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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Der leuchtende Faden der Liebe und der Poesie

Han Kangs Lesung auf der lit.Cologne spezial 2026

Von Simone Hamm

Han Kang spricht leise, zurückhaltend. Sie moduliert kaum. Und doch ist es spannend, ihren Worten zu lauschen, in ihre Sprachmelodie einzutauchen. Und das, obwohl etliche im Publikum wahrscheinlich kein Wort von dem koreanischen Text verstanden.

Nobelpreisträgerin Hang Kang auf der Lit.Cologne spezial, Foto: Lit.Cologne

Die Lit.Cologne hatte sie eingeladen, in der Kölner Kulturkirche zu lesen und ihr damit einen weit ansprechenderen Raum zu geben als bei ihrer letzten Lesung vor zwei Jahren. Einen Raum, der ihr wirklich angemessen ist. Yuna Cho übersetzte schnell und sehr gekonnt. Nina Kunzendorf las die deutsche Übersetzung. Sie las herausragend, sie schaffte es, sich ganz zurückzunehmen und doch zu fesseln.

,„Der goldene Faden“ heißt das Buch, aus dem beide vortrugen. Es sind Gedanken, Reflexionen, poetologische Reflexionen. Mit acht Jahren hat Hang Kang ein Gedicht geschrieben, in dem sie fragt, was die Liebe sei. „Ein goldener Faden, der Herz mit Herz verbindet,“ lautete die kindliche Antwort.

Nina Kunzendorf las den ins Deutsche übersetzten Text, Foto: Lit.Cologne

40 Jahre später findet Han Kang das Heft, in dem dieses Gedicht steht und nimmt die Frage nach der Liebe, nach der Geborgenheit, wieder auf. „Der goldenen Faden“, das sind poetologische Reflexionen, kurze Geschichten wie etwa die über ihren winzigen nach Norden ausgerichteten Garten, in dem sie viele Spiegel aufgehängt hat, in denen die Sonne widergespiegelt wird, damit die Pflanzen Licht zum Wachsen haben.

Die Spiegel muss sie alle fünfzehn Minuten wenden – dem Lauf der Sonne nach. Sie pflegt den Garten geduldig.

Was ist wichtig? Was ist das Wesentliche? fragt sie. Auch die Rede, die sie bei der Verleihung des Nobelpreises gehalten hat, wurde gedruckt. Hier hat sie die Sprache als Faden beschrieben, der die Menschen miteinander verbindet. Fragen sind laut Han Kang elektrisch aufgeladen und lassen diesen Faden leuchten.

In „Der goldene Faden“ geht sie auf ihre Romane ein.

Leider fragte Moderatorin Julia Enke nicht nach Han Kangs poetologischem Gedanken. Neben dem „goldenen Faden“ stellte sie das Werk in den Vordergrund, mit dem Han Kang berühmt geworden ist: „Die Vegetarierin“. 2016 wurden sie und ihre Übersetzerin (was die Moderatorin nicht anmerkte) mit dem internationalen Man Booker Prize ausgezeichnet. In Korea ist der Roman bereits 2007 erschienen.

Aus drei Perspektiven erzählt Han Kang in „Die Vegetarierin“ die Geschichte von Yong-Hye, die kein Fleisch mehr essen will. Ihr Mann, ihr Vater, wollen sie dazu zwingen. Sie bäumt sich auf. Sie wird immer stiller. Sie möchte selbst eine Pflanze werden. Sie verweigert nun jegliche Nahrung.

Eine Frau, so Han Kang, die lieber sterben wolle, als zu essen. Ein radikales Werk. Han Kang aber findet ihren Roman „Griechischstunden“ noch radikaler. Eine junge Frau verliert darin ihre Sprache. Und genau deshalb möchte sie eine neue Sprache lernen, altgriechisch. Lehrer und der Lernende verlieben sich ineinander. Eine Geschichte von und über Verlust und Annäherung. Han Kang hat dieses Buch nach einer Schreibblockade geschrieben. Wenn man sich nicht mit der Welt versöhnen könne, wenn Gefühle brüchig würden, verlöre man die Sprache, die einen mit der Welt verbände.

Warum ist dieses Werk, diese zarte Liebesgeschichte, für Han Kang radikaler als „Die Vegetarierin“? Darüber hätte ich gern mehr erfahren. Stattdessen fragte Enke, ob Han Kang Pflanzen lieber möge als Menschen. „Ich bin ein Mensch, der Menschen mag“, antwortete Han Kang, aber natürlich seien ihr Pflanzen, sei ihr die Natur wichtig.

Und Enke stellte die Frage nach dem Kamillentee. Nachdem Han Kang erfahren hatte, dass sie den Nobelpreis erhalten hatte, trank sie mit ihrem Sohn eine Tasse Kamillentee. Daraufhin bekam sie soviel Kamillentee geschenkt, dass es für zehn Jahre ausreicht. Ob ihr nicht einmal ein anderer Tee mitgebracht werden sollte? Sie werde sich auch in Zukunft über Kamillentee freuen, sagte Han Kang, denn das bedeute, dass die Menschen ihren Worten gelauscht hätten.

In „Menschenwerk“ aus dem Jahre 2014 hat sie das Massaker von Gwangju im Jahr 1980 zum Thema gemacht. Das damalige koreanische Militärregime hatte eine Demonstration grausam niedergeschlagen. 150 Menschen wurden getötet. Im Bücherschrank der Eltern hatte sie als Kind einen Fotoband darüber gefunden. Und die Frage gestellt, warum die Welt gleichzeitig so schön und so gewalttätig sein könne. Nur durch Schreiben könne sie sich dieser Widersprüchlichkeit und dem Schrecken stellen.

Han Kang beeindruckte. Und sie war beeindruckt: von Nina Kunzendorfs feinem Vortrag.

Die Mitarbeiterin der lit.Cologne stellte Han Kang vor und sprach ihren Namen falsch aus. Die sympathische und der Autorin sehr zugewandte Moderatorin Julia Enke stellte freundlich Fragen. Dabei gab es durchaus mehr zu erfahren zum Thema Schreiben. Dem Publikum hätte man durchaus differenzierte Fragen zumuten können. Der Faden hätte heller leuchten können.

Buchtipp:

Han Kang: Der goldene Faden. Aus dem Koreanischen von Ki -Hyang Lee. Claasen. 176 S. 23 €.

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