen Erfahrungswelt.
Infos
Die Ausstellung TIERSTIMMEN im Museum-Sinclair-Haus, Löwengasse 15, Bad Homburg v.d. Höhe geht bis zum 14.2.2027
Das Magazin zur Ausstellung
mit Texten von Roland Borgards, Karsten Brensing, Ted Chiang, Vinciane Despret, Emily Doolittle, Ursula K. Le Guin, Eva Meijer, Tom Mustill, Mary Oliver, Cord Riechelmann, Holger Schulze. Hrsg. Kathrin Meyer, Jessica Ullrich, Martin Ullrich, kostet 20 Euro.
Das Blattwerke-Ideenheft „Tierstimmen“
ist für 8 Euro an der Museumskasse erhältlich und als download unter:
Ein umfangreiches Begleitprogramm mit Führungen, Vorträgen, soundwalks findet man unter:
* Die Autorin dieses Beitrags, die Kunsthistorikerin und Philosophin Dr. Corinne Elsesser veröffentlicht regelmäßig über Architektur und Kunst in verschiedenen Tageszeitungen und Fachpublikationen.
