Der Titularorganist von Notre-Dame de Paris Olivier Latry spielt Bach mit französischem Akzent
Ein orchestrales Spektakel – virtuos, tiefgründig, verspielt
Von Petra Kammann
Seit nunmehr 40 Jahren spielt Olivier Latry auf der famosen Cavaillé-Coll-Orgel an der berühmten Kathedrale Notre-Dame de Paris, wo er als Titulatorganist seit etlichen Jahren fast allsonntäglich die Liturgie begleitet. Darüber hinaus ist er ein weltweit gefragter Künstler, der in allen großen Kirchen, Kathedralen und Konzertsälen zu Gast ist. Im Gegensatz zu traditionellen Organisten, die oft fast unsichtbar auf der Empore sitzen, nutzt Latry gern den Orgel-Spieltisch direkt auf der Konzertbühne, so auch in der Alten Oper. Im Rahmen der Frankfurter Bachkonzerte bekamen in seinem Programm „Back to Bach“ die Werke von Bach einen französischem Akzent…

Olivier Latry, Titelorganist von Notre Dame de Paris, Foto: Deyan Parouchev
Schon Bachs Musik ist ausgesprochen komplex und das Orgelspielen kann zum Höchstleistungssport für das Gehirn werden. Der Organist muss oft beide Hände auf unterschiedlichen Manualen (Tastaturen) und beide Füße auf dem Pedal unabhängig voneinander bewegen. Das bedeutet, dass vier Gliedmaßen unterschiedliche Rhythmen, Dynamiken und Artikulationen gleichzeitig ausführen, immer schon das folgende musikalische Motiv im Kopf.
Hier im Großen Saal der Alten Oper ein anderes Setting als bei einem Orgelkonzerte in einer Kirche oder gar einer Kathedrale, wo sich das Instrument häufig auf der Empore befindet: Und in den üblichen Konzerten im Großen Saal der Alten Oper nimmt man die Orgelpfeifen der mächtigen Schuke-Orgel mit ihren drei Manualen, 62 Registern und mehr als 4.700 Pfeifen meist lediglich nur als Hintergrund wahr.
An diesem Abend hat das Publikum die Orgelbank unmittelbar im Visier und wird Zeuge, wie sich zu Beginn der zierliche Organist Latry im silbrig glitzerndem Jackett behende über die Orgelbank schwingt. Und schon geht es rasant los mit der von Henri Messerer (1838-1923) für Orgel bearbeiteten Chaconne aus der Partita Nr 2 d-Moll für Violine solo BMW 1004…
Und dann sieht man staunend, wie unter der Bank des Organisten die Beine wild von rechts nach links und überkreuzt tanzen, während seine zarten Hände auf dem Spiel-Tisch die Manuale wechseln. Virtuos führen alle vier Gliedmaßen unterschiedliche Rhythmen, Dynamiken und Artikulationen gleichzeitig aus. So erlebt man es bei entsprechenden Konzerten in Kirchenräumen eher nicht. Dafür klingt es dort häufig weniger trocken, auch sakral.

Olivier Latry dankt dem Publikum für den Applaus, Foto: Petra Kammann
Aber zum Programm: „Back to Bach“. Latry nimmt an diesem Abend nicht etwa nur den Thomaskantor selbst in den Fokus, sondern erweist im ersten Teil des Programms seinen Vorgängern in Notre-Dame eine Reverenz. Das führt im Falle der Bearbeitung der eher schlichten intimen Chaconne für Violine solo durch Henri Messerer (1838-1923) zur orchestralen Demonstration einer gewaltigen romantischen Orgel , während Maurice Duruflé (1902 – 1986 ) mit der Bearbeitung des ruhigeren innerlicheren Chorals Jesus bleibet meine Freude, ruhigere und sanftere Töne anklingen lässt und man den leisesten Hauch eines Anschlags vernimmt. Marcel Dupré (1886-1971) wiederum verleiht als Schüler von Charles-Marie Widor (1848-1937) in der bearbeiteten Sinfonia aus der Kantate „Wir danken dir, Gott, wir danken Dir“ besonders einer tiefen Dankbarkeit Ausdruck.
Demgegenüber klingt die bearbeitete Arie von Eugène Gigout (1844-1925) „Mein gläubiges Herze“ in manchem fast tänzerisch beschwingt. Sie alle, diese großen Organisten, haben ihre Lieblingswerke von Bach für die Orgel adaptiert und dabei einen typisch französisch-romantischen Ton herausgearbeitet.

Gelöst nach dem herausfordernden Programm, Foto: Petra Kammann
Den Abschluss des ersten Teils bildete der Schlusschor der Matthäus-Passion, arrangiert von Charles-Marie Widor, den eine enge Freundschaft mit dem großen Bachbiographen Albert Schweitzer verband. Der Höhepunkt dieses ersten Programmteils entließ die begeisterten Zuhörer dann in die Pause. Dieses Werk schaffte schließlich den Durchbruch zu dem, was sicher die meisten Zuhörer als Bach’sche Klangästhetik gewöhnt waren.
Im zweiten Teil ging es dann für die „deutschen Ohren“ weiter mit Bach pur, auch wenn der barocke Komponist selbst durchaus selbst zu Bearbeitungen neigte, wie zum Beispiel beim Umschreiben des Konzerts a-Moll nach Antonio Vivaldi, dem er eine weitere Klangfarbe bzw. Note hinzufügefügt hatte. Mit der berühmten Toccata und Fuge d-Moll MWV 565 als Abschluss des zweiten Teils blieben dann auch die standing ovations nicht aus, so dass Latry sich noch zu zwei weiteren Zugaben hinreißen ließ.
Verinnerlicht hatte Latry all diese so unterschiedlichen und größtenteils polyphonen Kompositionen allemal. Hätte er sie sonst auswendig spielen können (was interessanterweise auf Französisch jouer par coeur heißt, also: mit dem Herzen spielen) ? Allein das war schon einen Extra-Applaus wert.
