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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Anne Theresa de Keersmakers und Solal Mariottes phänomenale Hommage an Jaques Brel

Minimalismus und breakdance. Vom alt und jung sein

Von Simone Hamm

Zwischen alten Hochöfen, Förderanlagen und dicken Rohren liegt die Gießhalle im Duisburger Landschaftspark.  Die Gießhalle, da, wo früher mit flüssigem Eisen gearbeitet wurde, ist heute eines der beeindruckendsten Industriegebäude, in denen die Aufführungen der Ruhrtriennale stattfinden. Sehr groß, weitläufig, halboffen, so dass das Licht der Industrieanlagen sich mit dem Bühnenlicht mischt.

Solal Mariotte, Anne Teresa De Keersmaeker © Anne Van Aerschot / Ruhrtriennale

Ein Chanson von Jaques Brel erklingt. Es bleibt dunkel. Erst beim zweiten Lied tritt Anne Theresa de Keersmaker in einen Lichtkegel. Sie ist 67 Jahre alt, ihre weißen Haare sind zusammen gebunden. Sie beginnt zu tanzen, wippt mit dem Arm, zuckt mit der Schulter: minimale Bewegungen, für die sie und ihre Tanzgruppe Rosas so berühmt sind.

Dann und wann huscht ein Tänzer über die Bühne, Solal Mariotte, 25 Jahre alt und Breakdancer. Gemeinsam haben sie Konzept, Choreografie und Performance erarbeitet.

Mariotte führt breakdance vor, wie ich es noch nie gesehen habe. Weich, fließend, bisweilen langsam, elegant. Er passt sich de Keersmakers charakteristischen  Gesten an, den ausgestreckten Armen, den reduzierten Drehungen. Erst bei Brels Chanson „Mathilde“ wird er leidenschaftlich und wirbelt schnell am Boden herum.

BREL, Rosas, Solal Mariotte © Anne Van Aerschot /Ruhrtriennale

Wenn „Amsterdam“ ertönt,  fällt sie hingegen zu ihm auf den Boden. Und ausgerechnet bei „la chanson des vireux amants“, dem Lied der alten Liebenden, tritt sie ganz zurück und lässt ihn um sich selbst rotieren. Weit entfernt von ihm schlingt sie die Arme um sich. Erinnerung an die Zeit, als sie noch jung war? Langsam bewegen sich die beiden.

Und immer ist noch ein dritter auf der Bühne: Jaques Brel.

Als er „Ne me quitte pas – verlass mich nicht“ singt, steht Anne Theresa de Keersmaker allein auf der dunklen Bühne. Nackt. Schutzlos. Zerbrechlich. Auf ihren Rücken wird das Gesicht von Jaques Brel projiziert. Augen voller Traurigkeit, ein singender Mund, große Lippen, große Zähne. Die Tänzerin widersteht der dringlichen Bitte. Sie bleibt einfach stehen. Diese Liebe hat keine Zukunft.

De Keersmaker und Mariotte interpretieren die Brel-Lieder und sie konterkarieren sie.

Langsam bewegen sich die beiden zum immer beschwörender werdenden Gesang bei „Le plat pays“,  dem  platten Land, wird Brels  Hymne an die Heimat Flandern „mijn vlakke land- das flache Land“  zur Tragödie. Videoaufnahmen der historischen Sturmflut an der Nordsee 1953 werden gezeigt, brechende Dämmen, tote, angeschwemmte Kühe, Häuser im Schlamm. Vieh.

An diesem Abend geht es viel um Vergehen, Altern, Tod. Und dann ist da die strahlende Jugend. Anne Theresa de Keersmaker und Solal Mariotte.

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