Die dritte Säule – Ein dauerhaftes Netz für die Freie Szene
Kultur für Alle heute und langlebige Netze für die Zukunft
Ein Plädoyer von Vládmir Combre de Sena

← Vládmir Combre de Sena, interdisziplinärer Künstler, Kurator und Kulturmanager, Foto: Andrea Aktemueller
Frankfurt hat eine starke kulturelle Landschaft. Vieles davon hat mit Hilmar Hoffmann und seiner Kulturpolitik zu tun. In seiner Zeit als Kulturdezernent wurde eine Struktur geschaffen, von der die Stadt bis heute profitiert. Museen wurden gegründet oder ausgebaut, Institutionen gestärkt, Kultur bekam einen wichtigen Platz im Selbstverständnis der Stadt. Sein Begriff »Kultur für alle« hat Frankfurt geprägt. Das war wichtig und es war erfolgreich.
Aber diese Kulturpolitik hatte auch eine Lücke. Die Freie Szene, die freien Initiativen, die selbstorganisierten Orte und Künstler*innen kamen in dieser Struktur kaum vor. Im Mittelpunkt standen die großen Häuser und die sogenannte Hochkultur.
Gleichzeitig gab und gibt es in Frankfurt eine ganz andere kulturelle Tradition. Menschen schließen sich zusammen, gründen einen Raum, organisieren Ausstellungen, Theater, Musik, Performances, Festivals. Sie schaffen internationale Kontakte, laden Künstler*innen ein, entwickeln Projekte und bringen Menschen zusammen. Oft beginnt alles mit einer Idee und sehr viel persönlichem Engagement.
Diese Szene existiert seit Jahrzehnten. Aber ihre Existenz ist bis heute erstaunlich unsicher.
Viele Initiativen leben von Projekt zu Projekt. Sie stellen Anträge, warten auf Entscheidungen, organisieren Räume, machen Öffentlichkeitsarbeit, schreiben Abrechnungen und beginnen danach wieder von vorne. Ein großer Teil dieser Arbeit wird ehrenamtlich oder schlecht bezahlt gemacht. Was nach außen lebendig und selbstverständlich aussieht, wird im Hintergrund oft durch Enthusiasmus und persönliche Selbstausbeutung zusammengehalten.
Das kann auf Dauer keine Kulturpolitik sein.
Für mich besteht die Kulturlandschaft einer Stadt heute aus drei Säulen: den öffentlichen Kulturinstitutionen, der Freien Szene und der Kultur- und Kreativwirtschaft.
Diese drei Bereiche funktionieren unterschiedlich. Ein Museum, ein freier Kunstraum und eine kommerzielle Galerie produzieren Kultur unter völlig verschiedenen Bedingungen. Deshalb brauchen sie auch unterschiedliche Strukturen.
Die Freie Szene darf dabei nicht als kleine Schwester der Hochkultur behandelt werden. Sie braucht auch keine kleinere Version eines Museums. Gerade ihre Beweglichkeit, ihre Unabhängigkeit und ihre Fähigkeit, schnell auf gesellschaftliche Veränderungen zu reagieren, machen ihre Qualität aus.
Aber Unabhängigkeit bedeutet nicht, dass man ohne Geld, Räume und bezahlte Arbeit auskommen kann.
Ich glaube deshalb, dass Frankfurt nicht einfach noch ein weiteres Förderprogramm braucht. Wir brauchen einen anderen Blick auf die Freie Szene.
Ein freier Kulturort, der seit zehn oder zwanzig Jahren arbeitet, sollte nicht jedes Jahr wieder beweisen müssen, warum seine Existenz für die Stadt wichtig ist. Natürlich müssen öffentliche Gelder kontrolliert und ihre Verwendung transparent sein. Aber zwischen Kontrolle und permanenter Existenzangst liegt ein großer Unterschied.
Ich könnte mir deshalb eine mehrjährige Strukturförderung vorstellen, zum Beispiel für vier Jahre. Dabei würde nicht nur eine Ausstellung, eine Performance oder ein Festival finanziert, sondern die Arbeit einer Initiative selbst: Räume, Organisation, Personal, Kommunikation, Technik, Honorare, internationale Zusammenarbeit und natürlich auch das Programm.
Nach vier Jahren kann man schauen, was entstanden ist und ob die Förderung weitergeführt wird.
Daneben muss es weiterhin eine offene Projektförderung geben. Denn eine Freie Szene lebt davon, dass immer wieder etwas Neues entstehen kann. Junge Künstler*innen und neue Initiativen dürfen nicht vor einer geschlossenen Tür stehen, nur weil andere schon seit zwanzig Jahren dabei sind.
Ich stelle mir deshalb keine neue Gruppe von kleinen Kulturinstitutionen vor, die irgendwann genauso unbeweglich wird wie manche großen Häuser. Es müsste verschiedene Möglichkeiten geben: von einer ersten Projektförderung über mehrjährige Förderung bis zu einer langfristigen Strukturförderung. Und es müsste auch möglich sein, sich zwischen diesen Formen zu bewegen.
Ein weiterer Punkt sind die Räume.
Wir sprechen erstaunlich wenig darüber, dass die großen Kulturinstitutionen nicht nur Geld bekommen. Sie haben Gebäude. Das ist ein enormer Teil ihrer öffentlichen Finanzierung.
Bei freien Initiativen wird die Miete dagegen häufig behandelt, als wäre sie ein privates Problem.

Vládmir Combre de Senas Komposition, – ein Spiel von Licht und Schatten mit im Raum agierenden Menschen
Gerade in Frankfurt ist das absurd. Räume werden immer teurer, Ateliers verschwinden und viele kulturelle Initiativen können mit dem Immobilienmarkt nicht konkurrieren. Wenn die Stadt eine Freie Szene haben will, muss sie deshalb dafür auch Räume sichern. Kommunale Immobilien könnten langfristig für kulturelle Nutzung vergeben werden. Nicht für zwei Jahre, sondern mit einer Perspektive, die Planung überhaupt möglich macht.
Und wir müssen endlich darüber sprechen, was eigentlich Arbeit ausmacht.
Nicht nur eine Ausstellung ist Arbeit. Nicht nur der Abend einer Performance oder eines Konzertes ist Arbeit.
Die Gespräche davor sind Arbeit. Die Organisation ist Arbeit. Das Schreiben von Texten und Anträgen ist Arbeit. Künstlerinnen einzuladen ist Arbeit. Internationale Kontakte aufzubauen ist Arbeit. Eine Webseite zu pflegen ist Arbeit. Ein Raum muss geöffnet, gereinigt und organisiert werden. Jemand beantwortet E-Mails, spricht mit Künstlerinnen, kümmert sich um Technik, macht Pressearbeit und sitzt am Ende noch an der Abrechnung.
Diese unsichtbare Arbeit hält einen großen Teil der Freien Szene am Leben.
Wenn wir von fairen Honoraren sprechen, müssen wir deshalb auch bereit sein, diese Arbeit zu finanzieren. Man kann nicht auf der einen Seite »Fair Pay« verlangen und auf der anderen Seite Förderungen vergeben, die kaum die Produktionskosten decken.
Interessant ist, dass andere europäische Städte bereits mit solchen Modellen arbeiten. Berlin kennt mehrjährige Basis-, Spielstätten- und Konzeptförderungen. Wien arbeitet unter anderem mit vierjährigen Konzeptförderungen und eigenen Förderungen für Kulturinitiativen. Zürich verbindet Kulturförderung stärker mit Arbeitsbedingungen und der Sicherung von kulturellen Räumen. Amsterdam plant Kulturförderung über mehrjährige Kulturperioden.
Frankfurt muss diese Modelle nicht kopieren. Frankfurt muss sein eigenes Modell entwickeln.
Dazu gehört für mich auch eine stärkere Mitsprache der Freien Szene. Nicht erst dann, wenn ein fertiges Konzept vorgestellt wird und alle noch ihre Meinung dazu sagen dürfen. Die Freie Szene muss an der Entwicklung der Kulturpolitik beteiligt sein.
Ich könnte mir einen Rat der Freien Szene vorstellen, der von der Szene selbst gewählt wird und unterschiedliche Sparten und Arbeitsformen vertritt. Nicht als Jury, die entscheidet, welche Kolleg*innen Geld bekommen. Das halte ich für problematisch. Sondern als politische Interessenvertretung und als unmittelbare Gesprächspartner für Kulturdezernat, Verwaltung und Politik.
Und schließlich braucht es Transparenz.
Wenn wir von drei Säulen sprechen, sollte man im Kulturhaushalt auch sehen können, wie diese drei Säulen ausgestattet sind. Was fließt in die institutionelle Kultur? Was in die Freie Szene? Wie viel davon geht in Projekte, wie viel in Strukturen, Räume und künstlerische Arbeit?
Erst wenn diese Zahlen sichtbar sind, können wir ernsthaft darüber sprechen, welche Kulturlandschaft Frankfurt haben möchte.
Dabei geht es mir ausdrücklich nicht darum, die Freie Szene gegen Oper, Schauspiel oder Museen auszuspielen.
Im Gegenteil.
Frankfurt kann stolz auf die kulturelle Infrastruktur sein, die in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut wurde. Hilmar Hoffmann hat dafür eine Grundlage geschaffen, die bis heute wirkt. Aber die Stadt hat sich verändert. Die Kunst hat sich verändert. Die Art, wie Künstler*innen arbeiten und wie Kultur entsteht, hat sich ebenfalls verändert.
Vielleicht ist es deshalb Zeit für einen zweiten großen Schritt.
Was Frankfurt damals für die institutionelle Kultur aufgebaut hat, müsste die Stadt heute für die Freie Szene entwickeln. Nicht mit denselben Häusern und denselben Strukturen, sondern entsprechend ihrer eigenen Arbeitsweise.
Denn die Freie Szene ist keine Ergänzung für die Momente, in denen noch etwas Geld übrig ist. Sie ist auch kein Experimentierfeld, aus dem sich die großen Institutionen gelegentlich bedienen können.
Sie ist ein eigener Teil der kulturellen Landschaft.
Die dritte Säule.
Und wenn Frankfurt diese Säule wirklich haben will, reicht Anerkennung in Sonntagsreden nicht. Anerkennung zeigt sich in Strukturen, in Räumen, in Zeit, in fair bezahlter Arbeit und vor allem in einer Perspektive, die länger dauert als bis zum nächsten Förderantrag.

Vládmir Combre de Sena (re), hier mit Harald Etzemüller, Kunstverein EULENGASSE e.V. , Foto: Andrea Aktemueller
Die EULENGASSE ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung zeitgenössischer Kunst und Kultur e.V.. Deren Ausstellungsraum und atelierhaus EULENGASSE befindet sich in der Seckbacher Landstraße 16 · 60389 Frankfurt-Bornheim
