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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Geburtstagszauber: Die Robert-und-Clara-Schumann-Gesellschaft feierte ihren Siebzigsten

Ein bestens komponierter stilvoller Abend in der Frankfurter Villa Bonn

Von Uwe Kammann (Text) und Petra Kammann (Fotos)

←Vignette von Clara und Robert Schumann

Kann ein Festabend heiterer beginnen? Kaum. Denn alle Gäste, sprich: Mitglieder der Robert- und Clara-Schumann-Gesellschaft trafen nach und nach wohlgestimmt auf der sonnenbeschienenen Terrasse der hochherrschaftlichen Villa Bonn im Frankfurter Westend ein, um den 70. Geburtstag ihrer ‚Gemeinde‘ zu feiern.

Begrüßungsrede des Vorstandsvorsitzen der Robert- und-Clara-Schumann Gesellschaft, Dr. Edgar Wallach, in der Villa Bonn in Frankfurt

Heitere Gespräche beim Vorempfang auf der Terrasse der Villa Bonn

Darf man es so salopp nennen? Sicher, eigentlich nicht. Aber die Passion, auch die Begeisterung für das in jeder Hinsicht so ungewöhnliche Paar und ihr gemeinsames musikalische Geschenk nicht nur an die Romantik, sondern gleichsam an die Welt, sie ist so groß und auch so voller Liebe, dass schon von einer besonderen, einer geradezu beseelten Beziehung gesprochen werden darf.

Wie tief diese Zuneigung geht, das war dann in jedem nachfolgenden Moment dieser Feier zu spüren, die – vor dem kulinarischen Schlussakt – drei Elemente verband: eine historisch-theoretische Einordnung  des Weges des Schumann-Paares, weiter – mit besonders starkem Akzent – eine Würdigung der bürgergesellschaftlichen Beschäftigung mit ihrem Werk, und schließlich – als musikalischer Höhepunkt, eine musikalische Preziose: ein von der Altistin Seda Amir-Karayan und dem Pianisten Götz Payer gestalteter Liederabend mit einem vielversprechenden Titel: „Frauen, Liebe und Leben“.

Der Pianist Götz Payer und die Altistin Seda Amir-Karayan

Ein Dreiklang mit vielen Zwischentönen, welche die exzellente Musikwissenschaftlerin Ulrike Kienzle – eine vielfach ausgewiesene beste Kennerin der Schumann-Materie – in ihrer Festrede anklingen ließ. Wobei ein Punkt dem Publikum sicherlich nicht in dieser Prägnanz präsent war: nämlich die Verwobenheit der Schumann-Gesellschaft mit der deutschen Teilung.

Die Musikwissenschaftlerin Dr. Ulrike Kienzle bei ihrer Festrede

Zuvor hatte Kienzle die Biographie des „zu Lebzeiten durchaus umstrittenen Komponisten“ beleuchtet. Und dabei die Rolle seiner Gattin Clara hervorgehoben, die ihre europaweit gefeierten Auftritte („die bedeutendste Pianistin des 19. Jahrhunderts“) und die damit verbundene Karriere zugunsten ihrer Partnerschaft mit Robert (in einer gegen den Widerstand ihres Vaters gerichtlich erstrittenen Ehe) opferte. Sie, so unterstrich es Kienzle, habe wesentlich zur wachsenden Wertschätzung ihres Mannes beigetragen, nachdem sie schon für die familiären Voraussetzungen gesorgt hatte, welche zur Grundlage gehörten, um seine „bahnbrechenden Werke“ zu schaffen.

Aber erst spät wurden ihre vielfältigen Verdienste um seine Laufbahn als Komponist („der den Flug auf den Olymp geschafft hat“) in gebührender Weise anerkannt. So habe der Gründer der 1956 ins Leben gerufenen Frankfurter Robert-Schumann-Gesellschaft, Max Flesch-Thebesius, in seinen Vorträgen und Aktivitäten vor allem das Andenken Claras gepflegt. Aber es dauerte bis 2025, dass die heutigen Mitglieder auf Bestreben und Antrag des seit 2019 amtierenden Vorsitzenden Edgar Wallach die Wertschätzung Claras – die lange in Frankfurt das Musikleben vor allem als Lehrerin prägte – auch formal und namentlich zum Ausdruck brachten: indem, ganz gleichberechtigt, „aus einer Robert-Schumann-Gesellschaft eine Robert-und-Clara-Schumann-Gesellschaft“ wurde.

Großer Applaus für den Schumann-Lieder-Zyklus

Mit der Namenserweiterung waren dann auch neue Aktivitäten verbunden, so die Clara-Schumann-Meisterklasse, in der renommierte Künstler Kindern und Jugendlichen aus Frankfurter Schulen Impule für ihre pianistische Entwicklung vermitteln, und auch der Clara-Schumann-Piano-Salon, welcher die tradtionellen Kammermusik-Abende ergänzt.

Aus alledem zog Ulrike Kienzle ein mehr als positives Fazit: „Heute, 70 Jahre nach ihrer Gründung, kann die Robert und Clara Schumann Gesellschaft Frankfurt mit Stolz auf ihre Vergangenheit und mit neugieriger Freude in ihre Zukunft blicken. Sie ist im Musikleben der Stadt und weit darüber hinaus eine etablierte Größe. Sie leistet Grundlagenarbeit in der Förderung des Klavierspiels und in der Ausbildung junger Musiker. Sie ehrt pädagogisches Engagement. Sie versteht sich als Forum für exquisite Kammermusik in einzigartigem Ambiente.“

Eine Entwicklung (bei inzwischen auf 176 Köpfe angewachsener Mitgliederzahl), deren Reichtum an Konzerten und Aktivitäten bei der Gründung vor 70 Jahren nicht unbedingt zu erwarten war. Was Ulrike Kienzle in ihrem Lobgesang auf die vielfältigen Aktivitäten nicht vergaß anzufügen: dass die Gesellschaft bei ihren vielfältigen Aktivitäten den „Kunstfreunden jeden Alters nach den Konzerten Gelegenheit zu ungezwungenem Austausch mit den Musikern beim gemeinsamen Abendessen“ biete. Nun, an diesem Geburtstagsabend zum Siezbigsten wäre das Wort Abendessen eine kleine Untertreibung. Es war, wahrlich, in den großzügigen Räumen der Villa Bonn (ja, ein erfolgreicher Banker gab sich zur Jahrhundertwende nicht mit weniger als Neorenaissance zufrieden) ein Festessen, mit einer kulinarischen Reise zwischen Italien und Deutschland. Was heißt: vom Meeresfrüchtesalat ging es über zu Goethes Lieblingsspeise Tafelspitz mit Grüner Soße, um mit Gelati, Früchten und Tiramisù zu enden.

Edgar Wallach bedankte sich bei den Musikern mit Frankfurter Wein

An Wein, natürlich, fehlte es mit regionalen Herkünften nicht, doch auch so perlten die Gespräche nur so dahin, zumal auch Seda Amir-Karayan und Götz Payer nach ihrem fabelhaften Auftritt die Frankfurter Gastlichkeit und die dazugehörigen Gespräche sichtbar genossen, bevor sie sich wieder auf den Heimweg nach Stuttgart machten – was manche der Feiernden doch staunen machte: wie nahe hohe Kunst und ganz banale Alltagsnotwendigkeiten doch zusammengehören.

Doch vielleicht machen gerade solche Zusammenhänge die Arbeit der Robert-und-Clara-Schumann-Gesellschaft so sympathisch. Da ist nichts überkandidelt und hochgestochen, sondern es ist alles sympathisch eingebunden in die beste Tradition des bürgerlichen Engagements, wie es Frankfurt auszeichnet. Unter dem Schumann-Siegel gehörte dazu vor sieben Jahren eine große Ausstellung zum 2oo. Geburtstag von Clara Schumann, welche damals Ulrike Kienzle kuratiert hatte, verbunden mit einem auf den spezifischen Recherchen basierenden Buch (Wallach: „sehr lesenswert“), dem demnächst ein noch viel größeres Projekt folgen wird: ein Buch über die Musikstadt Frankfurt, in dem die Musikwissenschaftlerin im Auftrag der Frankfurter Bürgerstiftung die gesamte Musikgeschichte Frankfurts aufarbeitet.

Dr. Mirjam Sprau, Leiterin des Instituts für Stadtgeschichte, lobte das „Gedächtnis der Stadt“ für Clara und Robert Schumann

Ein Horizont, der viele Facetten von Frankfurt zeigt, die vermutlich vielen weder in ihren Details noch überhaupt bekannt sind. Nur folgerichtig, dass auch die Leiterin des Instituts für Stadtgeschichte, Mirjam Sprau, ein Geburtstags-Grußwort sprach, um Glückwünsche aus dem „Gedächtnis der Stadt“ zu überbringen: „Es ist großartig, dass Ihre Gesellschaft beständig und doch immer wieder neu für das Musikleben in unserer Stadt, aber auch für die musikalische Entwicklung Einzelner leistet“ – nicht nur in der Gestaltung der gegenwärtiger Erlebnisse, sondern auch „in lebendiger Erinnerung“an die beiden Musiker und deren Bedeutung „in und für Frankfurt“.

Auch Mirjam Sprau rief noch einmal die von der Gesellschaft in Kooperation mit dem Stadtgeschichtlichen Institut entstandene und von Ulrike Kienzle kuratierte und vielfältig begleitete Clara-Schumann-Ausstellung in Erinnerung, deren Titel schon eine ganz besondere, damals fast unerhörte Eigenschaft betonte: „Eine moderne Frau im Frankfurt des 19. Jahrhunderts“ – in der Zusammenfassung ihrer Leistung und Bedeutung als „begabte Komponistin, gefeierte Pianistin und begnadete Musikpädagogin“. Auf die mit der erfolgreichen Ausstellung (25.000 Besucher) verbundene „zeitgemäße Erweiterung der Rezeption“, auch dies hob Sprau hervor, habe die Gesellschaft „sensibel und zugleich tatkräftig“ reagiert: mit der auf den damals neuen Vorsitzenden Edgar Wallach zurückgehenden Initiative, die Bedeutung eben des Künstler-Paares durch die erweiternde Benennung zu reagieren.

70 Jahre, so Mirjam Sprau, seien ein „stolzes Alter“. Schon die Gründung der Gesellschaft im Jahr 1956 habe in der Stadt große Aufmerksamkeit erregt, die damaligen Aktivitäten und Berichte zu gegenseitigen Besuchen der deutsch-deutschen Schumann-Freunde in Frankfurt, Zwickau und Dresden seien Teil des Gedächtnisses der Stadt und ihrer Überlieferung. An dieses Kapitel der Geschichte erinnerte auch Ulrike Kienzle, mit historischen Bezügen, die noch heute erstaunen oder auch verwundern können.

Denn sie stellte fest: „Zur Zeit des Eisernen Vorhangs waren die Begegnungen mit Schumann-Freunden in der DDR und die Gegenbesuche aus dem Osten der einzig gangbare Weg, um den Kontakt zwischen den beiden deutschen Staaten intensiv zu pflegen und sich der gemeinsamen Werte vertrauensvoll zu versichern.“ Und dies auf der Grundlage eines universellen Satzes, der auch die Querelen einer rein ideologisch bedingten Abwehr und Quasi-Auflösung der Aktivitäten der ostdeutschen Schumann-Gesellschaft zu überstrahlen vermochte und vermag: „Musik ist immer eine Brücke über politische und ideologische Grenzen hinweg.“

Ein Grundsatz, der aber gleichwohl ohne höchst persönliches Engagement nicht ausgefüllt und gelebt werden kann. In Frankfurt war es Max Flesch-Thebius, aus einer jüdischen Familie stammender Chefarzt eines Privatkrankenhauses in Sachsenhausen (später auch Stadtpolitiker und Mitglied der mit der Villa Bonn eng verbundenen Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft), welcher als „glühender Verehrer“ (so Kienzle) des Schumann-Paares den Grundstein legte für das, was heute   im Namen Schumann die Stadt so bereichert. (All dies lässt sich genauestens in Ulrike Kienzles 2016 erschienenem Buch „Die Robert-Schumann-Gesellschaft Frankfurt am Main 1956-2016“ nachlesen.)

Edgar Wallach dankte Ilse Oppermann für ihre 60-jährige Mitgliedschaft 

Natürlich blieb es am Geburtstagsabend nicht bei den Rück- und Ausblicken, die viel und Wesentliches vom Spirit und der Tradition der Gesellschaft vermittelten. Denn es folgte das, was den Kern deren Arbeit ausmacht: ein großes musikalisches Geschenk, dargeboten von einem Duo, das sich perfekt ergänzte: mit der aus Armenien stammenden Altistin Seda Amir-Karayan und dem Pianisten Götz Payer. Liederabend: Das klingt fast bescheiden. Hier nun entfaltete sich ein Universum, das alle Gefühle, alle Leidenschaften umfasste, von stürmischen Momenten bis zu zartesten Anmutungen, die kaum noch über einen Hauch hinausgingen, getragen von einem Pianissimo im Gesang und im begleitenden Klavierspiel, welches das Publikum in atemloser Stille aufnahm.

Ausdrucksstark in jedem Moment: die Altistin Seda Amir-Karayan

Seda Amir-Karayan modellierte alle Gesangspassagen in äußerster Genauigkeit, verlieh ihnen das, was man als Beseeligung bezeichnen könnte, auch dann, wenn Temperament (allerdings nie aufdringlich) verlangt wurde. Und Götz Payer umspielte dies in ruhiger Konzentration mit derselben punktgenauen Gemütspräzision, so dass sich stets eine gemeinsame Gemütslage erkennen ließ – so, als ob das ideale Paar Schumann anwesend wäre. Nie kam nur der leiseste Zweifel auf, warum die beiden Solisten ein hohes Renommee genießen: Sie trat zuletzt in allen großen Konzerthäusern auf, von der Elbphilharmonie bis zur Philharmonie und dem Konzerthaus in Berlin; er ist – und das mag diese einfühlsame Meisterschaft erklären – Professor für Liedgestaltung an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart.

So erschloss sich in einer ganzen Stunde der musikalische Kosmos ausgewählter Lieder von Clara und Robert Schumann, schon deren Titel eine innige Gefühlswelt erahnen lassen: Ich stand in dunklen Träumen, Liebeszauber, Die stille Lotosblume, Die Stille, Mondnacht, Schöne Fremde – eine umschließende Welt, welche in dieser Dichte und Seligkeit kaum ihresgleichen findet in der Musikgeschichte. Frauenliebe und -leben ist ja tatsächlich ein 1840 entstandener Liederzyklus nach Gedichten von Adelbert von Chamisso, der alles umfasst, von der aufblühenden ersten Liebe bis zum Erlöschen, bis zum Tod.

Ein intensiver Liederabend, der in den Ohren mancher nicht unbedingt eine Geburtstagsstimmung spiegelte. Und doch hätte kein besserer, kein schönerer Zyklus gewählt werden können. Eben, weil sich die Kunst dieses einzigartigen Paares, das der so kulturvollen wie aktiven Frankfurter Gesellschaft den Namen gegeben hat, hier in höchster Vollendung zeigt.

An einer Stelle der Festrede war die rhetorische Frage zu hören: Was will man mehr? Jeder in der historischen Villa Bonn wird innerlich die Antwort gegeben haben: Dieses Mehr verdient keinerlei Fragezeichen.

 

Weitere Infos unter: 

htpps//:rcsg-frankfurt.de

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