More is now! Das Haus Tugendhat in Brünn und 28 innovative Architekturen in Tschechien im DAM
Ressourcen städtischer Räume, historische Gebäude und Materialien der Umgebung
Von Petra Kammann
Die von Helena Huber-Doudová (Nationalgalerie Prag) kuratierte Ausstellung „More is Now“, die anlässlich des Gastlandauftritts Tschechiens auf der Frankfurter Buchmesse im Deutschen Architekturmuseum (DAM) gezeigt wird, bietet die Gelegenheit, die bislang wenig bekannte junge tschechische Architekturszene kennenzulernen. Neben der Villa Tugendhat, erbaut 1928–1930 vom bedeutenden Architekten der Moderne Mies van der Rohe werden im DAM innovative Projekte junger Architektinnen und Architekten aus der sogenannten Millennial-Generation präsentiert. Mit dem Slogan „less is more“ (Weniger ist mehr) wollte Mies van der Rohe sich auf das Wesentliche konzentrieren. Heute heißt es in Tschechien „More ist now“. Gezeigt werden 28 verschiedenartige zeitgenössische architektonische Positionen.

Das Haus im Haus im DAM, entworfen von Oswald Mathias Ungers, beherbergt derzeit die Fotografien, die von der Villa Tugendhat – die Ikone der Moderne des Architekten Mies van der Rohe nach der sorgfältigen Renovierung entstanden, Foto:Moritz Bernoully
Als Mies die Villa Tugendhat in Brünn entwarf, war er gerade mal 42 und schon ein Stararchitekt. Der deutsch-mährische Unternehmer und Fabrikant aus Brünn (Brno) Fritz Tugendhat hatte ihn in Berlin kennengelernt und wollte unbedingt, dass er sein Privathaus baut und gab dem Architekten plein pouvoir, d.h. freie Hand. Und so entstand dieser prägende Meilenstein der modernen Architektur, der übrigens schon 1932 das Cover des Katalogs zur MoMA-Ausstellung Modern Architecture: International Exhibition zierte. Aber kurz zur wechselhaften Geschichte dieses denkwürdigen Hauses, das in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen wurde.

DAM-Direktor Peter Cachola Schmal und Martin Krafl, Programmdirektor des Ehrengastauftritts Tschechien auf der Frankfurter Buchmesse, „Czechia 2026“, Foto: Petra Kammann
Zur Planungs- und Bauzeit der Villa Tugendhat (1928 bis 1930) war Brünn (Brno) eine der größeren Städte der frisch gegründeten Republik Tschechoslowakei. Der Textilindustrielle Alfred Löw Beer, Vater von Grete Tugendhat, hatte seinerzeit dem jungen Paar für deren Haus einen Teil des Parks zur Verfügung gestellt. Die wohlhabenden jüdischstämmigen Fabrikanten aus Brünn empfanden sich als gut vernetzte, modebewusste Weltbürger, die sich für neue Entwicklungen und Trends in der Welt der Technik und in den Künsten interessierten, was in die Konzeption des Hauses auch entsprechend einging.
Wollte man also dem Haus im Park der Schwiegereltern Löw-Beer eine autonome Adresse geben, so musste man es sichtbar an der Hangkante platzieren. Natürlich stellte diese Hanglage seinerzeit für den Architekten eine gewaltige – auch konstruktive Herausforderung – dar und er machte daraus eine Besonderheit qua besonderer Stahlskelettkonstruktion. Während das Hauptgeschoss ins Erdreich dringt, besteht seine Rückseite aus Kellerräumen, wo auch die damals so innovative Technik untergebracht war. So gliedert sich die Villa in ein Eingangsgeschoss mit den Schlafzimmern und einem Wohnbereich, in ein Haupt- und ein Sockelgeschoss.

Herausragend das moderne Gebäude, die Villa Tugendhat an der Hanglage in Brünn, Foto: David Židlický
Die Villa besteht somit im Wesentlichen aus zwei Aussichtsplattformen, die über dem Park zu schweben scheinen. Diese werden von dienenden Räumen umgeben, welche mit Technik und Personal für Komfort und Wohlbefinden sorgen. Moderner, minimalistischer Luxus vom Feinsten aus der Zwischenkriegszeit.
Mit dem Slogan „less is more“ (Weniger ist mehr) wollte sich der bedeutende Architekt der Moderne Ludwig Mies van der Rohe auf das Wesentliche konzentrieren und bewusst auf Ornamente und Verzierungen, wie sie in der Gründerzeit üblich waren, verzichten. Die Konstruktion, klare Proportionen und hochwertige Materialien sollten eine entsprechend wertige Wirkung erzeugen und stellten einen Kontrast zu den bürgerlichen Gründerzeitvillen dar.

Die damals moderne Technik unterhalb der Wohnräume, Foto: David Židlický
Die Familie Tugendhat konnte das Leben in dem großzügig eleganten Haus allerdings selber nur zwischen 1930 bis 1938 genießen. Die Flucht der Familie vor den Nazis bescherte der Villa danach ein wechselhaftes Schicksal. Auf einen deutschen Ingenieur folgten die sowjetischen Befreier, welche darin einen Pferdestall eingerichtet haben sollen.
Später diente das Hauptgeschoss als Tanz- und Gymnastikschule für Kinder, 1992 wurde in der Villa Tugendhat über die Trennung der Tschechischen Republik von der Slowakei verhandelt. Die Rückkehr in die ursprüngliche Form dauerte Jahre. Wie schön , dass man auf einem der ausgestellten Fotos noch einen weiblichen Torso des ebenso verfemten expressionistischen Bildhauers Wilhelm Lehmbruck entdecken kann, der anscheinend jahrelang im Depot verschwunden war.
Die Villa Tugendhat, die zu einer Ikone der Moderne wurde, erstrahlt nach jahrelangern Rebovierungsarbeiten heute in alter Schönheit und setzt selbst hundert Jahre später nach wie vor Maßstäbe für Architekten und Architektinnen. Auch sie orientierten sich an dem Vorbild, Gebäude zu entschlacken und von den Begrenzungen tragender Wände im Inneren zu befreien, wie es die Stahlskelettkonstruktion vorgemacht hatte.
Die Brünner Villa war übrigens zur selben Zeit geplant worden wie der Deutsche Pavillon auf der Weltausstellung in Barcelona 1929, der jedoch gleich danach wieder abgebaut wurde. Beide Bauwerke aber sind in ihrer stringenten Modernität ästhetisch verwandt. Die tragende Funktion übernehmen Außenwände oder Stützen, damit der Grundriss flexibel gestaltbar und veränderbar wird und die Wände nur noch als Raumteiler dienen.

Das klassisch-modern designte Mobiliar von Lily Reich wird noch heute hergestellt, Foto: David Židlický
So findet man verschiedene Elemente des temporären Pavillons in Barcelona auch in der für Villa wieder: Travertin als Bodenbelag, mit poliertem Chromstahl verkleidete Kreuzstützen, nichttragende Wandscheiben aus Halbedelsteinen und gebogene kostbare Wände und Raumteilern aus edlen exotischen Hölzern. An beiden Projekten wirkte übrigens die Designerin und Innenarchitektin Lily Reich (1885–1947) und langjährige Lebensgefährtin von Mies van der Rohe intensiv mit. Sie hat auch die berühmten Sitzmöbel wie die eleganten Freischwinger oder den Barcelona-Stuhl, der noch heute bei Knoll produziert wird, entworfen. Kennengelernt hatte sie Mies übrigens als sie schon Ausstellungsgestalterin für das Messeamt in Frankfurt war. Aber das ist noch eine andere durchaus spannende Geschichte.

Die tschechische Kuratorin Helena Huber-Doudová (re) von der Nationalgalerie Prag erläutert die Positionen innovativer tschechischer Architekturen, Foto: Petra Kammann
Die Ausstellung im Deutschen Architekur Museum in Frankfurt „More is Now!“ geht 2026 aber darüberhinaus der Frage nach, inwiefern sich die tschechische Architekt:innen der Millennial-Generation heute von dem Prinzip „less is more“ inspirieren lassen oder das Erbe der Moderne neu und durchaus phantasievoll interpretieren. Einige setzen auf das minimalistische „less“, während andere zu „more“ tendieren, zu mehr Komplexität, Vielschichtigkeit und Farbe. Hier seien nur wenige der 28 Projekte erwähnt. Eine Besonderheit verbindet die bei uns wenig bekannten Architekturschaffenden: Durch ihre Arbeit im europäischen Ausland sind ihre Namen über namhafte Architekturbüros verbunden wie Herz & de Meuron oder BIG oder Johannson.
Auffällig ist wohl auch, dass die meisten jungen Architekturschaffenden ihre ersten größeren Projekte durch den Gewinn öffentlicher Wettbewerbe realisieren konnten und dass sich ihre Gebäude oft außerhalb von Prag in einigen der fortschrittlicheren Regionen des Landes befinden. Die Ausstellung rückt herausragende Werke dieser neuen Architekturgeneration in den Mittelpunkt.

Susanne Sehlbach, die deutsche Geschäftsführerin des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, unterstützte das Architekturprojekt, Foto: Petra Kammann
Erwähnenswert ist zum Beispiel der Umbau eines Getreidesilos, ein Projekt von Adaptive Reuse der Winternitz-Mühlen in Pardubice, wo das Silo-Gebäude zugänglich gemacht wurde und darüberhinaus Konferenzräume und eine Dachterrasse entstanden .

Prokš Přikryl, Winternitz — Adaption des Getreidesilos, Pardubice, 2018—2023, Photo: Petr Polák
Ein anderes Beispiel ist die Prager Štvanice-Brücke, die von weitem wie ein zarter Strich in der Moldau-Landschaft wirke, wie DAM-Direktor Peter Cachola Schmal, der konstruktiv mit den tschechischen Spezialisten zusammengearbeitet hat, erwähnte. Diese bestehe aus hochwertigem, ultrahochfestem Faserbeton und ihre Oberfläche erinnere an glänzenden weißen Marmor.

Die Prager Štvanice-Brücke für Fußgänger und Fahrradfahrer , von Atelier Bridge Structures (Petr Tej, Jan Mourek) & Blank architekti (Marek Blank), Štvanice Footbridge (HolKa), Prague, 2022–2023. Photo: Alex Shoots Buildings
Die Brücke wurde inzwischen zu einer neuen festen Größe am Moldauufer. Sie verbindet nicht nur das rechte und das linke Moldauufer miteinander, sondern man gelangt durch sie zu Fuß auf die Insel mit ihrer üppigen Natur, die bislang nur mit dem Schiff erreichbar war. Das führt dazu, dass sich die Touristen zwischendurch ein wenig vom Overtourisme in der Innenstadt, in der Natur erholen können.

Interessant ist wie in einem anderen neuen Gebäude eine Sichtbeziehung zwischen dem traditionellen Bau und dem transparenten zeitgenössischen Erweitrerungsbau nebenan entsteht, in dem die entsprechenden Kubatur des Gebäudes aufgegriffen wird und ein interessanter Lichteffekt dadurch entsteht.
Viele zeitgenössische tschechische Architektinnen und Architekten trumpfen nicht auf, sondern lassen sich von strenger Zurückhaltung leiten. Sie fühlen sich von Einfachheit, klaren Strukturen und Modularität angezogen, die ihren Gebäuden Gestalt verleihen. In ihren Arbeiten loten sie das formale und technische Potenzial von Beton, Holz oder wiederverwendeten Baumaterialien aus. Ihr Minimalismus sei formaler, konzeptioneller und ethischer Natur, sagte die Kuratorin Helena Huber-Doudová. Und weiter: „In unserem Fokus waren konzeptionelle Grundlagen des Modernismus sowie die Fähigkeit, auf Trends und Veränderungen im eigenen Umfeld kritisch zu reagieren.“
Da Tschechien von der Fläche her nicht so groß ist und einige der Projekte außerhalb von Prag entstanden, ist die Hoffnung groß, dass durch diese Ausstellung die zeitgenössische tschechische Architektur in Deutschland sowie das deutsch geprägte architektonische Erbe in Böhmen sichtbarer und entsprechend gewürdigt wird. Immerhin war in bestimmten Jahren die tschechische Architektur durchaus schon mal bekannt wie die der Zwischenkriegszeit. Insofern strebt die Ausstellung internationale Sichtbarkeit und Reichweite an und vernetzt tschechische, deutsche wie auch internationale Partner. Es ist lohnenswert, sich bei einem Gang ins Architekturmuseum die interessant gestalteten Gebäude vor Augen zu führen. Der erläuternde englischsprachige Katalog von Helena Huber-Dubovà „More is now! New Czech Architecture ist im DAM erhältlich.
Nach der diesjährigen Buchmessen mit dem Ehrengastland Tschechien könnte das Interesse daran nochmal wachsen. Dafür spricht auch das interessante literarische Programm der Buchmesse unter dem Motto: Tschechien: Das Land an der Küste.
MORE IS NOW!
Neue tschechische Architektur + Restaurierung des Hauses Tugendhat
Deutsches Architekturmuseum (DAM)
Schaumainkai 43, 60596 Frankfurt am Main
bis zum 17. Januar 2027
ÖFFENTLICHE FÜHRUNGEN:
Samstags & sonntags, 16 Uhr
