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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

„Maria Magdalena. Sin. Pray. Love“ im Städel Museum Frankfurt

Archetypus und Ikone des Feminismus

Von Margarete Berghoff

Nach der großartigen Ausstellung „Monets Küste“ ist „Maria Magdalena“ wieder eine Themenausstellung, die den Blick bündelt und gleichzeitig weitet. Philipp Demandt, Direktor des Städel Museums und der Skulpturensammlung Liebieghaus, hat abermals sein Talent zum Dialog beider Museen unter Beweis gestellt. In zehn Räumen des Städel sind, thematisch gegliedert, rund einhundert Exponate beider Museen und bedeutende Leihgaben großer internationaler Museen ausgestellt: Malerei und Skulpturen vom Mittelalter bis Heute.

Gelungene Gegenüberstellung von Malerei und Skulptur, Ausstellungsansicht, Foto: Petra Kammann

„Maria Magdalena, Sin, Pray, Love“ ist die erste Ausstellung über diese mythologisierte Frauenfigur im deutschsprachigen Raum. Suchende, Feministin, Verleumdete, Missbrauchte, Sünderin, Büßerin, Femme fatale, Göttin, Maria Magdalena ist alles, alle Frauen in einer Frau. Lebte sie wirklich und wie wurde sie zur Kunstfigur?

Die Ausstellung bestätigt den männlichen Blick auf Maria Magdalena, das Bemühen der Kirche, Frauen von Anbeginn an auszuschließen. Die Künstler, die sich von der geheimnisvollen Geschichte der Maria Magdalena inspirieren ließen, waren fast ausschließlich Männer. Das verschleiert die wahre Geschichte, aber es offenbart, was aus Frauen wird, wenn ein männlicher Blick über sie bestimmt.

Von der Hure zur Heiligen ist eine geläufige Vorstellung von Maria Magdalena. Mit dieser Behauptung räumt die Ausstellung im Städel auf. Dass sie nicht die Frau von Jesus war, das soll sicher sein. Dass die Deutung des Abendmahls von Leonardi Da Vinci in Mailand, dass es Maria Magdalena ist, die neben Jesus dargestellt ist, falsch ist, auch das sollen wir sicher wissen. Aber was wissen wir wirklich?

Ausstellungsansicht, Foto: Petra Kammann

Die Apokryphen klären uns teilweise auf. Ihr Name, ist „Maria aus Magdala“, ein Ort am See Genezareth, heute in Israel gelegen. Maria Magdalena war die Lieblingsjüngerin von Jesus. Sie war nie eine Hure, sondern folgte den Worten Jesu und verstand sie tiefer als seine männlichen Jünger. Für Jesus waren Mann und Frau gleichgestellt. Ein Denken, das zu dieser Zeit zu Widerstand in der männlichen Jüngerschaft und später bei den Evangelisten führte. Petrus soll in Maria Magdalena eine Konkurrentin gesehen haben.

Im Evangelium der Maria Magdalena, einer gnostischen Schrift, die nicht in die Bibel aufgenommen wurde, wird erzählerisch nachvollziehbar eine Vision Maria Magdalenas beschrieben. Jesus erschien ihr und teilte sein Wissen mit ihr. In dieser Vision wird der Weg durch die Finsternis aufgezeigt, den wir nach unserem Tod gehen müssen, um in das „Große Reich“ zu gelangen. Auffällig ist die Ähnlichkeit mit dem „Ägyptischen Totenbuch“ und dem „Tibetischen Totenbuch“.

Maria Magdalena war Zeugin der Kreuzigung Jesu und seiner Auferstehung. Sie durfte und sollte das Evangelium verbreiten. Thomas von Aquin nannte sie „Apostelin der Apostel“. Es wird auch von anderen Frauen berichtet, die Anhängerinnen von Jesus waren, was belegt, dass nicht nur Männer Jesus folgen.

Einer Legende nach, soll sie nach seinem Tod in die Provence gegangen sein, hier in einer Grotte gelebt und gebüßt haben. Noch heute gibt es dort ihr zu Ehren Feste und Rituale. Ihr Grab in Ephesus weist aber eher darauf hin, dass sie dort gelebt hat. Petrus ging nachweislich nach Rom und legte hier den Grundstein für das Christentum als Staatsreligion und alles was daraus folgte.

Da wir nur wenige belegbare Fakten über die Figur der Maria Magdalena haben, ist es erstaunlich, dass sie als Name und Bild bis heute in unseren Köpfen existiert. Dass sie in den verschieden Epochen, denen sie in der darstellenden Kunst, Literatur, Religion als Spiegel und Projektionsfläche diente, überlebten konnte.

Papst Gregor griff den Moment der Dämonenaustreibung auf, Foto: Petra Kammann

Viele Frauen in einer Frau, immer wieder anders gesehen, sind zwei Attribute dauerhaft im kollektiven Gedächtnis geblieben: Maria Magdalena, die Sünderin und die Büßerin, die von Jesus bekehrte, die Vergebung durch Gott erfahren hat. Papst Gregor der Große bezeichnete sie 591 n. Chr. in einer bedeutenden Predigt als Sünderin und mit Ihrer Buße schuf er einen Präzedenzfall der Gnade Gottes.

Hauptsächlich missbraucht für patriarchale moralische Wertvorstellungen über Frauen in vielen Überlieferungen, führt eine andere Spurensuche zu der Erkenntnis, dass Maria Magdalena inspiriert von der Lehre Jesu, von der Gleichstellung von Mann und Frau, sich Freiheiten genommen haben könnte, die einer Frau damals nicht zugestanden wurden. Zur Zeit Jesu war die Frau nicht viel mehr als ein Tier ohne Seele. Dass Jesus Mann und Frau gleichstellte, war revolutionär und vielleicht auch ein Grund für seine Verurteilung.

Die Überlieferung sagt, Jesus küsste Maria Magdalena öfter auf den Mund. Das bedeutete damals nicht, dass sie seine Geliebte war, sondern dass er sie spirituell weihte.

Was wollte Papst Gregor der Große mit der Verleumdung Maria Magdalenas bezwecken? Dass sie von sieben Dämonen befreit werden musste, bevor sie von Buße geschunden eine Heilige werden konnte. Bei ihrer 40-tägigen Buße in der Wüste wurde sie sieben Mal am Tag von Engeln in den Himmel gehoben, wo sie gespeist wurde.

Gemälde „Elevatio“ der Maria Magdalena von Giovanni Lanfranco, ca. 1616/17, Leihgabe Museo Nazionale di Capodimonte, Neapel

Bis heute sind Frauen in hochrangigen kirchlichen Ämtern der katholischen Kirche verboten. Als Prototypen von Mutterfiguren, Sünderinnen, Büßerinnen oder Heiligen aber doch herzlich willkommen.

Maria Magdalena sollte in erster Linie eine begreifbare Sünderin und Büßerin sein. Wie Eva aus dem Paradies vertrieben, weil sie Adam verführt hatte, ist sie als Hure eine Schuldige. Doch durch Gottes Gnade wird sie durch Buße wieder rein. Eine Art Galionsfigur für das Christentum, an der Gott seine Gnade wirken lässt, wenn man bereut und sich damit schuldig bekennt. Eine Idee, die tausend Jahre später zum Ablasskauf pervertierte: Die Kirche handelte mit Schuld und Sühne und wurde  damit reich.

Aus der einmal wirklich existierenden Maria Magdalena und aus der verleumdeten Maria Magdalena wurde im Wandel der Zeit eine Kunstfigur, die sich immer wieder wie ein schillerndes und provokatives Zeitdokument anpassen ließ. Die darüber hinaus aber auch zu einer eigenständigen Frauenfigur wurde, an der sich Entwicklung und Veränderung exemplarisch messen lassen. Als Ikone des Feminismus steht sie gleichzeitig für viele Archetypen von Frauen und Weiblichkeit.

Das Gemälde auf der Plakatwerbung des Städel Museums, von der Künstlerin Nieves González, ist im besten Sinne ein Magnet, der stark anziehend wirkt.

 

 „La Sfida“ (Die Herausforderung), von Nieves Gonzales, 2025 © Nieves González, Leihgabe aus Privatbesitz

Das Gemälde „La Sfida“ („Die Herausforderung“) von Nieves González 2025 gemalt, zeigt uns eine andere, schockierend moderne Maria Magdalena. Eine nordische Göttin, rot-blond, blauäugig, weißhäutig und durchsichtig. Sie schaut von oben auf den Betrachter herab, einen roten Totenkopf haltend, so rot wie ihr übergroßer Daunenmantel. Wie Maria Magdalena hat sie langes wallendes Haar, das sie wie einen Schal schützend um ihren Hals geschlungen hat. Unnahbar und gefährlich, Herrin über sich selbst und wissend, was Tod bedeutet. Das Blutrot des Totenschädels symbolisiert Energie, den Glauben an ein Leben nach dem Tod. Hinter ihr der Himmel, die Weite des Universums als Symbol ihrer Verbundenheit zum Unendlichen.

Werden im ersten Raum überwiegend moderne Interpretationen von acht zeitgenössischen Künstlerinnen gezeigt wie u.a. von Nieves González, Kicky Smith, Marlene Dumas, Nicola Samori, so wird in den Räumen 2 bis 10 die Geschichte der Maria Magdalena in der Kunst chronologisch dargestellt, jeweils mit verschiedenen Übertiteln und Themenschwerpunkten: die um Jesus Trauernde, die Sünderin, die Büßerin, die von Engeln getragene, die Weinende, die Sterbende. Die Geschichte endet in Raum 10 mit der Salonmalerei des 19. und 20. Jahrhunderts. Maria Magdalena als Salon-Heldin, Geliebte Christi und als Femme fatale.

Die hervorragend von Dr. Bastian Eclercy und Dr. Stefan Roller kuratierte Ausstellung lässt die Besucher *innen alle Facetten der Ikone Maria Magdalena erfahren. Es ist die reine Freude, im Museum in das Thema tief einzutauchen. Es fordert den Betrachter auf, in Tiefen und möglicherweise auch in Untiefen mitzugehen. Sich Zeit zu nehmen, Neues aufzunehmen, Altes in Frage zu stellen, Bezüge herzustellen, sich in Bildern und Geschichten zu spiegeln.

Um die Ausstellung gebührend würdigen zu können, sollte man Zeit mitbringen. Für einen schnellen Rundgang ist sie zu komplex und zu vielschichtig, diese großartige Ausstellung, die Aufklärung und Kunstgenuss zusammenfügt.

„Maria Magdalena
Sin. Pray. Love“
17.09.2026 -17.01.2027

Städel Museum

 

 

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