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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Die Tochter des Massakers

Verstörend zerrissenes Europa

Krzystof Warlikowski inszeniert Wajdi Mouawads „Europa“ auf der Ruhrtriennale.

Von Simone Hamm

Das Mädchen mit den riesigen Augen ist acht Jahre, als ihr Dorf überfallen wird. Sie verrät den Ort, an dem sich die anderen Kinder versteckt halten. Alle Kinder werden ermordet, von Hunden zerrissen. Sie sagt: „Ich war es nicht, aber es ist meine Schuld.“ Sie trägt an der Schuld, sie gibt diese Gefühle an ihre Kinder weiter. Das Trauma wird vererbt.

Europa, Maja Ostaszewska © Magda Hueckel /Ruhrtriennale

„Europa“ heißt das Theaterstück des libanesisch-kanadischen Autors Wajdi Mouawad. Das Nowy Teatr aus Warschau zeigte es erst bei den Salzburger Festspielen, jetzt auf der Ruhrtriennale. Krzystof Warlikowski inszeniert.

Europa ist die Tochter eines libanesischen Königs, die von Zeus in Gestalt eines Stieres geraubt und nach Kreta gebracht worden. Europa ist aus Gewalt entstanden. Gewalt setzt sich fort.

Mouawad hat „Europa“ wie eine klassische Tragödie geschrieben, allerdings eine, an deren Ende keine Katharsis steht. Das Massaker hat es so nicht gegeben, es lässt an die grausamen Massaker im 20. und 21. Jahrhundert erinnern. Auf die Frage, wer die Täter seien, heißt es einmal ganz lapidar „Nachbarn“.

Im Zentrum stehen Frauen: die kaugummikauende UN-Botschafterin Assia (Magdalena Cielecka) hat die Frau, die als Kind zur Verräterin wurde, eingeladen. Sie soll endlich erzählen. Die kettenrauchende Mutter ist der schwarzverhüllte in einen Pelz gekleidete Andrzej Chyra. Sie bezeichnet sich als Tochter des Massakers. Sie will nur erzählen, wenn ihre drei Töchter auch eingeladen werden.

v.l.n.r. Claude Bardouil, Andrzej Chyra, Foto: Magda Hueckel / Ruhrtriennale

Die Töchter Wediaa (Maja Ostaszewska), Jovette (Magdalene Poplawska) und Megara (Małgorzata Hajewska-Krzysztofik) leben das Trauma der Mutter weiter. Wediaa hat panische Angst vor Hunden, Jovette wünscht sich so sehr Kinder, verliert sie aber immer im 8. Monat, Megara hat einen Sohn (Bartosz Gegner), der zum Mörder geworden ist. Sie reagieren unterschiedlich auf das Geständnis ihrer Mutter. Desinteressiert, schockiert oder ahnungsvoll.

Aber jetzt endlich kennen sie die ganze Geschichte, wissen, woher ihre Ängste kommen.

Die Bühne (Małgorzata Szczęśniak), das ist ein kaltes Klassenzimmer mit roter Backsteinmauer. Auf der Tafel laufen Rückblenden oder Nahaufnahmen von Livevideos. Unter den Bänken kriecht das Mädchen. Die Mutter als sprachloses Kind in den Rückblenden ist Claude Bardouil. Er trägt eine Maske, die Augen sind riesig und starr.

Das Klassenzimmer wird zum Gerichtsraum. Megaras Sohn ist zum Vergewaltiger, Mörder und Kannibalen geworden und soll verurteilt werden. Sie wird ihn immer lieben und genau das empfindet der Sohn als größten Schrecken. Sie aber ist sich sicher, dass sie ihre Schuld an ihn weitergegeben hat. Das ist eine der schrecklichsten und zugleich eine der rührendsten Szenen an diesem Abend.

Mouawads Blick ist schonungslos. Europa ist gefangen in dem ewigen Kreislauf von Gewalt und Schuld, Massakern und Rache für diese Massaker. Die furchtbaren Gräueltaten sind nicht zu sehen, sie werden ausführlich geschildert. Doch sie bedrücken und verstören, gerade weil Mouawads Sprache klar und scharf ist. Niemals sentimental.

Vieles bleibt statisch.

Doch kein Zuschauer geht, keiner schaut weg. Das liegt an dem großartigen Ensemble. Die Schauspieler arbeiten teilweise schon seit zwanzig Jahren mit Warlikowski zusammen. Sie spielen zurückhaltend, in sich gekehrt, fast emotionslos. Sie überlassen die Bühne Mouawads Sprache und deren Wirkung.

 

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