Stiftung Buchkunst – Jubiläumsausstellung im Museum Angewandte Kunst
6 Jahrzehnte schönste Bücher – Ein vielstimmiges Panorama der Buchgestaltung aus unterschiedlichen Perspektiven
Subjektive Impressionen von Petra Kammann
Die Stiftung Buchkunst, gegründet 1966 als Stiftung des bürgerlichen Rechts mit Sitz in Frankfurt am Main und Leipzig, begleitet die deutsche Buchproduktion, um den Wert der technischen und gestalterischen Qualität des Buchs zu fördern und zu steigern. Anhand einer Auswahl preisgekrönter Bücher der letzten 60 Jahre ist für Besucher:innen aller Altersgruppen in der Ausstellung die ästhetische und technische Bedeutung des Buchs anschaulich greifbar. Daneben ploppt beim Blick in die Bücher der jeweilige Zeitgeist verschiedener Nachkriegsepochen auf…

„Zeit, Raum, Körper, Handlungen“ – Themen, die den Aktionskünstler Klaus Rinke in den 1970er Jahren beschäftigten, Katalog Dumont
Durch den kleinen Raum mäandernd macht man eine echte Zeitreise durch mehr als ein halbes Jahrhundert. Köstlich, wie der quietschgrüne Umschlag aus dem schwarzen Kasten, aus dem das jeweils ausgestellte preisgekrönte Buch hervorlugt, heraussticht. Und schon hat man das frühe Werk des kürzlich verstorbenen Aktionskünstlers und Bildhauers Klaus Rinke (1939 – 2026) in der Hand (Anfassen ausdrücklich erlaubt!) und vor Augen. Schon auf dem Cover schaut der Künstler mit seiner geradezu ikonischen Haarpracht, die in den 1960er und 70er sein Markenzeichen wurde, uns eindringlich an.
Im Innern des Katalogs kann man dann Rinkes konzeptionelle Körperarbeit, festgehalten auch in seriellen Fotografien und in typographischen Treppenabstufungen gesetzte markige Sätze verfolgen. Der renommierte Kunstkritiker Götz Adriani hat bereits 1972 zur Tübinger Ausstellung dessen Arbeit gleich zweisprachig parallel in Deutsch und Englisch unter die Themenblöcke „Zeit/time, Raum/space, Körper/body, Handlungen/transformations“ in Szene gesetzt in einer Zeit, in der sich die internationale Strahlkraft von deutschen Künstlern der Nachkriegszeit im Westen wieder entwickelte.
Rinkes eigenes künstlerisches Erweckungserlebnis war seinerzeit durch die Begegnung mit dem minimalistischen Werk von Yves Klein in der klitzekleinen einflussreichen Düsseldorfer Galerie von Alfred Schmela ausgelöst worden. Nicht von ungefähr verstand sich der durch die documenta 5 und durch Harald Szeemann geadelte unkonventionelle Künstler Rinke auch bestens mit dem anderen provokanten Aktionskünstler der Düsseldorfer Kunstakademie Joseph Beuys …

Von Karren, Kutschen und schnellen Kisten und der Erfindung des Rades erzählt Alt Mitgutsch, Ravensburger
Ganz anderer Natur ist der detailreiche veritable Sachbilderbuchklassiker über eine der wichtigsten Erfindungen der Menschheit, der Geschichte: „Rund ums Rad“. Ali Mitgutsch, sein Schöpfer, bekannt für seine Wimmelbilderbücher, hat sie 1977 in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Museum München für die kleinen Technikfans und -forscher aus scheinbar simplen Alltagsgeschichten mit viel Phantasie und mittels seiner beschwingenden Illustrationen entwickelt. Völlig mühelos – so scheint’s – vermittelt er hier eine durchaus komplexe Geschichte der Technik. Rollschuhe, Traktoren, Seifenkistenautos, Dreiräder, Riesenräder, Fahrräder, Flugmaschinen, Züge, Autos. All diese mobilen Fahr- und Fuhrwerke waren bereits vor gut 5000 Jahren ins Rollen gekommen, als sich zum ersten Mal die Menschen rollende Baumstämme zunutze machten, um etwa schwere Steine zu transportieren..
In einem Band vereint – alle berühmten Panama-Geschichten beim Kinderbuchverlag Beltz und Gelberg
„Oh, wie schön ist Panama!“ Wie viele Kinder haben das liebevoll illustrierte Buch vom kleinen Bären und seinem Freund, dem kleinen Tiger, verschlungen. Voller Spannung sind sie den beiden Freunden auf ihrer Abenteuerreise gefolgt, um ans Ziel ihrer Sehnsüchte, nach Panama, zu gelangen. Und dann, am Ende festzustellen, dass es zuhause am schönsten ist… Das prämierte Familienalbum hat 1986 alle berühmten Panama-Geschichten in einem Band versammelt. Zu vergnüglich und schön, um wahr zu sein!

Die prämierten Bücher sind aus den schwarzen kubischen Kisten herausnehmbar, Foto: Petra Kammann
Wie auch immer, die ausgezeichneten schönsten Bücher können sich auf ganz unterschiedliche Genres beziehen. Birte Kreft, Geschäftsführerin der Stiftung Buchkunst, wirft einen Blick auf die Geschichte: „Seit 60 Jahren zeichnet die Stiftung Buchkunst Bücher aus, die in Gestalt, Konzeption und Verarbeitung Maßstäbe setzen. Unsere Jubiläumsausstellung versammelt herausragende Beispiele aus sechs Jahrzehnten und macht sichtbar, wie eng Buchgestaltung mit gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen verbunden ist. Sie zeigt zugleich, dass gute Gestaltung zeitlos ist– und bis heute die Qualität und Wirkung eines Buches entscheidend prägt.“

↑↓ Birte Kreft, die neue Geschäftsführerin der Stiftung Buchkunst, erläutert das Procedere und die verschiedenen Genres, unten der Handke-Band, Fotos: Petra Kammann

Etliche der ausgestellten prämierten Bücher haben ihrerseits Geschichte geschrieben wie seinerzeit „Der kurze Brief zum langen Abschied“ von Nobelpreisträger Peter Handke, der als junger Autor auch Teil der vielbeschworenen „Suhrkamp-Kultur“ war. Sein damaliger moderner Entwicklungsroman eines jungen österreichischen Autors lebt von der Erfahrung der Weite Amerikas als Kulisse – der angefangen von der Ostküste der USA das Land bis hin an die Pazifikküste durchquert. Eine Art inneres road movie, das ihm zur Überwindung emotionaler Entfremdung und Melancholie verhilft.
Als Gestalter, der dem Suhrkamp Verlag aber vor allem das einprägsame Gesicht gab, bleibt natürlich bis heute Willy Fleckhaus in Erinnerung mit seiner klaren Typographie und Farbvorstellung – wie zum Beispiel der Regenbogenreihe oder der edition suhrkamp. Ebenso herausragend war zweifellos auch der Hersteller Klaus Detjen, der jedoch später zum Steidl Verlag abwanderte und sich selbständig machte.

Die optische Aufmachung des Buchs macht die gedanklichen Sprünge des Autors sichtbar (Rowohlt), Foto: Petra Kammann
Ganz anders der wilde rebellische Dichter Rolf Dieter Brinkmann, der in den 60er Jahren die amerikanische Pop-Lyrik in Deutschland bekannt gemacht hat und selbst als einer der führenden Pop- und Underground-Lyriker Deutschlands galt. Sein Kultbuch „Rom, Blicke“, die literarische Ausbeute seines Rom-Aufenthaltes in der Villa Massimo, war ein Konvolut aus Briefen, Notizen, Zeitungsausschnitten, das zwischen dem 14. Oktober 1972 und dem 9. Januar 1973 entstand. Die beiden ersten beiden Hefte waren von Brinkmann selbst collagiert worden. In Satz und Layout wurde sein Arbeitsbuch, das künftigen Projekten dienen sollte, an den Charakter des Originaltyposkripts angelehnt, es bezieht so die Leser in das Prozesshafte von Brinkmanns Denken und Erleben ein.

Die Kultausgabe des Ulysses erschien 2007 zum 125. Geburtstag von James Joyce in der Übersetzung von Hans Wollschläger, Foto: Petra Kammann
Der vielschichtige Jahrhundertroman von James Joyce, dem irischen Autor der Moderne schlechthin, wurde in Halbleinen gebunden, markant mit einem passenden Vorsatzpapier, rotem Ringsumfarbschnitt und Schriftprägung versehen und somit – auch sogar im neuen Jahrtausend ,als schönstes Buch“ ausgezeichnet.

Dem Schreckensjahr 1793 nach der französischen Revolution widmete Victor Hugo einen Roman, Büchner Verlag, das Bleu- blanc-rouge einmal anders
Neben den Kinder- und Jugendbüchern wurden nicht nur die Gestaltung herausragender Kunstbücher und literarischer Werke ausgezeichnet, sondern auch Fachbücher oder schlichte Schulbücher wie der „Diercke Weltatlas“, mit dem etliche Schüler mit dem Finger auf der Landkarte wohl ihre erste Weltreise machten. Natürlich fehlt auch nicht das für unseren Kulturkreis so berühmte „Buch der Bücher, die „Bibel“, übrigens noch immer ein heimlicher Bestseller, einmal als ein kleines, in schwarzes Leinen gebundenes Büchlein mit Prägedruck und einmal als Prachtausgabe mit antiken Lettern von der Büchergilde Gutenberg herausgegeben.
Voraussetzung für die Ausszeichnung der Gestaltung eines Buches ist jeweils eine Mindestauflage von 500 Exemplaren und die Kennzeichnung durch eine ISBN-Nummer. Reine Künstler-Bücher sind somit ausgeschlossen. Schließlich sollen Bücher auch in den Buchhandlungen erhältlich sein.

Gewinnerbuch mit Zeichnungen aus den Skizzenbüchern des Künstlers A.R. Penck, Foto: Petra Kammann
Für preiswürdig wurde 2017 der von der von Fondation Maeght herausgegebene opulente Bildband „Rites de passages“ vom Vater der „Neuen Wilden“, A.R.Penck, erachtet. Das von dem Pariser Grafikdesigner SpMillot gestaltete Opus Mangnum mit zahlreichen Reproduktionen der Zeichnungen aus den Skizzenbücher des Malers, Grafikers, Bildhauers und Jazzmusikers, mit den Skulpturen-Photographien von Andrea Stappert und den Texten von Danièle Cohn, Ulf Jensen und Olivier Kaeppelin erschien im kunstaffinen Kölner Verlag der Buchhandlung Walther König.
Zunehmend sind in Frankfurt auch die ostdeutschen Verlage präsenter – war doch die Buchpartnerstadt Leipzig immer schon ein Zentrum der Buchkunst. Heute, und das betrifft Ost und West gleichermaßen, sind etliche Druckereien wegen der höheren Preise und gestiegenen Papierkosten unter Druck geraten und verschwunden. Manche regt das zur Kreativität an wie den Leipziger Verlag Spector Books Verlagsgesellschaft mbH, der aus der Not des Papiermangels eine Tugend gemacht hat.
Dort erschien das vielfarbig broschierte Buch „Demonstrationsräume. Künstlerische Auseinandersetzung mit Raum und Display im Albertinum“, es wurde mit farbigen, selten im Verlag genutzten Papieren konzipiert und angelegt. Die Broschur war außerdem im Rahmen der Präsentation neuer künstlerischer Arbeiten von Céline Condorelli, Kapwani Kiwanga, Judy Radul und Heimo Zobernig im Dresdner Albertinum entstanden. Die Publikation selbst nimmt Bezug auf einen von El Lissitzky für seine Raumgestaltungen verwendeten Begriff sowie auf einen Raumentwurf von Piet Mondrian aus dem Jahre 1926 für das Dresdner Wohnhaus der Kunstsammlerin Ida Bienert. Ein pfiffiges kleines Gesamtkunstwerk.

„Demonstrationsräume. Künstlerische Auseinandersetzung mit Raum und Display im Albertinum“ und „Babyn Yar: Past, Present, Future“, Leipziger Verlag Spector Books Verlagsgesellschaft mbH, Foto: Petra Kammann
Was die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bringen mag, zeigt uns das danebenliegende, von Nick Axel und Nicholas Korody herausgegebene Buch mit dem Titel „Babyn Yar: Past, Present, Future“, das sich der Erfassung, Erforschung, Verbreitung und Bewahrung der Geschichte von Babyn Yar, einer Schlucht in Kiew widmet, in der in den letzten Septembertagen des Jahres 1941 die nationalsozialistischen Besatzungstruppen 33.771 Juden erschossen und in den folgenden zwei Jahren fast 70.000 weitere Menschen getötet wurden. Das Buch enthält einen historischen Überblick über diese Ereignisse sowie Archivbilder, die vom Babyn Yar Holocaust Memorial Center und anderen Organisationen in der Ukraine und darüber hinaus gesammelt wurden.
Und was brachte das Jahr 2026? Am Eröffnungsabend der Ausstellung im Museum Angewandte Kunst verlieh die Stiftung den „Preis für das schönste Buch 2026“. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis der Stiftung Buchkunst ging in diesem Jahr an das Duo Laura Momo Aufderhaar und Verena Hochleitner für das mit leuchtenden Neonfarben und in verschiedenen Illustrationstechniken gestaltete Buch „Was tun, wenn… – Kleine Hilfe bei großen Katastrophen“ (kunstanstifter verlag, Mannheim /S.Fischer). Da wirken die drohende Katastrophen wie Gewitter, Erdbeben, Orkan, Feuer, Hochwasser schon weniger bedrohlich.

2026 wurde „Was tun, wenn…“ von der Stiftung Buchkunst prämiert, Fotos: Hanna Vortmüller
In seiner Begrüßungsansprache anlässlich des Stiftungs-Jubiläums zog der Frankfurter Verleger und Vorstandsvorsitzende der Stiftung Buchkunst Joachim Unseld noch mal ein Resümee: „Sechzig Jahre nach ihrer Gründung steht die Stiftung Buchkunst unverändert für die Überzeugung, dass das gedruckte Buch weit mehr ist als Informationsträger, sondern gestaltetes Kulturgut. Sie hebt in Zeiten beschleunigter Mediennutzung das besondere Engagement für die gelungene Gestaltung des Buches hervor, für herstellerische Möglichkeiten, für Bewahrtes und Zeitgemäßes, für jene ausdruckstarke Kreativität, die das gedruckte Buch zu etwas ganz Besonderem machen: zu einem Gegenstand, den Leserinnen und Leser in die Hand nehmen möchten, zu einem Buch, das man neugierig aufschlagen und in dem man sich ganz auf den Text und Inhalt einzulassen möchte.“
Wessen Neugier für die Qualität von Gestaltung geweckt ist, der nehme sich ein bisschen Zeit mit und schaue sich die kleine feine Ausstellung im ersten Stock des Museums Angewandte Kunst unbedingt an.
Stiftung Buchkunst: 60 Jahre Schöne Bücher im Museum Angewandte Kunst
Jubiläumsausstellung der Stiftung Buchkunst
05. September – 01. November 2026
Schaumainkai 17, 60594 Frankfurt am Main
Kuratoriumsmitglieder
Jonas Deuter Kurator Museum Angewandte Kunst, Frankfurt
Oliver Elser Kurator Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt
Benno Hennig von Lange Junges Literaturhaus, Literaturhaus Frankfurt
Ralf de Jong Professor für Typografie, Folkwang Universität, Essen
Anne Sauer Autorin / @fuxbooks, Hamburg
Stefanie Schelleis Herstellungsleiterin, Carl Hanser Verlag, München
Nora Schröder Lektorin / Herstellerin, E. A. Seemann Verlag, Leipzig
Wanda Spangenberg Geschäftsführerin, Bücherbogen am Savignyplatz, Berlin
Joachim Unseld Verleger Frankfurter Verlagsanstalt, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Buchkunst
Begleitveranstaltungen im Museum Angewandte Kunst
Austausch und Kreativität soll zwischen Fachpublikum und Öffentlichkeit durch Talks und Workshops neue Impulse für die künftige Gestaltung setzen und die Region Frankfurt Rhein-Main als Zentrum der Buchkunst stärken.
30.09.2026, 18 Uhr
60 Jahre Stiftung Buchkunst – ein Rückblick
Wie hat sich die Stiftung Buchkunst seit ihrer Gründung 1966 entwickelt, und wie hat sich im Laufe der Jahrzehnte die Buchgestaltung verändert? Ausgehend von Exponaten der Ausstellung sprechen Uta Schneider (Geschäftsführerin der Stiftung Buchkunst 2000–2012) und Ralf de Jong (Typografie-Professor an der Folkwang Universität der Künste, Essen) mit Birte Kreft (Geschäftsführerin der Stiftung Buchkunst) über die Geschichte der Stiftung, ihre Weiterentwicklung und die Bücher, die diesen Prozess geprägt haben. Ein offenes Gespräch über Gestaltung, Institutionen und die Geschichten, die Bücher erzählen.
21.10.2026, 18 Uhr
60 Jahre Stiftung Buchkunst – ein Ausblick
Welche Bedeutung hat Buchgestaltung heute – und welche Rolle wird sie in Zukunft spielen? Gemeinsam mit Florian Lamm (Lamm & Kirch, Leipzig) und Helene Hohmann (Absolventin der HfG Offenbach) sprechen Birte Kreft (Geschäftsführerin der Stiftung Buchkunst) und Jonas Deuter (Kurator der Ausstellung On Display, Museum Angewandte Kunst) über aktuelle Entwicklungen, neue Herausforderungen und die Zukunft der Buchkultur im digitalen Zeitalter. Im Mittelpunkt stehen unterschiedliche Perspektiven aus Gestaltung, Ausbildung und Institution – und die Frage, wie sich Qualität und Buchgestaltung weiterdenken lassen.
Der Katalog
Zudem wurde der jährlich erscheinende Katalog der »Schönsten Deutschen Bücher 2026« erstmalig präsentiert.
Gestaltet wurde dieser von Studio Pandan aus Berlin. Bestellbar via ISBN 978-3-9822108-5-8
