home

FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

„Maria Magdalena. Sin.Pray.Love“ oder „Noli me tangere“? Maria Magdalena aus biblischer Sicht

Bilder, die zur Legendenbildung beigetragen haben

Im Städelmuseum läuft vom 17. September 26  bis 17. Januar 27 die Ausstellung „Maria Magdalena. Sin.Pray.Love“. Die freie Journalistin Stephanie von Selchow, u.a. Mitarbeiterin bei chrismon, führte ein Gespräch mit David Schnell, Pfarrer für Stadtkirchenarbeit am Museumsufer, über die biblische Figur Maria Magdalena zwischen Heiliger, Sünderin und enger Gefährtin Christi und über die Ursprünge ihrer Legendenbildung.

Arnold Böcklin, Trauer der Maria Magdalena an der Leiche Christi, 1867, Abb.: Kunstmuseum Basel, Basel 

Stephanie von Selchow: Was steht über Maria aus Magdala in der Bibel?

David Schnell: Magdala war eine Stadt am See Genezareth, in dessen Umgebung Jesus vor allem gewirkt hat. Maria – hebräisch eigentlich Mirjam – aus Magdala wird das erste Mal als eine Frau erwähnt, der er „sieben Dämonen“ ausgetrieben habe und die daraufhin mit „etlichen Frauen“, die ebenfalls von Jesus von physischen wie psychischen Gebrechen geheilt wurden, „mit Ihrer Habe“ Jesus und „den Zwölf“ (Aposteln) „diente“ (Lukas 8, 2f., vgl. Markus 16,9). Sie gehörte also zum engeren Jünger:innenkreis. In allen Evangelien ist sie eine der Frauen, die bis zur Kreuzigung bei Jesus bleiben und einen Tag später den Toten salben möchten. Im Zuge dessen wird sie erste Augenzeugin seiner Auferstehung. Maria Maria Magdalena ist bei den beiden entschiedenen Ereignissen des neuen Testaments zugegen: Kreuzigung und Auferstehung.

Wo wird ausführlicher über sie berichtet?

Im Johannesevangelium. Johannes 20, 1-18. Johannes erzählt, dass Maria Magdalena einfach nicht fassen kann, dass Jesus gestorben ist. Sie weint in Gegenwart zweier Engel. Und spricht dann einen vermeintlichen Gärtner an, der sich aber als der Auferstandene herausstellt. Sie weint zu seinen Füßen und möchte ihn umfassen. Aber Jesus sagt den berühmten Satz: „Noli me tangere“, lateinisch für „Berühre mich nicht“. Dies wird später ein Motiv, sogar ein ganzes Genre in der bildenden Kunst.

Nach neuen Ausgrabungen bei Magdala weiß man, dass die Römer einen großen Teil der Zivilbevölkerung von Magdala umgebracht haben, weil die Stadt im römisch-jüdischen Krieg die aufbegehrenden Juden unterstützte. Heute würde man das Kriegsverbrechen nennen. Darauf verweist die Theologin Luzia Suter Rehmann in dem Podcast „Feministische Bibelgespräche“. Ihrer Meinung nach könnte es also gut sein, dass Maria aus Magdala Jesus besonders nah war, weil sie  großes Leid und Gewalt erfahren hat. Sie meint, das erkläre vielleicht auch ihren Mut, beim Gekreuzigten auszuharren und gleich nach seinem Tod zum Grab zu gehen. Nicht zuletzt auch ihren Glauben an die Überwindung des Todes durch Jesus.

Das ist sehr naheliegend. Und im Gegensatz zu uns waren Zusammenhänge wie das Massaker bei Magdala den frühen Christen noch präsent.

Wie entstand dann aber das Bild von der Sünderin Maria Magdalena und Geliebten Jesu?

Bei Lukas 7,36 ff. gibt es die Geschichte von der Sünderin, die Jesus salbt. In einer Demutsgeste fällt sie Jesus zu Füßen, küsst sie, salbt sie und trocknet sie mit ihren Haaren ab. Ein sehr erotische Szene, wie man schon früh erkannt hat. Aber diese Sünderin wird weder namentlich genannt, noch weiß man, worin ihre Sünde eigentlich besteht. Man hat meist auf Prostitution geschlossen. Warum aber diese Frau mit Maria Magdalena in Verbindung gebracht wurde, ist nicht klar.

Aber wie wurde sie dann zur Sünderin?

In Proto-Evangelien, die nicht in den Kanon der Bibel aufgenommen worden sind, wird das Verhältnis zwischen Jesus und Maria Magdalena nicht als freundschaftlich beschrieben.Nach dem Philippusevangelium aus dem 2. Jahrhundert ist Maria Magdalena die Einzige, die Jesus auf den Mund geküsst hat. Darin wird sie auch als „(Lebens-?) Gefährtin Jesu“ bezeichnet. Durch die Jahrhunderte hat sich die Kirche immer mehr als reine Männerkirche etabliert. So wurden leider nicht nur Textstellen, in denen Frauen eine Rolle spielten, weggestrichen, sondern das Vorhandene manchmal auch umgedeutet, in diesem Fall sexualisiert.

Ab 17. September zeigen Städel und Liebighaus eine große Ausstellung über Maria Magdalena. Wie haben Bilder und Skulpturen zur Legendenbildung beigetragen?

Ich weiß noch nicht genau, welche Werke zu sehen sein werden. Aber wie in der ständigen Ausstellung des Städels zu sehen, fällt bereits im Mittelalter auf, dass die Jüngerin immer die schönste Frau unter dem Kreuz ist, mit kostbarer Kleidung und langen Haaren. Was aber schrägerweise auch bedeutet, dass sie Prostituierte war und sich diesen Stil leisten konnte, weil sie gut verdiente. Sehr bunt gekleidete Menschen in der Kunst waren in dieser Zeit durchgängig suspekt. Maria Magdalena wird auch immer als sehr emotional dargestellt. Häufig umfasst sie das Kreuz – wie einen Geliebten, den sie nicht loslassen möchte. Manchmal hat sie auch erhobene Hände und man kann sie immer gut von der dezenter dargestellten Mutter Maria unterscheiden.

Wie wird die Szene „Noli me tangere“ dargestellt?

Da begegnen sich ein Mann und eine Frau in einer meist sehr schönen Landschaft  oder auf einem Friedhof und dürfen sich nicht berühren. Man kann die erotische Spannung mit Händen greifen, oder vielmehr mit Augen sehen. Maria Magdalena trägt dabei oft ein Salbgefäß: Das deutet auf die beabsichtigte Salbung des toten Christus hin, aber eben auch an die fälschlicherweise ihr zugeschriebene Fußsalbung der Sünderin bei Lukas. Im Barock bildet sich dann noch ein drittes Thema in der Kunst aus: Die büßende Maria Magdalena.

Wie ist dieses Bild entstanden?

Nach der mittelalterlichen „legenda aurea” soll sie nach Jesu Tod mit anderen Aposteln in die Nähe von Marseille als Eremitin in eine Einöde gegangen sein. Sie soll asketisch gelebt und für ihre früheren Sünden Buße getan haben. Nicht nur hat sie dabei wenig gegessen und getrunken, sondern auch auf Kleidung verzichtet: Ein perfektes Motiv für barocke Aktmaler. Diese Frau wälzt sich dann auf ihren Bildern nackt im Staub oder ist im Gebet versunken. Oft mit langen lockigen Haaren, die den ganzen Körper bedecken, wobei dies Ausdruck der im Mittelalter erfolgten Gleichsetzung mit der ebenfalls asketisch lebenden „Maria aus Ägypten“ darstellt. Das ist reine Legendenbildung und sagt wohl vor allem etwas über Männerfantasien aus.

Die Kuratoren der Ausstellung wollen explizit auch Bilder von Künstlerinnen zeigen. Wie sehen sie Maria aus Magdala?

Das weiß ich selbst noch nicht, bin aber sehr gespannt darauf. Genauso wie auf die Darstellungen in der modernen Kunst.

Der evangelische Theologe und Museumspfarrer David Schnell führt im Wechsel mit seinem katholischen Kollegen Dr. Stefan Scholz und je einer Kunsthistorikerin in der Reihe „ SinnBilder“ durch die Ausstellung „Maria Magdalena. Sin.Pray.Love“, die vom 17. September bis 17. Januar im Städel-Museum zu sehen ist. Die Teilnahme an der Führung ist im Eintrittspreis enthalten. Weitere Führungstermine können mit ihm vereinbart werden.

Comments are closed.