Im Labyrinth der Macht – „Der Prozess“ am Staatstheater Wiesbaden erschreckend aktuell
Miniatur des gesamten „Prozesses“
Von Walter H. Krämer
Mikheil Charkvianis Inszenierung von Franz Kafkas „Der Prozess“ am Hessischen Staatstheater Wiesbaden zeigt, wie ein undurchschaubares Macht- und Kontrollsystem in den Alltag eines Menschen eindringen kann. „Unterdrückung und Ungerechtigkeit betreffen jeden, ganz gleich, wie fügsam jemand ist, ganz gleich, ob er das Regime unterstützt, ganz gleich, ob er sich dafür entscheidet, den politischen Prozess gänzlich zu meiden und nur innerhalb der Grenzen seines eigenen Lebens zu leben.“ Mikheil Charkviani

v. l. n. r. Lasse Boje Haye Weber, Abdul Aziz Al Khayat, Jonas Grundner-Culemann; in der Projektion: Evelyn M. Faber (li.), Laura Talenti, Foto: Max Borchardt
Gleich zu Anfang dafür ein starkes Bild: Josef K. (Jonas Grundner-Culemann) erwacht in seiner 3-Zimmer-Wohnung und geht duschen. Während er vergnügt ein Liedchen unter der Dusche singt, wartet die Nachbarin Frau Gruber (Evelyn M. Faber) vor der durchsichtigen Haustüre mit einer Geburtstagstorte zum 30. ihres Mieters und öffnet doch undurchsichtigen Gestalten die Tür zur Wohnung.
Diese tragen die Möbel weg, reißen die Tapete von den Wänden und durchsuchen alles. Als Josef K. aus der Dusche kommt, sieht er sich mit diesen Fremden konfrontiert, erschrickt und erfährt, dass er verhaftet sei. Niemand erklärt ihm, was er eigentlich getan haben soll. Er darf zunächst sogar weiterarbeiten und sein gewohntes Leben führen. Gleichzeitig beginnt aber ein undurchschaubarer Prozess, dessen Regeln Josef K. nicht versteht.
Josef K. versucht deshalb, Zugang zu diesem Gerichtssystem zu bekommen. Er sucht Hilfe bei verschiedenen Menschen, unter anderem beim Advokaten (Lasse Boje Haye Weber) beim Gerichtsmaler Titorelli (Abdul Aziz Al Khayat) und beim Gefängniskaplan (Evelyn M. Faber) Doch je mehr er über das Verfahren erfahren möchte, desto stärker gerät er in dessen Abhängigkeit. Das Gericht dringt in seine Wohnung, seine Arbeit und seine persönlichen Beziehungen ein.
In zwei Stunden vergeht ein Lebensjahr von Josef K. Am Ende wieder eine Geburtstagstorte– diesmal zum 31. – und sein Tod durch einen Messerstich ins Herz. Mit einem letzten Atemzug haucht Josef K. sein Leben und die Geburtstagskerzen aus, ohne jemals erfahren zu haben, worin seine Schuld eigentlich bestand und er weder den Sinn seiner Verhaftung noch die Regeln des Systems überhaupt verstand.
Charkviani versteht und inszeniert Kafkas Geschichte nicht als abstrakte Parabel über Bürokratie. Es geht ihm um Menschen, die in autoritären Systemen weiterleben müssen. Die arbeiten, sich verlieben, sich ängstigen und dennoch versuchen, ihren Alltag weiter zu leben, obwohl sich die politische Realität um sie herum verändert. Josef K. ist einer von ihnen. Er ist kein Widerstandskämpfer, der gegen das System kämpft. Er ist zunächst selbstbewusst, erfolgreich und davon überzeugt, dass ihm sein gesellschaftlicher Status Schutz bietet. Genau diese Sicherheit wird ihm genommen.
In der Inszenierung ist zu sehen, wie im Verlauf des Stücks K.s soziale Rolle, seine Wohnung und sein bisheriges Leben – wie alles immer stärker „aus den Fugen gerät“. Wände verschwinden, Überwachungskameras werden sichtbar. Aus dem geschützten Zuhause wird ein überwachter Raum. Ein Mensch kann glauben, durch Erfolg, Geld, Beziehungen oder gesellschaftliche Anerkennung geschützt zu sein – und trotzdem plötzlich dem System ausgeliefert sein. Nicht nur K.s Leben wird zerstört – auch der Raum, in dem er sich sicher fühlte, verschwindet.
Eine der Besonderheiten der Wiesbadener Inszenierung ist die Mehrfachbesetzung. Die Schauspieler*innen spielen nicht nur jeweils eine Figur, sondern wechseln zwischen verschiedenen Rollen – nur einer bleibt seiner Rolle treu: Jonas Grundner-Culemann verkörpert Josef K. als zentrale Figur über den gesamten Zeitraum der Inszenierung. Abdul Aziz Al Khayat spielt Leni, den Wächter Willem und den Gerichtsmaler Titorelli. Laura Talenti spielt Fräulein Bürstner, Fräulein Montag, die Prüglerin, Block und die italienische Geschäftsfreundin. Lasse Boje Haye Weber spielt den Wächter Franz, den Advokaten und den Direktor. Evelyn M. Faber spielt Frau Grubach, die Gefängniskaplanin und eine Geistliche.

v. l. n. r. Jonas Grundner-Culemann, Abdul Aziz Al Khayat, Lasse Boje Haye Weber, Laura Talenti, Evelyn M. Faber, Foto: Max Borchardt
Eine besondere Rolle spielt Kafkas berühmte Erzählung „Vor dem Gesetz“, die innerhalb von „Der Prozess“ vom Gefängniskaplan erzählt wird. In der Geschichte wartet ein Mann vom Land sein ganzes Leben lang vor einem Eingang zum Gesetz. Ein Türhüter versperrt ihm den Zugang. Obwohl die Tür angeblich nur für ihn bestimmt ist, gelangt er niemals hindurch.
Die Geschichte ist deshalb eine Art Miniatur des gesamten „Prozesses“: Es gibt ein Gesetz, aber der Mensch kommt nicht an es heran. Es gibt eine Institution, aber ihre Regeln bleiben unverständlich. Es gibt einen Zugang, aber dieser Zugang bleibt versperrt.
Das machtlose Individuum scheitert an einer undurchschaubaren, übermächtigen Institution und Autorität. Der Türhüter wirkt einschüchternd, verlangt aber eigentlich keinen physischen Widerstand – das Tor steht offen. Der Mann macht den Fehler, die Autorität des Türhüters bedingungslos zu akzeptieren, statt den Schritt durch das offene Tor zu wagen. Seine Angst und sein Zögern halten ihn auf.
Die Inszenierung verbindet Kafkas absurde Welt mit der Erfahrung eines Regisseurs, der selbst staatliche Repression erlebt hat. Die Inszenierung stellt die Frage: Was passiert mit einem Menschen, wenn ein System ihn beschuldigt, ohne ihm jemals verständlich zu machen, worin seine Schuld besteht?
Unter dem zunehmenden Erstarken von autoritären, anti-demokratischen Systemen – eine Tendenz, die auch in Europa sichtbar ist – wird zwischenmenschliches Vertrauen immer weiter erschwert. Und wie lässt sich Unschuld beweisen, wenn die Anklage nicht greifbar ist? „Ich habe so viele unschuldige Menschen im Gefängnis gesehen, die noch immer nicht wissen, warum sie inhaftiert sind. Nicht nur in Georgien, auch im Iran habe ich Freunde, die politische Gefangene sind“, sagt Charkviani.
Die Inszenierung ist ein Einblick in die Gefühlswelt eines Menschen, der sich mit einem Systemwandel konfrontiert sieht: das Unverständnis, die Wut, die Anpassung an die neue Lage, die Alltäglichkeit und der Humor, die trotz allem zurückkehren – und immer wieder der Versuch des Widerstands.
Die allmähliche Zerstörung von Josef K.s Sicherheit hinterlässt einen starken Eindruck; Er verliert die Gewissheit, wer ihm helfen kann. Menschen aus seinem persönlichen Umfeld können gleichzeitig Teil des Systems sein. Sein Arbeitsplatz und seine Wohnung, also eigentlich sichere Orte, werden vom Prozess erfasst.
Damit wird Angst nicht als spektakuläres Ereignis dargestellt, sondern als Zustand des alltäglichen Lebens.
Die Aufführung wird von insgesamt fünf Schauspielern – zwei Frauen und drei Männern – getragen, die teilweise gleich mehrere Rollen spielen und Männerrollen werden teilweise von Frauen übernommen.
Jonas Grundner-Culemann ist als Josef K. das Zentrum der Aufführung und die Zuschauer*innen können durch sein Spiel die vielen Facetten / Gefühlszustände, die seine Figur durchläuft – von selbstbewusst über irritiert bis empört, kämpferisch, verzweifelt, erschöpft und letztlich resigniert – sehr gut erkennen und nachvollziehen
Laura Talenti kann durch ihre insgesamt fünf Rollen im Laufe der Inszenierung ihre Vielseitigkeit zeigen und unter Beweis stellen.
Lasse Boje Haye Weber und Abdul Aziz Al Khayat bringen die grotesk-komische Seite des Abends besonders gut zur Geltung.
Evelyn M. Faber übernimmt insgesamt drei Rollen: Frau Grubach, die Gefängniskaplanin und eine Geistliche. Dadurch erscheint sie in unterschiedlichen Gestalten innerhalb der kafkaesken Welt des Gerichts. Frau Grubach gehört noch zur privaten, alltäglichen Sphäre Josef K.s, während die Gefängniskaplanin und der Geistliche unmittelbar mit der religiös aufgeladenen und undurchschaubaren Gerichtsordnung verbunden sind.
Evely M. Faber verkörpert damit gewissermaßen verschiedene Gesichter derselben Welt, in der private und institutionelle Macht ineinander übergehen. Josef K. hat keinen geschützten Innenraum mehr. Und Frau Grubach ist die Figur, durch die sich diese Grenze zunächst öffnet.
Die Komposition und Bühnenmusik von Erekle Getsadze ist ein eigener Bestandteil der Inszenierung. Keine Hintergrundmusik, sondern seine Musik trägt zur szenischen Gestaltung und zur Atmosphäre des Gerichts bei Kafka bei. Die Musik will nicht bloß illustrieren, was auf der Bühne geschieht, sondern wird selbst zu einer theatralischen Aktion.
Der Rocksong aus „Vor dem Gesetz“ verwandelt Kafkas ursprünglich kurze, parabelhafte Erzählung in ein unmittelbar sinnliches Bühnenerlebnis. Dadurch entsteht eine Verbindung zwischen Kafkas abstrakter Gerichtswelt und einer deutlich gegenwärtigeren, körperlicheren Bühnensprache.
Insgesamt hinterlässt die Inszenierung mit einem vielseitigen Ensemble einen starken Eindruck.
Nächste Aufführungen:
Sonntag,04.10.2026, 16:00 Uhr
und Mittwoch, 07.10.2026, 19:30 Uhr
→weitere Termine folgen
https://www.staatstheater-wiesbaden.de/spielplan/a-z/der-prozess-26-27/
